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Woran erkennt man einen Gütersloher?

WELT-Logo WELT 25.06.2020 Ulrich Exner
Vom Lockdown in den Kreisen Gütersloh und Warendorf betroffen sind knapp 640.000 Einwohner. Nicht nur in den Nachbarkreisen wächst die Angst vor einer möglichen Ansteckung durch infizierte Pendler. Ministerpräsident Laschet warnt vor einer Stigmatisierung. Quelle: WELT/Peter Haentjes © WELT/Peter Haentjes Vom Lockdown in den Kreisen Gütersloh und Warendorf betroffen sind knapp 640.000 Einwohner. Nicht nur in den Nachbarkreisen wächst die Angst vor einer möglichen Ansteckung durch infizierte Pendler. Ministerpräsident Laschet warnt vor einer Stigmatisierung. Quelle: WELT/Peter Haentjes

Der Tag begann schon mit einem Fehlstart. Um neun Uhr an diesem Mittwochvormittag hatten sich die Gesundheitsminister der Länder zu einer Telefonkonferenz verabredet. Das Ziel – so hatte es jedenfalls der schleswig-holsteinische Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) zuvor zu Protokoll gegeben – war ein geschlossener Umgang der 16 Bundesländer mit dem Corona-Ausbruch im Kreis Gütersloh und seinen Folgen. Doch die Runde unter Leitung der Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) konnte sich nicht auf eine einheitliche Linie einigen, wohl auch weil drei Bundesländer – Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Bayern – bereits am Dienstag streng vorangeprescht waren.

So hatten die Landesregierungen in München und Schwerin ein generelles Beherbergungsverbot für Menschen aus den beiden von dem westfälischen Corona-Ausbruch am stärksten betroffenen Landkreisen verhängt, Gütersloh und Warendorf. Schleswig-Holstein dehnte die für Reisende aus vielen Ländern weltweit ohnehin geltende Quarantäne-Verordnung kurzerhand auf Reisende aus Gütersloh und Warendorf aus. Sie müssen sich jetzt, so sie nach Schleswig-Holstein kommen, für 14 Tage in eine geeignete häusliche Quarantäne begeben. Das heißt: Urlauber aus Beckum oder Verl ohne aktuelles Corona-frei-Attest dürfen zwar ein Hotelzimmer beziehen – aber da müssen sie für die ersten beiden Wochen ihres Urlaubs dann auch bleiben.

Regelungen, die weder bei den betroffenen Menschen in Ostwestfalen für Begeisterung sorgen noch bei der nordrhein-westfälischen Landesregierung. Armin Laschet (CDU) hat sich jedenfalls ziemlich aufgeregt an diesem Mittwoch im Düsseldorfer Landtag und alle anderen Bundesländer dringend aufgefordert, auch Menschen aus dem Kreis Gütersloh einen Urlaub zu ermöglichen. „Eines geht nicht“, so Laschet empört, „dass man die Menschen aus dem Kreis Gütersloh öffentlich stigmatisiert.“ Eine Warnung, die ein paar Tage vor dem Beginn der nordrhein-westfälischen Sommerferien an den Alpen ebenso verhallte wie an Nord- und Ostsee. Die Gütersloh-Phobie ist, insbesondere in den bevorzugten deutschen Urlaubsregionen, ja längst ausgebrochen.

In Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel hatte der Kreis Vorpommern-Greifswald bereits am Montag 14 Urlauber aus den westfälischen Risikogebieten auf den Heimweg geschickt. Sie waren der Behörde von einem Hotelbesitzer auf der Insel Usedom unter Berufung auf eine entsprechende Verordnung der Schweriner Landesregierung gemeldet worden. Demnach dürfen Urlauber aus den sogenannten Risiko-Regionen nur nach Mecklenburg-Vorpommern einreisen, wenn sie ein aktuelles ärztliches Attest vorlegen, aus dem hervorgeht, dass bei ihnen keine Anhaltspunkte für das Vorliegen einer Infektion mit dem Coronavirus gefunden wurden.

Ein Versuch der Greifswalder Kreisbehörden, Ostsee-Gästen aus Gütersloh und Warendorf einen nachträglichen Vorort-Test zu ermöglichen, der ihnen das Verbleiben im Urlaub ermöglichen könnte, scheiterten am Einspruch der Schweriner Landesregierung. Eine Nach-Testung von Urlaubern aus Risiko-Gebieten, so Landestourismusminister Harry Glawe (CDU), komme nicht infrage. Auch eine Quarantäne, zum Beispiel in einem Ferienhaus, sei, anders als in Schleswig-Holstein vorgesehen, in Mecklenburg-Vorpommern nicht möglich. Wer ohne aktuellen Negativ-Test anreise, müsse umgehend wieder zurückkehren. Eine Regelung, die auch bei den Gastgebern an der Ostsee noch nicht richtig angekommen ist.

So ergab eine Umfrage des NDR, dass die meisten Hoteliers und Ferienwohnungsbesitzer die geltende „Lex Gütersloh“ noch gar nicht genau kennen. Problematisch sei nach Einschätzung des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga auch, dass ein Großteil der Urlauber ihre Ferien über große Internet-Portale buchten. In diesem Fall würden die Gastgeber die genaue Herkunftsadresse ihrer Gäste gar nicht kennen. Und wenn doch, das ergaben WELT-Recherchen, bietet sich offenbar auch noch eine andere Möglichkeit, die sofortige Heimreise zu vermeiden.

So könnten Urlauber aus Risikogebieten das Angebot grenznaher medizinischer Labore im benachbarten Polen nutzen, die kurzfristige Corona-Tests anbieten. Touristen aus Gütersloh zum Beispiel, die kurz zur Testung ins Nachbarland reisen und anschließend mit einem negativen polnischen Attest wieder an ihren eigentlichen Urlaubsort kommen, könnten nach derzeitiger Rechtslage nicht zurückgewiesen werden, heißt es in Behördenkreisen. Eine pragmatische Lösung – zumindest so lange das im Nachbarland eingeholte Testergebnis negativ ist.

Dass der restriktive Umgang der deutschen Ferienregionen mit Urlaubern aus dem Umfeld der westfälischen Tönnies-Schlachtfabriken nicht ganz ungerechtfertigt ist, zeigen die neuesten Corona-Statistiken aus Nordrhein-Westfalen. So ist die Zahl der Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen im Kreis Gütersloh auf 270 pro 100.000 Einwohner gestiegen. Damit ist der von den Ministerpräsidenten der Länder im Mai noch gemeinsam festgelegte Grenzwert von 50 um mehr als das fünffache überschritten. Im Kreis Warendorf lag die entsprechende Zahl am Mittwoch bei 66,2 Prozent.

Auch angesichts dieser Werte setzen die Behörden in Kiel und Hannover ihre Hoffnungen im Umgang mit dem Gütersloher Corona-Ausbruch mehr auf die Vernunft der Menschen als auf polizeiliche Kontrollen zum Beispiel nach Fahrzeugen mit dem amtlichen Kennzeichen GT. Derartige Maßnahmen, etwa an den beiden großen Autobahnen, die Schleswig-Holsteins Küsten mit dem Rest der Republik verbinden, seien nicht vorgesehen, versicherte Christian Kohl, Sprecher des Kieler Sozialministeriums auf WELT-Anfrage. Auch Hotels und Beherbergungsbetriebe würden nicht speziell kontrolliert. Gefragt sei die „Eigenverantwortung“ der Urlauber aus Risiko-Gebieten; sie müssten sich unmittelbar nach einer eventuellen Einreise in Quarantäne begeben. Eine Möglichkeit, die es in Niedersachsen voraussichtlich nicht geben wird.

Dort hatte sich die Landesregierung noch am Dienstag dagegen gesperrt, ihren Hotels und Pensionen die Unterbringung von Gästen aus den Kreisen Gütersloh und Warendorf zu verbieten – auch mit Verweis auf die fehlenden Kontrollmöglichkeiten. Am Mittwoch dann die Kehrtwende, die Regierungssprecherin Anke Pörksen unter anderem mit den Regelungen in den anderen Küstenländern erklärte. Man wolle verhindern, dass Urlauber, die andernorts wegen eines fehlenden Attests abgelehnt worden seien, ihre Ferien kurzum nach Niedersachsen verlegten. Man werde deshalb „die bereits in Mecklenburg-Vorpommern und Bayern geltende Regelung im Tourismusbereich anwenden auf Menschen aus dem Bereich Gütersloh“, so Pörksen. Die genauen niedersächsischen Regelungen werden noch erarbeitet. Sie sollen aller Voraussicht nach am Freitag in Kraft treten.

Dann wird sich auch herausstellen, ob aus der Lex Gütersloh auch eine Lex Göttingen wird. Auch in der südniedersächsischen Universitätsstadt hat die Zahl der Neuinfektionen binnen sieben Tagen den Grenzwert von 50 pro 100.000 Einwohner nach dem Corona-Ausbruch in einem Hochhaus-Komplex überschritten. Allerdings ist das Ausbruchsgeschehen hier viel eindeutiger einzugrenzen als in Westfalen, wo Infizierte an mehr als 1300 verschiedenen Adressen leben. Es sei deshalb noch nicht klar, ob das Beherbergungsverbot demnächst auch Urlauber aus der Stadt Göttingen treffen werde, heißt es in Hannover. An diesem Donnerstag will sich Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) vor Ort über die Lage in Göttingen informieren. Auch dort könnte demnächst also – wie in Gütersloh und Warendorf – ein lokaler Lockdown in Kraft treten. Dass der auch außerhalb von Ferienregionen nicht ohne Tücken ist und Konflikte programmiert sind, lässt sich derzeit im Landkreis Osnabrück beobachten.

Dort gelten seit diesem Mittwoch für Menschen, die ihren Wohnsitz in den benachbarten Landkreisen Gütersloh und Warendorf haben, andere Regeln als für alle anderen. Während die Bewohner zum Beispiel von Bad Rothenfelde und Bad Iburg (beide Niedersachsen) tun und lassen, was sie wollen, gelten für Menschen aus dem unmittelbar benachbarten Borgholzhausen oder Versmold (beide NRW) Lockdown-Regeln – auch, wenn sie ihre Freunde in Rothenfelde und Iburg besuchen. Was jetzt genauso unerwünscht ist wie der Besuch von Schwimmbädern und Einkaufszentren des Landkreises Osnabrück. Lehrer, die an niedersächsischen Schulen unterrichten, aber in den einem der beiden ostwestfälischen Landkreise wohnen, wurden aufgefordert, vorerst zu Hause zu bleiben.

Schlange vor Teststation in Gütersloh © Getty Images Schlange vor Teststation in Gütersloh

Ein Ausflug nach Berlin ist den Pädagogen aus Gütersloh und Warendorf dagegen erlaubt, im Zweifel samt Bootsparty. In der Hauptstadt seien weder Beherbergungsverbote noch Quarantäne-Regelungen geplant, so Senatssprecherin Melanie Reinsch. Ähnliches gilt zumindest vorerst auch noch in Hessen und Rheinland-Pfalz. Dort kündigte die Mainzer Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) allerdings an, bis zum kommenden Wochenende ebenfalls eine eigene Lex Gütersloh ausarbeiten zu wollen.

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