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Wie sich die Stadt der Eskapaden in Disziplin versucht

WELT-Logo WELT 14.04.2020 Claus Christian Malzahn
Am Mittwoch trifft sich Kanzlerin Merkel mit den Ministerpräsidenten, um über Lockerungen der Corona-Beschränkungen zu diskutieren. Wie eine Rückkehr zur Normalität aussehen könnte, zeigt ein Stufenplan von NRW-Ministerpräsident Laschet. Quelle: WELT © WELT Am Mittwoch trifft sich Kanzlerin Merkel mit den Ministerpräsidenten, um über Lockerungen der Corona-Beschränkungen zu diskutieren. Wie eine Rückkehr zur Normalität aussehen könnte, zeigt ein Stufenplan von NRW-Ministerpräsident Laschet. Quelle: WELT

Wie ein Suchscheinwerfer hängt ein hellgelber Vollmond über der Hauptstadt und leuchtet das Bayerische Viertel aus. Er wird nicht fündig. Das italienische Restaurant an der Ecke; an Feiertagen sonst randvoll besetzt, hat seit Wochen geschlossen. Die Stille schmerzt. Der Mond sucht weiter; trotz Ferien finden sich kaum Parklücken in den engen Straßen. In den Vorgärten blühen Magnolien, man kann sie sogar abends riechen, die Luft ist klar. Es passiert: nichts.

Aber wie beschreibt man das? In den Zeiten der Ausgangssperre wirkt das bürgerlich-grüne Berlin-Schöneberg, jedenfalls vor dem Osterwochenende, wie ein Lied ohne Ton und Noten. Die Stadt hält still. Das ist nicht ihr Naturell. Berlin pumpt sich gern auf, tut geschäftig. Vor einem Jahr noch wurden um diese Zeit Tanzverbote beklagt, manche Eltern planten Masern-Partys, die Kinder bei uns im Haus, und zwar ohne Ausnahme, malten Plakate für die Klimademo am Freitag. Alles verweht.

Es soll jetzt möglichst wenig passieren auf diesen 892 Quadratkilometern, die rund 3,6 Millionen Berliner haben deshalb vor Ostern Post von Michael Müller bekommen. Das ist ihr Regierender Bürgermeister, ein SPD-Mann, von dem man sonst selten etwas hört. „Statt pulsierendem Leben bestimmen nun leere Straßen das Bild“, schreibt er, da hat er mal recht. Auf der Rückseite seines Schreibens sind Notrufnummern vermerkt; für Corona-Infizierte, für Schüler, die betreut werden müssen, für Menschen in seelischer Not, für Selbstständige mit finanziellen Sorgen und für Opfer häuslicher Gewalt.

"Schleichmodus liegt der Stadt nicht": Berliner am Ostersonntag an der Spree © Getty Images "Schleichmodus liegt der Stadt nicht": Berliner am Ostersonntag an der Spree

Soviel staatliche Fürsorge war selten. Man lebt in Berlin auch ohne Regierung ganz gut, zumindest hat man sich an die Abwesenheit des Staates im Laufe der Jahre gewöhnt. Jetzt ist der Staat plötzlich da; in den Parks und Promenaden, auf den Plätzen patrouillieren Polizisten, 670 Einsatzkräfte am Ostersonntag in der ganzen Stadt. Im Polizeibericht für Ostersamstag heißt es: „27 Objekte und 1784 Personen im Freien wurden überprüft. Dazu fertigten die Polizeikräfte neun Straf- und 105 Ordnungswidrigkeitenanzeigen.“

Im aufstrebenden Moabit und Schönberg wurden am Abend des Ostersamstags zwei Partys mit 14 Gästen aufgelöst. Das klingt nicht viel. Aber Müllers Zettel, man weiß ja nie, hängt jetzt bei uns am Kühlschrank, mit einem Magneten befestigt, das Motiv zeigt den Birkenweg in Liebermanns Garten, ein Souvenir vom Wannsee.

Wird man als Berliner in Potsdam verhaftet?

Da geht die Reise am Karfreitag hin, mit dem Rad. Wenn schon nichts passiert, sollte man sich das wenigstens aus der Nähe ansehen. Am Südwestkorso haben Blumengeschäfte offen; in gemessenem Abstand steht man für Frühblüher Schlange.

Balkonien, diese kleine mitteleuropäische Diktatur, wird jetzt begrünt. An der Domäne Dahlem, einem Erlebnisbauernhof, riecht es nach Ziegenmist. Dann über die Avus-Brücke, kaum Verkehr auf der Stadtautobahn. Der Wannsee leuchtet blau, die Wellen kräuseln, am Hafen liegt die Ausflugsdampferflotte stumm vor Anker. Die Fähre nach Kladow, ans andere Berliner Ufer, fährt noch jede Stunde, immerhin.

Nein, das gab es so noch nicht, auch nicht früher, als die Mauer noch stand und West-Berlin in den Sommerferien immer leiser und menschenleerer wurde, weil die Städter ins Wendland, nach Bayern, Kreta oder Lanzarote verschwanden. Am Wannsee stellt sich vielmehr die Frage, ob man mit dem Rad noch über den Hügel zum Hohenzollernschloss und dann über die Glienicker Brücke nach Potsdam fahren soll. Darf man das noch? Oder wird man dann als Berliner verhaftet und später gegen einen Brandenburger Pendler ausgetauscht?

Die Berliner Siegessäule am Ostermontag Quelle: dpa © dpa Die Berliner Siegessäule am Ostermontag Quelle: dpa

Zurück über die Asphalttrasse, die schmal zwischen der Autobahn und dem Grunewald verläuft. Es ist Mittag, es wird voller, Skater, Jogger, Rennradfahrer, die sehr ungeduldig sind, weil sie in dem zunehmenden Gewusel kein Tempo machen können. Wie gefährlich sind die Aerosole und Schweißperlen von Leistungsradlern? Man atmet hier besser nicht durch den Mund, da war ja so ein Artikel auf Facebook.

Am Ostersamstag geht die Tour über Moabit in den von Zuwanderung stark geprägten Wedding. Über den vielspurigen „großen Stern“ an der Siegessäule käme man gefahrlos zu Fuß. Tristesse, bei allem Frühling, auch im Tiergarten. Während der Süden der Stadt nur noch aus Paareinheiten oder Solo-Spaziergängern besteht, kommt es im Norden vereinzelt zu kleinen Gruppenbildungen; junge Burschen, die sich häufig danach umsehen, ob ihr Regelverstoß auch registriert wird. Wer erklärt ihnen den Unterschied zwischen Mut und Schaulaufen?

Ostersonntag im Berliner Mauerpark Quelle: Claudia Kade © Claudia Kade Ostersonntag im Berliner Mauerpark Quelle: Claudia Kade

Am Ostersonntag tun die meisten Besucher des Mauerparks am Rande des Prenzlauer Bergs so, als wäre man aus Ort und Zeit gefallen. Das scheint auch sonst ihr Lebensmotto zu sein, aber jetzt wirkt es besonders surreal, und das soll es wohl auch. Man hört Musik, steht in Gruppen eng beieinander, aufgestylt, man lacht, spielt Basketball, kuschelt dicht gedrängt auf Picknickdecken. Polizei? Pustekuchen.

Natürlich sind auch die Wegebiertrinker unterwegs; die gab es übrigens vor der Wende noch nicht. Und natürlich wird an dieser begrünten Grenze vom Wedding zum Prenzlauer Berg, wie in fast jedem Berliner Park, getrommelt. Trommeln sind in handwerklicher Hinsicht so herausfordernd wie Triangeln, aber sie machen deutlich mehr her. Aber welchen Takt soll dieses Geräusch eigentlich vorgeben?

Am Ostermontag meldet sich die Polizei von einem Einsatz aus Mitte. „Wenn ein Mädchen zusammen mit 31 Gästen in seinen 16. Geburtstag reinfeiert und die eigene Mutter offenbar für diesen Zweck kurzfristig ein 2,5-Zimmer-Apartment angemietet hat, kommen wir leider nicht nur zum Gratulieren vorbei“, heißt es auf Twitter. Doch solche Eskapaden scheinen die Ausnahme zu sein. Meistens bleibt man in diesen Tagen doch für sich. Hält diese ungewohnte Stille die Stadt zusammen? Nach etwa 100 Berliner Fahrradkilometern fällt die Antwort skeptisch aus.

Gab es das alles schon mal, wenigstens annähernd? Die autofreien Sonntage aus Kindheitstagen kommen in den Sinn. Als die radioaktive Wolke im April 1986 von Tschernobyl über Europa zog, traute man sich tagelang nicht raus. Aber das war schnell wieder vorbei. Und jetzt, im Stadtbild: junge Mütter, die mit ihren Kindern auf Friedhöfen spazieren und spielen gehen, das liegt auch schon mehr als 30 Jahre zurück, weil man im eingemauerten West-Berlin in dieser Insellage jede Grünfläche in einen Erlebnispark verwandelt hat; sogar die Brache am Görlitzer Bahnhof, die dann, nach dem Mauerfall, mit viel Geld in einen Musterpark verwandelt wurde. Die Dealer, scherzen Kreuzberger Freunde, sollen dort inzwischen Klopapier verkaufen.

Die mitunter froh besungene „Entschleunigung“ der Hauptstadt aber hat keine gewinnende Moral. Der Schleichmodus liegt der Stadt nicht besonders. Berlin liegt weit auseinander, auch im Notmodus auf engem Raum.

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