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Die vergessenen Opfer des Nationalsozialismus

WELT-Logo WELT vor 2 Tagen Frederik Schindler

Gefangene im KZ Sachsenhausen Ende 1938: Die Dreiecke auf der Sträflingskleidung hatten verschiedene Farben und dienten dazu, einzelne Personengruppen zu stigmatisieren Quelle: Getty Images © Getty Images Gefangene im KZ Sachsenhausen Ende 1938: Die Dreiecke auf der Sträflingskleidung hatten verschiedene Farben und dienten dazu, einzelne Personengruppen zu stigmatisieren Quelle: Getty Images

 Ob Bettler, Alkoholkranke oder Prostituierte: Mehr als 70.000 Menschen wurden von den Nationalsozialisten als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ verfolgt und in Konzentrationslagern inhaftiert. Der Bundestag erkennt diese Opfer nun als NS-Opfer an. 

Ernst Nonnenmacher wird 1908 als Sohn einer verarmten Weißbüglerin geboren und wächst in elendigen Verhältnissen auf. Schon früh wird er kleinkriminell, lebt als Landstreicher und wird mehrfach für Diebstahl und Bettelei verurteilt. Nach dem Verbüßen seiner Haftstrafe wird er beim Verlassen des Mannheimer Gefängnisses von der Gestapo aufgegriffen und in das Konzentrationslager Flossenbürg gebracht. Dort muss er den schwarzen Winkel der „Asozialen“ tragen, später den grünen Winkel des „Berufsverbrechers“. Er überlebt den Nationalsozialismus. Später wird ihm von mehreren Behörden mitgeteilt, dass er kein Opfer des Nationalsozialismus sei.

Mehr als 70.000 Menschen wurden in NS-Deutschland als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ verfolgt. Die als „Asoziale“ Verfolgten waren etwa Obdachlose, Bettler, Wanderarbeiter, Alkoholkranke, umherziehende Musiker, Angehörige der Swing-Jugend, unangepasste Frauen oder Prostituierte – also vor allem Menschen aus sehr armen Verhältnissen.

In der nationalsozialistischen Ideologie galten sie als „Ballastexistenzen“ und nicht wertvoll für die Erhaltung der „Volksgemeinschaft“. Sie wurden bei Razzien festgenommen und in Konzentrationslager gebracht. Die Nationalsozialisten kultivierten den Begriff „Asoziale“ und verwendeten ihn in ihren Gesetzen.

Als „Berufsverbrecher“ wurden etwa Menschen verfolgt, die mehrfach wegen Eigentumsdelikten verurteilt wurden. Die Nationalsozialisten hingen der Idee an, dass Kriminalität genetisch bedingt sein könnte. Um Kriminalität zu bekämpfen, müsse man Kriminelle nach dem Verbüßen ihrer Haftstrafe in Konzentrationslager bringen. Ein großer Teil beider Opfergruppen kam in Konzentrationslagern durch die Folgen der Zwangsarbeit um. Sie standen oft am untersten Rand der Lagerhierarchie.

Doch bis heute sind sie nicht als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt. 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ändert sich das jetzt. Am Donnerstagabend beriet der Bundestag über vier Anträge, die zum Ziel haben, die Häftlingsgruppen stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und als Opfer anzuerkennen. Angenommen wurde schließlich der gemeinsame Antrag von CDU/CSU und SPD. Auch FDP, Linke und Grüne hatten ähnlich lautende Anträge eingebracht. Sie stimmten auch dem Antrag der Koalitionsfraktionen zu.

