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Die Monster AG: Skulpturen und Illustrationen von Léopold Chauveau

AD Magazin - Architectural Digest-Logo AD Magazin - Architectural Digest 03.04.2020 Gesine Borcherdt

Ausstellung in Paris

Léopold Chauveau © Patrice Schmidt/ Musée dOrsay, dist. RMN-Grand Palais Léopold Chauveau

Eigentlich war er ja Arzt, aber gemocht hat Léopold Chauveau seinen Beruf nie. Dass er trotzdem Medizin studierte, lag an seinem autoritären Vater – einem Herzspezialisten im Paris des 19. Jahrhunderts – und wohl auch daran, dass Chauveau nicht so recht wusste, was er sonst mit seinem Leben anfangen sollte. Es muss diese Unsicherheit gewesen sein und das Gefühl, nirgendwo hinzugehören, was Chauveau bewog, Monster zu schaffen: handliche, rundliche, tragikomische Kreaturen, erst aus Holz und dann aus Bronze, die er oft mit Leinöl einstrich, was ihnen einen organisch-gelblichen Farbton verlieh.

Léopold Chauveau © Patrice Schmidt/ Musée dOrsay, dist. RMN-Grand Palais Léopold Chauveau

Man darf sie als Alter Egos des Künstlers verstehen, die sich wie ihr Schöpfer von ihrer Umgebung abgenabelt fühlen. Insgesamt 85 Stück sind es geworden, dem Unbewussten entstiegen und nun Gefährten eines imaginären Universums, das Chauveau den öden Berufsalltag vergessen lässt. 1905 legt er los, im Alter von 35 Jahren. Fünf Jahre später folgen Zeichnungen und Illustrationen selbst verfasster Kinderbücher: Ulkige Ungeheuer leuchten hier in intensiven, warmen Farben und verströmen dieselbe Sanftmut wie ihre dreidimensionalen Kollegen. Bald bevölkern sie sogar das Alte und das Neue Testament oder die berühmten Fabeln von Jean de La Fontaine aus dem 17. Jahrhundert. Starrende Kopffüßler, stoische Affenwesen, staunende Vogelmenschen: Chauveaus Fantasie ist völlig eigen. Sie ist humorvoll, melancholisch und metaphorisch. Seine Märchen, anders als die Fabeln des damaligen Zeitgeists, sind oft grausam und ohne jede Moral. Die Zeichnungen rücken in den Fokus, als er 1922 den Arztberuf an den Nagel hängt. Er heiratet seine zweite Frau, die finanziell unabhängig ist (seine erste Frau stirbt während des Ersten Weltkriegs) – doch Geldprobleme gibt es nun trotzdem: Die teure Herstellung von Bronzen muss dran glauben. Oder liegt es daran, dass Chauveau sie nicht mehr braucht? Schließlich war das Formen der Wachs- und Tonmodelle ja auch eine Therapie gegen den verhassten Beruf, der nun hinter ihm liegt. Chauveau stürzt sich ins Schreiben und Zeichnen. Sein Atelier ist sein Zuhause, er lebt und arbeitet umgeben von Ungeheuern, denen er sich mit derselben Hingabe widmet wie seinen Freunden und der Familie.

Léopold Chauveau © Don de Marc Chauveau par Iintermédiaire de la SAMO, Musée dOrsay, droits réservés Léopold Chauveau

