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Berlins Drang nach Süden: Über einen geschäftstüchtigen Visionär, der Städte vereinen wollte

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 29.03.2020 Andreas Conrad

Wilhelm von Carstenn-Lichterfelde träumte von einer Fusion Berlins mit Potsdam. Seine Pläne scheiterten – doch sein Vermächtnis blieb.

Das Gutshaus Lichterfelde wird auch Carstenn-Schlösschen genannt. Es war für mehrere Jahre der Wohnsitz des Namensgebers. © Foto: Schöning/Imago Das Gutshaus Lichterfelde wird auch Carstenn-Schlösschen genannt. Es war für mehrere Jahre der Wohnsitz des Namensgebers.

Auch das wäre ein mögliches Groß-Berlin gewesen: eine Metropole, die sich nicht, wie 1920 geschehen, nach allen Richtungen aufplustert, sondern sich zielstrebig auf den Weg nach Südwesten macht, sich amöbenhaft der dort lockenden Residenzstadt nähert, sie schließlich erreicht und sich einverleibt.

Man nehme nur den 1892 veröffentlichten „Plan vom zukünftigen Berlin nach den Entwürfen von Carstenn-Lichterfelde“: Berlin ist trotz aller über die Jahrhunderte gesammelten Raumgewinne noch eine Stadt von bescheidenen Ausmaßen, vergleicht man sie mit anderen europäischen Metropolen.

Das ist auch dem genannten Plan zu entnehmen, der aber die Großstadt an der Spree vorausschauend auf dem Vormarsch Richtung Havel und Potsdam zeigt. Rosa Farben umgreifen als „zu bebauende Flächen“ den grünen Grunewald, im Süden reichen sie bis nach Kleinmachnow, Teltow, Stahnsdorf, sparen nicht einmal einen breiten Uferstreifen entlang der heutigen Havelchaussee aus, vereinigen sich schließlich südlich des Griebnitzsees mit den Ausläufern Potsdams.

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Der Mann, auf den sich die Kartenlegende beruft, Johann Anton Wilhelm von Carstenn-Lichterfelde, dürfte die auf Papier imaginierten Zukunftsträume mit Zufriedenheit studiert haben, bedeuteten sie doch die genaue Umsetzung der Vision von einer deutschen Hauptstadt, die er 1869, drei Jahre nach dem Sieg über die Österreicher, gegenüber König Wilhelm I. entworfen hatte: „Majestät, nach den Errungenschaften des Jahres 1866 ist Berlin zur ersten Stadt des Kontinents berufen, und was seine räumliche Ausdehnung anbelangt, so muss Berlin und Potsdam eine Stadt werden, verbunden durch den Grunewald als Park.“

Die Charlottenburger Straße trug für zwei Jahre seinen Namen

Groß-Berlin, dessen Geburt sich 2020 zum 100. Mal jährt, hat viele Väter, allen voran den damaligen Oberbürgermeister Adolf Wermuth. Auch er baute auf der Arbeit von Männern wie Carl Heinrich Wilhelm Conrad auf, dem Begründer der „Villenkolonie Alsen“ am Großen Wannsee, oder eben Carstenn, der das Wachstum Berlins nach Südwesten hin voraussah, die Villenkolonie Lichterfelde ins Leben rief und auch die Entwicklung von Wilmersdorf und Friedenau initiierte.

Wenig erinnert in Berlin noch an den Mann, dem die Stadt eines ihrer schönsten Wohnquartiere verdankt. Die Charlottenburger Straße im Weißenseer Gründerviertel trug seinen Namen nur von 1872 bis 1874, die beiden Jahre markieren den Höhepunkt von Carstenns Erfolg wie auch dessen Zerfall.

In der Lichterfelder Dürerstraße 33 hieß noch in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der dortige historische rote Klinkerbau Carstenn-Grundschule, heute gibt es im Bezirk Steglitz-Zehlendorf keine Schule dieses Namens mehr. Immerhin blieb zwischen Finckensteinallee und Parkfriedhof Lichterfelde die einen knappen Kilometer lange Carstennstraße. Sie erhielt 1899, drei Jahre nach dem Tod des Unternehmers, ihren Namen und zeigt besonders an ihrem nördlichen Ende noch die ursprüngliche, von Carstenn favorisierte Villenbebauung.

