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Krawalle in Stuttgart: Warum diese Eskalation?

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 23.06.2020 Marius Buhl, Hannes Leitlein, Simone Gaul, Dennis Schmees

Augenzeugen, Videos und die Polizei helfen dabei, die Krawalle in Stuttgart zu rekonstruieren. Jugendliche dort sagen: "Manche wollten halt ein bisschen Amerika spielen."

Geplündertes Geschäft in der Stuttgarter Marienstraße © Julian Rettig/​dpa Geplündertes Geschäft in der Stuttgarter Marienstraße

Stuttgart, 36 Stunden danach. Über die Königstraße flanieren Spaziergänger, eine Familie betritt den Würth Family Store, am Schlossplatz stehen Jugendliche im Kreis und halten einen Ball in der Luft. Über der Stadt spannt sich blau der Nachmittagshimmel, auf dem Marktplatz bauen Stuttgart-21-Gegner, vornehmlich Rentner, eine Bühne auf: Sie veranstalten hier gleich die 517. Montagsdemo gegen den Bau des neuen Bahnhofs, seit zehn Jahren geht das so.

Stuttgart, ein Idyll. Man muss schon genau hinschauen, wenn man die Spuren dessen entdecken will, was am Samstagabend in der Stadt los war und was manche "Krieg" nennen.

Bei Breuninger zum Beispiel, gleich gegenüber der Bühne der Montagsdemonstranten, ist es eine Sperrholzplatte, drei Meter lang, zwei Meter hoch, die Mitarbeiter über ein Loch in der Glasscheibe geklebt haben. "Im Aufräumen waren wir in Stuttgart schon immer gut", sagt eine Passantin, die die Platte fotografiert. Ein paar Hundert Meter weiter, bei Snipes auf der Königstraße, zeigt ein Mitarbeiter am Eingang ein paar Jugendlichen gerade die Tür, die Randalierer am Samstagabend eingetreten haben. Vor die zersplitterte Fensterscheibe daneben haben Snipes-Mitarbeiter ein XXL-Plakat geklebt: "Best Deal ever, drei für zwei", so steht es da. Vor dem Laden rollt eine Polizeiwanne durch die Fußgängerzone, ein ZDF-Team filmt die Szene. 

Das Entsetzen über das, was hier am Samstag geschehen ist, ist groß in der Stadt. "Krieg", dieses Wort hatte ein Passant verwendet für die beobachteten Szenen, die Bild-Zeitung hatte ihre Headline. Von einer "noch nie dagewesen Dimension der Gewalt" sprach aber auch ein Polizeisprecher. Und Bundesinnenminister Horst Seehofer sieht in der Attacke ein "Alarmsignal für den Rechtsstaat". Es gelte nun, die Täter hart zu bestrafen: "Strafen sind immer das beste Mittel an Prävention, um so was in Zukunft zu vermeiden."

Doch was genau ist eigentlich geschehen in Stuttgart?

40 Ermittler sollen Straftaten aufklären

Augenzeugenberichte, Videos und Berichte der Polizei helfen dabei, den Abend zu rekonstruieren. Gegen 23:30 Uhr kontrollierte die Polizei demnach einen 17-jährigen Deutschen, es ging um Drogen. Der 17-Jährige, so berichten es übereinstimmend mehrere Jugendliche, die dabeistanden, sei dann davongerannt, es habe eine kurze Verfolgungsjagd mit "ungefähr acht Polizisten" gegeben. Der Flüchtige sei dann gestolpert, die Polizei habe ihn festgenommen. "Daraufhin ist alles eskaliert", sagt ein Augenzeuge.

