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Paraguay will keine Reichsbürger und Impfgegner mehr

DW-Logo DW 19.01.2022 Oliver Pieper

Das südamerikanische Land hatte sich zum Mekka für Demokratiefeinde und Verschwörungstheoretiker aus Deutschland entwickelt. Doch damit ist jetzt Schluss.

Ein Radfahrer vor dem Präsidentenpalast von Asunción © Jorge Saenz/AP/picture alliance Ein Radfahrer vor dem Präsidentenpalast von Asunción

Im Paradies scheint gerade die Sonne, bei 40 Grad stören nur einige Wolken den strahlend blauen Himmel. Deutsche Metzger servieren eine leckere Brotzeit mit Wurst, Sauerkraut und Brezeln, als Nachtisch hat der deutsche Bäcker um die Ecke mit Berlinern einen wahren Gaumenschmaus im Angebot. Eine Tanzschule darf auch nicht fehlen, genauso wenig wie das Colegio Paraguayo Germano, die Deutsche Schule für die Kinder.

Willkommen in Hohenau, einem 15.000-Einwohner-Städtchen in Paraguay. Ein Paradies schon damals für die deutschstämmigen Brasilianer, die sich wegen der fruchtbaren Erde um das Jahr 1900 hier niederließen. Ein Paradies heute zunehmend für die Deutschen, welche die Nase gestrichen voll haben von Corona-Impfungen und Maskenpflicht und Geflüchteten ablehnend gegenüber stehen. Hohenau, das immer stolz auf seine deutschen Wurzeln war, ist zum Anziehungspunkt für Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker und Impfgegner geworden.

Wegen steigender Infektionszahlen mit dem Coronavirus macht Paraguay seine Grenzen für Ungeimpfte jetzt allerdings dicht. Mehr als ein Dutzend Ausländer ohne vollständigen Impfschutz seien bei ihrer Ankunft bereits abgewiesen und in ihre Heimatländer zurückgeschickt worden, sagte die Leiterin der Einwanderungsbehörde, María de los Ángeles Arriola, darunter auch sechs Deutsche. Einreisewillige müssen nun eine Impfung mit mindestens zwei Dosen nachweisen.

Nicht alle erfreut über die Neuankömmlinge

Für Thomas Vinke ein Grund zur Freude, er hat jetzt schon genug von seinen neuen Nachbarn. Vor 17 Jahren wanderte der gebürtige Rheinländer nach Paraguay aus, seine Geschichte könnte in allen Lehrbüchern für eine perfekte Integration stehen. Jeden Samstag um 18.30 Uhr flimmert die Natursendung "Paraguay Salvaje", "Wildes Paraguay", über die Fernseher des Landes. Vinke ist zusammen mit seiner Frau Sabine der kreative Kopf dahinter. Für die erfolgreiche TV-Serie sind die beiden Umweltschützer sogar schon von der Senatskammer des nationalen Parlaments ausgezeichnet worden.

© privat

Vinke sagt der DW am Telefon: "Nach der Flüchtlingskrise 2015 kamen die Reichsbürger, extrem laute, aggressive Menschen. Und jetzt landen hier sehr viele Heilpraktiker, Wunderheiler und rechte Impfgegner. Und wir sind für diese Menschen die Hassfiguren, allein schon durch unsere Arbeit für den Umweltschutz."

Vor allem in den sozialen Medien wird Vinke hart angegangen, in den Einwandererforen, in denen er schon einmal nützliche Tipps für Landsleute teilt. Seit einigen Jahren, erzählt Vinke, habe sich der Umgang dort massiv geändert, Antisemitismus, Rassismus und rechtsradikale Inhalte gehörten mittlerweile zum – schlechten – Ton. Wenn der Umweltschützer deutlich wird, was er davon hält, oder aber es wagt, sich über Verschwörungstheorien lustig zu machen, kommt die Antwort postwendend. "Wir werden immer wieder bedroht", so Vinke. "Neulich wollte mir jemand 'mit Bauschaum das Maul ausspritzen'."

Deutsche Nummer Drei in der Einwandererstatistik

Fragt man die Deutsche Botschaft in Asunción nach den neuen deutschen Einwanderern, fällt die Antwort verhalten aus. "Uns liegen keine verlässlichen Zahlen zu Deutschen, die nach Paraguay ausgewandert sind, vor." Laut Einwanderungsbehörden haben sich 1077 Deutsche im vergangenen Jahr in Paraguay niedergelassen. Nach den Nachbarn aus Brasilien und Argentinien stellen sie immerhin die drittgrößte Einwanderergruppe, Tendenz steigend. Mittlerweile informieren auch die einheimischen Medien darüber, "ABC" berichtet von 30 deutschen Familien, die ein neues Zuhause in Hohenau gefunden haben.

Geködert werden die Neubürger mit kühnen Versprechungen auf Telegram oder Facebook, einige Alteingesessene haben das wachsende Interesse an Paraguay zu ihrem Geschäftsmodell gemacht. "Die Grundstücke werden zu horrenden Preisen wahnsinnig überteuert an die Deutschen verkauft", berichtet Vinke, "und die einheimischen Paraguayer sagen: Wir können uns mittlerweile gar kein Grundstück mehr leisten." Der besondere Clou: In Paraguay reicht schon ein Ausweis und das nötige Kleingeld, um ein Haus zu erwerben.

Das vermeintliche Paradies der Corona-Freiheit ist gar keines

Das schlagende Argument, das aber am meisten für das Auswandern zieht: In Paraguay erwarte die Deutschen die absolute Corona-Freiheit, ein Neuanfang in einem Land, das auf Eigenverantwortung setzt und sich nicht wie die alte Heimat angesichts des Virus in eine angebliche Diktatur verwandelt hat. Die Menschenfischer vergessen dabei allerdings das Pandemiegesetz mit der Nummer 6699 zu erwähnen, das gerade erst wieder verlängert wurde.

In Paraguay herrscht auch im öffentlichen Nahverkehr eine strenge Maskenpflicht © Jorge Saenz/AP Photo/picture alliance In Paraguay herrscht auch im öffentlichen Nahverkehr eine strenge Maskenpflicht

Dies schreibt eine Maskenpflicht in Innenräumen und auch draußen vor, wenn der Abstand von zwei Metern nicht eingehalten werden kann. Artikel 5 des Gesetzes erläutert die drakonischen Sanktionen, wenn das Tragen von Masken nicht befolgt wird: bis zu 30 Tage Sozialdienst, ein hohes Bußgeld und für Ladeninhaber die Schließung des Geschäftes zunächst einmal für zehn Tage.

Paraguay durch die Corona-Pandemie hart getroffen

Und auch die Debatte in Paraguay über eine Impfpflicht dürfte den Zugezogenen nicht schmecken: laut einer jüngsten Umfrage wird diese von 71 Prozent der Menschen in Paraguay befürwortet, sodass auch das Gesundheitsministerium angesichts einer drohenden dritten Welle über eine solche Maßnahme nachdenkt. Mehr als 16.000 Corona-Tote bei nur sieben Millionen Einwohnern haben Spuren hinterlassen.

Dabei wären viele Paraguayer überhaupt froh, sich impfen zu können, gerade einmal 40 Prozent der Bevölkerung haben bislang zwei Piekse erhalten. Das Land setzte vor allem auf Impfstoff durch die Covax-Initiative für die Entwicklungsländer, doch die Vakzine kamen viel zu spät, Paraguay stand wochenlang quasi blank da. Südamerikanische Nachbarstaaten sprangen ein, auch die USA und Indien spendeten Impfstoff. Es ist paradox: Deutsche, die sich nicht impfen lassen wollen, ziehen in ein Land, in dem die Einheimischen dies gerne tun würden, aber nicht können.

Im März hatte es in der Hauptstadt Asunción Proteste gegen die Regierung wegen des fehlenden Impfstoffs gegeben © Cesar Olmedo/REUTERS Im März hatte es in der Hauptstadt Asunción Proteste gegen die Regierung wegen des fehlenden Impfstoffs gegeben

"Die Deutschen, die jetzt hierher gekommen sind, werden es nicht lange aushalten", prophezeit Thomas Vinke, "man muss etwas können, was auch benötigt wird. Wie willst Du als Heilpraktiker hier überleben? Und dann muss man finanziell gut aufgestellt sein. Es gibt ja nicht umsonst hierzulande den Spruch: 'Wie macht man in Paraguay eine Million Dollar? Indem man mit zwei Millionen hierher kommt.'"

Deutsche und Paraguay verbunden durch die Geschichte

Es scheint fast ein wenig, als ob sich die Geschichte in Paraguay wiederholt. Der Antisemit Bernhard Förster, Ehemann von Elisabeth Nietzsche, der Schwester des Philosophen Friedrich, gründete 1886 in Paraguay das Dorf "Nueva Germania", gedacht als Zufluchtsort für die 'arische Rasse' in Südamerika. Der Plan scheiterte auf ganzer Linie, Förster nahm sich völlig verzweifelt drei Jahre später das Leben.

© Jerzy Dabrowski/picture alliance

Viele Nationalsozialisten flohen nach dem Zweiten Weltkrieg nach Paraguay, der prominenteste unter ihnen war der KZ-Arzt von Auschwitz, Josef Mengele, der sich eine Zeit lang in Hohenau unter dem neuen Vornamen José versteckte. Es ist diese unheilvolle gemeinsame Historie, die Thomas Vinke antreibt, sein Wort gegen die neuen Zugezogenen zu erheben. "Paraguay ist nicht dieses Naziland, wo alle mit erhobenem rechten Arm herumlaufen. Nationalsozialismus ist ein deutsches Problem, auch jetzt mit diesen Spinnern hier. Dabei hat Paraguay so viel mehr zu bieten."

Der Bericht wurde erstmals am 23.12.2021 veröffentlicht und erscheint nun in einer aktualisierten Fassung.

Autor: Oliver Pieper

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