Der vornehme Sitz des Namensgebers

Carstenns Grab sucht man auf dem Parkfriedhof, der letzten Ruhestätte vieler ehemals prominenter Lichterfelder, vergebens, er wurde erst lange nach dessen Tod eröffnet. Es findet sich vielmehr als Berliner Ehrengrab auf dem Friedhof der alten Lichterfelder Dorfkirche.

Stände dort nicht ein zweites Gotteshaus, die 1900 geweihte, im Stil der Backsteingotik gehaltene Paulus-Kirche, sowie ein turmartiges Gebäude gleichen Stils aus der Frühzeit der Berliner Elektrizitätsversorgung, so könnte man vom Grab bis zu dem nur wenige 100 Meter entfernten Gutshaus Lichterfelde blicken, im Stil des Klassizismus gehalten und auch Carstenn-Schlösschen genannt, war es doch für Jahre der vornehme Wohnsitz des Namensgebers, an den auf einer „Berliner Gedenktafel“ erinnert wird. Heute wird es als Nachbarschaftszentrum und Kita genutzt.

Durch den sich dahinter anschließenden und bis hinunter zum Teltowkanal ziehenden Schlosspark dürfte Carstenn auf dem Höhepunkt seiner Berliner Jahre oft spaziert sein. Noch heute bietet er eine beliebte Möglichkeit, die abgasgeschwängerte Hektik des Hindenburgdamms mit ein paar Schritten hinter sich zu lassen und unter imposanten Baumriesen durchzuatmen.

„Napoleon der Bodenspekulation“

Geboren wurde Carstenn als Sohn eines Gutspächters am 12. Dezember 1822 in Neverstaven im damals noch dänisch verwalteten Holstein. 1854 hatte er das gräfliche Gut Wandsbek bei Hamburg erworben und zu einer Villenkolonie umgewandelt, war dabei zu einem schwerreichen Mann geworden. Ähnlich ging er in Berlin vor, was ihm zunächst noch mehr Geld, viel Ansehen als Visionär der Stadtplanung, aber auch den Ruf als „Napoleon der Bodenspekulation“ einbrachte.

Gerade die preußische und, wie sich allmählich andeutete, gesamtdeutsche Hauptstadt schien lohnend, den besseren Kreisen fern ihrer gewohnten Beletage-Quartiere in oft engen Stadtstraßen und vor allem fern der in Berlin um sich greifenden Mietskasernen-Tristesse ein Wohnen im Grünen anzubieten.

Die heruntergewirtschafteten, von Carstenn 1865 erworbenen Rittergüter Lichterfelde und Giesensdorf, nicht den Beschränkungen durch die Berliner Baupolizei unterworfen, schienen ihm geeignetes Terrain. Einige Jahre später folgte der Kauf des Ritterguts Deutsch-Wilmersdorf, aus dessen südlichem Teil wurde später Friedenau.

Carstenn finanzierte mehrere Bahnhöfe in Lichterfelde

Als erste Baumaßnahme ließ Carstenn das künftige Lichterfelder Baugelände durch Straßen erschließen. Carstenn überzeugte die Oberen der Anhalter Bahn, auf seine Kosten einen neuen, am 20. September 1868 eröffneten Bahnhof zu bauen, die heutige Station Lichterfelde Ost. Vier Jahre später folgte auf der Potsdamer Bahn die Station Lichterfelde West, finanziert durch Carstenn.

Auch die weitere Entwicklung des weitläufigen Areals erforderte zunächst hohe Investitionen und gute Verkaufsideen. Ein neu errichtetes Pavillon-Restaurant am Dorfanger Lichterfelde lockte zuverlässig noble Gäste und damit potenzielle Grundstückskäufer an.

Teilweise verschenkte Carstenn sogar Bauland, baute selbst und veräußerte die Häuser, bot günstige Finanzierungen, und bald lief das Geschäft, wie er später schrieb, „ganz von selbst“. Nur mussten die Käufer die von ihm erlassenen Bauvorschriften einhalten: Nicht mehr als zwei Stockwerke, festgelegte Abstände zu Nachbarhäusern und Straße und Industrieansiedlungen waren sowieso untersagt.

Er wollte auch im ehemaligen Rittergut Deutsch-Wilmersdorf Grundstücke erwerben

Die Villenkolonie wurde zu einem großartigen Erfolg. Schon weitete der Unternehmer seine Aktivitäten auch auf das ehemalige Rittergut Deutsch-Wilmersdorf aus, auch wenn er sein Ideal einer Villenkolonie oder gar Gartenstadt dort nicht mehr verwirklichen konnte.

Es soll Kriegsminister Albrecht von Roon selbst gewesen sein, der Carstenn 1869 auf die Idee brachte, man könnte das baulich unzureichende Berliner Kadettenhaus doch nach Lichterfelde verlegen. Die unter dem Soldatenkönig gegründeten, von Offizieren geleiteten Häuser des Kadettenkorps waren militärisch geprägte Schulen zur Rekrutierung und Ausbildung des Offiziersnachwuchses. Es gab in Preußen mehrere, die in Berlin war den oberen Jahrgängen vorbehalten.

Die Idee wurde von Carstenn begeistert aufgegriffen, durfte er doch durch die geplante Hauptkadettenanstalt auf hohe Militärs als weitere potenzielle Grundstückskäufer hoffen. Im kaufmännischen und wohl auch patriotischen Überschwang verpflichtete er sich zur Schenkung des Baugeländes an der heutigen Finckensteinallee und zu weiteren kostenintensiven Leistungen wie dem Transport der Baumaterialien, für die er sogar eine Stichbahn von Lichterfelde Ost zum Baugelände anlegen ließ. Auf ihr betrieben ab 1881 Siemens & Halske die erste elektrifizierte Eisenbahnstrecke der Welt.

Wilhelm I. erhob Carstenn in den erblichen Adelsstand

Im Juni 1869 kam sogar der König persönlich vorbei, ließ sich das Areal und die entstehende Villenkolonie zeigen, befand alles für sehr gut. Er erteilte schließlich, nach dem Sieg über die Franzosen 1871, von Versailles aus seine Zustimmung – und erhob Carstenn am 2. September 1872, dem Tag der Grundsteinlegung der Hauptkadettenanstalt, in den erblichen Adelsstand. Fortan hieß der geschäftstüchtige Visionär Johann Anton Wilhelm von Carstenn-Lichterfelde.

Es war der Höhepunkt im Leben des Unternehmers. Der Absturz folgte wenig später mit dem sogenannten, die Finanzmärkte Deutschlands und Österreich-Ungarns durchrüttelnden, Gründerkrach 1873. Das Geschäft mit den Parzellen brach massiv ein, die Ausgaben waren durch die Einnahmen nicht mehr gedeckt, von Gewinnen ganz zu schweigen.

Carstenn verstarb im Alter von 74 Jahren in Schöneberg

Und dann waren da ja noch die für den Bau der heute vom Bundesarchiv genutzten Hauptkadettenanstalt übernommenen, durch behördliche Fehlplanungen unerwartet hohen Verpflichtungen, auf deren Einhaltung der preußische Staat aber pochte. Carstenn musste verkaufen, auch unter Wert, verarmte, bekam erst 1889, nach einem bis vor das Reichsgericht getragenen Prozess, eine Jahresrente zugesprochen.

Am 19. Dezember 1896 starb er. Schon mehrere Jahre schwer erkrankt, hatte er zuletzt in der Schöneberger Maison de Santé gelebt, einer betuchten Kranken vorbehaltenen Heilanstalt mit für damalige Verhältnisse modernen Heilmethoden. Ob Carstenn wegen körperlicher Leiden in Behandlung war oder wegen ebenfalls dort therapierter nervlicher Leiden, ist nicht bekannt.

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