Dakar. Unter Hissène Habré erlebte der Tschad eine Schreckensherrschaft der Folter und Willkür. Nun ist der Ex-Machthaber gestorben. Habré war 2016 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt worden.

 Der für Verbrechen an der Menschlichkeit verurteilte tschadische Ex-Diktator Hissène Habré ist tot. © Str Der für Verbrechen an der Menschlichkeit verurteilte tschadische Ex-Diktator Hissène Habré ist tot.

Der umstrittene Ex-Machthaber des Tschad, Hissène Habré, ist tot. Er sei am Dienstag in einer Klinik in der senegalesischen Hauptstadt Dakar gestorben, bestätigte der Chef der Gefängnisbehörde, Jean Bertrand Bocandé. Nach Berichten von Lokalmedien war Habré vor kurzem an Covid-19 erkrankt. Er wurde 79 Jahre alt.

Habré war 2016 als erster afrikanischer Ex-Staatschef von einem Gericht auf dem Kontinent wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt worden. Damals wurde wegen Vorwürfen im Zusammenhang mit seiner Herrschaft von 1982 bis 1990 lebenslange Haft gegen ihn verhängt, nachdem er Jahrzehnte im Luxus im Exil in Senegal verbracht hatte. Letztlich saß Habré, der 2013 festgenommen wurde, nach seiner Verurteilung rund fünf Jahre hinter Gittern.

Unter Habré war der Tschad nach Angaben von Menschenrechtlern ein Einparteienstaat, den er mit harter Hand regierte. In jedem Dorf ließ er bald nach seiner Machtübernahme seine berüchtigte Dokumentations- und Sicherheitsabteilung (DDS) installieren, eine Art Geheimdienst, der von Mitgliedern der Ethnie der Gorane geführt wurde, der Habré entstammte. Agenten hätten selbst geringfügige Abweichungen von der Linie der Regierung dokumentiert, berichteten Menschenrechtler.

Wer nur schlecht über Habré gesprochen, „Feind“-Radiosender gehört oder „magische Rituale zur Unterstützung von Gegnern vollführt“ habe, sei verhaftet worden, hieß es im Bericht einer Wahrheitskommission, die nach seinem Sturz eingesetzt wurde. Verhaftete waren eine Palette von Foltermethoden ausgesetzt: Einige wurden verbrannt, andere mit Giftgas besprüht. Opfer wurden auch gezwungen, ihre Münder auf die Auspuffrohre von Fahrzeugen mit laufenden Motoren zu pressen. Sie erlitten massive Verbrennungen, als ihre Peiniger auf das Gaspedal drückten. Laut der Wahrheitskommission wurden unter Habré rund 40.000 Menschen getötet.


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Zurückgelassene Dokumente des Geheimdiensts legten offen, wie penibel der Ex-Machthaber dessen Aktivitäten beaufsichtigte. Er sei praktisch über alle Machenschaften von DDS informiert gewesen, etwa über den für Uniformen genutzten Stoff und Todesfälle unter Gefangenen, sagte Reed Brody, ein Anwalt der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. „Wir haben es hier wahrhaft mit einem Kontrollfreak zu tun, der über jedes Detail den Überblick hatte.“ So heißt es in einem DDS-Dokument, dass eine Einrichtung für „ganz besondere“ Häftlinge in der Nähe seines Präsidentenanwesens gebaut worden sei, damit Habré die dortigen Vorgänge im Blick habe behalten können.

„Hissène Habré wird als einer der gnadenlosesten Diktatoren der Welt in die Geschichte eingehen; als ein Mann, der sein eigenes Volk abschlachtete, ganze Dörfer niederbrannte, Frauen als Sexsklavinnen zu seinen Truppen schickte und geheime Kerker baute, um seine Feinde mittelalterlicher Folter auszusetzen“, schrieb Broody auf Twitter. Auch fünf Jahre nach Habrés Verurteilung hätten Überlebende und Hinterbliebene „keinen Penny“ bekommen. Die Afrikanische Union habe bei der gerichtlich angeordneten Schaffung eines Hilfsfonds versagt, der Vermögenswerte Habrés aufspüren und als Entschädigung verteilen sollte, kritisierte Broody.

Zwar schloss sich der 1942 im Norden Tschads als Bauernsohn geborene Habré nach einem Jura-Studium in Frankreich in den 1970er Jahren einem Aufstand muslimischer Bauern gegen die überwiegend christlich geprägte Regierung an. Doch war sein Aufstieg nicht von Ideologie getrieben, wie aus dem Abschlussbericht der Wahrheitskommission hervorgeht. Darin wird er als Opportunist und „Mann ohne Skrupel“ kritisiert, der sich mal auf die Seite der bewaffneten Rebellion und mal auf jene der Regierung geschlagen habe. „Um sich die Sympathien der Öffentlichkeit zu sichern, stellte er sich wahlweise als einen überzeugen Maoisten und als frommen Muslim dar“, hieß es im Report. Trotz seiner Bildung habe sich Habrés „Verhalten und Denkweise nicht sehr von jener eines Kameldiebs unterschieden“.

Trotz der Gräueltaten sei Habré von den USA und Frankreich großzügig unterstützt worden, galt er ihnen doch als ein „Bollwerk“ gegen den damaligen libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi, erklärte Human Rights Watch. Demnach bekam Habré amerikanische Finanzhilfen in Millionenhöhe und auch eine Einladung ins Weiße Haus. Frankreich habe ihn mit Waffen und Logistik gestützt.

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