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Wissenschaftler in der Corona-Krise: Unsicherheit, wohin man blickt

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 30.04.2020 Nina Weber

Coronavirus © dpa Coronavirus

Die Wissenschaft steht stärker im Fokus denn je. Zeit zu erklären, was sie leisten kann – und was nicht.

Wir wissen, dass das Coronavirus Menschen tötet. Wir wissen weder, wie viele es genau sind, noch wie viele der Infizierten es trifft. Und wir wissen auch nicht, auf wie viele verlorene Lebensjahre sich diese Todesfälle summieren. Man kann sogar darüber streiten, wann Covid-19 eigentlich als Todesursache zählen darf.

Wir wissen, dass Kinder in den allermeisten Fällen bei einer Sars-CoV-2-Infektion nicht krank werden. Wir wissen nicht sicher, ob sie die Infektion trotzdem weitergeben oder ob sie nicht ansteckend sind.

Wir wissen, dass sich die Krankheit in Deutschland stärker ausbreitet, wenn die Reproduktionszahl über 1 steigt. Wir wissen nicht genau, wie hoch R gerade ist.

Trotz aller Wissenslücken prägen die drei aufgezählten Sachverhalte aktuell das Geschehen in Deutschland. Und die Liste ließe sich verlängern.

Dass Deutschland, wie viele andere Staaten, der Verbreitung von Covid-19 mit Kontaktsperren und weiteren Einschränkungen entgegenwirkt, beruht darauf, dass die Krankheit allgemein als zu tödlich eingeschätzt wird, um sie sich einfach ungehindert verbreiten zu lassen. Dass Kitas und Schulen geschlossen sind oder nur eingeschränkt geöffnet werden, hängt auch damit zusammen, dass man aktuell nicht ausschließen kann, dass Kinder das Virus weitergeben können.

Und viele verfolgen gebannt, auf welchem Wert R aktuell steht, spätestens seit Kanzlerin Angela Merkel Mitte April erklärte, dass das Gesundheitssystem bei R=1,1 im Oktober an seine Grenzen geraten würde, bei R=1,2 im Juli, bei R=1,3 im Juni. Im Situationsbericht des Robert Koch-Institus (RKI) wird die Reproduktionszahl, Datenstand 28. April, auf R = 0,9 (95 Prozent-Konfidenzintervall: 0,7-1,0) geschätzt. Was salopp formuliert bedeutet: Der geschätzte Wert R beträgt rund 0,9 und liegt aktuell mit sehr großer Wahrscheinlichkeit zwischen 0,7 und 1,0. Genauer lässt sich das nicht sagen beziehungsweise schätzen.

Die Wissenslücken und Unsicherheiten, die sich in Bezug auf die meisten Fragestellungen zu Covid-19 auftun, sind frustrierend. Umso frustrierender, als die Antworten, um die die Forschung gerade ringt, aktuell einen gewaltigen Einfluss auf unser Leben nehmen.

Erkenntnis entsteht aus dem Disput

Auch in Artikeln im SPIEGEL schimmert dieser Frust zunehmend durch. "Das Kapital der Experten ist aufgebraucht, das Image der Virologen angekratzt", steht in einem Gastbeitrag - und das klingt so, als hätten sich die Virologen einmal zu oft verschätzt und müssten nun beim nächsten Fehler abtreten. Gleichzeitig lässt es die Frage offen, wer denn an ihre Stelle treten sollte, wenn es darum geht, ein Virus zu verstehen, das erst vor wenigen Monaten entdeckt wurde. Ökonomen? Physikerinnen? Interessierte Laien?

Der Theaterregisseur Frank Castorf spricht von "Dekreten von Virologie-Professoren". "Für mich entsteht Erkenntnis aber nicht aus dem Dekret, sondern aus dem Disput, aus der Auseinandersetzung von These und Antithese", sagt Castorf. Unter den vielen nur schwer zu ertragendem Aussagen in seinem SPIEGEL-Interview verdient dieser eine Satz einen kurzen Applaus, denn er beschreibt ja, wie Wissenschaft im Wesentlichen funktioniert.

