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Festtags-Schock: Gas abgedreht! Versorger lässt vierköpfige Familie wochenlang frieren

Berliner Kurier-Logo Berliner Kurier 20.12.2018 berliner-kurier

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Gerade in der kalten Jahreszeit zeigt sich, wie wichtig die Versorgung mit Strom und Gas ist. Das musste auch eine Familie aus Berlin auf bittere Weise erfahren. Ihr wurde mitten im Winter für vier Wochen der Gashahn zugedreht.

Der Vorwurf: Familie Müller (Anmerkung der Red: Name geändert) habe die monatlichen Abschlagszahlungen nicht in voller Höhe bezahlt. Wir haben hat bei der Familie und dem Energieversorger nachgefragt, wie es zu der Eskalation kam.

„Angefangen hat alles, als ich im Juni 2017 nach einer Privatinsolvenz in die Grundversorgung der Gasag gekommen bin“, sagt Familienvater Andreas Müller. Die Gasag AG beliefert rund 700.000 Kunden mit Gas und Strom und ist der für Müller zuständige Grundversorger.

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Da die Anfangswerte seines Zählers beim Wechsel zur Gasag nicht übermittelt worden waren, habe die Gasag den Verbrauch geschätzt, sagt Müller. Als dann im Januar 2018 die Rechnung des Versorgers im Briefkasten lag, traute der Mann seinen Augen nicht: Die Gasag berechnete ihm für das im Zeitraum von 23. Juni 2017 bis 19. Januar 2018 angeblich gelieferte Gas mehr als 1600 Euro. Da er bereits 377 Euro gezahlt hatte, belief sich die Forderung noch auf 1273 Euro. Das Dokument liegt uns vor. Die Gesamtsumme entspricht einem monatlichen Betrag von etwa 220 Euro.

Doch dieser Betrag ist nach Müllers Berechnung viel zu hoch. Da er den Zählerstand vom Januar 2015 kennt, konnte er anhand des Zählerstandes vom Januar 2018 seinen monatlichen Durchschnittsverbrauch ermitteln. Dieser liegt mit etwa 90 Euro pro Monat weit unter dem Wert, den die Gasag veranschlagt hat. Aus dieser Differenz hat sich ein Streit zwischen Müller und dem Energieversorger entsponnen, der bis heute andauert.

Rückfragen ohne Ergebnis

„Im Mai habe ich dann 1000 Euro überwiesen, je 100 Euro für die Monate Juli bis April. Das ist ungefähr die Summe, die ich nach meiner Rechnung und der Erfahrung der letzten Jahre verbraucht habe“, erzählt Müller. Mit dieser Zahlung glaubte er, alle Forderung beglichen zu haben und den Anbieter wechseln zu können. Doch sein Kündigungsschreiben sei wegen ausstehender Forderungen nicht akzeptiert worden, so Müller.

Mehrmals habe er deshalb bei der Gasag nachgefragt und seine eigenen Berechnungen vorgelegt, zuletzt Anfang November, sagt Müller. Das Unternehmen habe stets geantwortet, dass die Forderung korrekt sei. Auf Anfrage von FOCUS Online teilt eine Sprecherin der Gasag schriftlich mit, man habe Müller „regelmäßig und über einen längeren Zeitraum“ über die Forderungen informiert, „meistens allerdings ohne Rückmeldungen“. Müller dagegen sagt, dass das Unternehmen Rückfragen und Gesprächsangebote stets nur mit einer Zahlungsaufforderung beantwortet habe.

Das Gas wird abgedreht

Schließlich habe die Gasag laut Müller eine Anwaltskanzlei eingeschaltet. Sie drohte ihn einem Schreiben, der Familie das Gas abzudrehen – der Streit eskalierte. Weil Müller sich im Recht wähnte und die Rechnung deshalb weiterhin nicht bezahlte, erwirkte die Anwaltskanzlei einen Gerichtsbeschluss. Am 15. November wurde Familie Müller, zu der auch zwei kleine Kinder im Alter von zwei und sechs Jahren gehören, dann wirklich das Gas abgestellt.

Bereits einen Tag zuvor, am 14. November, teilte die Anwaltskanzlei in einem Schreiben mit, dass Müller für das Gas sowie Gerichts- und Anwaltskosten über 3300 Euro zu zahlen habe. 2767 Euro veranschlagt die Gasag für das angeblich gelieferte Gas.

Hat Gasag eigenen Fehler bemerkt?