Auf Videos ist zu sehen, was danach geschah. Ungefähr 500 Jugendliche und junge Erwachsene, so schätzt es die Polizei, hätten sich mit dem Festgenommenen solidarisiert, einige hätten damit begonnen, Steine und Flaschen auf die Beamtinnen und Beamten zu werfen. Schließlich zogen kleine Gruppen durch die Stuttgarter Innenstadt, zerstörten Fensterscheiben, auch kam es offenbar vereinzelt zu Plünderungen. Erst gegen 4.30 Uhr und nachdem weitere Hundertschaften der Polizei aus dem Umland angerückt waren, beruhigte sich die Lage. 19 Polizeibeamte wurden verletzt, 22 mutmaßliche Randalierer und zwei Randaliererinnen wurden vorläufig festgenommen, neun Männer wurden im Laufe des Montags dem Haftrichter vorgeführt, die anderen 15 wurden wieder freigelassen.

Die Polizei hat zur Aufklärung der Straftaten die 40-köpfige Ermittlungsgruppe Eckensee eingerichtet und ermittelt im Auftrag der Staatsanwaltschaft Stuttgart unter anderem wegen des Verdachts des schweren Landfriedensbruchs. Gegen einen 16-Jährigen wird zudem wegen versuchten Totschlags ermittelt, er habe einem am Boden liegenden Studenten gegen den Kopf getreten, berichtet die Staatsanwaltschaft am Montagnachmittag. Horst Seehofer, der Innenminister, ist für einen Rundgang auf der zentralen Königstraße und eine Pressekonferenz extra nach Stuttgart gefahren.  

Doch löst eine einzelne Polizeikontrolle tatsächlich solche Gewalt aus? Oder gibt es womöglich eine Vorgeschichte, die zu den erschreckenden Bildern geführt hat, die nun aus Stuttgart zu sehen waren?

Dass es tatsächlich, wie die Polizei angibt, Hunderte waren, die sich an dem Abend auf dem Schlossplatz versammelt hatten, das zeigen etliche Videos und Fotos, die im Netz kursieren, und auch bisher unveröffentlichte Bilder, die ZEIT ONLINE vorliegen. Doch die allermeisten dieser Leute, auch das zeigen die Bilder, waren offenbar unbeteiligt. Viele von ihnen stehen abseits der Krawalle, sie filmen und kommentieren die Szenen, laden sie ins Netz.

Wer die Gewalttäter waren? Die Polizei sprach am Wochenende zunächst von Menschen aus der Stuttgarter "Partyszene". Diese pauschale Verurteilung wird von den Clubbetreibern jedoch zurückgewiesen. Fethi Solomon, Veranstalter und DJ aus Stuttgart, sagte ZEIT ONLINE, die Personen der Szene am Schlossplatz, die an den Ausschreitungen beteiligt waren, seien eben jene, die für gewöhnlich nicht in die Clubs hineinkommen.

Er habe kein Verständnis für die Gewalt, aber dass sich die Frustration auf diese Art entladen würde, überrasche ihn nicht. Es gebe seit einiger Zeit einen "Hype zum Polizeihass" in der Stadt. Solomon selbst war am Wochenende in der Stuttgarter Altstadt unterwegs, wo sich die Stuttgarter Partygänger derzeit in Bars treffen, weil die Clubs wegen der Corona-Pandemie geschlossen sind. Auch Sven Hahn, Geschäftsführer der City-Initiative Stuttgart, einem Verbund aus Händlern, Gastronominnen, Hoteliers und Kulturbetrieben, warnt im Gespräch mit ZEIT ONLINE davor, vorschnell den Finger auf jemanden zu richten.

