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US-Wahlkampf 2020: Corona-Virus bringt Vorwahlen durcheinander

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 18.03.2020 Marc Pitzke

Die Coronakrise beherrscht den Vorwahlkampf. Donald Trump versucht sich als Krisenmanager. Und eine Viren-Ärztin bekommt ein unerwartetes Twitter-Lob. Das ist die USA-Lage.

© Edel Rodriguez/ DER SPIEGEL

Die Coronavirus-Pandemie hat die USA in ihre größte politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise seit Generationen gestürzt - und auch den Vorwahlkampf der Demokraten auf den Kopf gestellt. Strategien sind auf einmal hinfällig, Wahlprogramme obsolet. Termine, Umfragen, Prognosen: Nichts gilt mehr, keiner kann sagen, wie es weitergeht. Eine Region nach der anderen fällt unter die Ausgangssperre. Es sind beispiellose, beängstigende Tage.

Trotzdem rattert die Vorwahlmaschine erst mal weiter, ein Anachronismus aus ferner Vergangenheit (sprich: Februar 2020). Am Dienstag traten Joe Biden und Bernie Sanders zu einer neuen Runde an, in Florida, Illinois und Arizona. Der Ex-Vizepräsident setzte seinen Durchmarsch erwartungsgemäß fort, den Swing State Florida, ohne den niemand Präsident wird, gewann er mit fast 62 Prozent. Damit ist die Sache gelaufen (Die Wahlanalyse meiner Kollegen Ralf Neukirch und René Pfister lesen Sie hier).

Vorwahlen im Zeichen der Coronakrise: "Im Gemeindezentrum, wo die Wahlurnen sind, stehen Flaschen mit Desinfektionsmittel für die Hände", berichtet Ralf Neukirch aus "The Villages", einer Seniorensiedlung in Florida. "Wer will, kann sich Gummihandschuhe anziehen, um in die Wahlkabine zu gehen." Trotzdem seien viele aus Angst vor Ansteckung zu Hause geblieben. Zehntausende hatten aber schon vorher per Briefwahl angestimmt, insgesamt lag die Wahlbeteiligung sogar noch höher als 2016. Ein Omen? Vielleicht sollte man künftige Wahlen ganz in absentia abhalten.

Manche Staaten diskutieren das im Angesicht der Krise schon, zumindest für dieses Jahr. Wyoming hat seinen Caucus im April auf Briefwahl umgestellt. Georgia, Louisiana, Maryland, Ohio - das am Dienstag ebenfalls dran gewesen wäre - und das US-Inselterritorium Puerto Rico haben ihre Vorwahlen verschoben. Andere dürften folgen. Der penibel ausgetüftelte Terminkalender kippt.

Zumal immer mehr Städte ihren Bürgern abraten oder ganz verbieten, das Haus zu verlassen. In New York ist das öffentliche Leben bereits weitgehend zum Erliegen gekommen, auch das SPIEGEL-Büro ist von Manhattan ins Homeoffice nach Brooklyn umgezogen. Fraglich ist, ob die New Yorker Vorwahlen noch am 28. April stattfinden. Als neuer Termin ist der 23. Juni im Gespräch, nur drei Wochen vor dem Parteitag.

Bis dahin wird sich das Leben in den USA brutal verändern. Wird es überhaupt noch einen Parteitag geben, das alte Krönungsritual für Kandidaten?

Biden und Sanders machen sowieso längst nur noch Wahlkampf auf Distanz, notgedrungen. Warum dann noch weiterstreiten? Warum sich nicht verbünden zur geschlossenen Front gegen das Virus und Donald Trump? Die Schwächen des einen sind die Stärken des anderen. Bidens erste "virtuelle Townhall" war ein Flop, Sanders' YouTube-Kamingespräch ein Hit, während seine Massenkundgebungen höchstwahrscheinlich vorbei sind.

Biden ist nach den letzten Siegen kaum mehr einzuholen. Ein weitere einflussreiche Prominente hat sich für ihn ausgesprochen: Anna Wintour, die Chefredakteurin der "Vogue". Biden sei ein "Mann mit Charakter", er stehe für all das, was politische Mangelware sei: "Anstand, Ehre, Mitgefühl, Vertrauenswürdigkeit und, am wichtigsten, Erfahrung."

