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Psychologen erklären das Hamstern: Warum Klopapier?

stern-Logo stern 21.03.2020 Katharina Grimm
Klopapier gehört zu den nachgefragtesten Produkten in der Coronakrise. Aber warum bloß? © Getty Images/ springtime78 Klopapier gehört zu den nachgefragtesten Produkten in der Coronakrise. Aber warum bloß?

In der Coronakrise ist Klopapier ein rares Gut: In vielen Supermärkten und Drogerien räumen Hamsterkäufer die Regale leer. Aber warum Toilettenpapier? Wann wurden die Rollen zum weißen Gold? Psychologen kennen das Phänomen.

Na, auch wieder kein Klopapier bekommen? Dann geht es Ihnen wie zig anderen Verbrauchern, die ratlos vor den leeren Regalen, inzwischen auch schon vor leeren Euro-Paletten stehen, weil sich das Einräumen eh nicht mehr lohnt. Kaum schieben Verkäufer eine neue Ladung Klopapier in den Verkaufsraum, ist es auch schon wieder ausverkauft. Einzelne Händler rationieren die Rollen inzwischen. Und ein Rewe-Markt im rheinland-pfälzischen Rengsdorf geht sogar so weit, dass jeder, der mehr als eine Packung kaufen will, saftigen Aufschlag zahlt: Plus fünf Euro für die zweite Packung, ab der dritten sogar zehn Euro. Die Mehreinnahmen werden gespendet.

Das ist doch krank: Klopapier ist wohl das notwendigste Gut überhaupt. Ohne wird's eklig. Und hier liegt wohl schon der erste Teil der Erklärung, warum sich Menschen in einer nicht abschätzbaren Krisensituation zu Hamstern entwickeln. "Oft fällt uns gerade in einer Krise auf, dass etwas so Profanes wie Toilettenpapier im Alltag unerhört wichtig und zugleich unterschätzt ist", sagt Wirtschaftspsychologin Anja Achtziger von der Zeppelin Universität in Friedrichshafen am Bodensee zur "Süddeutschen Zeitung". Ausgerechnet in einer eh unsicheren Zeit auch noch auf den kleinsten, gemeinsamen Hygiene-Nenner verzichten zu müssen, versetzt offenbar in Panik. 

Hamstern ist Herdentrieb

Wenig hilfreich sind dazu die Gespräche - und auch die Bilder im Netz - darüber. Ein Beispiel gefällig? Vor über drei (!) Wochen, da war die Coronakrise noch in China und weit entfernt von Europa, unterhielt ich mich mit zwei Kolleginnen über Vorräte. Ganz allgemein. Ich selbst habe kaum den Platz, Lebensmittel oder Hygieneartikel in riesigen Mengen zu parken. Doch die beiden berichteten stolz, dass sie Nudeln eingekauft hätten. Und Seife. Und Dosentomaten. Ich hielt sie für irre. Und hysterisch. Und doch blieb das Gespräch im Kopf hängen: Was ist, wenn ich der Idiot bin? Und die beiden recht haben? Was ist, wenn sie wochenlang Nudeln mit Soße essen können und ich hungern müsste? Drei Tage später kaufte ich zwei (!) Packungen Spaghetti und hatte das Gefühl, etwas Richtiges getan zu haben. 

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Und das lässt sich wunderbar auf Klopapier übertragen. "Die Leute hören in den Medien, dass andere viel Toilettenpapier kaufen. Im Job, in der Familie, unter Freunden wird ständig darüber geredet, ob und wie viel man bereits gehortet hat. Wer bis dahin keine Vorräte angelegt hat, wird nervös - und macht es dann schlichtweg nach", sagt Achtziger zur Zeitung. Das Schöne am Klopapier ist, im Vergleich zu Dosenravioli oder den Nudeln: Weg kommt es auf jeden Fall. Und zwar stetig. Nudeln muss man essen wollen und dann kochen. Klopapier geht immer - ganz im Gegensatz zu Dosenravioli. Die gehen höchstens im Campingurlaub. "Toilettenpapier ist das ideale Produkt zum Hamstern, denn es ist billig, es hält unendlich lang und es lässt sich peu à peu verbrauchen", so Psychologe Dirk Baumeier zu "ntv".

Und ausgerechnet die Lieferketten des Handels haben die innere Panik bei den Kunden noch verstärkt. Denn bislang konnten Supermärkte recht genau den Bedarf an Toilettenpapier abschätzen und dann nachordern, wenn es im Lager knapp wurde. Nicht mal eine grassierende Magen-Darm-Geschichte in einem Wohnviertel konnte das ändern. Nun aber räumen Kunden alles ab, was sie in die Finger bekommen - und der Handel muss seine Lieferketten anpassen. Das ist kein Problem, nur eine große Überraschung. Denn die Lebensmittelhändler und Drogerien haben weiterhin geöffnet, die Regale sind voll (abseits von Nudeln, Reis und - klar - Klopapier).

Inzwischen hat sich die Situation verselbstständigt. Menschen, die gar nicht hamstern wollen, beginnen damit und Hamster-Käufer, die auf einem Klopapiervorrat bis ins Jahr 2028 sitzen, kaufen lieber noch mal ein Paket nach. Sicher ist sicher. Und plötzlich geht es gar nicht mehr um einen realen Mangel, sondern um die Angst davor. Absichern und die Situation kontrollieren - das verschafft Sicherheit. Während täglich der eigene Bewegungsraduis eingeschränkt und die Infiziertenzahlen nach oben verschoben werden, hat man das sichere Gefühl  von ausreichend Klopapier zu Hause. Das ist natürlich vollkommener Käse, denn wer in Coronazeiten das Gefühl von Sicherheit will, bleibt zu Hause und streicht nicht durch Supermarktregale, um Toilettenpapier zu kaufen. 

Ich möchte mich nicht anstecken lassen von der Rollen-Hysterie. Raus aus dem Strudel kommt man nur, wenn man den Kopf einschaltet, sich klar macht, dass die Versorgung funktioniert und man bitte etwas solidarisch sein sollte. Und wenn das nicht funktioniert, schränkt eben der Handel den Einkauf ein. Das ist zwar traurig, aber bitter nötig. Denn es ist genug da. Das sehe ich auch an meinen Nudeln. Die beiden Panik-Packungen liegen noch im Schrank. Bislang habe ich sie nicht gebraucht. 

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