Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Jeffrey Epstein: New Yorker Verschwörungen

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 11.08.2019 Klaus Brinkbäumer

Jeffrey Epstein, angeklagt wegen vielfacher Sexualstraftaten, ist tot in seiner Zelle gefunden worden. Der vorerst letzte Skandal in einer Saga der Skandale.

Jeffrey Epstein musste sich bereits 2008 vor Gericht verantworten. © Uma Sanghvi/​AP/​dpa Jeffrey Epstein musste sich bereits 2008 vor Gericht verantworten.

Amerika liebt seine Verschwörungstheorien, und manchmal wirkt es, als könne Amerika ohne dieses ganze konspirative Gestrüpp gar nicht existieren. Die gefälschte Mondlandung, der Massenmord des 11. September 2001 durch Mossad und CIA, das vorgetäuschte und erfundene Schulmassaker von Newtown. Nun, die USA können bisweilen ein kluges Land sein, aber manchmal haben sie halt einen Knall. 

Als nun, am Samstag um 10 Uhr morgens, der Fernsehsender ABC die Nachricht in die Welt jagte, dass Jeffrey Epstein, 66 Jahre alt, um 6.30 Uhr tot in seiner Zelle des Metropolitan Correctional Center von New York aufgefunden worden war, ging es wie immer rasend schnell. Hatte er Hilfe gehabt? War er zum Suizid aufgefordert, gedrängt, gezwungen worden? Wer also wollte Jeffrey Epstein lieber tot als vor Gericht sehen? All diese Fragen wurden in den sozialen Medien gestellt, und wenn wir die USA richtig einschätzen, werden diese Fragen nicht wieder verschwinden.  

Die Wahrheit, so scheint es, ist banaler, wie meistens im Leben.

Mehr Top-Nachrichten auf MSN:

Wetter: Blitz schlägt beim Fußballtraining ein und verletzt 15 Spieler

Zu viele Unfälle: Anbieter geben Crash-Kurse für E-Scooter-Fahrer

Von Wladimir Putin bis Fidel Castro: Die reichsten Staatsführer aller Zeiten

Die Ermittlungen laufen. Am späten Samstag aber sah es so aus, als sei den Justizbehörden schlicht ein Fehler unterlaufen. Die Mühen, die Mühlen der Bürokratie eben, leider. Vor drei Wochen war Epstein erstmals mit Wunden am Hals in seiner Zelle entdeckt worden. Jene Ermittlungen ­ – Suizidversuch, Mordversuch, Körperverletzung? – dauerten an, und so lange sie andauerten, gab es für Epstein zwar erhöhten Schutz vor anderen Häftlingen, aber die ständige Beobachtung Epsteins, jene "suicide watch", die auch das Entfernen von Schnürsenkeln einschließt, war nach sechs Tagen vorerst aufgehoben worden. Wie bizarr. Wie fahrlässig. 

Mindestens 80 Opfer werden gezählt

Wie brutal auch gegenüber den Opfern, die sich vom Prozess gegen diesen Mann Erklärungen, Gerechtigkeit und Genugtuung erhofft hatten. Es gibt ja diese Fälle, bei denen Macht die wesentliche Rolle spielt, bei denen also tatsächlich erst in diesen finalen Momenten, wenn der mutmaßliche Täter endlich angeklagt und, später, verurteilt ist, die Opfer das Verbrechen verarbeiten können.

Es war ein spektakulärer, ein gewaltiger Fall. Ein tiefer Fall, das natürlich auch. Mindestens 80, vermutlich sehr viel mehr Opfer gab es, viele zum Zeitpunkt des Missbrauchs erst 14 Jahre alt. Als Sexsklavin sei sie gehalten worden, sagt Virginia Giuffre, eine von vielen mutigen Aussagewilligen. Von Prostitution, Menschenhandel und von der vielfachen Vergewaltigung Minderjähriger ist in den Ermittlungsakten die Rede. Die Bundesanwaltschaft schreibt, Epstein habe die Opfer an prominente Freunde weitergereicht: Virginia Giuffre sagte aus, sie habe mit Tom Pritzker, dem "Hyatt"-Chef, und Jean-Luc Brunel, Gründer der Modelagentur MC2, schlafen müssen.

Und reichlich Wahnsinn war auch im Spiel: Epstein hatte Pläne, seine Taten zu systematisieren und auf seiner Ranch in New Mexico oder in seiner Residenz in Palm Beach, Florida, die eigene DNA in großen Mengen unter die Menschheit zu bringen. Einen berühmten Geldgeber und eine berühmte Komplizin gab es auch, letztere wurde "Mutter des Hauses" oder "Madame" genannt. New York City war in den vergangenen Wochen darum gleichermaßen fasziniert wie angewidert von dieser Geschichte, die ganz oben, in der Spitze der gesellschaftlichen Pyramide Manhattans, spielte, in der Welt der Trumps und Clintons. 

Man sah einfach nicht genau hin

Und es lässt sich nicht anders sagen: Selbst nachdem Jeffrey Epstein 2008 in Florida erstmals verurteilt worden war (zu 13 Monaten Haft mit zwölf Stunden Ausgang pro Tag) und höchst offiziell ein "Sexualstraftäter" war, sahen die Trumps und Clintons, mit ihm bestens befreundet, nicht genauer hin. Und Universitäten wie Harvard oder das Massachusetts Institute of Technology nahmen weiterhin Epsteins Spenden an.

