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Coronavirus: Zehntausende Deutsche sitzen noch immer im Ausland fest

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 24.03.2020 Markus Becker

Rund 70.000 Deutsche sitzen wegen der Coronakrise noch immer im Ausland fest. Die Bundesregierung versucht, sie so schnell wie möglich zurückzuholen. Viele aber werden wohl noch Wochen warten müssen.

© Hartmut Dassel/ dpa

Fast hätten Andree und Andrea Wernicke es in die EU geschafft. In der Schlange vor der Fähre nach Spanien stand am späten Sonntagabend nur noch ein Auto vor dem Wohnmobil des Münchner Paares. Dann aber legte das Schiff ab - und seitdem stehen die Wernickes vor der Grenze der spanischen Exklave Ceuta im Norden Marokkos.

"Rund 50 Deutsche, 170 bis 180 Franzosen und weitere Europäer stehen seitdem in der Schlange und wissen nicht, wie es weitergeht", sagt Andrea Wernicke dem SPIEGEL. "Es gibt kein Wasser, kein Essen und keine sanitären Anlagen." Den Dienstag werde man noch mit Warten verbringen. "Dann müssen wir sehen, ob wir uns irgendwie anders in die EU durchschlagen können." Ihr Mann hält das aktuell nasskalte Wetter in Ceuta deshalb für einen Glücksfall. "Wenn die Menschen massiv Durst bekommen, könnte die Stimmung umschlagen."

Die Episode zeigt: Die Coronakrise verursacht weiterhin Chaos im weltweiten Reiseverkehr. Und das nicht nur in fernen Ländern, sondern auch an den Außengrenzen der EU.

130.000 Deutsche zurückgeholt, 70.000 warten noch immer

Als weltweit die Schlagbäume fielen und der Flugverkehr zum Erliegen kam, befanden sich rund 200.000 deutsche Touristen in aller Welt, sagte Außenminister Heiko Maas am Montag nach einer Videokonferenz mit seinen EU-Amtskollegen. 130.000 davon habe man inzwischen zurückholen können, die meisten davon aus den Haupturlaubsgebieten. Die restlichen rund 70.000 warten nach Erkenntnissen des Auswärtigen Amts noch immer auf eine Möglichkeit, nach Hause zurückzukehren. Und viele werden wohl noch lange warten müssen.

Zwar wächst Tag für Tag die Liste der Länder, aus denen Deutsche mit Chartermaschinen ausgeflogen werden. Dazu gehören auch Ziele wie Ecuador, Gambia oder Neuseeland. "Wir widmen uns jetzt ganz besonders Ländern in weiterer Entfernung", sagte Außenminister Maas. Das aber sei "in der Logistik deutlich komplizierter". So sei es zunehmend schwierig, Lande- und Überfluggenehmigungen zu bekommen – "weil der Luftraum geschlossen wurde oder weil Flughäfen dichtgemacht worden sind." Vielerorts ist auch der inländische Reiseverkehr zum Erliegen gekommen. Wer ausreisen will, hat deshalb schon Schwierigkeiten, überhaupt zum Flughafen zu kommen.

So stecken in einigen Ländern Afrikas und Lateinamerikas deutsche Rucksacktouristen und Mitglieder von Freiwilligendiensten fest. Wie etwa Heiner Hoefer, der seine Situation dem SPIEGEL per E-Mail schilderte. Der 50-Jährige aus Ettenheim bei Freiburg und seine 19-jährige Tochter Hanna reisten Anfang März nach Ghana, um als Freiwillige für die Dream Africa Care Foundation zu arbeiten. Heiner Hoefer lehrte an einer Schule Englisch und Mathematik und engagierte sich auch als Fußballtrainer, seine Tochter arbeitete in einem Kinderheim.

Als in Italien die Infektionszahlen stark anstiegen, fühlten sich die beiden Deutschen noch sicher. Als aber vor zwei Wochen in Ghana die ersten Infektionen bekannt wurden, reagierten die Behörden: Sämtliche Schulen in dem Land wurden geschlossen, Versammlungen mit mehr als 25 Personen untersagt.

