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Coronakrise in Paris: Die Angst vor der Langeweile

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 15.03.2020 Britta Sandberg

Paris ohne Caféterrassen, Museen, Restaurants? Niemand in der Hauptstadt konnte sich ein solches Leben vorstellen. Jetzt bleibt alles auf unabsehbare Zeit geschlossen. Und doch sind die Bewohner bemerkenswert gelassen.

© GONZALO FUENTES/ REUTERS

Das Erstaunliche ist: Über den letzten Stunden des alten Lebens liegt in Paris keine Schwermut, keine Melancholie, ganz im Gegenteil. Die Bar gegenüber meiner Wohnung ist bis auf den letzten Platz gefüllt - und das bleibt sie auch noch weit nach Mitternacht. Um ein Uhr fangen die Gäste plötzlich an zu tanzen, nie zuvor habe ich das in dieser Bar gesehen, in der es Brewery Bier aus Brooklyn gibt, das man an Stehtischen trinkt. In der Wohnung im ersten Stock in dem Haus auf der anderen Straßenseite tanzen sie nun auch. Als ob man dieser Nacht noch jede Minute in Freiheit abringen muss, bevor alles anders wird.

In "Le Monde" ist heute nachzulesen, dass sich Bars und Cafés in vielen Vierteln der Hauptstadt trotz des sich ausbreitenden Coronavirus erst nach einem Einschreiten der Polizei zur Schließung bewegen ließen. In allen drängten sich die Besucher. "Man hat mir den Fußball genommen, die Festivals, man nimmt mir alles, was ich mag", so zitiert die Zeitung einen von ihnen, "ich bin hier, weil ich Angst vor der Langeweile habe".

Der erste Tag nach der Ankündigung von Premierminister Edouard Philippe, bis auf Weiteres alle Restaurants, Cafés, Kinos und Geschäfte, in denen keine Lebensmittel verkauft werden, zu schließen, ist ein strahlender, vorgezogener Frühlingstag mit tiefblauem Himmel, einigen hingetupften Wolken und 15 Grad Außentemperatur. Normalerweise würden die Pariser heute die Caféterrassen stürmen, ein erstes Mittagessen draußen wagen, Meeresfrüchte essen und Sonnenbrillen tragen.

Verstörende Stille

Aber nichts ist mehr normal. Die Stille ist verstörend. Weniger Autos, weniger Leute auf den Straßen, kein Stimmengewirr. Die Bürgersteige wirken breiter. Die Stühle, die hier sonst auch im Winter in Zweier- und Dreierreihen stehen, stapeln sich nun im Inneren der geschlossenen Cafés bis unter die Decke.

An der Rue de Bretagne im dritten Arrondissement putzen zehn Angestellte des "Café Sancerre" den Laden von oben bis unten mit beeindruckender Inbrunst. Sie spritzen die Terrasse mit Hochdruckreinigern ab, schrubben sogar Gitter am Boden blank. "Wir desinfizieren hier alles", sagt der Eigentümer, "jeden Tisch, jeden Stuhl, den Tresen, den Boden. Ich möchte sichergehen, dass nichts mehr im Café schlummert, wenn wir wieder aufmachen können."

Wann das sein wird und wie es jetzt weitergeht? Er weiß es nicht, im nächsten Monat wird er seinen zwanzig Angestellten das Gehalt vorstrecken. "Wir sind ein Familienbetrieb, viele arbeiten schon seit Jahren bei mir. Ich kann sie jetzt nicht fallenlassen. Ich hoffe, dass uns die Regierung danach hilft." Bis zum 15. April, so habe man ihnen gesagt, würden sie mindestens geschlossen bleiben. "Aber wer weiß das schon? On va voir, wir werden sehen, c'est la vie, Madame."

Die Pariser sind in diesen Tagen wieder einmal bemerkenswert gelassen. Das war schon 2015 so, nach den Terroranschlägen. Und es war in diesem Winter so, nach den monatelangen Streiks gegen die Rentenreform der Regierung. Und trotzdem: Diesmal ist etwas anders. Niemand weiß, wie lange der Ausnahmezustand anhalten wird. Bis Ende April, solange, wie die Schließung der Schulen angeordnet wurde? Bis Ende Mai oder noch länger?

