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Coronavirus: In Brasilien scheint die Zeit rückwärts zu laufen

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 02.04.2020 Mathieu von Rohr

Wie erleben SPIEGEL-Korrespondenten die Coronakrise? In Kalifornien heult man gemeinsam. In Indien erprobt die Polizei neue Methoden. Und Brasilien droht in die sechziger Jahre zurückzufallen.

© Rebeca Figueiredo Amorim/ Getty Images

Die ganze Welt ist im Bann der Coronakrise, aber die Krise fühlt sich nicht überall gleich an. Wie ist die Lage in Europa, in den USA, in Indien, in China? Die Korrespondentinnen und Korrespondenten des SPIEGEL geben hier laufend Einblicke in ihren Alltag, der sich Tag für Tag verändert.

Rio de Janeiro, Brasilien: Mit Vollgas in die Vergangenheit

Donnerstag, 20.30 Uhr: Erleben wir nun die Metamorphose des Jair Bolsonaro zum verantwortungsbewussten Staatsmann? Am Dienstagabend sprach Brasiliens Präsident im Fernsehen zu seinem Volk, und erstmals klang es nicht so, als ob ein Feldwebel seine Rekruten zusammenstaucht. Die Coronakrise sei eine "Herausforderung für eine ganze Generation", sagte er mit Tremolo in der Stimme. Er beklagte zwar die wirtschaftlichen Folgen der Krise, aber er rechnete nicht länger die Corona-Toten gegen die Arbeitslosen auf. "Wir haben eine Mission: Leben retten ohne Arbeitsplätze zu vernichten", verkündete er.

Bolsonaro las vom Teleprompter, er sprach in ganzen Sätzen und verhaspelte sich nicht ein einziges Mal. Auf der Straße kam sein Relaunch als Staatsmann allerdings nicht an:  Wie neuerdings immer, wenn der Präsident im Fernsehen auftaucht, klapperten meine Nachbarn als Zeichen des Protests mit Töpfen und Pfannen. Diesmal musste ich den Fernsehton bis zum Anschlag aufdrehen,  denn so laut war es noch nie.

Dass seine Gegner der politischen Transformation des Präsidenten zu recht misstrauen, zeigte sich bereits einen Tag später: Auf Twitter spukte wieder der gewohnte Bolsonaro herum. Er attackierte die Gouverneure, die die Isolierungsmaßnahmen unterstützen, die sein eigener Gesundheitsminister empfiehlt, und postete ein Video, in dem ein Bürger über die wirtschaftlichen Folgen der Schließung von Geschäften und Restaurants klagt.

Wenn die Informationen der Tageszeitung "Fôlha de São Paulo" stimmen, waren es wohl die Militärs, die Bolsonaro zu seinem Fernsehauftritt als umsichtiger Landesvater überredet hatten. Der Präsident sei emotional instabil, er habe in den vergangenen Tagen mehrmals geweint. Die Militärs versuchten nun, ihn einzuhegen und politisch zu isolieren. So wollten sie verhindern, dass das gute Image der Streitkräfte unter den irrlichternden Ausfällen des Präsidenten leidet.

Mit jedem Tag wird deutlicher, dass Brasilien insgeheim längst von Militärs regiert wird. Bei der täglichen Pressekonferenz des Gesundheitsministers sitzt seit gestern ein General mit am Tisch, der die Veranstaltung "moderiert". Wenn ihm eine Frage nicht passt, erklärt er die Veranstaltung kurzerhand für beendet.

Auch Vizepräsident Hamilton Mourão hat sich in den vergangenen Tagen in der Öffentlichkeit zu Wort gemeldet. Unternehmer und andere Angehörige der brasilianischen Elite würden den General i.R. gern als Präsidenten sehen, anders als Bolsonaro gilt er als besonnen und kompetent. Tatsächlich ist Mourão ein umgänglicher und weltläufiger Mann, das habe ich selbst während eines Interviews während des Wahlkampfs vor zwei Jahren erfahren. Doch unter dem Mantel des aufgeklärten Offiziers verbirgt sich ein beinharter Konservativer. Zum 56. Jahrestag des Militärputsches am Dienstag verklärte Mourão auf Twitter die Diktatur, die Brasilien 21 Jahre lang in eisernem Griff hielt: Die Intervention der Streitkräfte hätten 1964 "interveniert, um Unordnung, Subversion und Korruption" zu bekämpfen.

Auch in der Linken hat die Krise alte Reflexe wiederbelebt. Während er mit den Töpfen klapperte, schrie ein Nachbar aus voller Kehle: "Viva Marighella!" - so hieß ein brasilianischer Guerillaführer, der in den sechziger Jahren die Rebellion in die Städte tragen wollte und 1969 von den Schergen der Diktatur erschossen wurde. Brasilien befindet sich im Zeittunnel, es steuert mit Vollgas zurück in die Vergangenheit.

Ich warte jetzt darauf, dass die ersten VW-Käfer auf der Straße auftauchen, der Bossa Nova wiederentdeckt wird und das "Girl from Ipanema" aus der Brandung steigt. Im Fernsehen ist es bereits so weit: Der größte Sender TV Globo hat die Produktion seiner Seifenopern wegen der Corona-Krise unterbrochen und wiederholt jetzt alte Telenovelas. Noch sind sie dabei nicht in den Sechzigern angekommen. Aber wenn die Krise noch lange anhält, schließe ich nichts aus.

Jens Glüsing

Bangalore, Indien: Selfies und Nachbarschafts-Spitzel

Donnerstag, 16 Uhr: "Du bist berühmt!" Meine Freundin Aparna ist am Telefon, und sie kriegt sich vor Lachen kaum noch ein. "Im Internet", prustet sie hervor, und langsam dämmert es mir.

Wir stehen seit zwölf Tagen unter häuslicher Quarantäne, weil wir im gleichen Flieger saßen wie die letzten Rückkehrer aus den USA. Um sicherzustellen, dass wir auch ja nicht vor die Tür gehen, hat sich die Polizei hier in Bangalore allerlei einfallen lassen. Zuerst war es nur ein Stempel auf der Hand, dann mussten wir unseren Livestandort teilen. Jetzt gibt es eine App, über die man den Beamten einmal pro Stunde ein Selfie aus seinem Zuhause schicken muss. (Außer zwischen zehn Uhr abends und sieben Uhr morgens, weil die indische Polizei davon ausgeht, dass rechtschaffene Bürger um diese Uhrzeit schlafen.) 

In den sozialen Medien haben sich viele über die App lustig gemacht; ich fand sie durchaus gewitzt. Indien ist nicht Südkorea oder China, die finanziellen Mittel hierzulande sind begrenzt. Da muss man als Beamter auch mal improvisieren. Was ich nicht mehr so lustig fand, war, als ich entdeckte, dass die Polizei meine Adresse ins Netz gestellt hat, um andere vor meiner Anwesenheit zu warnen. Also zum Beispiel meine Nachbarn.

"Warte", sagt meine Freundin. "Ich schicke dir einen Screenshot." Eine Minute später lese ich den Chat der WhatsApp-Gruppe "Playdates", eines Zusammenschlusses einiger Eltern aus der Nachbarschaft. Ich sehe einen Link zu unserer Adresse.

"Die wohnen gleich bei mir gegenüber", schreibt eine gewisse KM. Jemand fragt: "Sind sie positiv getestet?" KM: "Zum Glück gehe ich nicht mehr vor die Tür. Wir müssen uns jetzt wirklich schützen."

Ich lese aus dem Chat dieselbe Hysterie heraus, die ich auch im Land sehe. Wer sich mit Covid-19 infiziert hat - oder so wie wir möglicherweise auch nur infiziert haben könnte -, wird zum Aussätzigen. Eine Frau, die sich infizierte, erzählt im Radio, sie habe Angst, dass ihre Nachbarn sie bei ihrer Rückkehr meiden werden. In der Stadt Indore bewarf heute ein wütender Mob Krankenhauspersonal mit Steinen. 

Ich lese die nächste Nachricht, wieder KM: "Es hat irgendwas mit Deutschland zu tun." Noch vor ein paar Wochen wäre das ein harmloser Satz gewesen. Aber seitdem Deutschland als Risikogebiet gilt, hat sich das geändert. Nur: Woher weiß KM, woher ich komme? Wir haben uns noch nie getroffen. 

Aparna klärt mich auf. Anscheinend hat meine hypernervöse Nachbarin ihren Wachschutz zum Spitzeln zu uns ins Haus geschickt. Ich gehe davon aus, dass nicht nur die Gruppe "Playdates" darüber Bescheid weiß, dass ich aus Deutschland komme, sondern die ganze Nachbarschaft. 

Bangalore hat zwölf Millionen Einwohner, aber es wird getratscht wie im Dorf. Jeder kennt jeden über drei Ecken. Ich fand das immer beruhigend. Neuerdings macht es mir ein bisschen Sorgen. 

Laura Höflinger

San Francisco, USA: Kalifornien heult gegen das Virus an

Mittwoch, 20 Uhr: Es gibt viele Wege, um sich Mut zu machen im Kampf gegen das Virus und die staatlich verordnete Einsamkeit. Ein eher fragwürdiges Mittel ist der gesteigerte Einsatz von Alkohol. Der Absatz alkoholischer Getränke nahm Ende März in den USA um sagenhafte 55 Prozent zu gegenüber derselben Zeit im Vorjahr. Offenbar sterben die Leute lieber an Leberversagen als an einer Lungenentzündung. 

Eher zu empfehlen ist da ein seltsamer Brauch, der gerade im Umland von San Francisco um sich greift. In der North Bay, jenseits der Golden Gate Bridge, wo ich wohne, haben die Menschen angefangen, pünktlich abends um acht zu heulen. Richtig: sie heulen. Wie die Wölfe. Oder wie die Koyoten, die hier ja tatsächlich heimisch sind und sich manchmal auch in die Wohnstraßen verirren (ebenso wie Waschbären, Rehe, Stinktiere und Rotluchse). In der Kleinstadt Mill Valley fing es an: Man tritt vors Haus oder auf die Veranda - und heult. Und viele Hundert andere heulen auch. Inzwischen wird hier in etlichen Suburbs geheult.

Gedacht war das Gekreische ursprünglich als lautstarke Dankbarkeitsbezeugung gegenüber allem medizinischen Personal, das in der Coronakrise Heroisches leistet. Aber es hat für eine isolierte Bevölkerung schnell auch die tröstliche Funktion übernommen, sich wechselseitig zu versichern, dass keiner allein ist. Dass die andern noch da sind, auch wenn die entleerten Städte nicht so aussehen. Tagsüber sitzen alle vereinzelt zu Hause, man sieht sich kaum noch, oder nur auf dem Bildschirm.

So aber, heulend, kann man sich wenigstens für ein paar Minuten hören. So seltsam es ist: Es tut gut mitzumachen. Wir verpassen das abendliche Ritual nie. Die Kinder heulen, meine Frau heult, ich heule, die Nachbarn heulen, die Hügel füllen sich mit Lärm. 

Auf Nextdoor, der Nachbarschaftsplattform, eine Art Facebook fürs Lokale, gab es schnell auch erste Klagen, dass das Geheule die Hunde traumatisiere. Manche schlugen deshalb vor, man soll es doch besser wie die Italiener machen und singen statt zu heulen. Aber hier ist Marin County, eine Gegend der ungezähmten Natur, mit rauem Gebirge, an das der unfreundliche Pazifik schlägt, bewohnt von Outdoor-Fanatikern, die zwar alle Mountainbikes und Surfbretter besitzen, aber kein Opern-Abo. "Überlassen wir das Singen den Italienern, die wirklich singen können", schrieb ein Nachbar auf Nextdoor: "Wir sind Marin-County-Bewohner. Wir heulen." 

Guido Mingels

New York, USA: Die Ratten verlassen das sinkende Schiff

Mittwoch, 18 Uhr: U-Bahnfahren in New York City ist immer ein Abenteuer. Selbst in normalen Zeiten weiß man nie, was man erlebt: Opernkonzerte, Flashmobs, Breakdancer, Stromausfälle, Tunnelstaus, Prügeleien, gelegentlich auch Schießerei. 

Doch in Zeiten von Corona ist alles anders. New York ist das Epizentrum der Krise. Die Millionenstadt, die sonst pulsiert, verbunkert sich. Der Wanderzirkus der U-Bahn ist nur noch eine leere Kulisse. Trotzdem musste ich in die Subway steigen, dienstlich. Was mir auffiel: Die Ratten sind weg.

Sie gehören sonst geradezu zum Subway-Personal. Fette, sorglose Ratten, die unter den Gleisen faulenzen und manchmal oben auf dem Bahnsteig nach dem Rechten sehen. Jeder erinnert sich an "Pizza Rat", die emsige U-Bahn-Ratte, die eine klassische New Yorker Pizzaschnitte die Treppe runter hievte.

