Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Online-Glücksspiel: Allein gegen die Maschine

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 12.03.2020 Sascha Lübbe

Online-Casinos sollen legalisiert werden, obwohl jeder Fünfte, der im Internet zockt, süchtig ist. Tobias Lange hat dabei ein Vermögen verspielt – völlig unbemerkt.

Anders als am Pokertisch können Spielsüchtige online unkontrolliert zocken. © Uwe Zucchi/​AP/​dpa Anders als am Pokertisch können Spielsüchtige online unkontrolliert zocken.

Irgendwann wettete Tobias Lange* sogar aufs Wetten selbst. Wirft vor dem Spiel eine Münze. "Kopf" heißt, heute hat er Glück. "Zahl", heute ist kein guter Tag. Manchmal schaut er vor dem Zocken auch kurz auf die Uhr. Ist die letzte Ziffer gerade, ist ein guter Zeitpunkt zum Spielen. Und wenn sie ungerade war? "Dann habe ich später nochmal geschaut. Bis sie gerade war. Es gab immer einen Grund zum Spielen." Geld kam immer irgendwo her. Ein Bonus im Betrieb, eine Rückzahlung. "Für mich waren das immer Zeichen, weiterzumachen."

Etwa eine halbe Million Menschen in Deutschland hat ein problematisches oder pathologisches Spielverhalten, schätzt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Online-Glücksspiele sind unter Zockern immer beliebter: Ingo Fiedler vom Arbeitsbereich Glücksspielforschung der Uni Hamburg, schätzt, dass 20 Prozent des gesamten Glücksspielmarktes mittlerweile dem Onlinebereich zuzuordnen sind. Er schätzt auch, dass von jenen, die im Internet spielen, jeder Fünfte süchtig ist.

Bisher handelten Spieler aus Deutschland, die diese Angebote nutzten, gesetzwidrig, auch wenn das kaum geahndet wurde. Das soll sich nun, mit der Reformierung des Glücksspielstaatsvertrags, ändern. Anfang des Jahres verständigten sich die Länder darauf, Online-Poker und -Casinos zu legalisieren – bisher waren sie mit Ausnahme Schleswig-Holsteins in Deutschland verboten. Im März wird der Vertrag ratifiziert, im Juli 2021 tritt er in Kraft. Dann werden Online-Glücksspiele legal.

Lange heißt eigentlich anders, er möchte nicht, dass sein Arbeitgeber ihn erkennt. Er arbeitet im Außendienst eines internationalen Unternehmens, ist die meiste Zeit im Auto unterwegs. Seine Geschichte ist eine Abfolge von Gewinn und Verlust, von Euphorie und Absturz.  

Tobias Lange ist 13, als er mit dem Spielen beginnt. Es ist 2004, die Zeit des großen Poker-Booms. Im Fernsehen laufen Turniere, Supermärkte verkaufen Spielsets zum Sonderpreis. Nach der Schule pokert er mit Freunden, anfangs zum Spaß, dann um kleine Beträge. "Man wird schnell besser", sagt er. "Das hat einen motiviert."

Es gibt nicht die eine, exemplarische Spielerbiografie. Aber es gibt Risikofaktoren, die eine Sucht begünstigen. Männer seien häufiger betroffen als Frauen, sagt Diplom-Psychologin Nina Romanczuk-Seiferth, Leiterin der Arbeitsgruppe Spielsucht an der Berliner Charité. Sie forscht zu Effekten und Ursachen der  Glücksspielsucht. Menschen aus niedrigen Bildungs- und Einkommensschichten seien häufiger gefährdet als Menschen aus hohen. Besonders anfällig: Jugendliche und junge Erwachsene – wie Tobias Lange, als er mit dem Pokern anfängt.

Nach einer Weile besucht er Hinterzimmer-Turniere, fährt zu Spielen in ganz Deutschland, lernt die Stars der Szene kennen. "Man hat zu diesen Menschen aufgeschaut", sagt Lange. "Wie zu Fußballern in der Bundesliga."

Gegen einige Spielerinnen und Spieler kann man sogar im Netz antreten. Um dabei zu sein, muss man volljährig sein. Lange, inzwischen 16, scannt seinen Personalausweis ein, korrigiert das Geburtsjahr mit dem Programm Paint um zwei Jahre nach vorn. Sein Eintritt in die Online-Pokerwelt.

Dort läuft es gut für ihn, sehr gut. Er holt einen fünfstelligen Betrag raus. Kauft sich einen neuen Fernseher, eine teure Stereoanlage; macht Kurztrips mit Freunden, fliegt übers Wochenende zu Fußballspielen nach London, Madrid oder Prag.

Dann, es ist 2016, tauchen auf den Onlineplattformen, auf denen er pokert, Angebote für andere Glücksspiele auf. Kameras übertragen Roulette- oder Blackjack-Turniere aus Malta, Gibraltar oder von der Isle of Man, Lange schaltet sich über seinen Computer dazu. Manchmal zockt er auch allein, Onlinevarianten von Slot Machines, Einarmigen Banditen.

"Ab da", sagt er, "lief es aus dem Ruder."

Die Wissenschaft unterscheidet zwischen Glücksspielen, die ganz vom Zufall abhängen, wie Slot Machines oder Roulette, und solchen mit einer Strategiekomponente, Poker zum Beispiel. "Menschen mit einer Spielproblematik gehen davon aus, dass sie auf beides Einfluss nehmen können", sagt Nina Romanczuk-Seiferth von der AG Spielsucht. "Oft wird dieser Einfluss überschätzt."

Auch Lange ist von den Zufallsspielen fasziniert. Sie sind schneller als Poker, in Sekunden kann er dreistellige Beträge setzen. Und sie sind eine neue Herausforderung: Pokern konnte er ja ein stückweit kontrollieren, er hatte es immer mit anderen Menschen zu tun. Wenn sie ihm am Spieltisch gegenübersaßen, konnte er ihre Mimik beobachten; spielte er online, zumindest ihre Taktik studieren.

Nun aber hieß es: Er allein gegen die Maschine. Auch die musste man doch irgendwie kontrollieren können, dachte er. Es stand ja ein mathematischer Algorithmus dahinter.

"Es gab diese Momente", sagt Lange, "da denkst du dir: Du bist schlauer als die Maschine."

Also spielt er. Immer und überall, "24/7", wie er sagt. Die Spiele sind, anders als in vielen Spielhallen und Casinos, ja rund um die Uhr verfügbar. Und es gibt niemanden, der ihn zurückhält.

Er spielt, wenn er bei Freunden zu Besuch auf der Couch sitzt. Nachts auf dem Handy. Tagsüber, wenn er mit dem Auto fährt, das Tablet auf dem Beifahrersitz. Manchmal, wenn er aussteigt, um Kunden zu besuchen, stellt er einen Vorlauf ein: Die nächsten 100 Spiele zu einem bestimmten Einsatz. Ist der Termin vorbei, schaut er wieder aufs Tablet. Sieht, ob er in der Zwischenzeit gewonnen oder verloren hat. Es ist ein Rausch.

"Wenn ich an einem richtigen Pokertisch saß, hatte ich die Einsätze noch als Chips in der Hand", sagt Lange. "Online aber waren das nur noch Zahlen, ohne jeglichen Bezug zur Realität."

Am Anfang einer Glücksspielsucht stehe oft Neugier oder die Suche nach einem Zeitvertreib, sagt Nina Romanczuk-Seiferth. Nur wenigen Menschen gehe es ums Geld. Wichtig werde das erst im späteren Verlauf, wenn es darum gehe, finanzielle Verluste oder Schulden auszugleichen. "Verlust-Jagd" nennt sie das.

Auch Lange sagt: "Es ging immer nur um den Nervenkitzel. Das Geld war dabei nur Mittel zum Zweck." In seinem Job verdient er gut; er hat kein Problem, an Geld zu kommen. Auch wenn er beim Spielen irgendwann immer häufiger verliert.

Es ist der Punkt, an dem das Spielen erst problematisch und dann pathologisch werden kann. Der Punkt, an dem die Menschen mehr reinstecken als sie rausbekommen. Viele Spieler, sagt Nina Romanczuk-Seiferth, hören an diesem Punkt auf.

Lange aber macht weiter.

"Ich wusste, dass ich ein Problem habe", sagt er, "aufhören konnte ich trotzdem nicht. Ich war verbissen, habe mich immer wieder gefragt: Im Pokern war ich so gut – wieso kriege ich das bei den Slot Machines nicht hin? Es ging auch um Kontrolle. Es war ein Streben nach Überlegenheit."

Das Hirn von Spielern und Abhängigen verändert sich im Laufe der Sucht. Im Zentrum steht das Motivationssystem, die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin. "Das Spielen ist im Hirn positiv besetzt", sagt Nina Romanczuk-Seiferth, "weil es mit Effekten wie Entspannung gleichgesetzt ist." Reize, die in diese Richtung gehen, werden entsprechend verstärkt wahrgenommen und verarbeitet.

Das aber hat einen Nebeneffekt: Alles andere verliert an Bedeutung. "Viele Glücksspielsüchtige vernachlässigen ihre sozialen Beziehungen oder die Arbeit", sagt die Psychologin. "Alle Aktivitäten werden zugunsten des Glücksspiels zurückgefahren."

Lange nennt es den Tunnelblick. "Hauptsache, ich konnte spielen", sagt er heute. "Der Rest war mir egal." Das Auspowern beim Sport, ein spannendes Spiel im Stadion – ähnlich, ja. Und doch komme beides nicht ansatzweise an die Euphorie des Zockens heran – dieses Gefühl, alles auf eine Karte zu setzen, dieses Gefühl, kurz vor dem großen Gewinn zu stehen. Irgendwann schläft er nur noch zwei Stunden pro Nacht. 

Am glücklichsten ist er, wenn gar nichts mehr geht. Wenn das Bargeld komplett aufgebraucht, der Kredit ausgereizt ist. Wenn er nicht mehr weiterspielen kann. Dann erst kommt er zur Ruhe; dann erst legt er das Tablet weg. "Schutzraum", nennt er diesen Zustand. "Denn wenn du Geld hast", sagt er, "musst du auch spielen." Profis haben einen Ausdruck dafür: Spieldruck. Den hatte Tobias Lange oft.

Insgesamt verzockt er einen fast sechsstelligen Betrag. Genaueres will er nicht sagen. Über konkrete Summen reden Ex-Spieler nicht. "Andere sollen nicht hören, wie viel ich verloren habe und denken: Soweit kann ich also gehen."

In dieser ganzen Zeit achtet er penibel darauf, dass niemand die Spiele auf seinem Handy sieht. Es ist das Wichtigste für ihn, den Schein zu wahren.

Also erfindet er Geschichten, große und kleine Lügen. Er denkt sich eine dramatische Erzählung aus, um sich von einem Freund Geld zu leihen. Findet Ausreden, um in Ruhe spielen zu können.

Nach außen hin habe er immer funktioniert, sagt Lange. "Überfunktioniert", wie er es nennt. Er handelt immer so, dass Leute gar nicht erst Verdacht schöpfen. Legt sich für den Fall, dass jemand unbequeme Fragen stellt, schon vorher Ausreden zurecht. Warum eine Kreditkartenzahlung geblockt wurde? Die Karte muss defekt sein. Warum er nicht mit der EC-Karte zahlt? Die hat er zu Hause vergessen.

Einmal überlegt er sogar, verspieltes Geld einzuklagen. Das Spielen im Internet ist illegal, das weiß er. Er könnte die Summe zurückverlangen, andere Spieler haben das erfolgreich getan. Lange aber schreckt davor zurück, er will sich nicht outen.

Dabei gibt es bei all dem eine Grenze, die er nicht überschreitet. Das Geld für Miete, Versicherung, Essen und Strom, er rührt es nicht an. Sonst, das weiß er, fällt das ganze Kartenhaus in sich zusammen.

Nicht alle Süchtigen haben diesen Rest Kontrolle. Spricht man mit Betroffenen in Selbsthilfegruppen, hört man Geschichten von Menschen, die alles verloren haben: die Partnerin oder den Partner, den Job, die Wohnung. Nicht selten endet die Spielsucht in Kriminalität oder mit Suizid.

Lange schafft es vorher, sich zu befreien. Als seine Ausgaben "in keinem Verhältnis zu seinen Einkünften" mehr stehen, als er Kredite aufnimmt, nur um bestehende Schulden abzuzahlen, zieht er die Konsequenz.

