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„Ich hege weder Groll noch Hass“

WELT-Logo WELT 27.01.2022 Gunnar Meinhardt
"Die Deutschen heute sind ja nicht für das Unglück von damals verantwortlich", sagt Ben Helfgott Quelle: picture alliance / empics © picture alliance / empics "Die Deutschen heute sind ja nicht für das Unglück von damals verantwortlich", sagt Ben Helfgott Quelle: picture alliance / empics

Er spricht sehr leise. Trotzdem ist Ben Helfgott gut zu verstehen. Der 92-Jährige gibt das Interview aus seinem Londoner Wohnzimmer heraus, per Video. Das ist zum Schutz vor Corona notwendig, wenngleich er es bedauert: Was er als polnischer Jude, der im Sommer 1945 nach England emigrierte, zu erzählen habe, würde seine Gesprächspartner weitaus mehr bewegen, säßen sie ihm von Angesicht zu Angesicht in einem Raum gegenüber. Aber auch ohne diese unmittelbare Nähe wird deutlich, was Helfgott als Überlebender des Holocaust durchgemacht hat. Von der Queen vor vier Jahren zum Ritter geschlagen, wird der spätere Gewichtheber und Olympiasportler nicht müde, als Zeuge über die Verbrechen der Nazidiktatur aufzuklären. Das, sagt er, sei seine Mission, sein Lebenswerk.

WELT: Sie wirken traurig. Gibt es etwas, das Sie bedrückt?

Sir Ben Helfgott: Wissen Sie, grundsätzlich bin ich ein positiv denkender Mensch. Wäre ich das nicht, würde ich bei alldem, was ich an Gräuel, Leid und Bestialität erlebt habe, sicher nicht mehr leben. Aber Ihr Eindruck von mir trifft zu, ich bin ein wenig melancholisch gestimmt, weil wir den 27. Januar, den Holocaust-Gedenktag, in diesem Jahr zum wiederholten Mal nicht so begehen können, wie wir es vorhatten. Covid-19 erlaubt wie im Vorjahr keine öffentliche Gedenkfeier, sondern nur eine, die online gestreamt wird. Wegen meines Alters frage ich mich daher schon etwas wehmütig, wie viele normale Gedenkfeiern ich noch erleben werde.

WELT: Sie sind Ehrenpräsident des Holocaust Memorial Day Trust, einer Wohltätigkeitsorganisation, die von der britischen Regierung gegründet wurde. Sie waren auch Mitinitiator des von den Vereinten Nationen 2005 eingeführten Gedenktages am 27. Januar. Zeitzeugen wie Sie sind als Mahner und Aufklärer über die Verbrechen des NS-Regimes unersetzlich.

Helfgott: Da haben Sie recht. Ich wünschte, unsterblich zu sein. Noch kann ich meiner Mission nachgehen, wenn auch coronabedingt nur eingeschränkt. Derzeit bleiben nur Zoom-Events und Korrespondenzen, um dem Vergessen der Nazi-Schreckensherrschaft entgegenzutreten. Ich vermisse den persönlichen Kontakt zu den Menschen sehr, denn Schilderungen und Darstellungen des Erlebten hätten dann noch eine viel größere Wirkung. Es ist schon schwierig genug, Worte zu finden, die beschreiben, was ich, was meine Familie, was Millionen andere Menschen im Dritten Reich durchlitten haben. Diesen ekligen, süßlichen Geruch von brennendem Fleisch, als Menschen nach der Bombardierung von Piotrkow durch die Luftwaffe der Wehrmacht 1939, in Flammen stehend, um Hilfe schrien, spüre ich noch heute in meiner Nase.

WELT: Im Herbst 1939 errichteten die Nazis in Piotrkow das erste Getto in Europa. Woran erinnern Sie sich besonders?

Helfgott: Ich könnte Ihnen stundenlang erzählen, was ich in den Jahren dort erlebt habe, das würde aber die Zeit unseres Interviews weit überschreiten. Im November 1939, kurz vor meinem zehnten Geburtstag, mussten meine Eltern, meine zwei Schwestern und ich unser Haus verlassen und ins Getto einziehen. Auf einem Areal, auf dem vorher etwa 4000 Menschen gelebt hatten, wurden 25.000 Menschen zusammengepfercht. Wir durften nicht mehr zur Schule gehen. Mein Vater besorgte mir einen Job in einer Glasfabrik außerhalb des Gettos. Dort brach nach kurzer Zeit Typhus aus. Tausende starben daran. Es verendeten auch viele, weil sie nichts zu essen hatten oder einfach umgebracht wurden. Wie meine Mutter und meine jüngere Schwester Lusia, sie war acht Jahre alt, als sie von den Nazis im Wald erschossen wurde.

WELT: Ihr Vater und Sie überlebten. Im Sommer 1944 wurden Sie ins KZ Buchenwald, Ihre Schwester Mala ins KZ Ravensbrück deportiert.