Diese Zeiten sind wohl vorbei. Seit Ausbruch der Krise habe ich keinen dieser Untergrundbewohner mehr gesehen, weder in der U-Bahn noch sonstwo. Wo niemand mehr Essensreste auf den Boden fallen lässt, da gibt es nichts mehr zu futtern. Das Restaurant hat geschlossen, die Ratten verlassen das sinkende Schiff.

Das ist natürlich nur meine Beobachtung, einen empirischen Beleg gibt es nicht. Andere berichten das Gegenteil: Die Ratten - denen Corona egal ist - würden jetzt erst so richtig rauskommen, um die menschenleere Metropole zu erobern. So geschah es jedenfalls in den Dreißigerjahren, als New York City unter der Weltwirtschaftskrise kollabierte und die Ratten die Macht übernahmen.

Und so sieht man das gerade in New Orleans, einem weiteren Corona-Brennpunkt: "Horden von Ratten stürmen die Straßen", meldet CBS.

Andere New Yorker verlassen aber wirklich das sinkende Schiff. Viele Leute sind aufs Land geflüchtet, und nicht nur die Reichen - zu Freunden oder Familienangehörigen. Bekannte von mir sind in freiwilliger Quaratäne in ihrem kleinen Wochenendhaus im Hudson River Valley, wo wir sonst zu idyllischen Tagestrips hinfahren. Jetzt ist die Idylle ein Fluchtpunkt.

Marc Pitzke

Rom, Italien: Who let the dog out?

Mittwoch, 16 Uhr: Seit drei Wochen ist meine Nachbarin Sandra die einzige Person, die ich nicht übers Smartphone, sondern im echten Leben sehe. Manchmal singen wir über die Balkonbrüstung hinweg "Azzurro", meistens plaudern wir ein bisschen. Jetzt hat sie ein Rätsel aufgeklärt, das mich seit einer Woche beschäftigt hat.

Tagelang ließ sich vor meiner Haustür - und der Nachbartür von Sandra - morgens ein herrenloser Hund nieder. Als wolle er persönlich überwachen, dass wir das allgemeine Ausgehverbot nicht verletzen.

Normalerweise führt Sandra ihre eigene Hündin Mina am Circus Maximus spazieren. Aber seit der unbekannte Rüde ihr Haus belagerte, traute sie sich tagsüber zum Gassi-Gehen kaum noch auf die eigene Straße. "Mina ist gerade läufig", sagte sie mir am Balkonfenster; wegen Corona war sie nicht mehr dazu gekommen, die junge Hündin rechtzeitig vom Tierarzt sterilisieren zu lassen.

Nach mehreren Anrufen war das Problem gelöst. Ein Bezirksverordneter konnte den unbekannten Verehrer als "Pippi" identifizieren, auch dessen Herrchen war bald gefunden. Der Signore wurde aufgefordert, "Pippi" nicht länger frei durch Trastevere streunen zu lassen. Und offensichtlich hält er sich daran.

Bis zum Circus Maximus - heute eine bei Hundebesitzern beliebte Grünfläche, in der Antike die Rennstrecke von Ben Hur - traut sich meine Nachbarin inzwischen nicht mehr. Wer die Anlage betritt, riskiert 400 Euro Strafe. Aber wenigstens kann sie mit Mina zum Gassi-Gehen wieder auf die eigene Straße.

Frank Hornig

Bildein, Österreich: Jede Reise muss geplant werden

Mittwoch, 9 Uhr: Bis zur ungarischen Grenze bei Pornóapati sind es von Wien aus 180 Kilometer. Zwei gemütliche Stunden mit dem Auto, in normalen Zeiten kein Problem, eher eine Genussreise - der Landstrich im äußersten Osten Österreichs lockt mit sanfter Hügellandschaft und wuchtigen Rotweinen. 

In diesen Tagen aber ist alles anders. Reisen will geplant sein: Wer derzeit als Wiener nicht zum Arzt seines Vertrauens unterwegs ist, zum Einkauf, zur einsamen Joggingrunde oder zur Arbeit, der läuft dank verschärfter Corona-Bestimmungen Gefahr, sich strafbar zu machen.

Wenige Stunden, nachdem in Ungarn Viktor Orbáns Notstandsdekret zur Ausschaltung des Parlaments in Kraft getreten ist, starte ich das Auto. Im Gepäck: ein Schreiben der SPIEGEL-Chefredaktion, das als Nachweis eines Arbeitsauftrags dient; dazu Presseausweis, Schreibzeug und Meldebestätigung - für den Fall, dass bei der Fahrt Richtung Osten Fragen aufkommen sollten. 

Die Autobahn ist vergleichsweise leer, auch auf Landstraßen herrscht wenig Betrieb. Die typisch burgenländischen Straßendörfer mit ihren dicht an dicht stehenden, geduckten Häusern sehen, je näher die ungarische Grenze rückt, regelrecht entvölkert aus. Vereinzelt laden Buschenschanken, urige Heurigenlokale, noch zum Besuch - allerdings nur auf Werbeplakaten, die wirken wie aus der Zeit gefallen: Relikte aus den Tagen vor der landesweiten Vollbremsung, der Ausgangssperre.   

Der Bürgermeister des letzten Dorfs auf österreichischem Boden grüsst den Gast, wobei er die regierungsamtlich empfohlene Mindestdistanz von einem Meter penibel einhält. Er sagt, dass in seinem Bezirk die Zahl der Infizierten binnen einer Woche von null auf zehn gestiegen sei. Dann klettert er ins Auto und fährt zum kleinen Grenzübergang, auf der Asphaltstraße, die hinüberführt ins Nachbardorf Pornóapati. Beziehungsweise: die hinüber führen sollte. Denn ins Reich Viktor Orbáns, wo seit Mitternacht  parlamentarische Demokratie nur noch dem Namen nach existiert, führt hier kein Weg mehr.  

Die Grenze ist mit massiven Betonklötzen abgeriegelt. Ganz so, als sei das tödliche Virus zu stoppen, indem man bis auf Kniehöhe Barrieren baut und die Pendler zu einem 35 Kilometer langen Umweg über den nächsten Grenzübergang zwingt. "Wir hier, die wir früher am Eisernen Vorhang lebten, sind ja das Symbol des Vereinten Europa", sagt der Bürgermeister auf österreichischer Seite: "Oder, anders ausgedrückt - wir waren es." 

Walter Mayr

Peking, China: Der Große Bruder wacht vor der Wohnungstür

Dienstag, 18 Uhr: Kürzlich herrschte Krach in unserem sonst stillen Hausflur. Ich öffnete die Wohnungstür: Nichts Ungewöhnliches, zwei Handwerker im Treppenhaus, mit Leiter, Bohrmaschine und Kabelrolle. Als Journalist wird man in China argwöhnisch, wenn Leute vor der Tür mit Kabelrollen hantieren. Aber vielleicht gab es nur wieder Ärger mit den Bewegungsmeldern, die sie vor ein paar Jahren gegen die alten Lichtschalter ausgetauscht hatten.

Kurz darauf musste ich raus und sah, dass die beiden Elektriker eine Videokamera montiert hatten, Marke "Hikvision" - eines der weltweit führenden Unternehmen für Überwachungskameras, von denen gut 50 unten in unserer Straße stehen.

Auf unserer Etage gibt es zwei Wohnungen, einen Fahrstuhleingang und ein paar Treppenhauspflanzen, doch die neue Kamera, direkt unter der Decke angebracht, hat nur eines im Blick: die Tür unserer Nachbarin. Ich hatte mitbekommen, dass ihre Wohnung über mehrere Tage leer stand. Nun sah ich Licht durch den Spalt unter ihrer Tür - sie war also zurückgekommen.

Anscheinend hatte man ihr nun auch 14 Tage Quarantäne auferlegt. Genau wie mir, als ich vor drei Wochen aus dem Ausland heimkam. Ich hatte damals eine Erklärung unterschreiben müssen, dass ich die Wohnung hüten werde. Unserer Nachbarin hatte man dagegen eine Kamera vor die Tür gesetzt, um sicherzugehen, dass sie das Haus nicht verlässt und keine Besucher empfängt.

Weltweit wird in diesen Tagen darüber diskutiert, wie weit ein Staat im Dienste des Gesundheitsschutzes gehen darf. Wer, wie auch ich, manchmal Zweifel hat, wo ganz genau die Grenzen liegen - das Beispiel meiner Nachbarin könnte uns eine Warnung sein.

Vor ein paar Wochen reichte noch eine Selbstverpflichtung, außerdem hatte man zweimal täglich seine Temperatur zu melden. In Hongkong müssen Quarantänepflichtige bereits digitale Armfesseln tragen. In Peking steht der Große Bruder jetzt direkt vor der Wohnungstür. Eigentlich könnte einen die Regierung gleich ins Gefängnis stecken, um sicherzugehen, dass man auch wirklich keine anderen Menschen trifft.

Einen Moment lang überlegte ich, bei meiner Nachbarin zu klingeln und sie zu fragen, ob ich ihr etwas vorbeibringen soll. Das ließ ich bleiben: Wer weiß, welchen Ärger uns das beiden eingebracht hätte. Ich rief sie lieber an. Nun weiß ich, dass ihr alles vor die Tür gestellt werden kann, was sie sich wünscht oder online bestellt. Bis zum Fußabtreter darf sie raus, weiter nicht.

Neun Tage noch. Dann übernehmen wieder die Kameras, die unten an der Straße stehen.

Bernhard Zand

Seoul, Südkorea: Flanieren in der Frühlingssonne

Dienstag, 16 Uhr: Wenn man eines lernt in dieser Krise, dann, wie wichtig die kleinen, schönen Dinge sind. In der Nähe des Hauptbahnhofs von Seoul strömen die Angestellten, die noch in Büros und nicht von zu Hause aus arbeiten, in die Frühlingssonne und genießen das Lieblingsgetränk der Hauptstädter: Americano auf Eis. Sie flanieren über eine Brücke, die mal eine Autobahn war und jetzt begrünt ist. Die Forsythien blühen, und für ein Selfie wird sogar die Gesichtsmaske abgenommen.

In Südkorea hatten wir nie eine Ausgangssperre, aber wir sollen Abstand voneinander nehmen und möglichst daheim bleiben. Nach fünf Wochen Ausnahmezustand fällt das vielen zunehmend schwerer. 

Doch selbst zu Hause sitzen die Koreaner, die sonst für ihre langen Arbeitswochen bekannt sind, nicht still. Sie kochen und backen aufwändige Rezepte und laden sie bei Instagram hoch. Sie liefern sich im Internet Bieter-Wettbewerbe um Kartoffeln, die nun im Überschuss vorhanden sind, weil die Schulkantinen geschlossen haben. "Wir Koreaner müssen immer etwas tun", sagt eine Freundin. "Und wir haben so viele Krisen erlebt. Wir schlucken unsere Traurigkeit herunter und machen immer weiter." 

Wir haben jetzt mit Kreide einen Regenbogen auf die Straße vor unserer Haustür gemalt. Nicht, weil es besonders sinnvoll wäre. Sondern weil es tröstet.

Katharina Graça Peters

Moskau, Russland: Ich mache "Fernchen"

Dienstag, 14 Uhr: Die Coronakrise stellt auch unsere Sprache auf die Probe. Ist sie gut gerüstet, um das Leben im Ausnahmezustand zu beschreiben? Das Deutsche offenkundig nicht: Es hat für die Arbeit von zu Hause keinen besseren Ausdruck gefunden als das ungelenke Fremdwort "Homeoffice".

"Ich mache Homeoffice", sagen meine deutschen Kollegen, und bei diesen Worten stelle ich mir Büromöbel auf Spannteppich vor, das stille Summen eines Kopiergeräts, Zimmerpalmen in Hydrokultur.

Wieviel besser macht es das Russische! Es ist gelenkig und biegsam, sozusagen die Yoga-Lehrerin unter den europäischen Sprachen. Für die Arbeit von daheim hat es ein eigenes, schönes Wort: "Udaljonka". Es ist die Abkürzung und zärtliche Verkleinerung von "udaljonnaja rabota", Fernarbeit. "Udaljonka" ist eigentlich Umgangssprache, aber in der Krise hat es seine Gänsefüßchen ablegen dürfen, es wird jetzt auch in offiziellen Stellungnahmen verwendet. Ins Deutsche übertragen, wäre das so, als sagte man statt "Homeoffice" einfach: "Ich mache Fernchen". 

