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Rauchen: Warum E-Zigaretten, Shishas und Co. die Lunge nicht schonen

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 14.04.2019 Klahre, Andrea S.

Verführung durch trendiges Aussehen. © dpa Verführung durch trendiges Aussehen.

Nicht immer muss die defekte Heizung Ursache einer Kohlenmonoxid-Vergiftung sein. Nutzer von Nikotin-Alternativen ahnen nicht, was sie sich antun.

Ein unnatürlich warmer Frühlingsmittag in der Großstadt. Wenn es nicht nach Autoabgasen stinkt, dann nach Zigarettenqualm. Manche Raucher verschwinden kurzfristig auch einfach hinter geruchlosen oder nach Obstsalat duftenden Dampfschwaden. In einer Hand halten sie den Kaffeebecher, in der anderen die E-Zigarette. Oder ist das eine Shisha to go?

Immer mehr Institutionen – Fachgesellschaften, Forschungseinrichtungen, Krankenkassen, Gesundheitsbehörden – haben immer mehr Gründe, auf die unterschätzten Risiken all der Apparaturen hinzuweisen, die das echte Zigarettenfeeling ersetzen sollen.

„Denn weder die einzelnen Typen noch die mehreren Tausend Liquids, die es auf dem Markt gibt, sind harmlose Lifestyle-Produkte“, schreiben Dr. Ute Mons und Dr. Katrin Schaller in der Fachzeitschrift Pneumologie (12/2018). Mons, die Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, und ihre Kollegin haben alle bislang veröffentlichten Studien zu Elektrozigaretten gesichtet und der Idee „Lunge schonen mit gesünderen Alternativen“ letztlich eine Abfuhr erteilt.

Kontraproduktiv hierbei: Deutschland ist in der EU der letzte Staat, der Außen- und Kinowerbung für Tabakerzeugnisse uneingeschränkt erlaubt. Selbst wenn das genaue Gefährdungspotenzial von E-Zigaretten noch unbekannt ist und die Schadstoffe im Aerosol geringer sind als im Tabakrauch – sie können Gesundheitsprobleme auslösen.

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„Einzelne Substanzen können sogar höhere Konzentrationen als im Tabakrauch erreichen“, so die Autorinnen. Vor allem bei Überhitzung könne das Aerosol ähnliche Mengen an krebserregendem Formaldehyd enthalten. Als Aerosol wird das gasförmige Gemisch aus festen und flüssigen Schwebeteilchen bezeichnet, das bei der Erhitzung einer aromatisierten, meist nikotinhaltigen Flüssigkeit entsteht.

Dieses sogenannte Liquid wird inhaliert. Mögliche Folgen: Entzündete Atemwege, Durchblutungsstörungen, Eosinophile Pneumonie – eine besondere Form der Lungenentzündung, bei der sich Immunzellen in der Lunge ansammeln und Beschwerden wie Husten, Fieber, Atemnot, Schwitzen in der Nacht auslösen.

Ähnliches gilt für Shishas. Untersuchungen zeigen, dass der Dunst von Wasserpfeifen mindestens so viele Schadstoffe enthält wie der von Zigaretten. Der Gehalt an Kohlenmonoxid (CO) ist aber etwa zehnmal so hoch. Wer in eine Nebelbude, vulgo: Shisha-Bar, geht und damit automatisch dicke dreckige Luft atmet, wird früher oder später mit einer CO-Vergiftung rausgetragen. Die Symptome reichen von Übelkeit und Kopfschmerzen bis zu Bewusstlosigkeit und Tod.

Wer's überlebt und weiter macht, schädigt die DNA, begünstigt Krebs, Herz-Kreislauf- und schwere Atemwegserkrankungen, zum Beispiel ein irreversibel überblähtes Lungengewebe (Emphysem). Die Hamburger Gesundheitsbehörde hat deshalb im Februar dieses Jahres einen Gesetzentwurf beschlossen, der Betreibern von Shisha-Bars verbindliche Vorgaben zum Gesundheitsschutz macht.

Ob sich wenigstens Tabakerhitzer für längerfristigen Genuss ohne Reue eignen, ist noch unklar, es gibt sie erst seit 2017. Hierbei wird Tabak nicht wie bei einer Zigarette bei 600 bis 800 Grad verbrannt, sondern auf etwa 350 Grad erwärmt. Es soll riechen und schmecken wie echt und deutlich weniger Krebserreger produzieren.

Neugierde Auf Alternativen

Dies wird nach der ersten Prüfung des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts Sigmaringen und des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) wieder und wieder zu beweisen sein. „Die Vielzahl neuartiger Produkte auf dem Tabak- und Nikotinmarkt stellt die Risikobewertung vor völlig neue Herausforderungen“, sagte Professor Reiner Wittkowski, Vizepräsident des BfR, im vergangenen Jahr bei einem Expertentreffen in Berlin zum Thema Tabak und Sucht.

Stichwort Sucht. Jugend und Sucht. Zwar werden Zigaretten für Teens uninteressanter, dafür sind sie häufig neugierig auf Alternativen. Aktuellen Daten zufolge haben hierzulande 16,4 Prozent der 14- bis 17-Jährigen schon einmal E-Zigaretten versucht und 2,8 Prozent verwenden sie regelmäßig. Etwa fünf Prozent der Jugendlichen (und Erwachsenen) sind Shisha-Nutzer.

Drogenbeauftragte sind alarmiert: Junge Konsumenten können so auf Abhängigkeit programmiert werden, weil sie eher mit dem Rauchen beginnen. Seit Ende letzten Jahres nun noch Juul in Deutschland zugelassen ist, wird das Risiko quasi befeuert. Die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) hat vor der stark nikotinhaltigen E-Zigarette (59 mg pro ml) gewarnt, weil sie bereits Kinder verführt: durch das trendige Aussehen wie ein USB-Stick und „leckere Geschmacksrichtungen“.

Zwar gilt in der EU für E-Zigaretten eine Obergrenze von 20 Milligramm Nikotin pro Milliliter, doch selbst damit enthält das neue Produkt zu viel davon. Außerdem darf es, wie gesagt, bundesweit wie alle Rauchwaren und Ersatzerzeugnisse intensiv beworben werden: auf Plakatflächen, an Verkaufsstellen, im Kino nach 18 Uhr. Die Industrie macht exzellente Lobbyarbeit, Agenturen mit individuellen ethischen Standards setzen weiträumig um, auch vor Schulen und um Schulen herum.

Experten fordern seit Jahren, das zu verbieten; sie sind der Ansicht, dass es eine Kausalität gibt zwischen Werbung und Konsum. Mit 25 Prozent liege die Raucherquote in Deutschland höher als in vergleichbaren Industrieländern wie den Niederlanden. Tabak-PR hole bei Teenagern das Rauchen ins Bewusstsein, fördere es als erstrebenswertes Verhalten, verbessere die Markenerkennung.

Bei der Bevölkerung stößt die regierungsseitige Ignoranz inzwischen sehr sauer auf. In aktuellen Umfragen oder Petitionen wie die der Nichtregierungsorganisation +SumOfUs spricht sich eine Mehrheit für ein umfassendes Werbeverbot aus. Der Druck bleibt hoch, schlussendlich ist sogar politisch wieder Bewegung in die Diskussion gekommen.

Mehrheit für ein Werbeverbot

Vor Weihnachten 2018 fand im Bundestag eine öffentliche Anhörung zu einem Gesetzentwurf der Grünen und einem Antrag der Fraktion Die Linke statt. Es ging nicht nur um das totale PR-Aus für Zigaretten, die Antragsteller wollen ebenfalls eines für E-Zigaretten und Nachfüllbehälter, für die kostenlose Abgabe von Tabakerzeugnissen und für sämtliche Formen von Marketing, Promotion und Sponsoring, das sich gezielt an Jugendliche richtet.

Sechs von acht Sachverständigen haben sich dafür ausgesprochen, darunter auch die Privatdozentin Dr. Ute Mons. Naturgemäß dagegen war der Sprecher des Deutschen Zigarettenverbands. Der emeritierte Staats- und Verwaltungsrechtler Professor Christoph Degenhart hatte ebenfalls Bedenken. „Es ist nicht Aufgabe des Staates, erwachsene Bürger vor sich selbst zu schützen … und daran zu hindern, sich in Besitz legaler Produkte zu bringen, ob entgeltlich oder unentgeltlich“, heißt es in dessen Stellungnahme.

Darin bestreitet Degenhart auch, dass die Wirkung von Werbung gerade auf Heranwachsende gut belegt wäre. Und: „Die Erwägung, Jugendliche generell vor der Konfrontation mit unerwünschten Inhalten bewahren zu wollen, ist verfassungsrechtlich nicht hinreichend legitimiert.“ Die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages kamen dagegen schon 2016 zum Ergebnis, dass ein Werbeverbot „einen verfassungsrechtlich legitimen Zweck verfolgt und auch geeignet und erforderlich ist.“

So werden die Strategiebälle hin und her gespielt. Auch jetzt ist der Ausgang wieder offen, aller Eindeutigkeiten zum Trotz, selbst der: Rauchen ist das größte vermeidbare Krebsrisiko unserer Zeit. Darauf können allein im letzten Jahr rund 85.000 Tumorerkrankungen zurückgeführt werden. Das sind 19 Prozent aller neuen Diagnosen.

Drei neue Factsheets des Deutschen Krebsforschungszentrums zu Wasserpfeifen, E-Zigaretten und Tabakerhitzern geben einen Überblick über Gesundheitsgefahren, Abhängigkeitspotentiale, Belastung Dritter sowie Regulierung der Produkte und sind hier abrufbar.

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