Doch die Künstlerkarriere bleibt ihm verwehrt. Chauveau ist eben Autodidakt, ein stiller Typ und nicht gerade selbstbewusst. Dabei bewegt er sich durchaus in oberen Künstlerkreisen. Der Nabis-Bildhauer Georges Lacombe ist ein enger Freund, der Maler Pierre Bonnard illus­triert sein erstes Buch „Les Histoires du Petit Renaud“, und der Schriftsteller und Kul­turpolitiker André Malraux plant eine Ausstellung mit ihm, die aber nie zustande kommt. Sie alle sind von Chauveaus Eigenständigkeit fasziniert: Afrikanische Skulpturen und japanische Holzschnitte, ohne die Frankreichs Moderne nicht denkbar ist, adaptiert Chauveau auf so neu­artige, versonnene Weise, dass er sogar zweimal am Pariser Herbstsalon teilnehmen darf. Und wer denkt bei seinem Personal nicht an die Wasserspeier, wie sie auf den Dächern von Notre-­Dame sitzen, oder Monster, die in Japan und China Glücksbringer sind? Seit Kindertagen ist Chau­veau von ihnen fasziniert. Es steckt also weit mehr in ihm als ein Hobbykünstler. Immerhin: Seine Bücher finden ihren Weg in den Verkauf. Und dank einiger Galerieausstellungen in Paris und London landen auch ein paar Skulpturen in privaten Wohnzimmern. Doch für mehr reicht es nicht. Chauveau stirbt 1940, seine Monster gehen unter in den Wirren des Krieges und der Nachkriegsabstraktion.

Léopold Chauveau © droits réservés Léopold Chauveau

Da grenzt es schon fast an ein Wunder, dass sie nun den Weg ins Musée d’Orsay gefunden haben. Zumal die Geschichte dahinter selbst wie ein Märchen klingt. Eines Abends steht Chauveaus Enkel, Mitglied im Freundeskreis des Museums, auf einem Cocktailempfang mit einem Kurator des Hauses beisammen und erzählt ihm von den Monstern seines Großvaters. Der Kurator wird hellhörig und scrollt durch das Fotoalbum seines Handys: Zwei Jahre zuvor hat er in einer Galerie zwei seltsame Skulpturen entdeckt, Künstler unbekannt. Der Enkel wirft einen Blick auf das Foto und nickt: Genau von der Sorte habe er viele bei sich zu Hause.

Léopold Chauveau © Patrice Schmidt/ Musée dOrsay, dist. RMN-Grand Palais Léopold Chauveau Léopold Chauveau © Patrice Schmidt/ Musée dOrsay Léopold Chauveau

Und so kam es, dass 526 Zeichnungen, 48 Skulpturen und Archivmaterialien als Schenkung ins Museum wanderten und nun die Ausstellung „Au pays des monstres. Léopold Chauveau“ – „Im Land der Ungeheuer“ – eröffnet. Kuratiert hat die Schau Ophélie Ferlier-Bouat. „Es ist immer ein Risiko, eine Ausstellung mit einem völlig unbekannten Künstler zu machen. Aber es ist auch das erste Mal, dass eine Schau explizit auch für Kinder gedacht ist.“ Sie dürfen Repliken der Skulpturen berühren und raten, welche Funktion ihnen innewohnt: Sie waren nämlich nicht immer nur als Kunstwerke gedacht. Eine dient als ­Türklingel, andere sind zu Stofftieren genäht.

Léopold Chauveau © Patrice Schmidt/ Musée dOrsay Léopold Chauveau

Audio-­Podcasts mit Chauveaus Kindergeschichten und ein Raum, in dem man in seine Märchenbücher eintauchen kann, geben Einblick in dieses erstaunliche Werk, das alles andere ist als infantil. Flankiert wird es von Karikaturisten und Künstlern seiner Zeit wie ­Pierre Bon­nard und Odilon Redon. Der Außenseiter Chauveau ist also endlich dort angekommen, wo er hingehört. „Kunst zu machen war für ihn eine Flucht aus dem Alltag“, sagt Ferlier-­Bouat. „Er fühlte sich Monstern nah, weil er sich Menschen gegenüber fremd fühlte. Er brauchte ihre Nähe und betrachtete sie wie seine eigenen Kinder.“ Mag sein, dass nicht jeder Künstler einen Job hat, aus dem er fliehen muss. Doch die besten sind genau das: Außenseiter.

„Au pays des monstres. Léopold Chauveau“ ist bis 29. Juni im Pariser Musée d’Orsay zu sehen.

Léopold Chauveau © Patrice Schmidt/ Musée dOrsay Léopold Chauveau Léopold Chauveau © Patrice Schmidt/ Musée dOrsay Léopold Chauveau
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