Die AfD enthielt sich bei der Abstimmung. „Sind alle KZ-Häftlinge wirklich auf eine Stufe zu stellen?“, fragte Marc Jongen, kulturpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion, während der Debatte. Jongen bezog sich darauf, dass einige als „Berufsverbrecher“ Verfolgte von der SS als Kapos, also Funktionshäftlinge, eingesetzt wurden. Deshalb sei eine „Einzelfallüberprüfung“ notwendig. Petra Pau (Linke), Vizepräsidentin des Bundestags, entgegnete: „Wir verwahren uns eindeutig gegen den Versuch der AfD, KZ-Opfer erster und zweiter Klasse zu schaffen.“ Volker Ullrich, innen- und rechtspolitischer Sprecher der CSU-Landesgruppe, sagte in Richtung der AfD: „Wir dürfen Opfer nicht gegeneinander ausspielen.“

„Niemand wurde zu Recht in einem Konzentrationslager inhaftiert, gequält oder ermordet“, stellt der Antrag der Koalitionsfraktionen fest. Die Bundesregierung wird aufgefordert, eine Ausstellung zum Schicksal der als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ Verfolgten in Auftrag zu geben und Forschungsarbeiten zum Thema zu finanzieren. Bislang spielte die Verfolgung und Vernichtung dieser Opfergruppen in der Erinnerungskultur nahezu keine Rolle.

„Das liegt daran, dass die nationalsozialistische Argumentation an schon zuvor und bis heute bestehende Vorurteile anknüpft“, sagt der Sozialwissenschaftler Frank Nonnenmacher. „Das Reden davon, dass jemand ‚kriminell veranlagt‘ sei, ist nicht aus der Welt. Damit werden alle sozialen und ökonomischen Ursachen von Devianz und nicht-angepasstem Verhalten außer Acht gelassen“, so Nonnenmacher weiter. Auch die Denkweise, dass „Asozialität“ eine Charaktereigenschaft und kein Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse sei, halte bis heute an.

Frank Nonnenmacher ist der Neffe Ernst Nonnenmachers. Der Onkel hat nach dem Ende des Nationalsozialismus 30 Jahre lang über seine Verfolgung geschwiegen. Zu groß war die Stigmatisierung, zu weit verbreitet war die Ansicht, dass er zu Recht im Konzentrationslager inhaftiert gewesen sei. „Die meisten Überlebenden, die in den Konzentrationslagern den grünen oder schwarzen Winkel tragen mussten, haben die Diskriminierung nach Kriegsende verinnerlicht“, sagt der Sozialwissenschaftler. „Dies sorgte für eine große Scham und ein langes Schweigen über die erlebte Verfolgung.“

Nach langer Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte initiierte Nonnenmacher 2016 eine Petition, in der er den Bundestag aufforderte, die Opfergruppen offiziell anzuerkennen. Die parlamentarische Diskussion kam ins Rollen. Eine erhoffte interfraktionelle Initiative kam jedoch nicht zustande – insbesondere, weil die Unionsfraktion in der Regel keine gemeinsamen Anträge mit der Linksfraktion einbringt. Zudem gab es zu Beginn der Diskussion im kulturpolitischen Ausschuss noch zurückhaltende Stimmen in der Unionsfraktion.

Inhaltliche Unterschiede gibt es wenige. Die Anträge von FDP, Linken und Grünen fordern explizit eine „angemessene und würdige Entschädigung“ für die noch lebenden Opfer. Im Antrag von CDU/CSU und SPD heißt es, dass die Verfolgtengruppen bereits Leistungen nach dem Allgemeinen Kriegsfolgengesetz beantragen können.

Das Bundesgesetz zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung hat die Gruppen der als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ Verfolgten jedoch nicht explizit anerkannt. Nonnenmacher schätzt, dass sich die Anzahl der Überlebenden heute im niedrigen zweistelligen Bereich bewege. „Zynisch könnte man sagen: Eine Entschädigung hat sich Deutschland durch zu langes Warten gespart.“

Der Antrag der Linken nennt zudem als einziger die spezifische Gruppe der Opfer des sogenannten Polenstrafrechts. Polen, die in den von Deutschland besetzten Gebieten lebten, wurde ab 1941 beispielsweise verboten, zu telefonieren, Fahrrad zu fahren, Gaststätten zu besuchen und Kontakte zu Deutschen zu pflegen. Polnische Häftlinge wurden tausendfach als „Berufsverbrecher“ deklariert, von der SS aus den Gefängnissen geholt und als „Sicherungsverwahrte“ in Konzentrationslager gebracht.

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