Wer sich umschaut, stellt fest, dass "die Wissenschaft" keine Dekrete erlässt und keine absoluten Wahrheiten aufstellt. Das kann sie gar nicht. Wissenschaft, gute Wissenschaft, ist immer die mühsame Arbeit, sich der Wahrheit so weit wie möglich zu nähern und gleichzeitig nicht zu vergessen, dass einerseits Zweifel und Unsicherheiten immer Raum einnehmen und andererseits völlig haltlose Thesen dennoch irgendwann verworfen werden dürfen (Stichwort: Homöopathie).

Wer absolute Wahrheiten verlangt, muss sich an die Religion wenden, nicht an die Wissenschaft. Und die Dekrete, im Sinne von Gesetzen, liegen ebenfalls nicht in Virologenhand, wie Frank Castorf argwöhnt, sondern bei Bundes- und Landesregierungen.

Wenn Wissenschaftler ihre Meinung ändern, weil sich die Datenlage geändert oder ihre Forschung sie zu neuen Erkenntnissen gebracht hat, ist das kein Zeichen von Unentschlossenheit, sondern im Sinne der Sache. Sorge sollten uns vielmehr die vermeintlichen Experten bereiten, die ungeachtet neuer Informationen stumpf auf ihren Thesen beharren.

Natürlich ist solch ein wissenschaftlicher Diskurs entspannter zu verfolgen, wenn es etwa um das Informationsparadoxon Schwarzer Löcher geht oder die evolutionäre Entwicklung von Bach- und Flussneunaugen, also das eigene Leben nur sehr indirekt betrifft. Man kann schon ungehaltener auf all die Unsicherheiten und Wissenslücken reagieren, wenn plötzlich beim Einkauf eine Maske Pflicht ist, während es neben den Argumenten dafür auch relevante dagegen gibt - und beide auf einer wissenschaftlichen Datenlage fußen, die dünner ist als der Stoff eines selbstgenähten Mund-Nasen-Schutzes. Wie viel einfacher wäre es, wenn die Masken sicher schützen oder garantiert unnütz wären!

Schlechte Forschung hat es zu leicht

Weit ärgerlicher ist indes, in welchem Maß die Coronakrise schlechte medizinische Forschung hervorbringt, die große Beachtung findet. Erinnern Sie sich an die erste Studie, durch die das Malariamittel Hydroxychloroquin bekannt wurde? Zur Auffrischung: Eine kleine Gruppe Patienten, keine geeignete Placebo-Kontrollgruppe, eine relevante Anzahl jener, die das Medikament bekommen hatten, wurden bei der Datenauswertung ausgeschlossen - um nur einige der wichtigen Kritikpunkte an der Arbeit zu nennen.

Normalerweise würde so eine Studie zu Recht kaum Beachtung finden, doch in der aktuellen Notlage, in der ein effektives Medikament dringend gesucht wird, haben es vermeintliche Durchbrüche leicht. Aber das Fehlen eines effektiven Medikaments darf nicht dazu verleiten, die nötigen Studien laxer durchzuführen. Den Preis dafür bezahlen nämlich die Patienten, weil im Zweifel Medikamente mehr schaden können als nützen. Doch das erfahren Ärztinnen und Ärzte nur, wenn gute, Placebo-kontrollierte Studien durchgeführt worden sind. Sonst weiß weder der einzelne Arzt noch sein Patient, ob tatsächlich das Medikament geholfen hat oder ob der Kranke einfach so mit der Zeit genesen ist.

Wenn Sie sich also angesichts der Coronakrise über "die Wissenschaft" aufregen wollen: Regen Sie sich bitte über solche schlechten Studien und ihre Urheber auf. Und nicht über angebliche "Virologen-Dekrete".

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