Mitte der Siebziger noch war Jeffrey Epstein einfach ein Lehrer an der Dalton School in New York. Aber er wollte etwas anderes sein: wichtig und reich. Die Investmentbank Bear Stearns nahm ihn auf. Sechs Jahre lang blieb er dort, und 1982 gründete er eine eigene Investmentfirma. Schnell kursierten glamouröse Geschichten: die größten Geschäfte, die berühmtesten Kunden. Es waren nie so viele und nie so berühmte Kunden, wie er es erzählte, aber das weiß man erst heute, durch die Ermittlungen.

Epstein wurde "Milliardär" genannt, nannte sich selbst so, war es nie. In einigen Aspekten ist er Donald Trump nicht unähnlich: Epstein spendete ein bisschen Geld und sagte, es sei viel mehr. Ein Hochstapler, selbstverständlich ­– in New York City können Hochstapler recht weit kommen. Jeffrey Epstein, das sagen heute viele New Yorker entschuldigend, konnte damals so strahlend lachen. Ein begnadeter Erzähler sei er auch gewesen (andere schildern ihn als "eigentlich verklemmt, ganz schön verdruckst"). Wichtiger war wohl, dass Licht Licht anzieht: Weil Prinz Andrew mit Epstein feierte, feierte Bill Clinton mit, auch Woody Allen, auch Donald Trump, und dann kamen sie natürlich alle.

Entscheidend waren zwei Verbindungen. Schon in den Achtzigern hatte Epstein es geschafft, in Columbus, Ohio, Leslie H. Wexner zu umgarnen, den obersten Chef von L Brands, der Mutterfirma von Victoria’s Secret, jenem Konzern für sexfördernde Unterwäsche. Unklar ist, was Wexner dafür bekam. Epstein jedenfalls bekam, was er wollte: den Schlüssel zu jener Welt, in die er strebte. Wexner vertraute ihm alles an: das Firmengeld, das Privatvermögen, die Immobilien. Nach und nach warf Wexner andere Vertraute hinaus, ließ andere private Freundschaften versanden. Dann war da nur noch Epstein. Und bald besaß Epstein einen Privatjet, ein Town House auf der Upper Eastside, ein Anwesen in Ohio. 100 Millionen Dollar, die einst Wexner gehört hatten, landeten bei Epstein. Von all den Vergewaltigungen, dem Missbrauch habe er nichts geahnt und nichts gewusst, sagt Leslie Wexner heute – selten stand ein derart erfolgreicher Mann jämmerlicher da.

Die zweite Schlüsselfigur dürfte sogar Mittäterin sein, mutmaßlich. Verstrickt ist sie gewiss. Denn Ghislaine Maxwell führte Jeffrey Epstein immer neue Mädchen zu, jahrelang. Nach Arbeitskräften suchte sie offiziell, "Massage" war das Codewort. Und was für ein Leben ist auch dieses. Ghislaine Maxwell ist die Tochter jenes Londoner Verlegers Robert Maxwell, der lange der einzige Gegenspieler Rupert Murdochs war. Bis er es nicht mehr war. Maxwell hatte sich überschuldet, hatte die Schulden mit immer neuen Krediten zu verstecken versucht, und als nichts mehr zu verstecken war, sprang nackt er von seiner Yacht, die er nach seiner Tochter "Lady Ghislaine" genannt hatte. Es war auch für die vermeintliche Erbin ein vielfacher Untergang: wirtschaftlich wie gesellschaftlich.

Epstein war nicht alleine

Ghislaine Maxwell, heute 57, kam zu Beginn der Neunziger Jahre nach New York, um neu anzufangen. Sie traf auf Jeffrey Epstein, ausgerechnet. Die zwei wurden ein Liebespaar, für einige Jahre, blieben dann Freunde, wie man so sagt. Maxwell richtete Wohnungen und Häuser für Epstein ein, organisierte die Parties, schleppte die Mädchen herbei. "Sie wurden in einen Raum geleitet, wo sie Epstein nackt oder halbnackt massierten. Auch Epstein war meistens nackt", steht in der Anklage. In den Akten, so heißt es, stehe viel über Ghislaine Maxwell.

Niemand weiß, wo sie ist, vor zwei Jahren verschwand sie von den New Yorker Feierlichkeiten. Angeklagt ist sie bislang nicht, aber in mindestens zwei Fällen hat sie sich außergerichtlich mit einstigen Opfern geeinigt. Ermittlungen gegen Maxwell forderten am Samstag die Anwälte der Opfer; und die Staatsanwaltschaft erklärte eilig, nun nicht die Arbeit einzustellen. In den Akten, so heißt es, stehe auch über andere Mächtige eine Menge. Genau dies ist der Grund für die vielen Konspirationstheorien, die so funkelnd und krachend vorgebracht wurden, wie das bei Konspirationstheorien selbstredend zu geschehen hat. 

Nach allem, was bislang bekannt wurde, haben die Aufseher im Gefängnis nicht aufgepasst. Ein mutmaßlicher Täter hat sich wohl deshalb erhängt, um der Scham des Prozesses zu entkommen. Und Ghislaine Maxwell, deren Vater sich 1991 vor Teneriffa umbrachte, als er den eigenen Lügen nicht mehr entkommen konnte, erlebt die Wiederholung der Tragödie ihres Lebens.

Suizid: Hier bekommen Sie umgehend Hilfe Wenn Sie selbst depressiv sind, Selbstmord-Gedanken haben, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline erhalten Sie Hilfe von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können. Deutschland: www.telefonseelsorge.de ; 0800-1110111 oder 0800-1110222 Österreich: http://www.telefonseelsorge.at/ Notrufnummer 142 Schweiz: Dargebotene Hand: www.143.ch ; 143

Mehr auf MSN

Video wiedergeben
| Anzeige
| Anzeige

Mehr von ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE
ZEIT ONLINE
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon