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Corona-Epidemie: Europas Plan gegen das Virus

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 13.02.2020 Berschens, Ruth Fröndhoff, Bert Hoppe, Till Hua, Sha Waschinski, Gregor
Die Blutproben werden auch zur Herstellung einen Impfstoffs verwendet. © imago images/Future Image Die Blutproben werden auch zur Herstellung einen Impfstoffs verwendet.

Die Zahl der Infizierten steigt drastisch. Die EU wappnet sich für eine Pandemie. Die Krise gefährdet das Wachstum – und die Versorgung mit Arzneimitteln. 

Noch ist die Lage in Europa unter Kontrolle: 43 am Coronavirus erkrankte Patienten haben die Behörden bislang gezählt, darunter 16 in Deutschland. Bisher sei es gelungen, infizierte Patienten schnell zu identifizieren und zu isolieren, lobt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Damit habe eine weitere Verbreitung in der EU gestoppt werden können. Angesichts der Lage in China könne die Situation aber „durchaus noch schlechter werden, bevor es besser wird“.

In der Volksrepublik sind schon mehr als 1.300 Menschen an der Lungenkrankheit gestorben, landesweit gibt es fast 60.000 Coronavirus-Fälle. Die chinesische Provinz Hubei, aus dem das Virus vermutlich stammt, meldete am Donnerstag rund 14.800 neue Infektionen – ein drastischer Anstieg, den die Behörden auf Änderungen bei der Diagnose der Krankheit zurückführen. Also eine Bereinigung der Dunkelziffer.

Experten für Infektionskrankheiten verfolgen die Entwicklung beim Coronavirus mit Sorge. „Auf globaler Ebene handelt es sich um eine sich sehr dynamisch entwickelnde und ernst zu nehmende Situation“, erklärte das Robert-Koch-Institut. Die Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland sei aktuell zwar weiterhin gering. Doch: „Es ist offen, ob es gelingen wird, die weltweite Ausbreitung des Erregers einzugrenzen.“

Um für diesen Fall gewappnet zu sein, haben sich Spahn und seine Kollegen aus den anderen 26 EU-Staaten am Donnerstag in Brüssel versammelt. Auf der Arbeitsebene stimmen sich die nationalen Behörden bereits seit einigen Wochen ab mit der EU-Kommission, dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten und der Weltgesundheitsorganisation.

Aber die Minister wollen die Zusammenarbeit vertiefen, Unstimmigkeiten ausräumen – und den Bürgern zu Hause Handlungsfähigkeit demonstrieren. So könnten Passagiere aus Gebieten mit dem Coronavirus bei der Einreise nach Europa demnächst nach möglichen Infektionsrisiken befragt werden.

Die Minister wollen zudem sicherstellen, dass genügend Schutzmasken oder Handschuhe für Ärzte und Krankenpfleger zur Verfügung stehen. Die EU-Kommission soll den Bedarf der Länder sammeln und zu Großbestellungen bündeln. Damit würden die Aufträge für die voll ausgelasteten Hersteller „interessanter“, sagte die französische Gesundheitsministerin Agnès Buzyn.

Eine schnelle Ausweitung der Produktion von Atemschutzausrüstung ist aber schwierig. Hersteller wie die deutsche Drägerwerk AG verzeichnen eine sprunghaft gestiegene Nachfrage. Die beiden Standorte der Lübecker Firma in Schweden und Südafrika sind voll ausgelastet, die Bestellungen übersteigen die Kapazitäten bei Weitem.

Abhängig von Medikamenten aus China

Die Gesundheitsminister befürchten auch Lieferengpässe bei Medikamenten. Ein großer Teil der Produktion von Wirkstoffen für Medikamente ist in China angesiedelt, noch dazu in der vom Virus schwer getroffenen Gegend um die chinesische Millionenmetropole Wuhan. Derzeit reichen die Lägerbestände in der EU noch aus.

Spahn warnte aber, der Produktionsstopp in China und der besonders betroffenen Provinz Hubei könne sich in einigen Wochen in Europa bemerkbar machen, wenn die Lieferungen per Schiff ausblieben.

Die Minister beauftragten die Kommission damit, mögliche Knappheiten zu analysieren und Gegenmaßnahmen vorzuschlagen. Mögliche Alternativen müssten geprüft werden, sagte Spahn, um „woanders Produktionskapazitäten auch mit entsprechender Unterstützung zu erhöhen“.

Eine kurzfristige Lösung ist nach Ansicht von Experten aber kaum machbar. Zwar werden auch in Indien in großem Stil beispielsweise Antibiotika hergestellt. Doch auch die dortigen Firmen beziehen die Wirk- und Trägerstoffe aus China.

Schon vor der Corona-Krise sah die Politik in Deutschland angesichts von Lieferengpässen bei Arzneimitteln Handlungsbedarf. Ein am Donnerstag vom Bundestag verabschiedetes Gesetz sieht vor, dass Pharmafirmen künftig von den Behörden verpflichtet werden können, die Bestände bei versorgungsrelevanten Arzneimitteln zu melden.

Bei Engpässen kann angeordnet werden, dass die Firmen oder Arzneimittelgroßhändler größere Mengen dieser Präparate auf Vorrat lagern müssen. „Das sind erste Schritte“, sagte der CDU-Arzneimittelexperte Michael Hennrich dem Handelsblatt. „Ganz viel wird aber davon abhängen, die Wirkstoffproduktion nach Europa rückzuverlagern.“ Spahn plant, die Stärkung der Arzneimittelproduktion in Europa auf die Agenda der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr zu setzen.

Außerdem ist in Brüssel die Sorge groß, dass die Coronavirus-Krise die Wirtschaft in Europa empfindlich trifft. Das Virus stelle ein „Schlüsselrisiko“ für das Wachstum in der Europäischen Union dar, sagte Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni. Betroffen seien „die Lieferketten der Industrie, die Verkehrs- und die Reisebranche“.

Auswirkungen von Corona noch begrenzt

Zwar seien die Corona-Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal dieses Jahres wahrscheinlich noch „begrenzt“. Das ganze Ausmaß der ökonomischen Folgen sei derzeit aber noch nicht absehbar. Alles hänge von „Dauer und der Ausdehnung“ der Epidemie ab.

Der Kommissar verwies auf die enorme wirtschaftliche Bedeutung Chinas für die Weltwirtschaft. Beim Ausbruch des Sars-Virus im Jahr 2003 habe China einen Anteil von 4,5 Prozent an der Weltwirtschaft gehabt. Heute betrage der chinesische Anteil auf 17,7 Prozent. Die weitgehende Abschottung Chinas wirke sich kurzfristig vor allem auf die Reisebranche aus, denn sie mache mittlerweile 18 Prozent ihres globalen Umsatzes mit chinesischen Kunden.

In China hat die Coronavirus-Krise nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Konsequenzen. Am Donnerstag verkündeten die chinesischen Staatsmedien, dass Schanghais Bürgermeister Ying Yong den Parteichef der besonders hart vom Coronavirus betroffenen Provinz Hubei, Jiang Chaoliang, ersetzen werde. Auch Wuhans Parteichef Ma Guoqing solle abgelöst werden. Bereits am Dienstag waren die Leiter der Gesundheitskommission Hubeis entlassen worden.

Beobachter werten den Personalwechsel als Zeichen der Unzufriedenheit der chinesischen Führung mit den örtlichen Funktionären. Am Mittwochabend hatte der Ständige Ausschuss des Politbüros der Kommunistischen Partei Chinas unter Leitung des Staats- und Parteichefs Xi Jinping eine weitere Krisensitzung abgehalten.

Die Führung in Peking versucht, sich mit den Entlassungen vom Umgang der Provinz mit dem Virus zu distanzieren. Hubeis und Wuhans Kader hatten die Ernsthaftigkeit der Lage anfangs vertuscht und damit die Eindämmung des Coronavirus‘ verzögert.

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