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Viktor Jerofejew: „Mit Alla Pugatschowa beginnt ein großer Wechsel in Russland“

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung vor 4 Tagen Friedrich Conradi
© Bereitgestellt von Berliner Zeitung

Die Sängerin Alla Borissowna Pugatschowa ist nicht eine, sondern die Kultfigur in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und die erfolgreichste sowjetische Sängerin aller Zeiten. Nachdem sie bereits 2014 nach der Annexion der Krim in einer Rede „Frieden, Frieden, Frieden für die ganze Welt“ gefordert und sich ihr Mann schon am Anfang des Krieges in der Ukraine kritisch geäußert hatte, waren die beiden nach Israel ausgewandert. Nun hat sich Pugatschowa erneut geäußert: In einem brisanten Post auf Instagram, der enorme Resonanz erfährt, fordert die Sängerin das Justizministerium dazu auf, sie in die Liste der „ausländischen Agenten“ aufzunehmen.

Laut russischen Medien befindet sich Pugatschowa sogar wieder in ihrer Heimat, was den Post noch politischer und gefährlicher für sie persönlich machen würde. Unter anderem Udo Lindenberg hat sich inzwischen mit der Mezzosopran-Sängerin im Widerstand solidarisiert. Von russischen Politikern und Prominenten hingegen erntete Pugatschowa Häme und Hasskommentare für ihren Post, in dem sie neben der Forderung an das Justizministerium auch beklagte, dass russische Soldaten für illusorische Ziele stürben. Sie erklärte sich mit diesem Statement aber auch solidarisch mit ihrem Man, dem äußerst berühmten russischen Comedian Maksim Galkin. Nach seiner fortwährenden Kritik am Angriffskrieg darf er in seiner Heimat nicht mehr im Fernsehen auftreten.

Der weltberühmte Autor und russische Dissident Viktor Jerofejew ist seit Langem mit Alla Pugatschowa befreundet. Jerofejew hatte den Angriffskrieg ebenfalls von Anfang kritisiert und in der Berliner Zeitung schon vor dem Ausbruch der Gefechte gewarnt, Russland habe es auf die ganze Ukraine abgesehen. Er floh im Februar aus Moskau nach Deutschland. In den frühen Jahren seiner Schriftstellerkarriere, so Jerofejew im Gespräch mit dieser Zeitung, wurden beide gemeinsam im nationalistischen Magazin der Organisation Molodaja Gwardia (Junge Wache) als Feinde der russischen Kultur bezeichnet. Pugatschowa, so scheint es, hat sich wohl deutlich früher politisiert, als viele deutsche Medien es suggerieren. Jerofejew: „Bis heute prägt diese Reputation als Dissident ihre und meine Karriere und unsere öffentliche Wahrnehmung. Diese Kritik hat uns auch zusammengeschweißt. Wir sind bis heute in gutem Kontakt.“

Auch Jerofejew sagt, dass Pugatschowa in Russland sei. Dort derart vehemente Kritik am Krieg in der Ukraine zu üben, ist mutig – ja, gefährlich. Kurz nach dem Statement äußerte sich ausgerechnet der Leiter der Menschenrechtskonvention des russischen Präsidenten, Waleri Fadejew, in aggressiver Weise über die Sängerin: „Diese Dichterlinge, Harlekine und Gaukler brauchen bloß eine Möglichkeit, zu singen und zu tanzen, zu feixen und vulgär klugzuscheißen.“ Jerofejew glaubt, dass der Kreml nun viel in Bewegung setzen wird, um Pugatschowa mundtot zu machen, sie als verrückt darzustellen, so weit wie möglich zu canceln und vergessen zu machen.

Dass diese Strategie aufgehen wird, daran will der Moskauer Autor allerdings nicht glauben. Im Gegenteil: „Ich glaube, dass das der Startschuss für große Verschiebungen in Russland sein wird. Das ist mehr als nur symbolisch, Pugatschowa ist unglaublich berühmt und beliebt. Ihr Statement wird zu großen Diskussionen über diesen Krieg führen, das hat auch schon angefangen.“ Für die Menschenrechtskonvention hat Jerofejew scharfe Worte übrig: „Schande über diese Propagandisten des Kreml. Pugatschowa ist eine große Frau und klüger als alle ihre Kritiker zusammen. Sie trägt die Wahrheit in die Öffentlichkeit und hat schon jetzt Geschichte geschrieben.“

Pugatschowa hat nach dem Statement zumindest auf Instagram nichts mehr veröffentlicht. Unter ihrem Beitrag aber sammeln sich im Sekundentakt inzwischen über 108.000 Kommentare. Fast alle mit vielen Likes sind positiv und in russischer Sprache. Besonders weit oben, mit 14.000 Likes steht: „Alla Pugatschowa, Sie sind unglaublich!“

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