Fünf Tage später, am 19. November, erhält Müller ein weiteres Schreiben der Anwaltskanzlei. Beide Dokumente liegen FOCUS Online vor. In dem zweiten Brief hat sich die Hauptforderung plötzlich mehr als halbiert, statt der 2767 Euro beläuft sie sich auf nur noch 1227 Euro. Eine Erklärung für diese neue Summe ist im Dokument nicht enthalten. Müller jedoch glaubt, den Grund zu kennen. Im Zeitraum zwischen dem Erhalt des ersten und des zweiten Schreibens habe ein Mitarbeiter der Gasag den Gaszähler in seiner Wohnung abgelesen, so Müller. Daher glaubt er, das Unternehmen habe seinen Irrtum bei der Abrechnung bemerkt und die Forderung daraufhin auf den niedrigeren Wert gesenkt.

Obwohl er sich im Recht wähnt, zahlte Müller die nun geforderte Summe. Er habe seinen beiden kleinen Kindern nicht weiter eine eiskalte Wohnung zumuten wollen, sagt der Familienvater. Mit Heizlüftern habe er das Wohnzimmer nur provisorisch warmhalten können, das hätte auf Dauer nicht funktioniert. Dennoch habe es nach der Überweisung des Geldes noch fast vier Wochen gedauert, bis der Gasanschluss wieder freigeschaltet wurde. „Zuerst hieß es sogar, das dauert bis 31. Januar 2019“, sagt Müller. Erst als er Anfang Dezember drohte, vor Gericht zu ziehen, ging alles ganz schnell: „Nach drei Tagen lief alles wieder wie zuvor.“

Verhalten wirft Fragen auf

Der Fall wirft Fragen auf. Sicherlich hätte Müller seinen Zählerstand im Juni 2017 an die Gasag übermitteln sollen. Darauf habe ihn die Gasag laut Statement auch „von Anfang an hingewiesen“. Auch die Tatsache, dass Müller im Mai statt der gesamten Summe eigenmächtig nur jene 1000 Euro überwiesen hat, die er dem Unternehmen seiner Meinung nach geschuldet hat, war naiv. Es wäre wohl besser gewesen, den Rat der Verbraucherzentrale oder eines Anwaltes einzuholen. Die Kritik des Unternehmens an Müllers Vorgehen, dieser habe „seine Rechnungen und Abschlagsforderungen nicht oder nur nach mehrmaliger Aufforderung bezahlt“, ist teilweise nachvollziehbar.

Trotzdem sind die Forderungen der Gasag nur schwer verständlich. Auf welcher Grundlage wurde der Verbrauch geschätzt? Schließlich liegt die Forderung viel höher als die Summe, die Müller bisher gezahlt hat. Warum hat sich die Hauptforderung vom 14. November innerhalb von fünf Tagen um mehr als die Hälfte reduziert? Hat die Gasag nach dem Ablesen des Zählers eingesehen, dass die Schätzung von Müllers Gasverbrauch falsch war? Falls dem so ist – warum wurde dann der Rechnungsbetrag für den Zeitraum von Juli 2017 bis Januar 2018 nicht angepasst? „Ich habe für das zweite Halbjahr 2017 mehr gezahlt als für das gesamte Jahr 2018“, sagt Müller. „Da kann doch etwas nicht stimmen.“

Doch die Antwort der Gasag auf unsere Anfrage liefert wenig Erkenntnisse. Aus datenschutzrechtlichen Gründen könne man keine detaillierteren Angaben machen, heißt es, dazu sei eine Vollmacht des Kunden nötig. Eine solche will Müller auch ausstellen, doch die Nachfrage an das Unternehmen, wie eine solche genau auszusehen habe, wurde bis zum Erscheinen des Artikels nicht beantwortet.

Gasag widerspricht Darstellung

Müllers Darstellung des Geschehens widerspricht der Energieversorger jedoch: „Wir haben den Fall geprüft und festgestellt, dass der Sachverhalt anders ist als der Kunde ihn darstellt.“ Außerdem habe man H. auf eine mögliche Sperrung des Anschlusses hingewiesen. Das bestreitet Müller auch nicht. Er vertritt jedoch weiterhin den Standpunkt, dass das Unternehmen „Fantasieforderungen“ gestellt habe. „Ich wollte nicht mehr zahlen als das, was ich tatsächlich verbraucht habe“, sagt er.

Die Gasag scheint weiter auf diesen „Fantasieforderungen“ zu bestehen. Denn in einem aktuellen Schreiben teilt der Versorger Müller mit, „auf Grundlage Ihres Verbrauchs beziehungsweise auf Ihren Wunsch“ die Höhe der künftig fälligen Abschlagszahlung geändert zu haben: auf 273 Euro. Obwohl die Forderung für das Jahr 2018 von 2767 Euro auf 1227 Euro korrigiert worden war, soll Müller nun also auch in Zukunft monatlich mehr bezahlen, als er seiner Rechnung nach verbraucht. Müller will sich damit nicht abfinden: „Ich glaube immer noch, dass ich im Recht bin.“ 

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Dieser Artikel erschien zuerst bei Focus Online.

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