"Auch auf den Notfall-Leitungen ist niemand mehr erreichbar"

Damit begann für die dortigen Freiwilligen ein Hindernislauf, der zum Teil bis heute anhält. Die deutsche Botschaft in Accra riet den Hoefers, ihre Flüge umzubuchen und vorzeitig abzureisen. Auf den Webseiten der Airlines war das nicht möglich, die Kundenhotlines nicht erreichbar. Es gelang ihnen, die Tickets am Flughafen in Accra umzubuchen, doch der Flug wurde gestrichen. Auskunft der Fluggesellschaft: Umbuchungen nehmen wir nicht vor, weitere Informationen können wir leider auch nicht geben. Die Botschaft habe geraten, über ein anderes Schengenland nach Europa zu fliegen und dann nach Deutschland weiterzureisen. Doch es waren kaum noch Flüge zu kriegen - und die seien sehr teuer gewesen.

Die Hoefers konnten am 18. März über Äthiopien nach Paris und dann weiter nach Frankfurt ausfliegen, mindestens ein anderer deutscher Freiwilliger steckt nach ihrer Auskunft noch immer fest. "Alle Flüge wurden storniert, und die Regierung Ghanas hat nun sämtliche Schotten beidseitig dicht gemacht", sagt Heiner Hoefer dem SPIEGEL. "Die Botschaft meldet sich nicht mehr, auch auf den Notfall-Leitungen ist niemand mehr erreichbar."

Zuständig für die Freiwilligendienste ist Entwicklungsminister Gerd Müller. "Die Bundesregierung setzt sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln dafür ein, dass auch für Personen, deren Rückkehr noch nicht geklärt ist, schnellstmöglich eine Lösung gefunden werden kann", sagte ein Sprecher dem SPIEGEL. "Die deutschen Botschaften und Konsulate arbeiten mit größtem Einsatz daran, für alle Betroffenen pragmatische Lösungen zu finden und einer größtmöglichen Zahl an Betroffenen schnellstmöglich zu helfen – unter Berücksichtigung besonderer Notlagen."

Logistischer Kraftakt im Auswärtigen Amt

Wer den Krisenstab im Untergeschoss des Auswärtigen Amts besucht, bekommt eine Ahnung, was für ein logistischer Kraftakt es ist, mehr als 200.000 Menschen aus dem Ausland zurückzuholen. Rund 50 Beamte telefonieren vom frühen Morgen bis in die späte Nacht mit Fluggesellschaft und den deutschen Auslandsvertretungen.

Die Probleme sind vielfältig: In Neuseeland fliegen keine Flugzeuge mehr von der Süd- auf die Nordinseln, in Peru managt das Militär den Flughafen von Lima, in Kamerun musste eine französische Maschine auf dem Rollfeld umkehren. Manchmal intervenierte Staatsminister Niels Annen bei anderen Regierungen, in einigen auch Außenminister Maas persönlich.

In den sozialen Medien stoßen die Gestrandeten nicht nur auf Mitleid und Verständnis, im Gegenteil. Dort gibt es wie immer auch jene, die alles schon vorher gewusst haben wollen – und sie überziehen die Gestrandeten jetzt mit Spott, Häme und Vorwürfen.

"Wer vor ein paar Wochen noch freiwillig auf Fernreise gegangen ist, ist selbst schuld", schreibt ein Facebook-User. "Selbst bezahlen" sollten die Zurückgeholten, findet eine andere. Schließlich habe man "im Freundeskreis" vor Reisen gewarnt. Man fragt sich, wie viele dieser Freunde selbst bereit gewesen wären, Tausende Euro teure Fernreisen verfallen zu lassen, bevor es Absagen der Veranstalter und damit Aussichten auf eine Erstattung des Reisepreises gab.

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