Die Wirklichkeit, in die das Virus uns gestoßen hat, ist im Wort Udaljonka weit besser aufgehoben. "Homeoffice" hat die kühle Ausstrahlung einer Neonröhre, Udaljonka leuchtet warm und heimelig wie eine Nachttischlampe. Es spiegelt die Erfahrung, dass Arbeit zu Hause, in Pantoffeln und neben einem verführerisch weichen Sofa, nicht dieselbe Arbeit sein kann wie die im Büro. Udaljonka tut nicht, als könne man sich tobende Kinder oder die Katze auf der Tastatur einfach wegdenken. Es spricht von Entfernung, ohne das Nahe zu verleugnen.  

Ich gebe zu: "Homeoffice" klingt effizienter und ehrgeiziger als Udaljonka. Dass die Deutschen kein besseres Wort gefunden haben, zeugt nicht bloß von geringem Sprachgefühl, sondern auch von hohem Arbeitsethos. Mag sein, dass die Russen da ein kleines bisschen hinterherhinken. Aber sie geben der Wahrheit den Vorzug vor der produktiven Fiktion. Auf lange Sicht - und wer weiß, wie lange wir noch Fernchen machen müssen? - fahren sie damit sicher besser.

Christian Esch

Saragossa, Spanien: Die Hunde werden knapp

Dienstag, 10 Uhr: Seit ein paar Wochen bin ich bei der Familie meiner Freundin zu Gast. Das beliebteste Mitglied dieser Familie heißt Kira, ist neun Jahre alt und hat schwarzes Fell. Das war schon immer so, gilt nun aber mehr denn je. 

In Spanien wurde die Ausgangssperre in dieser Woche noch einmal verschärft. Bis Ostern bleiben alle Betriebe geschlossen, die keine lebensnotwendigen Güter produzieren. Die Wirtschaft soll bis zum 9. April in eine Art Winterschlaf fallen, damit die Kurve der Corona-Infektionen endlich abflacht. Dafür gibt es zwar erste Anzeichen, aber die Kurve beugt sich quälend langsam.

Für die allermeisten Bürger fällt durch den noch strengeren Lockdown auch der Gang zur Arbeit weg. Es bleiben also: der Gang zum Arzt (sollte man meiden), zur Apotheke (sollte man meiden), zum Supermarkt (sollte man meiden, geht aber nicht anders) - und das Gassigehen mit dem Hund. 

Letztens war ich spätabends noch mit Kira draußen: Es musste einfach sein, der Hund hatte auch nichts dagegen, jedenfalls zu Beginn, dann musste ich ihn ein bisschen mitschleppen. Einerseits verhielt ich mich vorbildlich, denn man soll den Hund ja zu Zeiten ausführen, zu denen nur wenige Menschen auf der Straße sind. Andererseits hatte Kira nach zehn Minuten alles Notwendige erledigt und schien ein bisschen verwirrt, weil wir zum zweiten Mal auf dasselbe Feld am Rande der Vorstadt zusteuerten

Wer keinen Hund besitzt, ist dieser Tage klar im Nachteil. In Katalonien führte ein Mann eine Ziege aus. Die Polizei sanktionierte ihn, es drohen Strafen zwischen 600 und 30.000 Euro.

Wenn die Spanierinnen und Spanier die spitzbübische Natur der Mitbürger (man selbst verhält sich ja mustergültig) beschreiben wollen, sprechen sie übrigens von der "picaresca española". Diese Charaktereigenschaft beschränkt sich natürlich nicht auf die iberische Halbinsel. Mein Kollege in Moskau jedenfalls, so war hier zu lesen, denkt darüber nach, sich einen Hund auszuleihen.

Viele Spanier haben angesichts der Notlage offenbar bereits gehandelt und einen Hund bei sich im Haus aufgenommen. Die Rede ist von einer massiven Adoptionswelle. Der zuständige Staatsanwalt Antonio Vercher warnte nun schriftlich davor, dass nach Ende der Ausgangssperre viele Hunde wieder ausgesetzt werden könnten. Auch das ist natürlich eine Straftat. Andererseits berichten Hilfsorganisationen, dass seit Wochen kaum mehr Hunde ausgesetzt würden. Es ist eine der ganz wenigen guten Nachrichten in diesen dunklen Tagen.

Steffen Lüdke

Brüssel, Belgien: Europas Hauptstadt verstummt

Montag, 18 Uhr: Der Verkehrskollaps ist in Brüssel normalerweise Tagesgeschäft. Laut einer Studie stehen Autofahrer, die während der Rushhour in der belgischen Hauptstadt unterwegs sind, über das Jahr gerechnet mehr als eine Woche im Stau. In keiner deutschen Stadt quält man sich so lange durch den Verkehr.

Doch seit Corona ausgebrochen ist, erinnern selbst Brüssels Hauptstraßen an verkehrsberuhigte Zonen. In manchen Momenten fühlt man sich wie in einem dystopischen Film: Die Gebäude sind intakt, doch die Stadt wirkt entvölkert. 

Wie fast überall in Europa sollen die Menschen ihre Häuser nur noch verlassen, wenn es unbedingt nötig ist. Und sie halten sich daran - obwohl Belgier nicht dafür bekannt sind, besonders obrigkeitshörig zu sein. Selbst im Jubelpark, der zentralen Grünfläche, sieht man kaum Leute. Bänke und Parks sind leer.  

Auch die EU-Institutionen wirken ausgestorben. Normalerweise treffen sich in Brüssel regelmäßig die mächtigsten Europäer. Doch im Moment tagen Außen-, Finanz- oder Wirtschaftsminister nur noch per Videokonferenz, genauso wie die Staats- und Regierungschefs. Viele Entscheidungen mussten verschoben werden, darunter so wichtige Themen wie der nächste Sieben-Jahres-Haushalt der EU. Eigentlich muss er bis Jahresende stehen. Wie das jetzt noch gehen soll, weiß niemand.

Auch das EU-Parlament gleicht einer Geisterveranstaltung. Üblicherweise reisen die 704 Abgeordneten und ihre Mitarbeiter mehrmals im Jahr hierher. Nun werden Sitzungen per Internet abgehalten, die Abgeordneten stimmen per E-Mail ab.

Eigentlich bekommt man als Journalist schnell mit, was in Brüssel passiert und beschlossen wird. Doch plötzlich ist das nicht mehr so leicht. Die Stadt, in der sonst pausenlos jeder mit jedem redet, ist verstummt. Es ist ein bedrückendes, beklemmendes Gefühl.

Markus Becker

Moskau, Russland: Wo bekomme ich einen Hund her?

Montag, 16 Uhr: Seit heute muss ich, wie alle Moskauer, zu Hause bleiben. Bürgermeister Sergej Sobjanin hat gestern überraschend eine Ausgangssperre über die Stadt verhängt, mit nur vier Stunden Vorlauf. Am Sonntagabend um acht Uhr verkündete er auf seinem Blog, was schon ab Montag und bis auf ungewisse Zeit gelten sollte:

Sein Haus verlassen darf nur noch, wer dringende medizinische Hilfe benötigt, im nächstgelegenen Lebensmittelladen einkauft oder unbedingt auf der Arbeit gebraucht wird. Spaziergänge sind nicht vorgesehen, das Ausführen von Hunden ist im Radius von maximal 100 Metern erlaubt. Ein Passierscheinsystem werde noch ausgearbeitet.

Das ist ein radikaler Wandel von der bisherigen Politik. Eigentlich hatte ich mich gefreut, diesen Frühling wieder joggen zu gehen, in einer weitgehend abgasfreien Stadtluft. Das fällt jetzt aus, ebenso wie das Spazieren. Und wo soll ich auf die Schnelle einen Hund herkriegen? Es gibt in meinem Haus nur einen alten Hund mit kaputter Hüfte, der von seiner Familie mit einer speziellen Halterung halb ausgeführt, halb getragen wird. Sein Radius ist ohnehin auf 100 Meter beschränkt. Vielleicht kann ich mir den ausleihen? 

"Die Strenge der russischen Gesetze wird durch die Unverbindlichkeit ihrer Einhaltung gemildert", so hat es ein Satiriker des 19. Jahrhunderts einmal formuliert. Aber Bürgermeister Sobjanin hat schon angekündigt, dass die Selbstisolation streng kontrolliert werden soll - bis Ende dieser Woche will er technisch in der Lage sein, die Bewegungen aller Bürger zu verfolgen, sagte er. Dabei wird wohl mit einer Kombination von Handydaten und Überwachungskameras in den Hauseingängen gearbeitet werden. Jeder Passant soll mit einem QR-Code auf seinem Telefon zu identifizieren sein.  

Ob wir ausländischen Korrespondenten einen "Spez-Propusk" kriegen, also einen besonderen Passierschein - das kann auch das Außenministerium derzeit nicht beantworten. Aber in das SPIEGEL-Büro könnte ich es zur Not auch ohne Propusk und ohne Hund schaffen. Es liegt nur 350 Meter von meiner Wohnung entfernt.

Christian Esch

Rom, Italien: Die soziale Krise klingelt an der Haustür

Montag, 14 Uhr: Als ich am Samstag schwer beladen vom Einkaufen zurückkam und gerade in den Hausflur getreten war, klopfte es an der Tür. Auf der Straße stand ein Herr Mitte 50 und bat um Hilfe. Er sei als Arzt im Einsatz und müsse schnell in die Klinik, aber der Tank seines Autos sei leer und er habe kein Geld dabei. Ob ich ihm nicht 20 Euro leihen könne? Er werde sie morgen gleich nach der Schicht zurückbringen.

Das klang merkwürdig. Aber es sind schwere Zeiten, jeden Tag gibt es neue Notfälle, im Großen wie im Kleinen, und in meiner Nachbarschaft hilft man sich, so gut es geht. Außerdem hatte er eine gepflegte Erscheinung, stellte sich höflich mit Namen vor und sah tatsächlich aus wie ein Mediziner. Kurz, ich brachte es nicht übers Herz, nein zu sagen.

Nun ist das Wochenende vorbei. Den Arzt habe ich nicht wiedergesehen, mein Geld ebenso wenig.

Zumindest habe ich jetzt an der eigenen Haustür gelernt, wie die soziale Krise um sich greift. Drei Wochen nach Beginn der Ausgehsperren wächst die wirtschaftliche Not in Italien. Natürlich gibt es finanzielle Hilfen für Unternehmen und Freiberufler, aber sie sind längst nicht so umfangreich wie in Deutschland. Und vor allem erreichen sie nicht den großen Bereich der Schattenwirtschaft. Zahlreiche Italiener, die sich bisher mit Schwarzarbeit durchschlugen, haben kein Einkommen mehr. Und ihnen fehlt die legale Grundlage, um Hilfen zu beantragen. 

Die Regierung verteilt deshalb an Bedürftige inzwischen Lebensmittelmarken wie im Krieg. An die Schwächsten und Ärmsten werden Lebensmittel auch direkt ausgegeben. 400 Millionen Euro hat Rom dafür zunächst bereitgestellt. Aber die Bürgermeister schlagen Alarm: Diese Summe reiche bei Weitem nicht. Sie fürchten soziale Unruhen - und sogar eine Gelbwestenbewegung wie in Frankreich vor einigen Monaten.

Frank Hornig

Paris, Frankreich: Niemand gibt den Obdachlosen mehr Geld

Montag, 10 Uhr: Einer meiner Nachbarn ist ein Obdachloser. Er schläft jeden Abend zwei Hauseingänge rechts von meinem Haus, seit Monaten schon. Seit einiger Zeit grüßen wir uns freundlich, oft gebe ich ihm ein wenig Geld. Jeden Morgen räumt er seine Schlafstelle, eine geschützte Einbuchtung eines Palais aus der Jahrhundertwende, in dem der Modemacher Jean-Paul Gaultier  seine Büros und  Ateliers hat. Tagsüber gehen die Modeleute ein und aus, es werden exotische Blumenarrangements angeliefert, ab und an sieht man Gaultier aus einem Taxi steigen - abends liegt mein Nachbar wieder im Eingang. Er schläft in einem sehr sauberen Schlafsack, im letzten Winter ist ein rundes, blaues Klappzelt hinzugekommen, das ihn vor Wind schützt und in das er sich nachts verkriecht. Die Leute im Viertel stellen ihm oft etwas zu essen vor sein Zelt.  

Seit Beginn der Ausgangssperre hat sich unser Verhältnis verändert. Wir unterhalten uns jetzt täglich miteinander, wir haben ja nun mit der Coronakrise ein gemeinsames Thema, anders als zuvor. Es sind ausgeprochen höfliche Gespräche. Sie beginnen meist damit, dass er mich fragt, wie es mir geht, wie ich das Eingesperrtsein ertrage. Dann erzählt er. Die Zeiten seien hart, nicht unbedingt wegen der Ansteckung, aber es komme niemand mehr vorbei und gebe ihm etwas. Tagsüber ziehe er durch menschenleere Straßen. Warum er immer noch hier schlafe, frage ich ihn. Er sagt, er wolle nicht in die vollgepferchten Obdachlosenunterkünfte der Stadt. Und etwas anderes habe man ihm nicht angeboten. 

Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt. Die Regierung hat seit Beginn der Ausgangssperre zahlreiche Hotelzimmer beschlagnahmt, um dort Obdachlose in Einzelzimmern unterbringen zu können. Die Hotelgruppe Accor stellte von sich aus über 600 Betten in ganz Frankreich zur Verfügung; viele neue Zentren für  Obdachlose wurden aufgemacht, um die Lage zu entzerren und die Ansteckungsgefahr so weit wie möglich zu verringern. Niemand weiß genau, wie viele Menschen ohne festen Wohnsitz in Frankreich leben; Schätzungen gehen von 140.000 bis 250.000 aus. Mein Nachbar ist nur einer davon. Seit einigen Tagen habe ich ihn nicht mehr gesehen, ich mache mir ein wenig Sorgen.

Britta Sandberg

San Francisco, USA: Ziehen bald schon Obdachlose in den Nobelhotels ein?

Samstag, 13.40 Uhr: Man kann schlecht zu Hause bleiben, wenn man keines hat: In San Franciscos Straßen sehe ich fast nur noch Obdachlose. Sie bleiben übrig, wenn alles andere verschwindet. Die Stadt ist leer und still. 

Das sieht furchterregend aus. Aber genau so muss es sein jetzt. Je besser der Lockdown funktioniert, desto weniger Infektionen.

Kriegt San Francisco, kriegt Kalifornien die Kurve? Das ist derzeit die große Hoffnung hier an der Westküste, in der Bay Area. Obwohl einige der ersten amerikanischen Corona-Fälle im Januar in Nordkalifornien nachgewiesen wurden, weist der Bundesstaat an der Pazifikküste (rund 4300 bestätigte Fälle/86 Tote) heute eine ungleich geringere Belastung auf als New York State (45000 Fälle/500 Tote) am anderen Ende des Kontinents. Der Großraum San Francisco Bay Area (1600 Fälle/35 Tote) hat derzeit über zehn Mal weniger bestätigte Fälle als die Stadt New York (23000 Fälle/365 Tote).  

Deshalb feiern manche in Kalifornien auf Twitter San Franciscos Bürgermeisterin London Breed, die schon am 25. Februar den Notstand ausrief, während ihr Kollege Bill de Blasio in New York noch am 2. März seine Bürger per Tweet aufforderte, sie sollten "trotz Coronavirus mit ihrem Leben weitermachen". Am 17. März erließen die Counties der Bay Area als erste in den USA eine Ausgangssperre, kurz darauf folgte Kalifornien als erster Bundesstaat. 

Machte das schon den enormen Unterschied zu New York aus, ein paar Tage frühere Entschlossenheit? Kaum. New Yorks traurige Statistiken sind vermutlich vor allem eine Konsequenz der Dichte dieser Stadt, nirgendwo anders in den USA leben so viele Menschen auf so engem Raum, benutzen so viele Menschen den öffentlichen Verkehr, bevölkern so viele junge Menschen Bars und Restaurants. Vielleicht wird San Francisco, vielleicht werden andere amerikanische Städte schon bald zu New York aufschließen, man weiß es nicht. 

Viele Amerikaner führen jetzt solche Kurvendiskussionen am Familientisch: Wo im Land steigt die Linie steil an, wo flacht sie womöglich ab? Es scheint ein schäbiger, unwürdiger Wettbewerb zwischen Regionen, die jetzt doch eigentlich mehr als je zusammenfinden müssten für diese Prüfung. Doch das Gegenteil passiert: Die eine Seite hält triumphierend fest, dass mehrheitlich demokratische Staaten in der Tendenz höhere Fallzahlen haben. Die andere Seite rechnet besserwisserisch vor, wann die republikanischen Gegenden, wo Gegenmaßnahmen teilweise nur sehr zögerlich ergriffen werden, die demokratischen überholen werden.

Ich gehe in der Innenstadt von San Francisco am Palace Hotel vorbei, einem der vornehmsten Häuser der Metropole, werfe einen Blick in die prachtvolle, völlig verwaiste Lobby, vor der livrierte Pagen in Schutzmasken stehen. Gut möglich, dass hier in Ermangelung betuchter Gäste bald Menschen ohne Wohnsitz und andere Unglückliche die Suiten beziehen. Die Stadt hat angekündigt, Tausende Hotelzimmer anzumieten, um künftig infizierte Obdachlose und andere Corona-Erkrankte, die isoliert werden müssen, unterbringen zu können. Die Lokalpresse schreibt, dass sich die nobelsten Gaststätten einen Wettbewerb um die Kontingente liefern. Der Stadt liegen offenbar Angebote für über 8000 Hotelzimmer vor, auch vom Palace. 

Guido Mingels

Kapstadt, Südafrika: Die Wohlhabenden stürmen vor dem Lockdown die Alkoholläden

Freitag, 14.00 Uhr: In der vergangenen Nacht ist in Südafrika der Lockdown in Kraft getreten. Gestern noch haben die Menschen hauptsächlich die Bottle Stores, die Geschäfte, in denen es Alkohol zu kaufen gibt, gestürmt, denn während des Lockdowns kann man zwar Lebensmittel kaufen, aber keinen Alkohol und keine Zigaretten. Anscheinend ein Schock für viele wohlhabende Kapstädter. Sie warteten in langen Schlangen vor einigen Bottle Stores.

Heute Morgen waren die Straßen der Stadt weitestgehend leer. Von den 2820 Soldaten, die die Einhaltung der Ausgangssperre kontrollieren sollen, war in Kapstadt nichts zu sehen. Hier patrouilliert die Polizei in den Straßen der Stadt, wo fast nur noch die Obdachlosen zu sehen sind. Jene, die keinen Ort haben, an den sie sich zurückziehen können.

Gestern war ich in Langa, einem Township neben der Autobahn, die zum Flughafen Kapstadts führt. Ich besuchte dort eine Bekannte, die bereits große Sorgen hatte. Um die Menschen, die nun nicht mehr in die Stadt fahren können, um zu arbeiten. Wegen des Hungers, der deswegen entstehen wird. Und wegen der Kriminalität, den zunehmenden Einbrüchen, die sie im Township kommen sieht.

In den Townships treffen sich die Menschen weiter auf den Straßen, stehen in großen Gruppen vor ihren Häusern. Bereits am ersten Morgen gibt es in Langa Konflikte zwischen Polizei und Anwohnern. So erzählt es mir eine Beamtin an einem Checkpoint auf der Zugangsstraße in das Township. Es scheint fast unmöglich, an einem so ärmlichen und dicht besiedelten Ort, ein Konzept wie Social Distancing durchzusetzen.

Fritz Schaap

Rio de Janeiro, Brasilien: Wie reagieren die Armen in den Favelas, wenn sie nichts mehr zu essen haben?

Freitag, 12.00 Uhr: Es ist die schönste Jahreszeit in Rio. Der oft unerträglich heiße Sommer ist vorbei, der Winter hat noch nicht begonnen, es ist nicht zu heiß und nicht zu kühl. Das Licht ist sonnendurchflutet und von einer kristallenen Klarheit. Es ist ideales Badewetter, aber die Strände sind leer. Copacabana, Ipanema und Leblon liegen einsam in der Sonne; auf meinem Hausstrand in Urca, der am Wochenende normalerweise von Familien überfüllt ist, weil er als sicher gilt und keine Brandung hat, sonnt sich eine einzelne Frau. Um sie herum trippeln Tauben.

Brasilien kann schnell umschalten, wenn es sein muss, es geht ohne Übergang von 0 auf 100, und man schießt dabei auch gern mal übers Ziel hinaus. So ist es jetzt: Nachdem zunächst niemand das Virus ernst nahm, wetteifern die Leute nun darum, wer die Quarantäne-Auflagen am gründlichsten erfüllt. Das bringt unangenehme Begleiterscheinungen mit sich: Am vergangenen Sonntag, als Restaurants und Geschäfte noch geöffnet hatten, traf ich mich mit drei Freunden auf der Mauer gegenüber einem Restaurant in unserem Wohnviertel Urca. Wir begrüßten uns per Ellbogen, stießen auf den Geburtstag eines meiner Freunde an und hielten dabei den empfohlenen Sicherheitsabstand von einem Meter ein. Das Bier brachte ein Freund mit Mundschutz aus dem Restaurant. Einen Tag später fand ich unsere Gruppe auf einem Video wieder, das ein Nachbar aus einem der Apartments über dem Restaurant gefilmt und in einer Nachbarschaftsgruppe auf Facebook gepostet hatte. Ich frage mich, ob ich jetzt in jedem Nachbarn einen potenziellen Denunzianten vermuten muss. Der lockere, gelassene Lebensstil der Cariocas, wie die Einwohner von Rio genannt werden, ist jedenfalls das erste Opfer der Coronakrise. 

Das zweite, jedenfalls hoffen das viele, ist womöglich Präsident Jair Bolsonaro: Jedes Mal, wenn er im Fernsehen erscheint, klappern die Leute auf Balkonen und an den Fenstern mit Töpfen und Pfannen. Diese Protestart hat sich nach dem Wirtschaftscrash 2001 in Argentinien, als die Leute so den Präsidenten vertrieben, in ganz Lateinamerika verbreitet. Hunderttausende schlagen auf die Töpfe und rufen "Fora Bolsonaro!", "Bolsonaro muss weg!"  Diese Woche haben erstmals auch meine Nachbarn mitgeklappert. Das ist bemerkenswert, denn unser Viertel ist eigentlich konservativ und liegt direkt neben einer Marinebasis. Doch im präsidentiellen Regierungssystem ist es nicht leicht, sich eines Staatschefs zu entledigen. Ein Amtsenthebungsverfahren ist kompliziert und dauert Monate. Dass Bolsonaro freiwillig zurücktritt - die eleganteste aller Lösungen - ist unwahrscheinlich.  

Einige meiner brasilianischen Bekannten fürchten daher, dass seine Regierung ein traumatisches Ende nimmt. Greift das Militär irgendwann ein? Treten die Lastwagenfahrer, die Bolsonaro unterstützen, in den Streik? Wie werden sich die bewaffneten Milizen verhalten, die viele Favelas in Rio kontrollieren und Bolsonaro nahe stehen? Wie lange verkraftet das Land den Lockdown, wie lange halten Kneipen, Restaurants und Geschäfte durch? Und wie werden die Armen in den Favelas reagieren, wenn sie nichts mehr zu essen haben?

Auf alle diese Fragen gibt es noch keine Antworten, aber das Gespenst von Gewaltausbrüchen hängt wie eine große dunkle Wolke über dem Land. Andererseits, und das wird viele überraschen, verfügt Brasilien in Teilen über einen durchaus effizienten Staat. Vor allem das öffentliche Gesundheitssystem ist nicht so schlecht wie sein Ruf. Gerade ist die alljährliche Impfkampagne gegen Grippe angelaufen. In diesem Jahr ist die Nachfrage so groß wie nie, das liegt natürlich an Corona. Die Niederlassungen des brasilianischen TÜV, wo sonst Autos getestet werden, sollen jetzt in Impf-Drive-Thrus verwandelt werden. Bei mir in der Nähe wurde auf der Straße geimpft.  Eigentlich dürfen sich nur Leute über 60 impfen lassen, aber weil meine Frau im Gesundheitswesen arbeitet, durfte ich auch. Impfstoff war ausreichend vorhanden, ich musste nicht einmal zehn Minuten warten. Meine 83-jährige Mutter in Hamburg hat es dagegen noch nicht geschafft, sich impfen zu lassen - ihr hat man gesagt, der Impfstoff sei ausgegangen.

Jens Glüsing

Seoul, Südkorea: Zur Pressekonferenz des Premierministers kommt man nur mit Gesichtsmaske

Freitag, 10.00 Uhr: Der südkoreanische Premierminister Chung Se-kyun hält eine Pressekonferenz. In das Gebäude kommt nur hinein, wer kein Fieber hat. Ein Wachmann kontrolliert das am Eingang. Außerdem stehen hier natürlich wie in den meisten Gebäuden Desinfektionsmittel für die Hände, so wie in jedem Bus und in den meisten Fahrstühlen.

In den Saal der Pressekonferenz komme ich nur mit Gesichtsmaske, und der Mindestabstand zwischen den Journalisten muss eingehalten werden. Wir sitzen etwa einen Meter auseinander. Das ist ungewohnt, aber jetzt eben die neue Normalität. 

"Wir stellen uns auf einen langen Krieg gegen das Coronavirus ein", sagt Premier Chung, "wir dürfen jetzt nicht träge werden." 9332 Menschen sind in Südkorea an Covid-19 erkrankt. 139 sind gestorben. Aber es gibt auch gute Nachrichten: 4528 sind bereits geheilt worden. Viele Länder schauen sich an, wie Südkorea mit der Coronaviruskrise umgeht, unter anderem das massenhafte Testen und den Einsatz von Technologie. Auch Deutschland könnte sich daran laut einem Papier des Bundesinnenministeriums künftig vermehrt orientieren.

Plötzlich fangen alle Smartphones an zu brummen. Auf den Displays erscheinen Notfallmeldungen der Regierung, die uns auf unsere Handys geschickt werden. Zum Glück hat keiner sein Telefon laut gestellt, denn diese Meldungen werden von einem unangenehm lauten Alarmsignal begleitet. "Halten sie zwei Meter Abstand zu anderen. Lüften und desinfizieren Sie häufig im Büro", steht auf dem Bildschirm. Und: "Gehen Sie nach der Arbeit bitte nach Hause und treffen Sie sich nicht mit anderen Menschen in einem geschlossenen Raum. Schützen Sie Familie und Kollegen."

Katharina Graça Peters

London, Großbritannien: Die Stadt erinnert an einen postapokalyptischen Film - und das hat seinen Reiz

Donnerstag, 16.30 Uhr: Gerade hat sich wieder ein Freund aus Deutschland gemeldet: "Spinnen die eigentlich, deine Briten?", schrieb er und: "Kommt besser heim." Das geht schon seit bald zwei Wochen so. "Wie geht es euch auf der verrückten Insel", wollte meine älteste Freundin M. wissen. Der gute alte P. aus K., Tatmensch wie immer, kündigte an: "In der Not hol‘ ich euch persönlich von der Insel." Und sogar unsere englische Nachbarin Susan rief mir vorgestern aus vier Metern Sicherheitsabstand zu: "You seem to live in the wrong country at the moment, dear."

Und es stimmt ja, wir fühlten uns vermutlich etwas sicherer, würden wir nicht gerade von einem Gute-Laune-Onkel regiert, der seine Ansichten so häufig wechselt wie andere Leute ihr Profilbild auf WhatsApp. Boris Johnson hat sich der Coronakrise in etwa so genähert wie vor vier Jahren der Frage, wie er zum Brexit steht. Weil er es selbst lange nicht wusste, hatte er einfach zwei Kolumnen geschrieben: eine für den EU-Austritt und eine dagegen.

Als das Coronavirus im Königreich auftauchte, sah das dann so aus: Erst fand Boris, Händewaschen reicht; dann fand er das nicht mehr. Erst erklärte er, es sei "das Recht jedes frei geborenen Engländers", Pubs zu besuchen; dann schloss er sie. Erst fand er, in zwölf Wochen sei der Spuk vorüber; jetzt ist er nicht mehr so sicher. Und weil unterdessen auch hier die Zahl der Toten stieg - wir sind jetzt bei knapp 500 -, hat das einige nervös gemacht. Unsere Freunde eingeschlossen. Zumal London weit überdurchschnittlich betroffen ist.

Aber auch wenn Bilder von überfüllten U-Bahnen und Berichte über den Kollaps des staatlichen Gesundheitsdiensts NHS das nahelegen: Es herrscht hier nicht totales Chaos. Tatsächlich fügen sich die allermeisten Briten mit demselben stoischen Gleichmut in ihr aktuelles Schicksal, mit dem sie schon deutsche Bomber, etliche Terroranschläge und dreieinhalb Jahre Brexit-Irrsinn überstanden haben.

Seit Boris uns am Montagabend in den Hausarrest geschickt hat, sitzen wir in unseren Wohnstuben, verabreden uns mit Freunden zum Zoom-Dinner und lernen täglich neue Worte, die die Krise gebiert. Gerade hat unser Supermarkt den "Two-Meter-Marshal" erfunden, der jetzt akribisch für Sicherheitsabstand zwischen den Kunden sorgt. Mag auch die Welt zum Stillstand kommen: Ordentlich Schlange stehen werden die Briten bis zuletzt.

London wirkt ansonsten von Tag zu Tag ein Stück mehr wie das New York aus dem postapokalyptischen Film "I Am Legend". Gerade bin ich ein paar Stunden durch die Stadt gelaufen, und wo immer ich war - Piccadilly Circus, Trafalgar Square, Buckingham Palace: Es wirkt, als habe ein Fotograf die Sehenswürdigkeiten aufgenommen und dann die Menschen weitgehend wegretouschiert.

Die Doppeldeckerbusse fahren noch, ab und an hört man einen Presslufthammer oder eine Polizeisirene. Ansonsten aber prägen jetzt Möwen und andere Vögel vielerorts den Sound der Stadt.

London entfaltet damit - wenn auch aus traurigem Anlass - einen Zauber, den so praktisch noch niemand wahrgenommen hat. Schön wär’s, wenn das einige in Erinnerung behielten, sobald der ganz normale Wahnsinn wieder losgeht.

Jörg Schindler

Washington DC, USA: Wie das Coronavirus und Donald Trump den Rassismus im Land befördern

Donnerstag, 14.30 Uhr: Ich fahre über die National Mall, die Prachtstraße im Herzen von Washington D.C., die auf das Kapitol zuläuft. Plötzlich sehe ich, wie ein Taxifahrer aus dem Auto heraus einen asiatisch aussehenden Jogger beschimpft. Ich höre nur die Worte "Virus" und "Corona", aber es scheint klar zu sein, worum es geht. 

In den US-Medien ist jetzt immer wieder zu lesen, dass viele der 21 Millionen asiatischstämmigen Amerikaner Anfeindungen erleben müssten wegen des Coronavirus.

Der Jogger dreht sich um, er bebt vor Wut. Er schreit zurück. Unschöne Worte gehen hin und her. Schließlich hustet der Jogger den Taxifahrer demonstrativ an. Er spuckt durch das geöffnete Autofenster. Sofort drückt der Fahrer auf das Gaspedal und rast davon. 

Donald Trump hat das Virus immer wieder das "chinesische Virus" genannt. Irgendjemand muss ihm dann gesagt haben, dass das keine gute Idee ist, weil er damit womöglich auch eigene Wähler aus dieser Gruppe verprellt. Gestern haben meine Kollegen berichtet, dass die gemeinsame Erklärung der G7 zur Coronakrise daran gescheitert ist, dass die USA auf der Formulierung "das Wuhan-Virus" beharren.

Jedenfalls hat Trump inzwischen ein bisschen umgeschaltet. In einer Pressekonferenz erklärte er, die Ausbreitung der Krankheit sei in keiner Weise die Schuld der Amerikaner, die aus Asien stammen. "Das sind tolle Leute." Nach dem Erlebnis in Washington denke ich: Offenbar hat sich Trumps neue Botschaft noch nicht bei allen herumgesprochen.

Roland Nelles

Wien, Österreich: Wo die Polizei für Rentner sogar einkaufen geht

Donnerstag, 12.00 Uhr: Wäre ich fünf Jahre älter und in einer Wohnung ein paar hundert Meter weiter nordwestlich zuhause, könnte ich mir jetzt von der Polizei Topfenstrudel, Almdudler und Grünen Veltliner ins Haus bringen lassen. Die Polizeiinspektion in der Stumpergasse bietet diesen Service seit dem 16. März an - "aufgrund der vorherrschenden Problematik durch den Corona-Virus". Personen über 65 sollten bitte von diesem Angebot Gebrauch machen. Selbst eine Handynummer gibt Chefinspektor Kruckenfellner heraus, damit bei der Kontaktaufnahme mit den Beamten ja keine Zeit verloren geht. 

Die in Wien "Kiwara" gerufenen Polizisten geniessen beim Volk in normalen Zeiten oft nur begrenzte Sympathie. Dieser Tage aber ist alles anders: Wenn die Streifenwagen mit Blaulicht täglich um Punkt 18 Uhr die Stadt mit Reinhard Fendrichs "I am from Austria" beschallen, stehen die Wiener klatschend am Straßenrand und auf den Balkonen. 

Österreich wäre allerdings nicht Österreich, hätte der neue Umgang miteinander nicht einen ordentlichen gesetzlichen Rahmen. Das polizeiliche Shopping in Zeiten von Corona zum Beispiel läuft als "Schwerpunktaktion" gemäss §10 der österreichischen Richtlinienverordnung. 

Walter Mayr

Bangalore, Indien: Für die Ärmsten ist Corona abstrakt, aber ihr tägliches Elend ist real

Donnerstag, 10:15 Uhr. Ich stehe auf dem Balkon und beobachte einen Mann, der im sechsten Stock in Flip Flops auf einem Fenstervorsprung balanciert und die Außenfassade unseres Nachbarhauses streicht. Er hat einen Schnurrbart, seine Arme und sein Gesicht sind mit weißer Farbe bekleckst. Um den Kopf hat er sich ein weißes Tuch gebunden, dass ihn vor der Sonne schützen soll. Der Himmel ist heute wieder strahlend blau, schon jetzt am Vormittag liegen die Temperaturen bei über 30 Grad. 

Es ist der zweite Tag der Ausgangssperre in Indien. In einer Ansprache am Dienstagabend hatte Premier Narendra Modi seine Landsleute regelrecht angefleht, in ihren Häusern zu bleiben. Es ist ein fast unmöglich erscheinendes Unterfangen: 1,3 Milliarden Inder sollen zuhause bleiben - wie soll das gehen? Die Regierung fürchtet, dass ohne die drastischen Maßnahmen sich Covid-19 "wie ein Buschfeuer" im Land ausbreiten könnte. "Wenn wir die nächsten 21 Tage nicht durchstehen, dann wird unser Land, Ihre Familie, um 21 Jahre zurückgeworfen", warnte der Premier. Ein Experte im Fernsehen rechnete vor, dass sich in einer ersten Welle 300 bis 500 Millionen Inder noch vor Ende Juli mit dem Virus infizieren könnten, ein bis zwei Millionen könnten sterben. Das sind die optimistischen Berechnungen.

Wir hören nun viel Sirenengeheul. Polizisten sollen dafür sorgen, dass die Menschen zu Hause bleiben, nur unerlässliche Erledigungen sollen noch erlaubt sein. Die Streicharbeiten an unserem Nachbarhaus gehören mit Sicherheit nicht dazu.

Tatsächlich blieben die Bauarbeiter am ersten Tag zu Hause. Aber schon am zweiten ist alles wie immer. Insgesamt sind es fünf. Vier arbeiten, einer passt auf. Und was sollen sie denn auch tun? Die Hilfsangebote, die die Regierung versprochen hat, rollen nur langsam an und es ist in Indien alles andere als garantiert, dass sie die Bedürftigen auch tatsächlich erreichen.

Ich schaue dem Bauarbeiter noch eine Weile zu. Ich kann aus der Entfernung nicht genau sagen, wie alt der Mann ist. Vielleicht 50 Jahre? Mit atemberaubender Sicherheit hangelt er sich an der Wand, kein Seil schützt ihn, kein doppelter Boden. Ein Sturz würde den sicheren Tod bedeuten. So arbeitet er wohl immer schon.

Die Regierung hat Recht, wenn sie in dramatischen Worten vor dem Virus warnt. Aber ob sich die Maßnahmen durchsetzen lassen? Für mich ist der Lockdown unangenehm, aber das war es dann nahezu auch. Ich habe ein Dach über dem Kopf, ich habe Geld auf dem Konto. Viele von Indiens Ärmsten haben das nicht. Für sie ist das Virus bislang ein eher abstraktes Problem. Die Gefahr zu verhungern, alles zu verlieren, ist dagegen seit dem Lockdown real. 

Laura Höflinger

Paris, Frankreich: Die Stadt fühlt sich an wie im Krieg

Donnerstag, 9.30 Uhr: Nach Tagen des Zuhausebleibens bin ich gestern zum ersten Mal wieder in das SPIEGEL-Büro gegangen, um den Briefkasten zu leeren und nach dem Rechten zu schauen. Innerhalb einer Woche ist der Weg dorthin ein anderer geworden. Die Rue de Bretagne ist normalerweise eine belebte Straße, mit Cafés und Restaurants, vor allem aber mit vielen kleinen Lebensmittelläden. Vor einigen Tagen hatten sie noch geöffnet - jetzt hängen weiße, handbeschriebene Zettel an den heruntergezogenen Metallrollläden.

Der Käsehändler bittet, Bestellungen per SMS aufzugeben, er werde sich dann melden, um mitzuteilen, wann die Ware abgeholt werden könne. Die Gemüsefrau vom "Marché des Enfants Rouges", der wie alle offenen Märkte auf Anordnung der Regierung geschlossen wurde, schreibt: Man könne sie anrufen mit Einkaufswünschen. Sie werde dann schauen, was sie noch bekommen könne. Danach müsse man die Übergabe organisieren. Ähnliches teilt der Weinhändler mit. Übergabe der Ware organisieren - das klingt nach Mangelversorgung und Schwarzmarkt.

