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Augen zu und durch: So reagieren Israel, Spanien und die Türkei auf die Omikron-Welle

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 17.01.2022 Mareike Enghusen, Ralph Schulze, Susanne Güsten

Trotz der hochansteckenden Omikron-Variante verabschieden sich immer mehr Staaten von harten Schutzmaßnahmen. Drei Beispiele.

Tel Aviv: Menschen, einige mit, einige ohne Mund-Nasen-Schutz, kaufen auf dem Markt ein. © Foto: Ariel Schalit/AP/dpa Tel Aviv: Menschen, einige mit, einige ohne Mund-Nasen-Schutz, kaufen auf dem Markt ein.

Es ist fast überall das gleiche Phänomen. Omikron dominiert als neue Corona-Variante in Rekordzeit das Infektionsgeschehen. Experten gehen davon aus, dass sich sehr viele Menschen anstecken werden. Einige Ländern wollen sich deshalb von ihren bisherigen Strategien zur Bekämpfung der Pandemie verabschieden. Einige Beispiele.

Israel: Gelockerte Regeln beim früheren Impfweltmeister

Die Zahlen hören nicht auf zu klettern. Rund 40.000 Neuinfektionen pro Tag meldete Israels Gesundheitsministerium zuletzt. Vor Kurzem noch hatte der Rekordstand des Landes bei gut 11.000 gelegen, einem Wert, der im September gemessen wurde. Nun steigen die Zahlen nahezu täglich um mehrere Tausend, ohne Aussicht auf baldige Besserung. Die Omikronwelle hat Israel, den früheren Impfweltmeister, mit voller Wucht erfasst.

Das Merkwürdige daran: Wer in diesen Tagen durch die Straßen israelischer Städte spaziert, spürt kaum etwas davon. Vor vielen Testzentren stehen zwar vielfach gewundene Menschenschlangen. Aber sonst? In Tel Aviv, einer Stadt, die wegen hoher Infektionsraten als „rot“ eingestuft ist, drängen sich die Menschen in Bars und Cafés, als wäre Corona ein Ding der Vergangenheit.

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Gewiss, hier und da fällt Unterricht oder Kinderbetreuung aus, weil zu viel Personal in Heimquarantäne ist. Auch manche Veranstaltungen werden abgesagt. Doch Fitnesscenter, Museen und Kinos haben geöffnet. Und das Wort Lockdown, das die vorherige Regierung bei jedem Anzeichen einer neuen Welle zur Disziplinierung der Bürger nutzte, scheint aus dem Vokabular ihrer Nachfolger verschwunden zu sein.

Das dürfte auch daran liegen, dass eine Zahl, die manche für die wichtigere halten, vergleichsweise niedrig liegt: die der schweren Krankheitsverläufe. Knapp 400 gibt es derzeit davon. Bei früheren Wellen war die Zahl der Schwerkranken auf mehr als Tausend geklettert – eine große Herausforderung für das Gesundheitssystem. Die aktuelle Welle stellt Kliniken dagegen vor ein anderes Problem. Weil sich derart viele Menschen anstecken und in Heimquarantäne geschickt werden, wird vielerorts das medizinische Personal knapp.

Statt großflächige Verbote und Beschränkungen zu beschließen, versucht die Regierung unter Ministerpräsident Naftali Bennett nun, einzelne Regeln nachzujustieren. So verkürzte sie vor wenigen Tagen die vorgeschriebene Quarantäne für Infizierte von zehn auf sieben Tage.

Außerdem können Geimpfte, die Kontakt mit einer infizierten Person gehabt hatten, sich neuerdings unter bestimmen Bedingungen mit einem negativen Antigen-Test aus der Heimquarantäne befreien. Zuvor war ein PCR-Test vorgeschrieben. Doch die Test-Zentren konnten zuletzt den wachsenden Bedarf nicht mehr decken. Selbst die Antigen-Tests werden nun knapp angesichts des plötzlichen Ansturms darauf.

Manche Experten fordern sogar weitere Lockerungen der Test- und Quarantäneregeln. Der Epidemiologe Hagai Levine etwa, Vorsitzender der israelischen Ärztevereinigung, plädierte kürzlich gar dafür, nur jene Menschen zu Tests und Heimquarantäne zu zwingen, die typische Covid-Symptome entwickelten.