Qualitäten, die Donald Trump bisher vermissen ließ, vor allem in der Coronakrise. Nachdem der Präsident die Lage lange verharmlost hatte, gab er sich diese Woche erstmals staatsmännisch und bemüht bedacht, als stünde er selbst unter Schock. Doch die Erfahrung zeigt: Trump bleibt Trump.

Wer dagegen als Krisenmanager brilliert, ist New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo. Der Demokrat steuert die New Yorker mit täglichen Pressekonferenzen durch die Notlage - informativ und ohne Scheu vor Gefühlen. Als er von seinem "kleinen Bruder", dem CNN-Moderator Chris Cuomo, interviewt wurde, endete das Gespräch mit einem liebevollen Streit darüber, wer der Lieblingssohn der Mutter sei. "Ich bin ihr Liebster", beharrte der Gouverneur. Es war Moment des Lächelns in einer grimmigen Nacht.

Was sagen die Umfragen?

Umfragen sind zurzeit weniger zu vertrauen denn je. Fast täglich ändert sich das Umfeld, Emotionen erfassen die Leute. Wer denkt noch an Revolution, wenn unklar ist, wer überlebt? Anfang der Woche, als die Coronakrise ernst wurde, lag Biden laut dem Umfragebarometer von RealClearPolitics landesweit mit fast 21 Prozentpunkten vor Sanders. Die Botschaft an Trump und Sanders: Erfahrung ist das Wort der Stunde.

Trend der Woche

Laut Gallup sind fast zwei Drittel der Amerikaner inzwischen "sehr" oder "etwas" beunruhigt, dass sie oder ein Familienmitglied sich mit dem Virus anstecken. Trotzdem bleibt das Land polarisiert: 73 Prozent der Demokraten sorgen sich - aber nur 42 Prozent der Republikaner. Manche halten das Virus womöglich für Fake News oder eine Verschwörung der Demokraten. Ihnen kann man nur das Beste wünschen.

Faktencheck der Woche

Wo soll man anfangen? Seit Beginn der Krise verbreitete Trump Falschinformationen über das Coronavirus - bewusst oder aus Ignoranz. Eine unvollständige Auswahl:

  • "Wir haben es total unter Kontrolle."

  • "Es sieht so aus, als wenn es theoretisch bis April, wenn es ein bisschen wärmer wird, auf wundersame Weise verschwindet."

  • "Wir sind sehr nah an einem Impfstoff dran."

  • "Die 15 (Infizierten) werden in ein paar Tagen auf fast Null sinken."

  • "Das ist wie die Grippe."

  • "Was immer passiert, wir sind total vorbereitet."

  • "Jeder, der einen Test will, kriegt einen Test."

  • "Ich merkte, dass es eine Pandemie war, lange bevor es eine Pandemie genannt wurde."

Wahlkampffigur der Woche

Anfang Februar, nach den ersten Vorwahlen in Iowa und New Hampshire, galt Biden als abgeschrieben. Dann krempelte er sein Team um. Wichtigste Neueinstellung: Anita Dunn, seither Chefberaterin. Sie rettete Bidens Kandidatur und machte ihn zum Spitzenreiter. Die 62-jährige begann ihre Karriere als Praktikantin für Jimmy Carter und war 2008 einer der Köpfe hinter Barack Obamas historischem Sieg. Ihr Lebenslauf hat auch kontroverse Stationen, etwa eine (kurze) Beratertätigkeit für den gestürzten Filmmogul Harvey Weinstein. Eigentlich wollte Dunn sich aus der Politik zurückziehen, Biden lockte sie noch mal ins Geschäft.

Social-Media-Moment der Woche

Als die Epidemiologin Rachel Patzer aus Atlanta auf Twitter berichtete, dass sie mit ihrem Mann, einem Notarzt, und drei kleinen Kindern zur freiwilligen Isolation in die Garage gezogen sei, bekam sie eine prominente Antwort - von Obama. "Wir schulden unseren Gesundheitsexperten und allen, die an der Front dieser Epidemie stehen, tiefe Dankbarkeit", schrieb der Ex-Präsident. "Sie geben alles."

Storys der Woche

Diese Geschichten unseres US-Teams möchte ich Ihnen ans Herz legen:

Ich wünsche Ihnen eine gute und vor allem gesunde Woche!

Herzlich,

Ihr Marc Pitzke

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