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Grüne in Champagnerlaune

SZ.de-Logo SZ.de 26.05.2019 Von Constanze von Bullion, Berlin
Freude bei der grünen Wahlparty in Berlin (von links nach rechts): Europa-Spitzenkandidat Sven Giegold, Generalsekretär Michael Kellner, Parteichefin Annalena Baerbock, Katrin Göring-Eckardt und Hannah Neumann © Getty Images Freude bei der grünen Wahlparty in Berlin (von links nach rechts): Europa-Spitzenkandidat Sven Giegold, Generalsekretär Michael Kellner, Parteichefin Annalena Baerbock, Katrin Göring-Eckardt und Hannah Neumann

• Erfolgreicher Wahlsonntag für die Grünen: Zweitstärkste Kraft in Deutschland bei der Europawahl und Weiterregieren in Bremen.

• Selten hat es so viel Rückhalt für grüne Anliegen gegeben wie jüngst.

• In Bremen gilt ein rot-rot-grünes Bündnis wahrscheinlicher als eine Jamaika-Koalition.

Zweitstärkste Kraft in Deutschland bei der Europawahl und Weiterregieren in Bremen - bei der Wahlparty der Grünen in Berlin nahmen das Gejohle und der Applaus gar kein Ende mehr, als am Sonntagabend die erste Prognose bekannt gegeben wurde. Nach ersten Zahlen kamen die Grünen bei der Europawahl auf etwa 21 Prozent der Stimmen und lagen deutlich vor der SPD. Bei der Bürgerschaftswahl in Bremen zeichnete sich ein Ergebnis von 18 Prozent ab - und ein Platz in einer mutmaßlich rot-rot-grünen Landesregierung. Die Spitzengrünen zeigten sich in Champagnerlaune.

"Die Menschen in ganz Europa wollen Europa. Und sie wollen ein friedliches Europa", sagte die Parteivorsitzende Annalena Baerbock in Berlin. Wähler auf dem ganzen Kontinent hätten sich für eine andere Klimapolitik, für Demokratie und gegen Rechtspopulisten ausgesprochen. "Das sind Stimmen für die Menschenrechte in ganz Europa."

Das beste Wahlergebnis aller Zeiten, mit diesem Ziel waren die Grünen in die Europawahl gestartet. Denn eines schien lange vor der Schließung der Wahllokale klar zu sein: Die Ergebnisse der letzten beiden Europawahlen würden die Grünen allemal erreichen. 2014 war die Partei in Deutschland auf 10,7 Prozent der Stimmen gekommen, fünf Jahre zuvor auf 12,1 Prozent. Für die Europawahl in diesem Jahr hatten die Wahlforscher den Grünen ein Ergebnis von 19 Prozent vorhergesagt. Es sollte mehr werden.

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"Es freut sich Grün, nicht Gauland", sagt Spitzenkandidat Giegold

Klimaproteste von Schülern auf der Straße, die Aufregung um den Youtuber Rezo, dazu die Übernahme grüner Umweltanliegen durch die politische Konkurrenz - selten hat es so viel öffentlichen Rückhalt für Anliegen der Bündnisgrünen gegeben wie in den vergangenen Wochen. Das Parteivorsitzendenduo Annalena Baerbock und Robert Habeck kommt beim Publikum auch weiterhin ziemlich gut an. Und die Grünen können sich als Gegenmacht zu rechten Nationalisten und Europaskeptikern profilieren.

Und doch - wer sich kurz vor der Europawahl mit grünen Wahlkämpfern unterhielt, konnte auch vorsichtige Töne hören. Bloß keine Selbstüberschätzung, warnten Parteiobere immer wieder. Den Europawahlkampf empfanden etliche Spitzengrüne als zäh. Trotz hoch motivierter Neumitglieder wollte bei Wahlkampfveranstaltungen der Funke oft nicht recht überspringen. Themen wie Klimarettung, Artenvielfalt oder Agrarpolitik seien auf viel Resonanz gestoßen, sagte Grünenspitzenkandidat Sven Giegold vor der Wahl. Das gelte auch für die Debatte über Migration und EU-Außengrenzen. Für europäische Mindestlöhne oder Steuern hingegen hätten sich die Leute weniger interessiert. Man wisse im Übrigen auch nicht so genau, ob Wählergruppen jenseits grüner Stammbiotope, die mit den Grünen zuletzt geliebäugelt hatten, bei der Europawahl auch wirklich grün wählen würden.

Nach der ersten Prognose war bei der grünen Wahlparty von solchen Befürchtungen nichts mehr zu hören. "Es freut sich Grün, nicht Gauland", sagte der Spitzenkandidat Giegold. Wie sich das gewachsene Gewicht seiner Partei in Brüssel und Bremen real auswirken wird, ließen die Parteioberen allerdings offen. Im Rennen um die Besetzung des Kommissionspräsidenten spielen grüne Stimmen mutmaßlich ohnehin keine Rolle.

Und in Bremen, wo die Partei zuletzt mit der SPD regiert hat, zeigen die Grünen sich schon aus strategischen Gründen offen, auch für eine Jamaika-Koalition. Ein rot-rot-grünes Bündnis allerdings gilt als deutlich wahrscheinlicher. Als Signal für Rot-Rot-Grün auch im Bund wollten Spitzenleute der Grünen die Bürgerschaftswahl in Bremen allerdings nicht werten. Bis zur nächsten Bundestagswahl sei der Weg bekanntlich weit.

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