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Dieser Warntag ist die eigentliche Katastrophe

WELT-Logo WELT 10.09.2020 Florian Gehm
kombo sirene gehm Quelle: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa, Martin Lengemann © Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa, Martin Lengemann kombo sirene gehm Quelle: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa, Martin Lengemann

Wer keine Sirene gehört hat, bekommt das Warnsignal per Fax oder Post in den kommenden 14 Tagen zugestellt. In sozialen Netzwerken triefen Hohn und Spott über den groß angekündigten ersten, bundesweiten Warntag seit Ende des Kalten Krieges. Eigentlich sollten in der gesamten Republik Sirenen, Warn-Apps und Lautsprecherwagen getestet werden, um die Bevölkerung zwischen 11:00 und 11:20 Uhr für einen echten Katastrophenfall zu sensibilisieren.

Doch nach dem zwanzigminütigen Zeitfenster ist klar: In diesem Deutschland habe ich Angst vor einer echten Katastrophe – denn unsere Warnsysteme haben versagt. Das Einzige, was in Berlin geheult hat, war ein Kind auf dem Spielplatz. Warnsirenen wurden schon in den 1990er-Jahren abgebaut, Lautsprecherwagen waren nicht im Einsatz.

Ein Blick in die sozialen Netzwerke zeigt: Dieses desaströse Bild zieht sich durch das gesamte Land. Weder in Großstädten wie Frankfurt noch in ländlichen Regionen wie in Pirmasens hat die Bevölkerung etwas vom Übungsfall mitbekommen. Wäre es irgendwo dort zu einer echten Katastrophe gekommen, wären ihr die Bevölkerung arglos ausgesetzt gewesen.

Ob es bundesweit Lautsprecherwagen und Sirenen braucht, darüber lässt sich zumindest streiten. Dass es über das bundeseigene „Modulare Warnsystem“ und die daran angeschlossene Handy-App „NINA“ (Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundes) aber nicht einmal gelungen ist, pünktlich um 11:00 Uhr eine Push-Meldung zu verschicken, ist ein Armutszeugnis für die Digitalisierung. Die Planung eines bundesweiten Warntages reicht bis ins Jahr 2017 zurück.

Seitdem hätten sich Bund, Länder und Kommunen auf diesen Testfall vorbereiten müssen. Keine Krankheit, kein Unfall und kein Terrorist kündigt eine Katastrophe mit mehrjähriger Vorlaufzeit an. Dann muss die Bevölkerung vor einer echten Gefahr gewarnt werden – sofort und zuverlässig.

Vollmundig hatte das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) versprochen, der Warntag könne „mit den dort gebotenen Informationen aus unserer Sicht vielmehr zu einem höheren Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung beitragen“. Stattdessen ist das Gegenteil eingetreten. Das ist die eigentliche Katastrophe – die echte Warnung.

Das eigene Prestigeprojekt hat sich gegen die durchführenden Behörden gerichtet. Es ist zu einem Warntag vor veralteten Bevölkerungsschutzplänen geworden, die laut Experten seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr aktualisiert wurden. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass die Sirenen in den verantwortlichen Amtsstuben gar nicht mehr aufhören zu heulen.

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