Helfgott: In Buchenwald sah ich meinen Vater das letzte Mal. Nach einer Woche wurde meine Insassennummer 94.790 zur Verlegung in das KZ Schlieben aufgerufen. Im April 1945 kam ich ins KZ Theresienstadt. Später erfuhr ich, dass mein Vater im Mai, wenige Tage vor der Befreiung, beim Todesmarsch nach Theresienstadt fliehen wollte und dabei erschossen wurde. Er wurde wie ein Hund getötet und auch wie ein Hund begraben. Irgendwo in einem Loch. Ich werde nie erfahren, an welchem Ort er getötet wurde. Ich stelle mir oft vor, dass sie ihn in einen Mülleimer geworfen oder an einem Ort begraben haben, an dem es kein Zeichen gibt, das auf ihn hindeutet. Ich muss immer weinen, wenn ich daran denke. Ich verlor nicht nur Eltern und Schwester, sondern auch 21 von 24 Cousins.

WELT: Glück im Unglück hatten Sie, dass Sie zu jenen 732 polnisch-jüdischen Waisenkindern gehörten, die auf Geheiß der britischen Regierung am 14. August 1945 in umgebauten Bombern nach England ausgeflogen wurden. Ihr neues Leben begann in Windermere, am größten See des Landes. Fühlten Sie sich dort geborgen?

Helfgott: Als ich von der Aktion hörte, klang das wie Musik in meinen Ohren. Zeitlebens bin ich unendlich glücklich und dankbar, dass ich zu dem Kreis der Auserkorenen zählen durfte. Wir wuchsen zu einer Familie von 732 Geschwistern zusammen, die, obwohl auch einige Mädchen dazugehörten, als „The Boys“ in die Geschichte eingingen. Wir redeten kaum über das, was wir durchgemacht hatten. Es gab ein stilles Verständnis, jeder wusste, dass einer für den anderen da ist, wenn er ihn in schwachen Momenten brauchte.

WELT: Wie sich Ihr Neuanfang und der der anderen „Boys“ vollzog, ist in dem Film „The Windermere Children“ dokumentiert. Wenige Monate später zogen Sie in das Londoner Stadtviertel Belsize Park. Warum haben Sie die Gemeinschaft verlassen?

Helfgott: Ich wollte wieder zur Schule, zum Gymnasium gehen und studieren. Die „Boys“ leben aber bis heute in mir. 1963 gründete ich mit anderen „Boys“ die ‘45 Aid Society. Seitdem bin ich auch Präsident dieser gemeinnützigen Organisation. Immer im Mai kommen wir mit unseren Kindern, Enkeln und Urenkeln zum Dinner zusammen, um an unsere Befreiung zu erinnern. Leider fiel das Treffen im Vorjahr wegen der Pandemie aus. Was dieses Jahr wird, ist noch offen.

WELT: Wie viele von den „Boys“ leben noch?

Helfgott: Weniger als 20.

WELT: Sie sind inzwischen 92, wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Helfgott: Es zieht zwar hier und da ein wenig, doch ich fühle mich noch recht fit. Täglich mache ich Dehnungsübungen und Gymnastik mit einer leichten Hantelstange. Das tut mir richtig gut.

WELT: Das Herz eines Gewichthebers schlägt also noch immer in Ihnen?

Helfgott: Natürlich. Die Zeit als Sportler hat mich extrem geprägt. Als ich am 9. Mai 1945 das KZ Theresienstadt verließ, sah ich aus wie ein wandelndes Skelett. Bei einer Körpergröße von 1,65 Metern wog ich nur wenig mehr als 35 Kilogramm. Ich hätte nie gedacht, jemals mit Gewichtheben in Berührung zu kommen. Als 18-Jähriger machte ich in London zufällig Bekanntschaft damit. Als ich mich an den Gewichten versuchen wollte, sagte der Trainer, das sei zu schwer für mich. Mit Leichtigkeit hievte ich dann aber das Eisen hoch, woraufhin er in mir ein Naturtalent sah.

WELT: Das nur zwei Jahre später bei den Maccabiah Games in Israel siegte. Im Herbst 1956 traten Sie in Melbourne als Kapitän der britischen Heber-Staffel erstmals bei Olympischen Spielen an die Hantel und kamen im Leichtgewicht mit einer Dreikampfleistung von 340 kg auf Rang 13.

Helfgott: Elf Jahre zuvor stand ich noch auf der Todesliste, nun startete ich am anderen Ende des Planeten beim wichtigsten Sportereignis der Welt für meine Wahlheimat – sagenhaft. Die Eröffnungsfeier fiel auf meinen 27. Geburtstag. Während einhunderttausend Menschen jubelten, marschierte ich mit Tränen in den Augen ins Stadion ein. Ich dachte dabei an meine Eltern, wie stolz sie wären, wenn sie das hätten sehen können. Sorry, ich bekomme schon wieder feuchte Augen.

