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Forderung nach weiterem Gutachten: Verteidigung in Berliner Kannibalismus-Prozess will Befangenheitsantrag stellen

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 16.11.2021 Kerstin Gehrke

Die Verteidigung des Angeklagten äußerte „Zweifel an der Sachkunde“ eines Gutachters und halten das Gericht für befangen. Der Prozess dürfte sich verzögern.

Gericht (Symbolbild). © Foto: picture alliance/dpa Gericht (Symbolbild).

Rechtsmediziner Michael Tsokos musste warten. Eine Stunde vor der Saaltür, noch eine. Der Professor von der Berliner Charité sollte im Prozess gegen Lehrer Stefan R. wegen Mordes noch einmal befragt werden. Die Verteidigerinnen waren dagegen. Sie hatten „Zweifel an der Sachkunde“ geäußert und einen Antrag auf Einholung eines weiteren forensisch-toxikologischen Gutachtens gestellt. Schließlich kündigten sie einen Befangenheitsantrag gegen die 32. Strafkammer des Landgerichts an. Damit sei der Zeitplan des Gerichts nicht einzuhalten, hieß es. Eigentlich sollte am Dienstag mit den Plädoyers begonnen werden

Der 42-jährige R. steht unter Kannibalismusverdacht. Er soll einen 43-jährigen Monteur aus Lichtenberg in der Nacht zum 6. September 2020 über eine Dating-Plattform kennengelernt und sich mit ihm zum Sex verabredet. In seiner Wohnung in Pankow soll R. den Mann getötet und die Leiche zerteilt haben.

Die Anklage geht von einem Sexualmord mit Kannibalismus-Motivation aus. R. habe den Monteur umgebracht, um durch die Tat sexuelle Befriedigung zu erlangen und Teile der Leiche zu essen. Ermittler sagten in dem seit drei Monaten laufenden Prozess, sie hätten in der Wohnung von R. Zettel mit zwei Anleitungen gefunden: Eine zur Herstellung von K.o.-Tropfen, die andere zur „Entmannung und Schlachtung eines Menschen“.

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In einem ersten rechtsmedizinischen Gutachten war ein Sachverständiger zu dem Schluss gekommen, dass letztlich nicht festgestellt werden könne, woran der 43-Jährige starb. Vor einer Woche wurde Tsokos als weiterer Rechtsmediziner im Prozess befragt. Sein Fazit: „Wahrscheinliche Todesursache war ein massiver Blutverlust.“ Der Mann müsse „ausgeblutet sein aus einem großen Gefäß“.

Der Verstorbene habe kurz vor seinem Tod die Droge GHB eingenommen

Und der Charité-Rechtsmediziner äußerte sich zu forensisch-toxikologischen Fragen. Der Verstorbene müsse kurz vor seinem Tod die Droge GHB eingenommen haben, sagte Tsokos. Die Substanz habe sich im Magen, allerdings noch nicht im Blutkreislauf befunden, ergebe sich aus Analysen. GHB ist auch unter dem Stichwort „K.o.-Tropfen“ bekannt geworden. Ob der 43-Jährige unter Einfluss von GHB stand, ist aus Sicht der Verteidigung allerdings nicht eindeutig zu klären. Die Substanz könnte sich nach dem Tod durch Fäulnisprozesse gebildet haben, lautet ihre These.

Stefan R. hatte gesagt, dass der Mann ohne sein Zutun gestorben sei, als der Monteur bei ihm übernachtet habe. Am Morgen habe er leblos auf der Couch gelegen – „da war kein Puls mehr“.

Die Anwältinnen von R. beantragten nun die Einholung eines weiteren forensisch-toxikologisches Gutachtens und benannten eine Expertin aus Köln. Die Richter wollten vor einer Entscheidung über den Antrag noch einmal Tsokos befragen. Die Verteidigung reagierte auf diese Anordnung mit der Ankündigung, das Gericht ablehnen zu wollen. Für Freitag wird der Antrag wegen Besorgnis der Befangenheit erwartet. Danach geht der Prozess voraussichtlich in eine dreiwöchige Pause.

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