Ein Dienstag im Frühjahr 2019. Lange besucht einen Freund, will ihm eigentlich von anderen, persönlichen Problemen erzählen, da bricht es aus ihm heraus: "Ich bin spielsüchtig, seit Jahren schon." Es ist seine Offenbarung, wie er es nennt. Eine ungeheure Erleichterung sei sie gewesen, sagt er heute. "Niemand hatte etwas geahnt."

Inzwischen ist er seit fast einem Jahr "spielfrei". Besucht einmal pro Woche eine Selbsthilfegruppe, tauscht sich mit anderen Spielern und Ex-Spielern aus. Um sie mit seinen Erfahrungen zu stützen, wie er sagt. Und von ihren Erfahrungen zu lernen.

Die Onlinesucht hat Spuren hinterlassen. Er habe den Bezug zu Geld verloren, sagt Lange. Es falle ihm heute schwerer als früher, anderen die Meinung zu sagen. Manchmal habe er auch Probleme, sich zu freuen. Er müsse sich dann regelrecht dazu motivieren: Genuss zu empfinden bei Dingen, die er eigentlich mag – mit Freunden zum Fußball gehen zum Beispiel.

Die Sucht, auch das weiß er, ist nie ganz besiegt. Wenn er heute Werbung für Online-Casinos sieht, das Geräusch von Spielautomaten hört, dann triggert ihn das noch immer. Inzwischen, sagt er, sei das Spielen in seinem Kopf aber negativ besetzt. "Der Spieldruck", sagt Lange, "ist weg."

Um nicht rückfällig zu werden, hat er in seinen Alltag "Riegel und Schlösser" eingebaut. Da ist die Notrufkarte in seinem Portemonnaie, mit Nummern, an die er sich wenden kann. Da ist die Ammoniak-Kapsel im Handschuhfach seines Autos. Er würde an ihr riechen, wenn ihn der Spielwunsch überkommt – der Geruch soll ihn auf andere Gedanken bringen. Seinen engsten Vertrauten würde er heute auch gestatten, sein Konto einzusehen, sagt Lange. Monatlich zahlt er einen fast vierstelligen Betrag ab. Wenn alles klappt, ist er in zwei Jahren schuldenfrei.

Auch heute noch kann Tobias Lange nicht wirklich erklären, was ihn in die Sucht getrieben hat. Er hatte eine behütete Kindheit, gute Beziehungen zu den Eltern, Freunde, Hobbys. "Aber vielleicht", sagt er, "gab es einfach zu viele Freiheiten." Er verdiente schon mit Anfang 20 viel Geld, in einem Job, in dem er oft unterwegs und damit fern von Kontrollen war. "Man lässt das Spielen zu, macht zu Beginn noch gute Erfahrungen", sagt er. "Und irgendwann wird daraus Gier."

Wenn Online-Glücksspiele nun legalisiert werden, dann geht das mit einer Reihe von Schutzmaßnahmen einher. Die möglichen Einsätze für jeden Spieler sollen auf 1.000 Euro pro Monat begrenzt werden. Eine Sperrdatei für gefährdete Online-Zocker ist geplant, ebenso eine länderübergreifende Glücksspielaufsichtsbehörde.

Lange aber ist skeptisch.

"Man findet immer Mittel und Wege", sagt er. Wenn man sich beispielsweise mit dem Ausweis einer anderen Person anmelde, könne man mehrere Accounts eröffnen – und somit auch das Limit von 1.000 Euro umgehen.

Letztlich, sagt er, sei es den meisten Spielern auch egal, ob ein Angebot in Deutschland legal oder illegal sei. "Die gehen dahin, wo sie problemlos zocken können", sagt Lange. "Alles andere interessiert sie nicht."

Zumindest nicht, solange sie die illegalen Angebote weiter ungestraft nutzen können.

*Der Name wurde auf Wunsch des Protagonisten geändert.

Mehr auf MSN

Video wiedergeben

Der Bundesgesundheitsminister will den Bundesbürgern eine Exit-Perspektive geben. Nächste Geschichte

Spahn hält Lockerungen für möglich

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE
ZEIT ONLINE
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon