Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Schuldspruch für Kirill Serebrennikow

dw.com-Logo dw.com 26.06.2020 Anastassia Boutsko

Ein Gericht in Moskau hat den russischen Starregisseur Kirill Serebrennikow wegen angeblicher Unterschlagung öffentlicher Gelder schuldig gesprochen.

Kirill Serebrennikow im Gerichtssaal mit Mundschutz © picture-alliance/dpa/V. Prokofyev Kirill Serebrennikow im Gerichtssaal mit Mundschutz

Der russische Starregisseur Kirill Serebrennikow und zwei Mitangeklagte hätten "einen Betrug in besonders großem Ausmaß begangen", sagte Richterin Mendeleewa bei der Verlesung des Urteilsspruchs. Das Strafmaß gab sie noch nicht bekannt. Das Verfahren hatte in Russland und international für Kritik gesorgt.

Kirill Serebrennikow selbst beteuerte stets und im wortgewaltigen Schlusswort seine Unschuld. Die Anklage hatte sechs Jahre Lagerhaft gefordert, wie Staatsanwalt Michail Resnitschenko am vergangenen Montag, 22. Juni, vor dem Meschanskij-Amtsgericht Moskau vortrug.

Solidarität mit Serebrennikow

Zahlreiche russische und internationale Künstler hatten sich schon im Vorfeld der Urteilsverkündung mit Serebrennikow solidarisiert. Über 3000 prominente russische Kulturschaffende haben einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie sich für Serebrennikow stark machten. Auch Kanzlerin Angela Merkel und internationale Stars hatten sich für den Filme- und Theatermacher eingesetzt.

Mehrere Hunderte Schauspieler, Sänger, Kulturschaffende und Serebrennikow-Fans erschienen am Freitag vor dem Gerichtsgebäude in Moskau. Sie empfingen Serebrennikow und andere Angeklagte mit Beifall. Viele trugen T-Shirts mit der Aufschrift "Free Kirill!". Mehre russische Sender haben über die Urteilsverkündung live im Internet berichtet.

Demonstration für Kirill Serebrennikow in Berlin © DW/N. Jolkver Demonstration für Kirill Serebrennikow in Berlin

Auch in Berlin versammelten sich Kulturschaffende zu einer Protestaktion vor der Botschaft der Russischen Föderation. Unter anderen beteiligten sich Thomas Ostermeier, Intendant der Schaubühne Berlin und der Schauspieler Lars Eidinger an der Aktion. Ostermeier hatte ein Mappe mit 56.000 Unterschriften der Serebrennikow-Unterstützer dabei und bezeichnete die Verurteilung Serebrennikows im Gespräch mit der DW als "skandalös und empörend".

Was war Serebrennikow vorgeworfen?

Laut Urteil soll der heute 50-Jährige international angesehene Theaterregisseur und Filmemacher Serebrennikow für die Veruntreuung von 129 Millionen Rubel (ca. 1,6 Millionen Euro) staatlicher Fördergelder verantwortlich sein.

Serebrennikow ist eine der zentralen Figuren der russischen Kultur. Zuletzt inszenierte er im März für das Deutsche Theater in Berlin das Stück "Decamerone".

Vom russischen Kulturministerium wurde dem Projekt "Platforma", das Serebrennikow gegründet und geleitet hat, im Zeitraum zwischen 2009 und 2015 eine Fördersumme von insgesamt 216 Millionen Rubel zur Verfügung gestellt. "Platfoma", ein Magnet für junge, innovative Theatermacher und ihr Publikum, setzte in sechs Jahren über 340 Theaterprojekte um. Die Bandbreite reichte von Kammerstücken für wenige Zuschauer bis hin zu in gefüllten Stadien ausgetragenen Events. Als Hauptspielort diente dem Projekt ein zum Kulturzentrum umfunktioniertes Fabrikgebäude in Moskau – "Winzavod". Der persönliche Stil von Serebrennikow setzte auf eine Verschmelzung von Sprechtheater, Film, modernem Tanz, Medien und neuer Musik. Auch als Opernregisseur hat er sich einen Namen gemacht.

Repression oder Tauwetter? Karikatur von Sergey Elkin zur vorübergehenden Freilassung von Kirill Serebrennikow © Provided by Deutsche Welle Repression oder Tauwetter? Karikatur von Sergey Elkin zur vorübergehenden Freilassung von Kirill Serebrennikow

Serebrennikow wußte das Schlusswort für sich zu nutzen

Das Kulturzentrum genoss Kultstatus vor allem bei jungen Menschen, denn, so Kirill Serebrennikow in seinem Schlusswort, "die Jugend entscheidet sich immer für Freiheit (...). 'Platforma' vermittelte den Künstlern und Zuschauern das Gefühl, dass die Ideale der Freiheit früher oder später auch hierzulande eine Grundlage unseres Lebens werden". Genau das sowie die kritische gesellschaftliche Haltung der innovativen Kulturschaffenden um Serebrennikow scheinen dem russischen Staat oder mindestens einem Teil seiner Machtelite ein Dorn im Auge gewesen zu sein.

Seit nach der relativ liberalen Präsidentschaft von Dmitri Medwedew (2008 bis 2012) das konservative Lager in den russischen Machtstrukturen die Oberhand hat, wird gegen die freie Kulturszene immer härter vorgegangen. Bereits 2014 gab es erste Steuerprüfungen und seit 2017 wird gegen Serebrennikow, seine Mitstreiter sowie eine Mitarbeiterin des Kulturministeriums, die Kunsthistorikerin Sofia Apfelbaum, ermittelt. Im August 2017 wurde Kirill Serebrennikow festgenommen und verbrachte die folgenden anderthalb Jahre unter Hausarrest.

Russische Justiz gegen Theater

Wer die Anklage gegen Serebrennikow genau verstehen will, muss sich durch einen Stapel teils widersprüchlicher Akten arbeiten. Die Anklage baut auf Zeugenaussagen der Buchhalter des Projektes "Platforma" auf, die beteuern, Fördergelder im großen Stil unterschlagen zu haben. Die Verteidigung und viele Beobachter gehen davon aus, dass die Zeugen unter Druck gesetzt wurden. Es wird darauf hingewiesen, dass angesichts der Anzahl und Qualität der umgesetzten Projekte die Fördersumme eher gering erscheine. Das verstehe, so Serebrennikow, jeder Mensch, der eine Ahnung vom Theater hat. Merkwürdig erscheint auch, dass vom Gericht insgesamt drei Gutachten in Auftrag gegeben wurden, wobei die ersten beiden die Angeklagten entlasteten und offensichtlich nicht ins Konzept passten.

Bessere Zeiten: Kirill Serebrennikow nach einer Premiere 2017 © picture-alliance/dpa/V. Vyatkin Bessere Zeiten: Kirill Serebrennikow nach einer Premiere 2017

Allerdings gab auch Serebrennikow in seinem Schlusswort zu, dass die Buchführung von "Platforma" schlampig - in seinem eigenen Wortlaut "katastrophal" – geführt worden sei. Er selbst habe sich nur um die künstlerische Seite und nicht um die Buchführung gekümmert. Man wolle nun aber diese Fehler ausnutzen, um "die Botschaft des Projektes und seiner Macher zu diskreditieren", so Serebrennikow. "Dennoch ist 'Platforma' ein Teil der Geschichte neuer russischer Kunst", unterstrich der Regisseur in seinem Schlusswort. "Während der gesamten Ermittlung hatte ich ein starkes Gefühl von Ungerechtigkeit. Denn mit 'Platfoma' haben wir und ich persönlich etwas wirklich Bedeutendes für unser Land geschaffen."

Der Prozess und seine Folgen

Das Verfahren gegen Serebrennikow wurde national und international als politischer Schauprozess kritisiert. Russische und internationale Beobachter befürchten, dass die Verurteilung Serebrennikows eine Signalwirkung haben wird.

So meinte der aus Russland ausgewanderte Galerist Marat Guelman, es würde nun kaum ein Kulturschaffender "wagen, ein eigenes Projekt in Russland zu starten". Auch der in Berlin lebende Komponist Sergej Newski, der mit Serebrennikow gearbeitet hatte, ist der Meinung, dass die Verurteilung des Regisseurs eine nachhaltige Wirkung für die russische Kultur und dessen Wahrnehmung in der Welt haben wird. "Diese Verurteilung wird für immer ein Schandflecken auf der Weste der russischen Machthaber sein. Es ist aber auch erneut vorgeführt worden, dass Kunst und Macht in Russland unterschiedliche Sprachen sprechen".

Autor: Anastassia Boutsko

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von dw.com

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon