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Terror mit der Knoblauchpresse

RP ONLINE-Logo RP ONLINE 07.06.2019 RP ONLINE

Düsseldorf. Mit Küchenutensilien bereitete ein Kölner Islamistenpaar laut Anklage einen Gift-Anschlag vor. Seit Freitag müssen sich die Eheleute vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf verantworten.

 Der Angeklagte hält sich einen Aktenordner vor das Gesicht.  © Federico Gambarini Der Angeklagte hält sich einen Aktenordner vor das Gesicht.

Die Rizinuspalme bestellte Yasmin H. mit ihrer Kreditkarte über Ebay, die Order über 2000 Rizinussamen teilte sie auf Ebay und Amazon auf. Ende Mai 2018 nahm sie die Samen per Post in ihrer Wohnung in Köln-Chorweiler an, wie andere Leute ein neues Paar Turnschuhe. Aber Yasmin H. und ihr Ehemann Sief Allah H. waren nicht an Mode interessiert, sondern an Morden.

Über den Messengerdienst Telegram erhielten die beiden von zwei Experten Instruktionen, wie sie mit den Rizinussamen umzugehen haben. Mit einem Cuttermesser schälten sie die Samen, mit zwei Kaffeemühlen und einer Knoblauchpresse zerkleinerten sie sie. Im Mörser vermischte das Ehepaar H. das Rizin mit Aceton zu einem Pulver. Einem tödlichen Pulver.

Mehr als 90 Seiten umfasst die Anklageschrift. Als Verena Bauer von der Bundesanwaltschaft sie verliest, fällt ein paar Mal das Mikrofon aus. Sie wartet geduldig bis ihre Stimme wieder aus den Lautsprechern dringt. Kein Detail der penibel ermittelten Anklage soll untergehen. Nicht die Knoblauchpresse, nicht die Kaffeemühlen, nicht die Instruktionen via Telegram.

Sief Allah H., 30, geboren in Tunis, und Yasmin H., 43, geboren in Köln, haben sich 2014 über das Internet kennengelernt. Ein gutes Jahr später, im Oktober 2015 heirateten sie. Seit Freitag nun müssen sich die beiden vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf verantworten. Der Generalbundesanwalt wirft ihnen unter anderem die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat vor. Sief Allah H. ist zudem anklagt, weil er versuchte, sich dem Islamischen Staat anzuschließen.

Wachleute führen das Ehepaar nacheinander in den Saal 1 des Hochsicherheitstrakts des Gerichts im Düsseldorfer Stadtteil Hamm. Yasmin H., blonder Pferdeschwanz, rote Bluse, zeigt ihr blasses Gesicht, und darf sich neben ihre Anwältin Seda Basay-Yildiz setzen. Ihr Mann Sief Allah H. hat die Ärmel seines weißen Hemdes hochgekrempelt und wirkt, trüge er keinen Aktenordner vor dem Kopf, als sei er auf dem Weg zu einer Gartenparty.

Abgesehen vom Wetter ist dieser Prozess so etwas wie das Gegenmodell zu einer Gartenparty. Das Ehepaar H. plante offenbar einen Anschlag, der nicht nur der erste islamistische Einsatz einer chemischen Waffe gewesen wäre. Er hätte laut Bundeskriminalamt auch größtmöglichen Schaden angerichtet: mehr als 100 Tote hätte die Rizinbombe aus der Kaffeemühle fordern können.

Dass es dazu nicht gekommen ist, ist wohl lediglich ein paar glücklichen Zufällen zu verdanken. Die Wohnung des mutmaßlichen Islamistenpaars lag nur einen knapp 20-minütigen Spaziergang von der Zentrale des Bundesamts für Verfassungsschutz in Köln-Chorweiler entfernt. Doch der deutsche Geheimdienst erfuhr erst durch amerikanische Kollegen von den Umtrieben in der Nachbarschaft. In den USA hatte man sich gefragt, was Privatpersonen wohl mit 2000 Rizinussamen vorhaben könnten. Spezialkräfte der Polizei stürmten daraufhin im Juni 2018 die Wohnung.

Yasmin H. und Sief Allah H. hören der Anklageschrift weitgehend regungslos zu. Mal fasst er sich ins Gesicht oder schaut zu den Zuschauern. Sie bewegt sich kaum. Zu den Vorwürfen der Bundesanwaltschaft sagen sie kein Wort. Yasmin H.s Anwältin Basay-Yildiz will einen Freispruch erwirken, Sief Allah H.s Anwalt Serkan Alkan sagt das nicht so deutlich. Die Vorwürfe der Anklageschrift haben es in sich. Das Ehepaar hat offenbar sehr gut zusammengearbeitet.

Yasmin H. hatte dabei laut Anklage vor allem finanziell eine wichtige Rolle. Weil eine gemeinsame Ausreise nach Syrien am Einverständnis des Vaters von Yasmin H.s Kindern scheiterte, versuchte Sief Allah H. zweimal alleine in das Gebiet des IS vorzudringen. Die Flüge nach Istanbul und Hotels buchte seine Frau für ihn. Sie überwies ihm auch 370 Euro für die Weiterreise. Aber beide Versuche, sich in Syrien dem IS anzuschließen, scheiterten. Woran, ist nicht ganz klar. Seine Kontaktleute beim IS empfahlen H. daraufhin, in Deutschland einen Anschlag zu begehen.

Deswegen bestellten sie laut Anklage Rizinussamen und Stahlkugeln. Deswegen bastelten sie aus einem Wecker und einem alten Handy einen Zünder. Deswegen fuhr H. nach Polen, um Sprengstoff aus Feuerwerkskörpern zu besorgen. Deswegen probten sie auf einer grünen Wiese eine Explosion. Und deswegen kaufte Yasmin H. am 24. Mai 2018 auch in einer Tierhandlung einen Zwerghamster. Ein Tier, von dem das Ehepaar H. glaubte, der Organismus sei dem eines Menschen ähnlich. Sief Allah H. trug, so liest es Oberstaatsanwältin Bauer vor, das Rizin auf das Fell des Hamsters auf. Doch das Tier überlebte.

Dem für Staatsschutz zuständigen sechsten Strafsenat des Oberlandesgerichts steht ein zäher Prozess bevor. Bis August hat der Vorsitzende Richter Jan van Lessen 18 Sitzungstage angesetzt. Ob das ausreicht, wird sich zeigen. Denn kurz nach Verlesung der Anklage gerät das Verfahren ins Stocken. Anwalt Alkan lehnt van Lessen ab. In seinem 70-seitigen Schriftsatz beklagt er, dass das Gericht H.s Pflichtverteidiger nicht entlässt. Dieser habe seit Monaten kein Wort mit dem Angeklagten gesprochen, sagt Alkan. Vorerst geht das Verfahren aber weiter. Mit Jan van Lessen.

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