WELT: Vier Jahre später in Rom standen Sie noch einmal auf der olympischen Heberbühne. Waren Sie auch bei den Olympischen Spielen in München 1972?

Helfgott: Ja, als Fan. Am Abend vor dem Anschlag der palästinensischen Terroristen …

WELT:… bei dem am 5. September elf Mitglieder der israelischen Mannschaft getötet wurden …

Helfgott: … hatte ich mit Yakov Springer, der beim Gewichtheben als Kampfrichter eingesetzt war, und einigen israelischen Athleten noch zusammengesessen. Yakov war aus Polen nach Israel emigriert, er hatte lange überlegt, ob er nach München reisen solle. Er konnte nicht vergessen, dass die Nazis seine Familie ausgelöscht hatten. Letztlich nahm er an den Spielen teil, als symbolische Geste des Widerstandes und des Triumphs, da es den Nazis nicht gelungen war, auch ihn zu töten.

WELT: Getötet wurde er von palästinensischen Terroristen. Sie hatten Springer und acht weitere Mitglieder der israelischen Mannschaft als Geiseln genommen und ermordeten alle beim missglückten Befreiungsversuch auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck.

Helfgott: Ja, was für eine Tragik, einfach furchtbar. Was mich später auch sehr betroffen machte, war die Tatsache, dass das Internationale Olympische Komitee während der Sommerspiele 2012 in London eine Schweigeminute zu Ehren der israelischen Athleten ablehnte, die in München ermordet wurden.

WELT: Wie fühlten Sie sich, als Sie 1945, unmittelbar nach der Befreiung von Theresienstadt, zunächst in Ihre Heimatstadt zurückkehrten?

Helfgott: Dem Tod war ich dabei näher als unter der Nazityrannei. Als mein drei Jahre jüngerer Cousin und ich, aus Theresienstadt kommend, in Częstochowa umsteigen mussten, fragten uns zwei Polizisten, wer wir sind und was wir hier machten. Nachdem wir geantwortet hatten, schrien sie uns an: „Shut your fucking mouth you fucking Jew!“ Ich dachte, ich höre nicht richtig. Der Nazi-Krebs war entfernt worden, doch seine Tentakel waren noch weit verbreitet und tief verwurzelt. Wir hatten plötzlich wieder furchtbare Angst.

WELT: Was geschah weiter?

Helfgott: Die Polizisten fuhren mit uns in eine Gegend mit verfallenen Gebäuden. Sie richteten ihre Pistolen auf uns und befahlen, zur nächsten Wand zu gehen. Verzweifelt redete ich auf sie ein, flehte sie an, uns nicht zu töten. Schließlich erbarmte sich einer und sagte: „Haut ab und schätzt euch glücklich. Ihr seid die Ersten, die wir leben lassen.“ Wir sind zurück nach Theresienstadt, um dann nach England zu emigrieren. Seit Jahrzehnten reise ich seitdem regelmäßig nach Piotrkow und bitte auch andere Überlebende, ihr Heimatland immer wieder zu besuchen. Nach alldem, was wir verloren und gesehen haben, können wir die Welt nur besser verlassen, als wir sie geerbt haben, wenn wir dafür auch etwas tun.

WELT: Wie stehen Sie zu Deutschland?

Helfgott: Ich hege weder Groll noch Hass. Die Deutschen heute sind ja nicht für das Unheil von damals verantwortlich. Ich setze mich mit ganzer Kraft für eine bessere Beziehung zwischen Juden, Deutschen und Polen ein, in der Hoffnung, dass das, was ich erleben musste, nicht noch einmal passiert.

WELT: Sie haben so viel für die Versöhnung getan. In Deutschland gab es in den letzten Jahren eine Zunahme antisemitischer Gewalttaten. Entmutigt Sie diese beunruhigende Realität?

Helfgott: Ich muss eingestehen, dass Intoleranz, Ignoranz, Vorurteile und Rassenhass – all das, was den Holocaust ermöglicht hat – wahrscheinlich nicht verschwinden werden. Dennoch müssen wir immer wieder versuchen, die Konsequenzen derartiger Verhaltensweisen bewusst zu machen und den Kreis aufgeklärter Menschen zu erweitern. Nur so wird ein harmonisches Zusammenleben von gegenseitigem Respekt und Verständnis dauerhaft möglich sein.

WELT: Sie sind ein Überlebender. Würden Sie sich trotz allem, was Ihnen widerfahren ist, als glücklichen Menschen bezeichnen?

Helfgott: Dafür sorgt meine großartige Familie – meine Frau Arza, deren 82. Geburtstag wir am Sonntag feiern, meine Schwester Mala, die ich 1947 wiedertraf, meine Söhne Maurice, Michael und Nathan, deren Frauen und die neun Enkel. Unglaublich, trotz allem, was meine Familie im Holocaust erlitten hat, leben im Jahr 2022 drei Generationen der Familie Helfgott. Das ist ein grandioser Triumph über alle Widrigkeiten.

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