Am Käsestand weiter oben in der Rue de Bretagne tragen die Verkäufer die imposantesten Atemmasken, die ich seit Ausbruch der Epidemie gesehen habe. Riesige, weit vorstehende Teile, die fast das ganze Gesicht bedecken, mit einem Plastikmundstück in käsegelb. Die Nachfragen der Verkäufer hören sich durch die Masken an, als ob sie in einem Eimer sitzen würden - ansonsten sind es dieselben wie immer: "Welcher Comté soll es ein, 18 oder 30 Monate alt? Und den geaschten Ziegenkäse, eher schon fortgeschritten in der Reife oder eher jung?" Routine kann etwas sehr Beruhigendes haben. Gezahlt werden darf nur noch mit Karte, Bargeld nimmt der Käsehändler nicht mehr an, aus hygienischen Gründen.

Auf dem Weg nach Hause halte ich im Wahllokal Nummer 13 an, einer Grundschule in meinem Viertel. An diesem 15. März findet landesweit der erste Wahlgang der Kommunalwahlen statt, die Regierung hatte ihn nicht abgesagt. Eine Entscheidung, die von der Opposition als unverständlich und verantwortungslos kritisiert wurde. Emmanuel Macron hielt an ihr fest, weil er nicht nur für die Gesundheit der Bevölkerung, sondern auch für das Funktionieren der Demokratie zuständig sei, wie er heute sagte, nachdem er am Vormittag selbst wählen war.

Die Blumenhändlerin verschenkt ihre Blumen

Vor dem Wahllokal in der Rue Vauconson steht ein Ordner, ausgerechnet in einer gelben Weste. Er trägt Chirurgenhandschuhe und hält alle Wartenden in der Schlange an, einen Sicherheitsabstand von zwei Metern einzuhalten. Die meisten hätten sich bisher dran gehalten, sagt er. Niemand spricht, manche Wähler tragen Masken. Im Inneren steht neben den Wahlhelfern eine Ein-Liter-Flasche Desinfektionsgel. Ansonsten gibt es keine Sicherheitsvorkehrungen. Ich hatte mich darauf gefreut, zum ersten Mal in Frankreich zu wählen, aber das hier fühlt sich merkwürdig an. "Merci pour votre vote, Madame", sagt der Mann an der Plexiglaswahlurne feierlich, "Danke, dass Sie gewählt haben." Der Ausgang führt über den verwaisten Schulhof, auf dem in den nächsten Wochen erstmal kein Kind mehr spielen wird.

In der Rue Vertbois verschenkt die Blumenhändlerin ihre Blumen, verkaufen darf sie sie nicht mehr, aber es wäre doch schade, sie wegzuwerfen, sagt sie. Ich bekomme einen Strauß mit gelben Narzissen und rosa Ranunkeln. Der Laden hat erst im Herbst eröffnet. "Erst die Gelbwesten, dann die wochenlangen Streiks und jetzt das", sagt die Eigentümerin, "ich habe wirklich kein Glück. Keine Ahnung, wie es weitergeht."

Am Vorabend waren wir in unserem Stammlokal in derselben Straße, ein kleines Restaurant mit nur zwölf Tischen, es war bis auf den letzten Platz besetzt. Der dicke Koch, Monsieur Pramil, ein ehemaliger Physiker, ging wie immer von Tisch zu Tisch und erkundigte sich bei den Gästen, ob es geschmeckt habe. Seit 13 Jahren hat Monsieur Pramil sein Restaurant hier, am Fenster hängen Auszeichnungen von Michelin und Gault et Millau. Er wisse nicht, ob er wiedereröffnen könne, wenn das alles vorbei sei, sagte er traurig zum Abschied. "Mein Restaurant ist ein fragiles Baby. Ich habe keine großen Rücklagen." In einem aber sei er sich sicher, man werde danach nicht weitermachen können wie bisher. Es müsse sich etwas ändern. Ein wenig wie damals in den Vierzigerjahren, nach dem Krieg.

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