"Viele hier sehen die Polizei nicht als Freund und Helfer"

Mit dabei, als es losging, waren am Samstagabend auch Luciano und Marco, Zwillinge, 17 Jahre alt, in Deutschland geboren, italienische Eltern. "Aber nicht beteiligt, wir haben nur zugeschaut", sagen sie am Montagnachmittag. Man kann sie treffen, direkt am sogenannten Eckensee, einem Becken im Schlosspark, wo alles begann. Doch zuerst muss man warten. Die beiden sind gerade in eine Polizeikontrolle geraten. Nun sitzen sie zusammen mit ihren Freunden Edmond und Erion und zwei Mädels, die ihren Namen lieber nicht sagen wollen, auf einer Parkbank. Um sie herum haben sich sechs Polizisten aufgestellt, die ihre Ausweise sehen wollen. Sie hätten, obwohl minderjährig, Zigaretten geraucht, werfen die Polizisten ihnen vor. "Ich wollte immer wie Sie werden, Herr Polizist, aber jetzt nicht mehr", sagt einer der Jungs zu einem der Polizisten. Der lacht. Die Stimmung ist heute entspannter als am Samstag.

Einen der Jugendlichen nehmen die Beamten schließlich trotzdem mit. Der sei aus einem Heim ausgebrochen, meint Edmond, mehr will er nicht sagen. Als die Polizisten außer Sichtweite sind, kramt Luciano in seiner Bauchtasche und zündet sich eine Zigarette an.

Die Schilderung der Jugendlichen geht einstimmig so: Die Stimmung im Schlosspark habe sich in den vergangenen Wochen hochgeschaukelt. Zuerst, zu Beginn der Corona-Pandemie, seien es nur wenige gewesen, die sich vor allem am Freitag- und Samstagabend hier getroffen hätten, dann seien es von Woche zu Woche mehr geworden. "Zuerst 50, dann 100, jetzt 500", sagt Luciano. Viele seien auf Stress aus, "Brettereien" nennt Edmond das und übersetzt gleich hinterher: "Also Schlägereien auf Hochdeutsch". Luciano ergänzt: "Viele hier sehen die Polizei nicht als Freund und Helfer, sondern na ja …", er zögert. "Man kann schon sagen: als Feind."

"Sie wissen schon, Kanaken halt"

Einmal sei er an einem Tag dreimal von der Polizei kontrolliert worden, erzählt Erion. Luciano ergänzt: "Die schauen genau auf Typen wie uns." Was für Typen? "Na ja, Leute wie ich halt: Jogginghose, Goldkette, Bauchtasche. Leute, die gern mal einen Joint spliffen. Sie wissen schon, Kanaken halt." Ein Mädel, künstliche Fingernägel, angeklebte Wimpern, sagt, sie könne mit ihrem Outfit genau bestimmen, ob sie kontrolliert werde oder nicht. "Wenn ich mich schminke, bisschen aufstyle, dann werde ich safe kontrolliert, wenn nicht, dann eher nicht."

Die Stuttgarter Innenstadt habe sich in den vergangenen Jahren zu einem Partygebiet gewandelt, sagt eine Polizeisprecherin, die selbst in Stuttgart geboren und aufgewachsen ist. "Los ging das mit der Fußball-WM 2006." Damals zogen die ersten Autokorsos durch die Innenstadt, die Theodor-Heuss-Straße, eine Parallelstraße zur Fußgängerzone, mauserte sich zur Partymeile. "Immer mehr Jugendliche, Heranwachsende und junge Erwachsene trafen sich in der Innenstadt und im oberen Schlossgarten zum Vor- und Nachglühen", sagt sie. In der Corona-Zeit habe sich die Situation noch verstärkt, da die jungen Leute nicht mehr in Clubs und Bars konnten, sondern sich stattdessen im Park und auf dem Schlossplatz getroffen haben.

Die Polizei hat im Verlauf der vergangenen Jahre die Präsenz in der Innenstadt deutlich erhöht. In der Silvesternacht 2015/2016, in der es in Köln zu Ausschreitungen und sexuellen Angriffen gekommen war, eskalierte die Situation auch in Stuttgart, woraufhin die Stuttgarter Polizei ein neues Sicherheitskonzept entwickelte – das ebenfalls zu einem großen Teil auf erhöhter Präsenz fußt.

Dazu kommt: Drei Wochen vor den jüngsten Ausschreitungen kam es am Schlossplatz bereits zu ähnlichen Szenen: In der Nacht vom 30. auf den 31. Mai saßen etwa 500 Menschen auf dem Platz und missachteten die Corona-Auflagen. Als die Polizei gegen Mitternacht einschritt, bewarfen Menschen die Beamten mit Steinen und Flaschen. In derselben Nacht täuschte ein Mann einen Messerangriff vor, den es nicht gegeben hatte, provozierte einen vermeintlich rassistisch motivierten Polizeieinsatz und beschimpfte die Beamten daraufhin nach Angaben der Polizei als Rassisten. Mehr als 30 Streifenwagen waren in jener Nacht im Einsatz.

Die Polizeisprecherin nennt das Klima grundsätzlich angespannt. "In gewissen Kreisen gehört es zum guten Ton, gegen die Polizei zu sein", sagt sie. Das sei früher vielleicht nicht anders gewesen, aber die sozialen Medien verstärkten den Drang einiger Menschen, sich zu profilieren. 

Die Polizeikontrolle am Samstagabend, sie sei der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe, sagt Marco, einer der Jungs vom Eckensee. Die angesammelte Wut, sie entlud sich wohl in dieser Nacht. Nach der Festnahme des 17-Jährigen sei es losgegangen. "Alle Leute, die da saßen, sind aufgesprungen und der Polizei hinterher. Die haben dann eines der Polizeiautos attackiert, Reifen zerstochen, Stühle drauf geschmissen." Auch Flaschen und Steine seien geflogen. Dann habe sich die Szenerie in die Königstraße verlagert. Luciano sagt, er habe beobachtet, wie manche der Randalierer mit Hundekottüten über der Hand Pflastersteine ausgegraben hätten, um darauf keine Spuren zu hinterlassen. Damit hätten sie dann auf Fensterscheiben und digitale Werbescreens in der Fußgängerzone geschmissen. Aus dem Rolex-Store sei ein Mann mit Uhr raus, der geschrien habe: "Ich hab sie!" Eine Frau habe eine Louis-Vuitton-Tasche erbeutet. "Die sind da rein, wo es dick Patte gibt", sagt Edmond. Patte – ein Slangwort für Geld.

"Kaputtgart"

Nicht alle Schilderungen der Jugendlichen vom Eckensee lassen sich auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen. Andere schon, die Jungs haben ungezählte Videos auf ihren Handys. Zum Beispiel das eines Randalierers, der aus dem Snipes rennt, die Hände voller Kartons. Oder das Bild eines zerstörten Polizeiautos. Jemand hat einen Hashtag dazu geschrieben: "Kaputtgart" steht dort.

Ein anderes, besonders erschreckendes und vielfach geteiltes Video, das auch die Jungs nun vorführen, zeigt einen Polizisten, dem ein Mann mit Anlauf und gestrecktem Bein in den Rücken springt. Es sieht nicht so aus, als würde diese Person das zum ersten Mal machen. Immer wieder hört man in Stuttgart am Montag das Gerücht, dass Leute sich gezielt auf eine solche Auseinandersetzung mit der Polizei vorbereitet hätten. In Kampfsportstudios etwa. Luciano sagt dazu: "Klar, viele hier machen Kampfsport. Aber gezielt vorbereitet war das nicht. Ich weiß auch, wie man einen Drehkick ausführt."

Was die Szene im Video auch zeigt: Der Polizist, der umgetreten wird, kniete zuvor auf einer Person. Die Bilder des durch einen auf seinem Hals knienden Polizisten gestorbenen George Floyd sind erst wenige Wochen alt. Ein Jugendlicher, der lieber anonym bleiben will, sagt: "Manche wollten am Samstag halt ein bisschen Amerika spielen."


Video: Mit Baseballschlägern: Brutale Straßenschlachten in Dijon (Euronews)

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