Paris ist in diesen Tagen deprimierend, weil der Stadt alles fehlt, was sie immer ausgemacht hat. Das Stimmengewirr, das Leben, das hier immer mehr als in Deutschland auf der Straße stattgefunden hat.

14 Tage ist es heute her, dass Präsident Emmanuel Macron in seiner erste Rede an die Nation den Kriegszustand ausrief. Sechsmal sagte er in diesen live übertragenen 20 Minuten:  "Wir sind im Krieg". Für meine Ohren sagte er das mindestens viermal zu oft. Wie viele Franzosen befremdet auch mich die rhetorische Mobilmachung der Regierung. Auf den Zetteln in der Rue de Bretagne spiegelt sie sich nun wieder. Gestern Abend um Punkt 20 Uhr sprach Präsident Macron erneut und unangekündigt zur Nation - aus einem Feldlazarett in Mulhouse, das am selben Tag für Covid 19-Patienten eingeweiht wurde.

Er würdigte die Soldaten, die es in Rekordzeit aufgebaut haben, die Pfleger, die Ärzte, "alle, die an der Front, in der ersten Reihe kämpfen". Aber er dankte auch jenen, die das Land und seine Bürger mit dem Notwendigsten versorgen - den Transportfahrern, den Kassiererinnen, den Einzelhändlern. "In diesem Krieg müssen wir alle wie ein geschlossener Block zusammenstehen", sagt der Präsident. Im Hintergrund hört man Hubschraubergeräusche. Dann kündigte Macron eine "Opération Résilience" des französischen Militärs im Kampf gegen den Corona-Virus an. Der Krieg geht weiter.

Es gibt einen Lichtblick: Der Zeitungskiosk, an dem wir täglich unsere Zeitungen holen, hat geöffnet. Er sei der einzige in zwei Kilometer Umkreis, der noch aufhabe, erzählt der Besitzer. Er wohnt außerhalb der Stadt und braucht jetzt jeweils eineinhalb Stunden für die Hin- wie auch für die Rückfahrt. Viele Zeitungen und Magazine sind nicht geliefert worden, dafür hat er einen Riesenstapel GQ-Hefte (Gentlemen’s Quarterly) bekommen. "Die kauft doch kein Mensch", schimpft er.

Der Kunde neben mir fragt nach dem "Canard Enchâiné", dem satirischen Wochenblatt Frankreichs. Mittwoch ist "Canard Enchâiné"-Tag. Er habe keine mehr, sagte der Händler, es seien nur wenig Exemplare gekommen. Später winkt mich der Besitzer heran und zieht aus einem Fach unter der Kasse verschwörerisch einen "Canard" hervor. "Für Sie, hatte ich heute morgen gleich zurückgelegt, aber vorhin hätte das ziemlichen Ärger gegeben." Er freut sich, ich freue mich. Schwarzmarkt hat auch schöne Seiten, auch wenn der "Canard" an diesem Tag nur in einer Notausgabe erscheint und vier Seiten dünn ist. Gab es das schon mal? Nach dem Krieg vielleicht?

Britta Sandberg

New York, USA: Auch im multikulturellsten Teil von Brooklyn steht das Leben jetzt still

Donnerstag, 06:00 Uhr. Meine Stadt ist jetzt das neue Zentrum der Pandemie und mein Viertel ist besonders schlecht dafür gerüstet. Bedford-Stuyvesant, kurz Bed-Stuy, liegt in Brooklyn. Die Hälfte der Leute hier sind Afroamerikaner, das Durchschnittseinkommen liegt weit unter dem von New York City.

Das laute, lustige Leben unseres Viertels, das ich meist liebe und manchmal hasse, ist komplett ausgelöscht. Nur vor dem Drogeriemarkt wartet eine lange Menschenschlange. "Wegen des Coronavirus nur 10 (zehn) Kunden gleichzeitig", steht auf einem Zettel an der Tür. Worauf warten sie? "Medizin", sagt eine Frau. "Deo", sagt eine andere.

Mein Supermarkt heißt "Shop Fair", er liegt an der Fulton Street, der Haupteinkaufsstraße in Bed-Stuy. Das Familienunternehmen ist darauf spezialisiert, Viertel zu versorgen, die als "Lebensmittelwüsten" gelten. Für eine schicke Gourmet-Kette wie Whole Foods (Mutterkonzern: Amazon) ist in dieser Gegend wenig zu holen. Statt dessen ist die Fulton Street normalerweise ein Rummelplatz aus karibischen Kramläden, Fischgeschäften, Gewürz- und Tabakbuden, Straßenhändlern. Jetzt ist sie fast menschenleer.

Die Regale bei "Shop Fair” sind, im Gegensatz zu anderen Ländern in der Stadt, noch voll bestückt. Das einzige, was bei "Shop Fair” auch fehlt, sind Desinfektions- und Putzmittel, alles andere wird rund um die Uhr nachgefüllt. Die Angestellten tragen ebenfalls Masken und Handschuhe. Die paar Kunden wandern durch die Gänge wie in einem Science-Fiction-Film. Die Kassiererin beginnt ihre Schicht, indem sie erst ihre Hände desinfiziert, Handschuhe drüberstreift und dann ihre Jacke in eine Plastiktüte stopft, die unter dem Kassentisch verschwindet. "Crazy times", sagt sie lächelnd. Verrückte Zeiten.

Zuhause liegt ein Merkblatt im Briefkasten. "Präsident Trumps Coronavirus-Richtlinien für Amerika", steht darauf, gefolgt von den Ratschlägen, die längst jeder kennt: "Immer gute Hygiene praktizieren." Die Schwester meines Partners meldet sich, sie war zweimal mit Corona-Symptomen im Krankenhaus, doch wurde jedesmal abgewiesen, weil sie nicht krank genug sei. Crazy times.

Marc Pitzke

Washington DC, USA: Die ganze Stadt will Trump zeigen, wie man sich vernünftig verhält

Mittwoch, 18.30 Uhr: Auf einem morgendlichen Spaziergang durch mein Viertel sehe ich auf meinem Handy die Nachricht, dass Bürgermeisterin Muriel Bowser die Schließung der meisten Geschäfte angeordnet hat, darunter Bekleidungsläden, Fitnessstudios und Friseure. Die Nachricht wundert mich, denn meiner Beobachtung nach sind all diese Läden seit geraumer Zeit ohnehin geschlossen. Die M-Street, eine normalerweise belebte Einkaufsstraße in Georgetown, wo ich wohne, ist seit Tagen menschenleer. Einige Restaurants bieten noch Essen zum Mitnehmen an, das ist alles.

Ich bin auch nach Ausbruch der Coronakrise noch beruflich gereist, durch Florida, South Carolina, West Virgina, Maryland und Virginia. An vielen dieser Orte hatte sich vor wenigen Tagen die Nachricht vom Ernst der Lage noch nicht durchgesetzt. Viele Leute verhielten sich wie immer. Dagegen erscheint mir Washington in diesen Tagen wie eine Modellstadt der Vernunft. Während andere Städte und Bezirke noch auf Anordnungen von oben warteten, hatte die Hauptstadt längst auf Krisenmodus umgestellt. Man sieht seit fast zwei Wochen nur noch Paare auf den Straßen, obwohl bis heute noch Ansammlungen von bis zu 50 Personen erlaubt waren.

Es scheint so, als wolle die ganze Stadt dem Präsidenten zeigen, wie vernünftige Menschen sich verhalten. Trump hat die Krise lange nicht ernst genommen und beteuert gegen jede wissenschaftliche Vernunft, das Ganze sei bald vorbei.

Diesen Willen spürt man in der Stadt in allen Lebensbereichen. Bei Trader Joe’s, wo ich meine Lebensmittel einkaufe, gibt es längst Türkontrollen, damit nicht zu viele Menschen im Laden sind. Die Einkaufswagen werden nach jedem Gebrauch gereinigt, für die Kunden steht Handdesinfektionsmittel bereit. Das Yoga-Studio meiner Frau bietet längst Onlinekurse an.

Eine Ausnahme gibt es selbst in Georgetown. Stachowski’s Market, eine wunderbar altmodische Metzgerei, wo es auch Kaffee und Gebäck gibt, ist so gut besucht wie eh und je. Desinfektionsmittel gibt es hier keine, dafür Pastrami-Sandwiches, von denen man sich drei Tage lang ernähren kann. Ein Besuch bei Starkowski‘s ist wie eine kleine Flucht, ein Ausflug in das Leben, wie es vor der Krise einmal war. Den brauchen bei aller Disziplin selbst die Einwohner Washingtons gelegentlich.

Ralf Neukirch 

Tel Aviv, Israel: Niemand darf sich weiter als hundert Meter von zuhause entfernen

Mittwoch, 17.00 Uhr: Hundert Meter. Das ist die Strecke die ich noch habe. Ab jetzt, fünf Uhr Nachmittags, darf man sich in Israel nicht weiter als hundert Meter von seinem Wohnort entfernen. Es sei denn man versorgt einen kranken Menschen, kauft Lebensmittel ein oder geht einer unter nationalen Notstandsregeln wichtigen Arbeit nach. Die Frage ist, ob man die als deutscher Journalist in Israel hat.

Heute morgen war ich noch mal wegen meiner Katze in Aschkelon und habe mich mit einer netten Veterinärbeamtin unterhalten, die ursprünglich aus dem australischen Perth kommt und hier irgendwie hängengeblieben ist. Ansonsten kann man ab jetzt die Nachbarn fragen, wie es geht. Oder, wenn man einen Überblick bekommen will, Ali, der den Lebensmittelladen führt, der 80 Meter von meiner Haustür entfernt ist. Oder Alis Frau.

Um einen noch größeren Überblick zu bekommen, kann man sich in telefonische Pressekonferenzen einwählen, in denen darüber diskutiert wird, wie schlimm die Lage in Jerusalem ist, der ärmsten Stadt des Landes, ob aus Gaza bald wieder Raketen kommen oder wie sich die israelischen Politiker weiter darum streiten, wer eigentlich die Wahlen gewonnen hat.

Ich habe das heute Nachmittag gemacht. Ein politischer Analyst und ein Rechtsexperte diskutierten eine Stunde lang darüber, ob der Rückzug des Knesset-Sprechers Yuli Edelstein eher Benjamin Netanyahu nützt oder seinem Herausforderer Benny Gantz. Der eine sagte so, der andere so. Irgendwann habe ich mich still aus der virtuellen Runde verabschiedet und bin noch mal ans Meer gegangen.

Alexander Osang

Peking, China: An Gesichtsmasken herrscht in China kein Mangel

Mittwoch, 15.30 Uhr: Eines hat in China auch in den dunkelsten Tagen der Coronakrise immer funktioniert: die Nahversorgung. Lebensmittel waren genug da, in den Geschäften oder per Online-Bestellung. Selbst vorübergehend knapp gewordene Haushaltsgüter wie Gummihandschuhe und Desinfektionstücher sind mittlerweile wieder überall zu haben. Auch Atemmasken. 116 Millionen Stück davon produziert das Land inzwischen jeden Tag, mehr als zehn Mal so viele wie vor Beginn der Krise.

Und so gut wie alle Bürger tragen Masken. In Asiens Großstädten gehört der Mundschutz ohnehin zum Straßenbild - in Peking wegen der oft schlechten Luft, in Tokio wegen des Pollenflugs, in Hongkong und Taipeh seit der Sars-Krise einfach, weil man nie wissen kann. Wer nieste oder hustete, blieb schon vor Covid-19 in der Regel zu Hause oder trug eine Maske. Es stimmt, die einfachen Wegwerfmasken schützen im Gegensatz zu den dichten N95-Masken eher die anderen als einen selbst. Aber auch das macht einen Unterschied, wenn sich praktisch alle an diese Regel halten - vor allem in geschlossen Räumen, in der U-Bahn, oder wenn man sich sonst zu nahe kommt.

Ab und zu muss man Ausnahmen machen: In China kauft kaum jemand mehr mit Bargeld ein. Bezahlt wird mit dem Mobiltelefon: Man scannt, oder man wird gescannt - je nach Geschäft; man legt seinen Finger auf den Sensor oder zahlt per Gesichtserkennung - je nach App oder Telefon. Mich erkannte mein Handy heute nicht, als ich meine Bezahl-App nutzte. Auf die Schnelle wusste ich mir nicht anders zu helfen, als kurz die Maske unters Kinn zu ziehen.