Die Regierung sollte das Coronavirus behandeln wie andere Infektionskrankheiten. Das Gesundheitsministerium rügte den Vorstoß scharf. Solche Forderungen erzeugten „eine verantwortungslose Unterhaltung, die darauf abzielt, das Vertrauen der Öffentlichkeit zu untergraben“.

Mit diesem Vertrauen scheint es allerdings schon jetzt nicht gut bestellt. In einer Umfrage, die der Fernsehkanal Zwölf vergangene Woche veröffentlichte, bewerteten 63 Prozent der Befragten die Reaktion der Regierung auf die jüngste Covid-Welle als „schlecht“.

Selbst Minister äußern sich kritisch. „Wir sind nicht klar in unseren Anweisungen, und die Öffentlichkeit verlangt ständig Klärungen“, sagte kürzlich etwa Wirtschaftsministerin Orna Barbivai. „In der öffentlichen Wahrnehmung haben wir den Kampf gegen die Pandemie aufgegeben.“

Spanien: Der Pandemie weniger Bedeutung beimessen


Video: EMA: Anpassung der Corona-Impfstoffe an Omikron-Variante noch offen (glomex)

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Wer in die spanische Hauptstadt Madrid reist, reibt sich verwundert die Augen: Das Leben pulsiert in den Ausgeh- und Einkaufsvierteln der Metropole, als ob es keine Omikron-Welle geben würde. Niemand verlangt einen Gesundheitsnachweis, um in Cafés, Kneipen, Restaurants oder Theater zu gehen. Hunderttausende Kinder drücken wieder die Schulbank – ohne jegliche Testpflichten für Schüler und Lehrer. Auch der Spitzenfußballklub Real Madrid spielt weiterhin vor Zehntausenden von Fans.

Zugleich verursacht Spaniens sozialistischer Regierungschef Pedro Sánchez mit der Ankündigung eines Strategiewechsels einige Unruhe. Es sei an der Zeit, sagte er in einem Radio-Interview, der Pandemie weniger Bedeutung beizumessen und Corona künftig wie andere wiederkehrende Krankheiten zu betrachten. Etwa wie die jährliche Grippe-Wellen.

Das bedeute zum Beispiel, dass man sich von der bisherigen aufwendigen Erhebung und Verfolgung aller Corona-Infektionsfälle und von den Massentests verabschieden sollte. „Die Situation der Pandemie ist heute nicht mehr jene, die wir vor einem Jahr hatten“, sagte Sánchez.

Gesundheitsministerin Carolina Darias lieferte später Einzelheiten zum Vorstoß ihres Chefs. Sie verwies vor allem auf die hohe Impfquote in Spanien, die dem Land im Herbst viel internationales Lob einbrachte. In der ersten Impfkampagne hatte das Land mit 80 Prozent die dritthöchste Impfquote Europas erreicht.

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Doch nun, in der Booster-Kampagne, läuft es nicht mehr so gut. Bisher holten sich nur 36 Prozent der Spanier den Auffrischungsstich. Damit liegt das Land lediglich im europäischen Mittelfeld. Experten befürchten, dass sich die wachsende staatliche Gelassenheit im Umgang mit Corona auf die Bevölkerung übertragen und die früher so große Impfbereitschaft beeinträchtigen könnte. Um die Quote nach oben zu treiben, gab die Regierung jetzt das Boostern für alle Spanier ab 18 Jahren frei. Bisher war es nur für die über 40-Jährigen und für Menschen mit Immunschwäche möglich.

Virologen warnen davor, dass Spaniens Entspannungskurs einem „Spiel mit dem Feuer“ gleichkommt. „Das einzige, was wir erreichen werden, wenn wir nicht handeln, sind noch mehr Infektionen“, sagt der Epidemiologe Daniel López Acuña. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kritisierte Spaniens Einschätzung, dass die Viruspandemie zunehmend mit einer Erkältung- oder Grippewelle vergleichbar sei.

Während Spanien seine Corona-Politik immer weiter lockert, explodieren die Infektionen im ganzen Land. Die offizielle Sieben-Tage-Inzidenz befindet sich momentan bei 1500 Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner, auf Mallorca übersteigt sie schon 1600. In den vergangenen Tagen wurden mehr als eine Million neue Infektionen gemeldet.

