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Tausende Migranten schwimmen in spanische Exklave – dann rückt Militär an

WELT-Logo WELT 18.05.2021 Tim Röhn
Ceuta in der Nacht auf Dienstag: Ein Mensch nach dem anderen ensteigt den Fluten und betritt spanischen Boden Quelle: Tim Röhn © Tim Röhn Ceuta in der Nacht auf Dienstag: Ein Mensch nach dem anderen ensteigt den Fluten und betritt spanischen Boden Quelle: Tim Röhn

Es ist eine lauwarme, fast windstille Nacht in der spanischen Exklave Ceuta, und am Strand El Tarajal entsteigt ein Mensch nach dem anderen den Fluten und betritt spanischen Boden. Junge Männer, nackt bis auf die Unterhose, in Jeans, im Trainingsanzug, einige fallen auf den Sand und küssen den Boden, andere rennen einfach los. Ein Mann will das Handy des WELT-Reporters, um seinen Eltern zu sagen: ‚Ich habe es geschafft.‘  Die meisten Ankömmlinge sind blutjung und nordafrikanischen Aussehens, ein paar Frauen, auch Kinder, Babys, ab und an ein Schwarzer.

Sie alle gelangten auf marokkanischer Seite ungehindert zum Grenzzaun, der bis ins Meer reicht, bildeten eine Schlange, gingen bis ganz nach vorne an den Zaun, sprangen ins Wasser und schwammen dann in spanische Gewässer. Hier kraxelten sie entweder die Felsen auf der anderen Seite des Zauns hoch oder kämpften sich durch bis zum Strand. Sehnsuchtsort EU – es hat geklappt.

Bereits um 20 Uhr am Montagabend hatten die Behörden von 5000 illegal eingereisten Migranten gesprochen, aber auch danach wird der Ansturm nicht kleiner. Die genaue Zahl der Eingereisten ist angesichts des Chaos’ unklar. Schätzungen reichen von 6000 bis 10.000 Menschen, etwa ein Viertel davon Minderjährige, insgesamt jedenfalls so viele wie nie an einem einzigen Tag - und es ist noch nicht vorbei. Dazu kommen Hunderte, die es seit dem Wochenende per Boot illegal über das Meer aufs spanische Festland geschafft haben; auch hier dauerten zahlreiche Rettungseinsätze am Dienstagmorgen noch an, genaue Zahlen gibt es noch nicht.

In Ceuta ruft der Bürgermeister am späten Abend nach dem Militär – und wird erhört. Um kurz nach zwei in der Nacht fahren Soldaten am Grenzzaun El Tarajal vor und machen sich auf den Weg zum Zaun. Hier verhindern sie aber nicht, dass die Migranten spanische Gewässer erreichen, sondern fahren eine eigenartige Strategie: Etwa 30 Soldaten, einige mit Maschinengewehr im Anschlag, bilden eine 300 Meter lange Menschenkette am Strand und lassen die Leute, die Spanien schon erreicht haben, nicht aus dem Wasser. Die Ansage: Schwimmt zurück!

Das macht natürlich niemand, stattdessen brechen die Menschen immer wieder durch die Kette durch, unter dem Gegröle jener, die es schon zuvor geschafft hatten. Ein absurdes Schauspiel. Das gilt auch für die Gemeinde Benzú am anderen Ende der Halbinsel, wo ebenfalls Hunderte Migranten schwimmend die Europäische Union erreichen.

Tausende, die ohne jeglichen Besitz in die 84.000-Einwohner-Exklave gekommen sind und die Nacht über im Freien, im Stadtzentrum oder am Strand verbringen. Nur die mutmaßlich Minderjährigen bringen Helfer des Roten Kreuz gleich nach dem Grenzübertritt in eine Lagerhalle in einem Industriegebiet, in der beim letzten WELT-Besuch vor einer Woche etwa 100 Migranten in Corona-Quarantäne untergebracht waren. Am Dienstagmorgen um kurz vor halb fünf sind es etwa 2500 Kinder und Jugendliche, die vor der Halle sitzen, dazwischen Soldaten und Polizisten.

Tausende mutmaßlich Minderjährige werden in ein Industriegebiet gebracht Quelle: Tim Röhn © Tim Röhn Tausende mutmaßlich Minderjährige werden in ein Industriegebiet gebracht Quelle: Tim Röhn

Video: Von Marokko in spanische Enklave: Tausende Migranten schwimmen nach Ceuta (​KameraOne)

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Es sind Szenen, die es so in Ceuta noch nie gegeben hatte - und die Stadt ist einiges gewohnt. Immer wieder hatten Migranten in der Vergangenheit den Grenzzaun gestürmt, teils schafften es so Hunderte auf einen Schlag in die EU. Die Bilder gingen um die Welt.

In den vergangenen rund zwei Jahren war es nach der großen Krise im Jahr 2018 ruhiger geworden: Dank der guten Beziehungen zwischen Rabat und der EU vertrieb marokkanisches Militär Verdächtige aus der Nähe von Ceuta und baute gar einen eigenen Zaun, der die Menschen stoppte. Außerdem gingen Sicherheitskräfte gegen Banden vor, die die Überfahrten per Schlauch- oder Holzboot etwa über die Meerenge von Gibraltar organisierten; Schwarzafrikaner wurden in den Süden des Landes verfrachtet.

Viele der Menschen, die nach Europa wollen, versuchten es erst gar nicht mehr, in den Norden Marokkos zu gelangen - und setzten gleich von Mauretanien oder gar Gambia und Senegal in Richtung der Kanarischen Inseln über - ein Himmelfahrtskommando über teils mehr als 1000 Kilometer, mit vielen Männern, Frauen und Kindern, die das Meer verschluckte. Vor einem Jahr schossen die Ankünfte auf den Kanaren in die Höhe - und nun bildet sich in Südspanien und Ceuta ein neuer Hotspot.

Die Lage hier zeigt, wie anfällig die Flüchtlingspolitik der EU ist, die vor allem auf Abschottung und Deals mit Drittstaaten beruht. Spielt ein Drittstaat plötzlich nicht mehr mit, machen sich die Menschen auf den Weg - erst recht jetzt, da die Corona-Krise gerade die Armen rund um den Globus hart getroffen hat.

Dass etwas wie am Montag in Ceuta passieren würde, hatte sich in den vergangenen Wochen abgezeichnet. Die marokkanische Regierung ist empört, weil in Spanien mit Brahim Ghali der Anführer der Frente Polisario, der Unabhängigkeitsbewegung der von Marokko besetzten Westsahara, wegen einer Covid-19-Erkrankung behandelt wird. Rabat wertet das als Affront.

Die Frente Polisario strebt nach Unabhängigkeit für die Westsahara. Marokko will der Region nur Autonomie zugestehen - und bekam Ende Dezember Rückenwind, als der damals bereits abgewählte, aber noch amtierende US-Präsident Donald Trump Marokkos Souveränität über die Westsahara anerkannte. Seither nehmen die Spannungen zwischen Marokko und europäischen Ländern, die Trumps Linie nicht folgen oder diese gar kritisierten, zu.

Befürchtungen gab es in Spanien schon seit Mitte April

Schon seit Mitte April, als mehr als 100 Migranten schwimmend Ceuta erreichten, hatte es in Spanien Befürchtungen gegeben, wonach ein großer Ansturm von Menschen unmittelbar bevorstehen könnte. Am Montag war es dann soweit, um zwei Uhr nachts hatten die ersten Menschen spanischen Boden - oder spanisches Wasser - erreicht, nachdem sie in Fnideq auf der einen Seite der Halbinsel oder in Belyounesh auf der anderen ins Wasser gesprungen und losgeschwommen waren. Angesichts der großen Anzahl an Männern - die große Mehrheit -, Frauen und Kindern, die da kam, griffen die spanischen Polizisten irgendwann nicht mehr ein, um die Grenze zu sichern. Teils kamen sie den Menschen im Meer sogar zur Hilfe, so wie im Fall eines zehn Jahre alten Mädchens. Ein Beamter der Guardia Civil sagte WELT, es sei nur noch darum gegangen, dass niemand ums Leben kommt: „Das ließ sich nicht aufhalten.“ Bis Dienstagmorgen war von mindestens einem Mann, der ertrank, die Rede.

Ceuta gehört nicht zum Schengen-Raum, ohne EU-Visum ist eine Weiterreise aufs Festland nur illegal zu bewältigen; am Dienstagmorgen war die Hafengegend schon mit Hunderten Migranten bevölkert, die erst Stunden zuvor aus Marokko gekommen waren. Für den Moment dürfte es den meisten von ihnen aber schlicht darum gehen, nicht umgehend wieder abgeschoben zu werden. Genau so verfährt Spanien immer wieder mit Migranten und Flüchtlingen und schiebt sie aus Ceuta durch den Grenzzaun zurück nach Marokko - eine Einzelfallprüfung wird nicht vorgenommen.

WELT wurde in der Nacht am Grenzzaun El Tarajal mehrfach Zeuge dieser hochumstrittenen Praxis: Beamte der Guardia Civil holten immer wieder Schwarze aus der Menge, schleppten sie zum anderen Ende des Grenzzauns und schubsten sie dort zurück auf marokkanisches Terrain. Einige wehrten sich heftig, andere ergaben sich ihrem Schicksal - und stellten sich gleich wieder in der Schlange an, um sich später wieder in die Fluten zu werfen.

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