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Blogger auf Instagram : Die moderne kosmopolitische Elite grenzt sich nach unten ab

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 15.06.2019 Sabine Rennefanz
© DuMont

Eine Bloggerin und Autorin, die bei Instagram rund zehntausend Follower hat, schrieb neulich, ihre größte Horrorvorstellung sei, dass sie einmal als Supermarktkassiererin arbeiten muss. Es klang, als sei das Leben als Supermarkt-Kassiererin ein persönlicher Makel, ein Ausdruck von individuellem Versagen. Als sei das Leben von Frauen, die kein Abitur haben und wenig Geld verdienen, irgendwie minderwertig.

Ich dachte an meine Tante, die bei Rewe an der Kasse sitzt. Was würde sie wohl dazu sagen? Hat die Autorin jemals mit einer Supermarkt-Kassiererin länger geredet? Wie war das mit der weiblichen Solidarität? Ich glaube, dass viele Leute so denken, gerade in der urbanen, großstädtischen Mittelschicht. Das sagt nur kaum einer so deutlich, aber man merkt es, wenn man sich in sozialen Medien bewegt.

Gerade auf Instagram sind viele Frauen unterwegs wie in einer Art Lifestyle-Shopping-Mall. Da werden Öko-Kinderfahrräder empfohlen, die 500 Euro kosten, oder nachhaltig gefertigte Kleinkinderschuhe für 95 Euro das Paar. In einem Guide für ein nachhaltiges Leben für Eltern wird ein Stoffwindel-Service angeboten, der mehrere Tausend Euro pro Jahr kostet. Da ist die Supermarktkassiererin schon mal raus.

Es geht darum, soziale Exklusivität zu demonstrieren 

Das Leben der Instagram-Mütter scheint sich in sorgfältig dekorierten Innenstadt-Altbauwohnungen auf Fischgrätenparkett abzuspielen. Selbst wenn sie Dellen nach der Geburt zeigen, sitzen die Locken und der Seidenkaftan. Die Kunst besteht darin, das Nicht-Perfekte zu perfektionieren.

Sie tauschen sich Rezepte für ihre Reinigungsmilch mit Sanddornfruchtfleischöl aus, es muss öko sein, aber bitte auch exklusiv und neu. Neuerdings lese ich auch oft in meiner Timeline, dass Menschen verkünden, sie würden nicht mehr fliegen. Oder nur noch alle zwei Jahre nach Burkina Faso. Gratuliere!

Damit mich keiner falsch versteht: Ich habe nichts dagegen, wenn jemand versucht, ein ökologisches Leben zu führen. Ich versuche es selbst. Oft scheint es aber eher darum zu gehen, Überlegenheit zu demonstrieren, zu zeigen, wie viel man weiß – und andere Leute zu shamen . Es geht drum, eine soziale Exklusivität zu demonstrieren, das findet nicht nur bei Instagram statt, sondern auch in Büchern und Magazinen.

Ich erinnere an die Heldin Resi aus Anke Stellings Roman „Schäfchen im Trocknen“, die aus Schwaben stammt und jetzt im Prenzlauer Berg lebt. Resis (oder Anke Stellings) schlimmste Angst ist es, nach Marzahn ziehen zu müssen. Sie verachtet die Armut, ihre Ästhetik, die Sprache, die Kleidung. Für sie sind die Armen das Problem. So wie ihre Heldin es schildert, wirkt es, als sei Marzahn ein Ort voller Außerirdischer, ein Ort jenseits aller Zivilisation. Sie ist offenbar noch nie dagewesen. Und kennt auch niemanden dort.

Supermarktkassiererin spürt Verachtung

Die Soziologin Cornelia Koppetsch sagte in einem Interview mit der taz, dass sich die moderne kosmopolitische Elite nicht nach außen abgrenzt, der hochgebildete Migrant sei natürlich willkommen, sondern nach unten. „Die Abgrenzung findet über Immobilienpreise und Mieten, ein selektives Bildungswesen und Zugang zu Freizeitangeboten statt.“

Dann wird die Supermarktkassiererin, die bei Kik einkauft und Plastiktüten benutzt, zum Feindbild. Die Supermarktkassiererin spürt die Verachtung. Und dann wählt sie die Partei, die auch verachtet wird.

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