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In Wirklichkeit ist die Inzidenz wohl noch höher, da die Gesundheitsämter angesichts der Masse der Infektionen nicht bei allen Verdachtsfällen eine Analyse machen können. Mangels staatlicher Testmöglichkeiten versuchen deswegen immer mehr Menschen mit Selbsttests aus der Apotheke, Klarheit zu bekommen. Das nutzte die Branche, um den Bürgern bis zu 15 Euro pro Test abzuknöpfen. Deswegen legte die Regierung nun einen Höchstpreis für die Selbsttests fest: Sie dürfen nun nicht mehr als 2,94 Euro kosten.

In Spaniens Krankenhäusern ist die Lage zwar noch nicht kritisch, aber besorgniserregend. In immer mehr Hospitälern müssen Routineoperationen verschoben werden. Zuletzt lagen mehr als 17.000 Corona-Patienten in den Kliniken, davon 2200 auf den Intensivstationen.

Türkei: Verkürzte Quarantäne und eingeschränkte Testpflicht

Auch die Türkei lockert mitten in der Omikron-Welle ihre Maßnahmen gegen die Pandemie. Ab sofort müssen auch Ungeimpfte keinen PCR-Tests mehr vorweisen, um öffentliche Transportmittel zu benutzen oder Theater, Kinos und Konzerte zu besuchen. Am Arbeitsplatz brauchen sich Ungeimpfte ebenfalls nicht mehr testen lassen; das gelte für den öffentlichen Dienst ebenso wie für die Privatwirtschaft, betonte das Innenministerium in einem Erlass am Samstag. Die Regierung hob zunächst auch die Testpflicht für Inlandsflüge auf, führte sie aber nach heftiger Kritik am Sonntag wieder ein.

PCR-Tests seien nach Ansicht des Corona-Beirats der Regierung nicht mehr nötig, erklärte das Innenministerium. Gesundheitsminister Fahrettin Koca hatte schon vor einigen Tagen bekanntgegeben, dass die vorgeschriebene Isolation für Infizierte ab sofort ohne negativen Testnachweis nach sieben Tagen endet. Vollständig geimpfte Kontaktpersonen müssen nicht mehr in Quarantäne.

PCR-Tests soll es künftig nur noch für Corona-Patienten geben, die Symptome zeigen. Koca betonte, die Omikron-Variante breite sich auch in der Türkei immer weiter aus, führe bisher aber nicht zu einer Überlastung des Gesundheitssystems.

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Mit den Maßnahmen folgt das Land dem Beispiel anderer Staaten. Allerdings können sich die Türken nicht selbst testen, weil Antigen-Schnelltests anders als in anderen Staaten nicht frei verkäuflich sind. Die Regierung habe es versäumt, Schnelltests im großen Stil einzukaufen, sagt der Virologe Mehmet Ceyhan, ein prominenter Kritiker der türkischen Corona-Politik.

Außerdem werde die Lockerung der Maßnahmen zur Folge haben, dass die Impfbereitschaft sinke, sagte Ceyhan der Oppositionszeitung „Cumhuriyet“. Dabei hatte die Regierung erst vor wenigen Wochen den türkischen Impfstoff Turkovac vorgestellt, der nach ihren Vorstellungen viele Impfskeptiker überzeugen soll.

Derzeit sind in der Türkei rund 84 Prozent der über 18-Jährigen mindestens zweimal geimpft; etwa 23 Millionen der 84 Millionen Türken haben eine Booster-Impfung erhalten.

Ceyhan ging hart mit Kocas Lockerungskurs ins Gericht. Die Regierung gebe ihren Kampf gegen die Pandemie praktisch auf, sagte er. Wenn richtig getestet würde, hätte die Türkei sicher mehr als 200.000 Fälle pro Tag, und nicht 60.000 bis 70.000 Neuinfektionen, wie es offiziell heiße. Die Regierung handele nach dem Motto: „Soll sich Omikron doch ausbreiten, sollen doch Tausende Menschen sterben,“ so Ceyhan. Auch Ärzteverbände warfen der Regierung vor, Menschenleben aufs Spiel zu setzen. Experten warfen der Regierung vor, die Türkei auf einen Blindflug zu schicken.

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