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Samaritaner und Corona: "Jeder Tod bringt uns näher an die Auslöschung"

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 14.04.2020 Alexandra Rojkov

Weltweit gibt es nur noch 800 Samaritaner. Durch das Coronavirus droht die jahrtausendealte Kultur auszusterben. Wir haben bei der Gemeinschaft im Westjordanland angerufen.

© Jaafar ASHTIYEH/ AFP

Die kleine Gemeinschaft der Samaritaner spricht Arabisch, ihre Religion ähnelt aber dem Judentum. Zuhause ist der Großteil der rund 800 Samaritaner nahe der palästinensischen Stadt Nablus im Westjordanland. Sie befolgen jahrhundertealten Riten: Frauen etwa, die ihre Periode haben, dürfen niemanden berühren. In anderen Dingen sind die Samaritaner sehr aufgeschlossen. Viele haben studiert, gehen einer Arbeit nach und dürfen Alkohol trinken.

"Fast jeder Mensch kennt die Geschichte vom barmherzigen Samariter, der selbstlos hilft, wo andere achtlos vorbeigehen. Was die meisten nicht wissen: Wir Samariter sind nicht nur eine Metapher aus der Bibel. Es gibt uns wirklich. Zumindest noch.

Eine Million Samaritaner - so lautet unser korrekter Name – sollen zu biblischen Zeiten gelebt haben. Heute sind wir quasi ausgestorben: 800 Samaritaner gibt es auf der ganzen Welt noch. Durch das Corona-Virus könnten wir noch weniger werden.

Die meisten von uns leben im Westjordanland, nahe der Stadt Nablus. Etwas außerhalb liegt der Berg Garisim. Hier stand im vierten Jahrhundert vor Christus unser Tempel, deshalb ist der Berg uns heilig.

An seinem Fuß haben wir unser Dorf Kiriat Lusa gebaut, in dem wir seit Jahrhunderten wohnen. Es ist ganz klein: Ein paar Straßen, ein Spielplatz, eine Synagoge. Aber es ist das Zentrum unserer Kultur.

"Ich ahnte nicht, wie schlimm es werden würde"

Jedes Jahr kommen tausende Touristen nach Kiriat Lusa. Sie besuchen unser Museum oder beobachten unser Gebet. Wir Samaritaner beten jeden Tag in altem Hebräisch, das nur noch in unseren Büchern existiert. Dreimal im Jahr gibt es eine Prozession zum Gipfel des Berges und immer begleiten uns viele Gäste. Doch dieses Jahr ist alles anders.

Ich weiß noch genau, als ich das erste Mal vom Coronavirus hörte. Mein Onkel, dem unser Museum gehört, erzählte, dass in China eine Krankheit ausgebrochen sei. Ich dachte: Schade, jetzt kommen keine chinesischen Touristen mehr. Ich ahnte nicht, wie schlimm es werden würde.

Wir Samaritaner leben in einem empfindlichen Kräfteverhältnis: Wir sprechen Arabisch, aber unsere religiösen Riten ähneln denen der Juden. Früher wohnten wir in der Altstadt von Nablus, aber während des ersten Palästinenseraufstandes in den Achtzigerjahren, verdächtige man uns, mit den Juden zu kooperieren. Damals verließen wir die Stadt und zogen in die Nähe des Berges. Wir versuchen, möglichst keine Schwierigkeiten zu machen.

"Jeder Tod bringt uns näher an die Auslöschung"

Als die ersten Corona-Fälle im Westjordanland auftraten, ging das Gerücht herum, eine koreanische Reisegruppe habe das Virus eingeschleppt. Es gibt nicht viele Sehenswürdigkeiten in Palästina und sofort hieß es: Die waren bestimmt bei den Samaritanern.

Wir bekamen Anrufe: Habt ihr die Koreaner empfangen? Ist wegen Euch Corona ausgebrochen? Wir mussten sogar eine Mitteilung herausgeben, in der stand, dass wir keine koreanischen Touristen zu Besuch hatten, dass wir keine Schuld am Ausbruch tragen. Das hat mir Angst gemacht.

Noch mehr Angst macht mir allerdings das Virus selbst. Viele Samaritaner sind schon alt. Unser Hohepriester, der gleichzeitig mein Großvater ist, ist zum Beispiel schon 85 Jahre alt. Für ihn könnte das Corona-Virus tödlich sein.

Aber auch jüngere Samaritaner sind eventuell stärker gefährdet. Samaritaner durften jahrhundertelang nur untereinander heiraten, deshalb besteht unsere Gemeinschaft aus vier Großfamilien. Mehrere Paare im Ort haben behinderte Kinder bekommen. Ich weiß nicht, ob ihr Immunsystem die Erkrankung aushalten würde. Wir Samaritaner sind so wenige. Jeder Tod bringt uns näher an die Auslöschung.

Deshalb versuchen wir, uns so gut es geht vor dem Virus zu schützen. Normalerweise kann uns jeder besuchen: Die Tore zu unserem Dorf stehen immer offen. Seit Kurzem aber darf niemand mehr ohne triftigen Grund hinein. Normalerweise kamen am Wochenende viele Palästinenser ins Dorf: Weil unsere Kultur es erlaubt, Alkohol zu trinken, haben wir zwei Läden, wo Spirituosen verkauft werden. Die sind jetzt geschlossen. Unser Leben steht quasi still. 

Unser Hohepriester hat sogar unsere Synagoge geschlossen. Er sagt, es sei zu gefährlich – falls einer von uns das Virus hat, könnte es sich so verbreiten. Nun betet jeder für sich Zuhause. Dabei sind wir eine große Gemeinschaft: Wir beten zusammen, besuchen uns ständig. Es ist nicht leicht, sich an die Veränderung zu gewöhnen.

"Ich hoffe, dass uns die Menschen nicht vergessen"

Das schlimmste ist aber, dass unser Pessach-Fest ausfallen könnte. Es findet Anfang Mai statt und ist unser höchster Feiertag. Wir versammeln uns auf einem Platz und schlachten Lämmer, das Fleisch wird anschließend drei Stunden lang im Feuer gekocht. Der Geruch zieht durch die Straßen, die voller Menschen sind. Pessach soll an den Auszug aus Ägypten erinnern, an die Befreiung aus der Sklaverei. Es ist ein glücklicher Tag. Dieses Jahr könnte die Versammlung verboten werden. Es wäre das erste Mal in meinem Leben.

Ich bin 25 Jahre alt und habe einen Abschluss in Marketing. Aber in den vergangenen Jahren habe ich die meiste Zeit im Museum gearbeitet. Bestimmt tausend Mal habe ich Touristen erzählt, wer wir sind: Dass die Samaritaner von den Israeliten abstammen und seit Jahrtausenden im Heiligen Land leben. Während fast alle anderen Völker in der Region untergingen, sind wir noch immer am Leben. 

Weil das Museum jetzt geschlossen ist, unterrichte ich Englisch, via Internet. Die Schüler wechseln ständig und oft wundern sie sich über meinen Namen. Mein Vorname Abdullah ist Arabisch, mein Nachname Cohen jüdisch. Wie kann das sein, fragen sie dann? Dann erzähle ich von den Samaritanern. Ich hoffe, dass die Menschen uns trotz Corona nicht vergessen."

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