In manchen westlichen Ländern ist das Tragen der Masken noch verpönt, und ein Argument ist unbestritten: Zuerst einmal müssen Ärzte und Krankenpfleger genug Masken haben. Aber wenn das einmal gesichert ist, sollten wir uns auch im Westen daran gewöhnen. Dass die Europäer auf das Maskentragen immer noch verzichten, stößt in China auf Unverständnis und Ärger. Vor ein paar Tagen sorgte der Wutanfall eines Vertreters des Chinesischen Roten Kreuzes in Italien für Aufsehen - so wie er denken hier viele. Sicher ist: Wenn ich in China keine Maske tragen würde, könnte ich kein Einkaufszentrum, keine U-Bahn betreten. Man würde mich daran hindern.

Bernhard Zand

Moskau, Russland: Plötzlich wird die Lage auch hier ernst - und Putin spricht zur Nation

Mittwoch, 14.50 Uhr: Ich bin heute morgen in einem anderen Moskau ausgewacht. Auf den Straßen hat sich zwar nichts geändert - die Stadt ist immer noch belebt, wenn auch weniger geschäftig als sonst, eine Ausgangssperre gibt es nicht. Offiziell gibt es hier nur 658 Fälle und bisher keinen einzigen Toten. Aber die russischen Zeitungen zeigen mir heute ein beunruhigendes Bild: Wladimir Putin in einem knallgelben Schutzanzug, das Gesicht hinter einer aufwändigen Schutzmaske verborgen, die direkt aus einem Virenlabor stammen könnte. Es sind Fotos von seinem Besuch des Präsidenten im Infektionskrankenhaus in Kommunarka. Sie wirken auf mich wie ein Signal an alle Russen: Dies hier ist eine ernstere Gefahr, als ihr bisher dachtet. Vielleicht auch ernster, als wir selbst bisher dachten.

Wie eine Welle kommen jetzt überraschende neue Warnungen: Die offiziellen Zahlen täuschten, sagt Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin. Wir sollten uns auf ein italienisches Szenario vorbereiten, sagt der Klinik-Chef von Kommunarka. Wer die Quarantäne verletzt, soll schlimmstenfalls mit sieben Jahre Haft bestraft werden, sagt der Duma-Chef. Das sind alles Nachrichten der letzten 24 Stunden.

Und deshalb bin ich auf das schlimmste gefasst, als Wladimir Putin sich überraschend am Nachmittag an die Bürger wendet, in einer Fernsehansprache. Aber die fällt überraschend mild aus - Putin spricht über ökonomische Hilfen an Familien, Arbeitslose, Kleinunternehmer, die nächste Woche sei arbeitsfrei. Von Einschränkungen, Ausgangssperren ist nicht die Rede. Soll die Regierung die schlechten Nachrichten verkünden?

Ich frage mich, wie mein Moskauer Alltag sich in den kommenden Tagen verändern wird. Noch sind die Kindergärten geöffnet, auch Schulkinder bis zur vierten Klasse werden auf Wunsch betreut. Aber für die Alten gelten ab Donnerstag strengere Regeln: Meine Nachbarin Jewgenia, eine ehemalige Sängerin, darf dann nicht mehr aus dem Haus. Ich selbst hoffe jetzt vor allem, dass es wärmer wird und ich wieder im Gorki-Park joggen kann. Mein Schwimmbad, das beheizte Freibad "Möwe", hat nämlich seit dem Wochenende geschlossen. Ich habe noch vor Augen und im Ohr, wie ein Bademeister dort in seiner dicken Winterkleidung am Beckenrand stand und die ganze Aufregung um das Coronavirus als Hysterie abtat. Bis zuletzt waren viele Rentner im Becken - Leute, die wie ich mit dem Schwimmen einfach nicht aufhören konnten. Ich möchte sie alle wiedersehen, wenn die "Möwe" wieder aufmacht, irgendwann.

Christian Esch

Seoul, Südkorea: Eine App zeigt an, wo es in der Nähe noch wie viele Masken gibt

Mittwoch, 13.00 Uhr: Die Schulen sind schon seit vier Wochen geschlossen - und das wird wohl noch lange so bleiben. Wie so vieles in dieser Coronavirus-Krise ist es manchmal sehr anstrengend und manchmal sehr schön, sein Kind zu Hause zu unterrichten. Während der Heimunterricht in Deutschland oft nur darin besteht, dass die Lehrer per E-Mail Buchseiten durchgeben, arbeiten wir hier mit der App Google Classrooms, wo die Lehrer Aufgaben einstellen. Teilweise wird der Unterricht per Google Hangouts gestreamt. Die anderen Kinder am Bildschirm zu sehen, ist kein Ersatz. Mein Sohn hofft, dass die Schule bald wieder anfängt. Er vermisst seine Freunde.

Für viele Koreaner ist die Situation eine große Herausforderung: Bildung ist hier sehr wichtig. Viele Eltern legen Wert darauf, dass selbst Kindergartenkinder Englisch und Mathematik lernen, und schon Grundschüler verbringen ihren Nachmittag nach der Schule oft an Nachhilfeakademien

Einmal in der Woche holen wir bei der Schule neues Unterrichtsmaterial ab. Immer dabei, wenn wir das Haus verlassen: die Maske. In Südkorea tragen alle Menschen in der Öffentlichkeit Gesichtsmasken. Anfangs waren sie so begehrt, dass sie überall ausverkauft waren. Vor den Supermärkten bildeten sich lange Schlangen.

Jetzt ist der Verkauf staatlich reguliert: Jeder darf zwei Masken pro Woche bei einer Apotheke erwerben, dabei muss er seinen Ausweis vorlegen. An welchem Tag er die Masken kaufen darf, hängt von der letzten Ziffer seines Geburtsjahres ab - montags zum Beispiel sind die Jahre mit der Endziffer 1 bis 6 dran. Auf einer Navigationsapp kann man gezielt nach Apotheken suchen, die die Masken verkaufen - und auch gleich sehen, ob sie noch welche auf Lager hat.

Katharina Graça Peters

Kapstadt, Südafrika: Der Präsident schickt die Armee in die Straßen

Mittwoch, 10.35 Uhr: Covid-19 wird hier von vielen als weiße Krankheit wahrgenommen. Als ich vor einigen Tagen in den Townships war, den mehrheitlich von Schwarzen bewohnten Armenvierteln, riefen mir einige Leute "Corona, Corona" hinterher. Ähnliche Geschichten höre ich zurzeit oft von Kollegen auf dem Kontinent. Reisende aus Europa haben die Krankheit hier eingeschleppt - und noch sind es eher die Vermögenden, die als erste mit Corona in Kontakt kamen. Aber die Leidtragenden werden mit großer Sicherheit die Armen sein in diesem Land, in dem die Rassentrennung im Alltag immer noch sehr präsent ist - und in dem es eine gute Gesundheitsversorgung nur für die Vermögenden gibt.

Südafrika hat den größten Ausbruch auf dem Kontinent. Heute morgen spricht Gesundheits-Minister Mkhize von 155 neuen Fällen. Das ist eine Steigerung von knapp 30 Prozent. Wir haben jetzt 709 Fälle. Auch in Südafrika herrscht ab Donnerstagnacht ein Lockdown.

Gestern, einen Tag nach der Ankündigung des Lockdowns durch den Präsidenten Cyril Ramaphosa, der in dieser Krise gerade erstaunlich an Statur gewinnt, einen Tag nach der Ankündigung, die Armee auf die Straßen zu schicken mit dem Befehl, für die Einhaltung der Ausgangssperre zu sorgen, schienen viele Südafrikaner hauptsächliches eins im Sinn gehabt zu haben: dicht an dicht gedrängt die Supermärkte leerzukaufen.

Als die Sonne gestern hinter dem Berg verschwand, kurz nachdem ich die erleichternde Nachricht erhalten hatte, dass ich mein Auto nun doch noch vor dem Lockdown noch aus der Werkstatt abholen könne, war fast niemand auf den Straßen zu sehen. Als ich zurückfuhr, war es fast dunkel, und das erste Mal konnten die Südafrikaner nun tatsächlich erahnen, wie es in Europa, wie es China sein musste, wie es bald für Wochen oder Monate auch hier sein wird. Die Straßen lagen dunkel und ungewöhnlich still. Kein Licht schien aus den vielen Restaurants und Bars. Keine Musik. Nirgends.

Fritz Schaap

San Francisco, USA: Ein Uber-Fahrer sieht in der Coronakrise eine große Gelegenheit

Mittwoch, 7.00 Uhr: Bevor ich in ein Uber-Taxi steige, ziehe ich jetzt immer Maske und Handschuhe an. Uber-Fahrer sind oft ergiebige Gesprächspartner, es gibt ein Verbrüderungsgefühl zwischen Fahrer und Fahrgast, weil man gemeinsam Teil dieses Business-Modells ist, weil die App mir den Vornamen des Fahrers längst genannt hat und meinen ihm auch. "Guido? Are you Italian?" So fängt bei mir jedes zweite Uber-Gespräch an, auch das mit David, der mich heute nach Hause fährt. David sieht die Sache mit Corona pragmatisch, besser: er sieht Geschäftsmöglichkeiten. "Alle anderen denken daran, welchen Schaden Corona ihnen zufügen wird", sagt David, "ich denke daran, wie ich profitieren kann."

Er will jetzt mit einem Freund ins Immobiliengeschäft einsteigen. Er rechne damit, dass viele Leute, die jetzt ihre Jobs verlieren, schon bald ihre Kredite nicht mehr bedienen können und ihre Häuser verlieren werden. So wie 2008, als die Weltwirtschaft zuletzt die Grippe hatte. Dann will er bereit sein. "Man muss vorausschauen, die Chancen sehen", sagt David.

Auch in der Bay Area herrscht jetzt eine Ausgangssperre. Sie funktioniert allerdings nicht richtig. Alle wollen an die frische Luft, an die Strände, in die Parks. Am Wochenende war alles voll mit Radlern, Wanderern, Familienausflüglern. Teils wurden Strandzugänge gesperrt. Leute beschweren sich, dass auf Wanderwegen "Social Distancing" beim Kreuzen nicht funktioniert.

Welche Zeit war das nochmal, ganz lange her, zwei Wochen mindestens, als wir noch dachten, das wird schon alles nicht so schlimm? Alles, was man gestern noch nicht für möglich hielt, ist heute schon Wirklichkeit. Das ist die Corona-Zeit, man kommt mit dem Kopf nicht hinterher. Ich weiß noch, wie ich den Kopf schüttelte, als ich die ersten Gesichtsmasken sah in den Straßen von San Francisco. Als Freunde anfingen, Vorräte zu kaufen. Als die Eltern eines Mädchens in der Schulklasse meines Sohnes ihre Tochter schon Mitte Februar nicht mehr zum Unterricht schickten, weil die Mutter kurz vor der Niederkunft stand und sie ganz sicher gehen wollten. Der Junge ist jetzt auf der Welt, er heisst Green, wie die Hoffnung, geboren im März 2020, dem Monat, als die Menschheit daran erinnert wird, wie verletzlich sie ist. Ich habe den Vater angerufen, um zu gratulieren. Und um zu fragen, warum er den Ernst der Lage früher fühlte als andere. Er habe regelmäßig mit chinesischen Geschäftspartnern in Wuhan zu tun, sagte er, "und die sagten mir, pass auf, das wird übel, und es kommt auch zu euch."

Guido Mingels

Seoul, Südkorea: Jeder Flugreisende wird auf Corona getestet

Dienstag, 18.30 Uhr: Um diese Zeit hängt sonst Smog über Südkoreas Hauptstadt Seoul, aber in diesem Jahr ist die Luft klar. Wegen des Coronavirus arbeiten weniger Fabriken, fahren weniger Autos. Seit Wochen appelliert die Regierung an die Bevölkerung, das Coronavirus ernst zu nehmen. In allen Bussen, U-Bahnen und Haltestellen hängen Schilder, auf den Screens an Hochhäusern in der Innenstadt spielen Videos: Wie vermeidet man Ansteckung? Wie kann man andere schützen?

Die Zahl der Infektionen stieg in der vergangenen Woche nicht mehr so stark, aber im Land ist die Sorge groß, dass das Virus aus dem Ausland erneut hereingetragen wird. Es mehrten sich zuletzt die "importierten" Fälle. Seit Sonntag testet Südkorea daher alle Passagiere, die aus Europa eintreffen, auf Covid-19.

Eine Freundin schreibt am Montag: "Wir wurden zu einer Teststation 1,5 Std vom Flughafen entfernt gebracht. Hier mussten wir übernachten und mitten in der Nacht (so gegen 24 Uhr) wurden wir dann getestet. 😣 Jetzt müssen wir auf das Ergebnis warten." 15 Stunden später die Nachricht: " Wir haben es jetzt tatsächlich geschafft. Noch ne halbe Std, dann sind wir zu Hause. 😌" 

Weil diese Prozedur zu aufwendig und langwierig ist, wird die Regelung wohl für einreisende Koreaner aufgeweicht; für Ausländer gilt sie aber weiter. Wer negativ testet, wie meine Freundin, muss für zwei Wochen in Quarantäne gehen und mit einer App zweimal täglich den Gesundheitsstatus durchgeben. Auch der Aufenthaltsort wird so kontrolliert.

Katharina Graça Peters

New York, USA: Ein Notarzt bricht in Tränen aus

Dienstag, 17 Uhr. Heute macht mir unser Gouverneur Andrew Cuomo zum ersten Mal wirklich Angst. Er klingt bei seiner täglichen Pressekonferenz wütend und entsetzt. New York verzeichne inzwischen "astronomische Zahlen" und stehe davor, von einem "Hochgeschwindigkeitszug" überfahren zu werden.

Wir haben hier inzwischen mehr als die Hälfte aller US-Fälle, und sie verdoppeln sich alle drei Tage. Der Bundesstaat New York und dessen größte Stadt New York City mit ihren 8,6 Millionen Einwohnern sind zu einem Zentrum der globalen Pandemie geworden. Seit dem Wochenende herrscht hier eine weiche Ausgangssperre - nur noch gezielte Einkäufe (Lebensmittel, Medizin) und "kurze" Spaziergänge sind erlaubt. Die Stadt ist verwaist, unser Coffeeshop "Hart’s" in Brooklyn mit Brettern zugesperrt, als nähere sich ein Hurrikan. 

Das Kongresszentrum von Manhattan, in dem Cuomo seine Pressekonferenz abhält, wird jetzt in ein Notkrankenhaus mit 1000 Betten umgewandelt. Hinter dem Gouverneur sind Kartons mit Atemschutzmasken aufgebaut. Es ist eine Kulisse für die Kameras, in Wahrheit reicht das alles nicht mehr. 140.000 Klinikbetten wären demnächst nötig. New York hat 53.000.

Ein Freund, der als Krankenpfleger in einem großen New Yorker Krankenhaus arbeitet, schickt mir diese SMS: "Wir haben fast 600 neue Patienten, mehr als 100 davon hängen an Beatmungsgeräten. Wir haben begonnen, zwei Patienten an ein Gerät zu hängen, weil wir nicht mehr genügend Geräte haben. Gestern, während einer Zwölf-Stunden-Schicht in der Notaufnahme, haben wir sechs bis acht Leute zwischen 20 und 70 Jahren intubiert. Ich komme mit dem Zählen nicht mehr nach." Ein anderer Freund, ein Notarzt in einem anderen New Yorker Krankenhaus, brach am Telefon in Tränen aus, vor Erschöpfung und Angst über das, was er erlebt.

Die Pandemie kriecht immer näher, das ist nicht mehr nur etwas, über das wir berichten, sondern etwas, das wir nun selbst erleben. Gestern erfuhren wir, dass ein Freund meines Partners hier in New York an den Folgen von Covid-19 verstorben ist. Er war 50 Jahre und vorher jung und, nach allem was wir wissen, völlig gesund.

Marc Pitzke

Paris, Frankreich: Wer das Haus verlässt, braucht einen Passierschein

Dienstag, 14.15 Uhr: Seit heute morgen gelten in Paris wie in ganz Frankreich noch strengere Bestimmungen für die Ausgangssperre. Ich muss nun die genaue Uhrzeit, zu der ich meine Wohnung verlasse, auf einem Passierschein vermerken, darf nicht länger als einmal am Tag für eine Stunde rausgehen und mich beim Joggen nicht mehr als einen Kilometer von meinem Zuhause entfernen. Ich habe das Glück, dass für mich als Journalistin einige Ausnahmeregeln gelten. Die Franzosen aber müssen sich strikt an die neuen Vorgaben halten - auch die Geldstrafen wurden bei Verstößen auf bis zu 1500 Euro heraufgesetzt. 

Die Champs-Élysées sind nun eine der einsamsten Straßen von Paris. Seit Jahren schon wohnt ja niemand mehr auf der Avenue, es gibt nur noch Büros, Hotels und Geschäfte, in denen seit einer Woche nicht mehr gearbeitet wird. Deshalb sind hier jetzt, im Gegensatz zu anderen Vierteln, selbst die Zeitungskioske geschlossen. In der Pharmacie Anglaise in der Rue de la Boetie kann man sogar wieder Desinfektionsgel kaufen. In den meisten anderen Quartiers ist es vergriffen. 

Die Flagshops von Louis Vuitton, Gucci und Dior haben ihre Schaufenster mit beigen Pappen oder weißen Tüchern abgedeckt. Das Luxusrestaurant Fouquets, das Demonstranten der Gelbwestenbewegung vor ziemlich genau einem Jahr in Flammen gesetzt hatten und das immer wieder als Symbol der Pariser Elite zum Angriffsziel wurde, ist vollständig verrammelt. Alle Fensterfronten sind mit Lochblechgittern abgedeckt. Die Angst, nach wie vor Zielscheibe für Randalierer zu sein, konnte auch die Ausgangssperre den Besitzern nicht nehmen. 

Es hat aber etwas Beruhigendes, dass einige französische Reflexe in der Krise überleben: Die Pariser Dessousmarke Princesse Tam Tam schlägt unter dem Hashtag #jerestechezmoi ("Ich bleibe zu Hause") schwarze Unterwäsche und Hemdchen mit Spitze für den Shutdown vor, der hier "confinement" heißt. Wer es bequemer mag, kann bunt bedruckte Pyjamas mit knappen Shorties bestellen. Frauenzeitschriften veröffentlichen Ratschläge und Rezepte, wie man trotz Shutdown nicht zunimmt (Heißer Tipp: in Wasser eingeweichte Kichererbsen statt Erdnüsse zum Aperitif essen).  

Britta Sandberg

Peking, China: Paare dürfen nur an getrennten Tischen sitzen

Dienstag, 12.30 Uhr: Es ist das erste Mal, dass ich in Peking außer Haus zum Mittagessen gehen kann, nach 14 Tagen Quarantäne - weil ich aus dem Ausland eingeflogen bin, musste ich die Zeit zu Hause verbringen und jeden Tag mein Fieber messen. Das war noch verhältnismäßig milde: Wer jetzt nach Peking fliegen will, wird in eine Provinzstadt umgeleitet und dort zwei Wochen in einem von der Regierung bestimmten Quarantänehotel untergebracht.

Wir fahren zu unserem Stammlokal, die Craftbeer-Brauerei "Der Große Sprung". Meine Frau geht vor und bestellt, ich bleibe im Auto sitzen, um unserem Hund die Wartezeit zu verkürzen. (Hunde dürfen in China grundsätzlich nicht in Restaurants.) Nach fünf Minuten ruft meine Frau an und sagt: "Du kannst kommen, aber hier hat sich eine Kleinigkeit verändert."

Am Eingang misst die Kellnerin am Handgelenk meine Temperatur, fragt nach meiner Handy­nummer und lässt sie mich mit Unterschrift bestätigen. Da ich dafür einen Kugelschreiber anfassen muss, deutet die Kellnerin freundlich auf den Desinfektionsmittelspender daneben. So weit noch keine Überraschung - die Temperatur wird hier in China mittlerweile an jedem Parkplatz gemessen.

Dann sehe ich meine Frau. Als ich hinübergehe und mich zu ihr setzen will, schüttelt sie lächelnd den Kopf und schickt mich an den Nebentisch. Dort steht bereits mein Getränk - und eine Notiz: "Aufgrund der Coronakrise bitten wir unsere Gäste, jeweils allein an einem Tisch zu sitzen."

Immerhin, mein Tisch und der meiner Frau stehen direkt nebeneinander. Wäre die Musik nicht so laut - wir könnten uns fast unterhalten. So wie die vier chinesischen Gäste, die großzügig verteilt im Westflügel des "Großen Sprungs" dinieren - und die beiden Amerikaner, die sich zur Begrüßung eigentlich umarmen wollten, davon dann aber im letzten Moment Abstand nehmen.

Bernhard Zand

Bangalore, Indien: Wer verdächtig ist, bekommt einen Stempel

Dienstag, 11.15 Uhr: Ich bin jetzt abgestempelt. Vier Männer kamen heute Vormittag bei uns zu Hause vorbei, haben unsere Hände desinfiziert und uns dann einen Stempel auf die linke Hand gedrückt, da steht nun: "Proud to protect Bengaluru". Wir sind am Freitag von Delhi nach Bangalore geflogen, an Bord waren auch die letzten indischen Rückkehrer aus den USA. Deswegen stehen wir nun bis zum vierten April unter häuslicher Quarantäne.

Die Männer mit dem Stempel kamen von der örtlichen Polizei und der Stadtverwaltung. Wir sollen nicht nach draußen gehen und solang alle kooperieren, muss sich niemand Sorgen machen, hat der Chef der Truppe gesagt. Dann mussten wir uns neben ihnen aufstellen und es wurde ein Foto gemacht. Sie waren sehr freundlich, gelacht wurde auch. Das Einzige, was mir ein bisschen Sorgen gemacht hat, war, dass einer von ihnen, seinen Mundschutz nicht über die Nase gezogen hatte. 

Was der Zweck des Stempels ist? Die Idee ist wohl, dass man von mir Abstand nähme oder mich der Polizei meldete, wenn ich trotz Quarantäne vor die Türe ginge. Wir kriegen auch nach wie vor automatisierte Anrufe auf unsere Handys. "Press 1 if you're feeling healthy, Press 2 if you're showing symptoms". Aber ob die Stempler morgen wieder vorbeikommen? Ich weiß es nicht.

In Bangalore sollen die Bewohner nur noch für essenzielle Dinge vor die Tür gehen. Büros, Restaurants und Läden (außer Nahrung etc.) sind geschlossen. Der öffentliche Nahverkehr liegt lahm. Privatwagen dürfen nicht in die Stadt hinein oder heraus.

Schon am Sonntag gab es in Indien eine landesweite freiwillige Ausgangssperre - für einen Tag. Die Regierung macht sich wohl Sorgen. Die Behörden alles Menschenmögliche, um den Ausbruch noch einzudämmen, denn die Steigerungsrate nähert sich gerade exponentiellem Wachstum an. Das Land ist föderalistisch organisiert, deshalb gibt es eine zentrale Steuerung nur zum Teil.

Was mich erstaunt: In Bangalore leben 12 Millionen Menschen. Die indische Lebensweise ist ansonsten so ziemlich das Gegenteil von Social Distancing. Aber die Straße vor unserer Haustür, wo es sonst hoch hergeht, ist nahezu menschenleer. 

Am Nachmittag hat mich dann einer der Polizisten von heute Morgen in die WhatsApp-Gruppe "Quarantäne Team 2" aufgenommen. Dann schrieb er: Alle sollten bitte ihren Live-Standort mit der Gruppe teilen. Wir haben es alle getan.

Laura Höflinger

Rom, Italien: Wenn Jogger von der Polizei verfolgt werden

Dienstag, 09.30 Uhr: Mein Radius wird immer kleiner. Vor einer Woche konnte ich noch am Tiber-Ufer joggen, jetzt ist die Strecke gesperrt. Als ich vorgestern zum Laufen vor die Tür ging, traf ich meine 84-jährige Nachbarin Sandra. Sie kam gerade mit ihrem Hund vom Gassigehen zurück. "Lauf bloß nicht zum Tiber, da kontrolliert die Polizei", sagte sie.

Fast jeden Tag werden in Italien Regeln verschärft. Sich an der frischen Luft ein wenig erholen, spielen, einen kleinen Spaziergang machen: Das alles ist nicht mehr erlaubt. Aber einen winzigen Spielraum gibt es noch. Wer sich nicht mehr als 200 Meter von der eigenen Wohnung entfernt, darf seinen Hund ausführen oder sich sportlich betätigen. Ich bin ein bisschen durch die komplett menschenleeren Straßen von Trastevere gelaufen. Irgendwann wurde ich von einem Polizeiwagen mit Blaulicht verfolgt. Ich bog in eine Gasse ab, die für Autos zu eng ist, und rannte nach Hause. So wird man vom Langstreckenläufer zum Sprinter. 

Seit zwei Wochen ist Sandra mein einziger direkter sozialer Kontakt. Wenn ich auf meinen Balkon gehe, öffnet sie ihr Fenster gleich nebenan, und wir singen zusammen oder plaudern ein bisschen.

Am Sonntag habe ich endlich eine neue Bekanntschaft geschlossen. Im Supermarkt hatte ich noch drei Geranien ergattert. Als ich sie auf dem Balkon einpflanzte, winkte mir aus 50 Meter Entfernung eine andere Nachbarin von ihrer Terrasse aus zu. Laut brüllend tauschten wir uns kurz über die Blumen aus. Dann wollte sie meine Hausnummer wissen. Am nächsten Morgen hing ein Beutel an meiner Tür: Die Nachbarin hatte mir ein paar von ihren Pflanzen geschenkt.

Frank Hornig

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