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Umgang mit Hilfsbedürftigen: Pflege ohne Gnade

SZ.de-Logo SZ.de vor 3 Tagen Von Rainer Stadler
Gerade in der Corona-Krise seien kritische Heimmitarbeiter wichtig, sagt der Münchner Pflegeexperte Claus Fussek. © Jonas Güttler/dpa Gerade in der Corona-Krise seien kritische Heimmitarbeiter wichtig, sagt der Münchner Pflegeexperte Claus Fussek.

Das "grenzt an Folter": In einem Heim im niedersächsischen Celle sollen Senioren schwer misshandelt worden sein. Fachleute sind entsetzt - und es stellt sich die Frage: Wie können solche Fälle verhindert werden?

Pflege ohne Gnade

In einem Pflegeheim im niedersächsischen Celle sind offenbar mehrere Bewohner grob misshandelt worden. Das legen Aufnahmen aus dem Heim nahe, die in den vergangenen Wochen entstanden sein sollen. Ein Bild zeigt einen Mann, der mit einer Decke im Bett so festgebunden wurde, dass er sich kaum bewegen kann. Auf einem anderen Bild ist eine klaffende Wunde am Bein eines Bewohners zu sehen, dem wenige Tage zuvor der Unterschenkel amputiert wurde. In einem Chat schreibt eine im Haus beschäftigte Pflegekraft einer Kollegin, Bewohner würden mit Decken die ganze Nacht über fixiert, damit ihre Vorlagen, also ihre Inkontinenz-Windeln, nicht verrutschten. Das sei in dem Haus nicht ungewöhnlich, "das machen sie hier alle so".

Bewohner lägen in dieser Position dann stundenlang in ihren Ausscheidungen und würden vom Personal nicht umgelagert. So bestehe die Gefahr, dass sie sich wund lägen. Die Decken würden zwei- und dreifach verknotet, eine schmerzhafte Prozedur für die Betroffenen, ein Mann habe dabei geschrien. Der Bewohner mit dem amputierten Unterschenkel habe nachts das Heimpersonal gebeten, ihn auf die Toilette zu begleiten. Die Antwort sei gewesen, er habe doch eine Vorlage, "wo er reinscheißen kann". Daraufhin habe er versucht, aus eigener Kraft zur Toilette zu kommen. Dabei seien die Nähte geplatzt, ein Rettungswagen habe den Mann ins Krankenhaus gebracht.

Die Pflegekammer in Niedersachsen, welche die Belange des Fachpersonals vertritt, zeigt sich über den Fall bestürzt. Aus ihrer Tätigkeit wisse sie, dass viele Pflegekräfte überlastet seien, sagt die Präsidentin Nadya Klarmann. Aber für einen Fall wie in Celle gebe es keine Entschuldigung. Auch Markus Mai, Präsident der Pflegekammer Rheinland-Pfalz, kennt die Bilder aus dem Heim. Er sagt, was dort geschehen sei, "grenzt an Folter". Das Fixieren von Bewohnern in Heimen ist nur in absoluten Ausnahmefällen erlaubt und setzt einen richterlichen Beschluss voraus.

Das Fixieren von Bewohnern ist nur in absoluten Ausnahmefällen erlaubt

Seit Ende vergangener Woche ist auch das Sozialministerium Niedersachsen informiert. Es verständigte die Heimaufsicht in Celle, das kurzfristig Prüfer in das Heim schickte. Dabei sei aber nichts Ungewöhnliches aufgefallen, sagt ein Sprecher des Ministeriums. Die Heimaufsicht selbst lehnt "aus formaljuristischen Gründen" eine Stellungnahme ab.

Das Heim in der Nähe des Celler Stadtfriedhofs hat 63 Betten und verfügt über 25 Mitarbeiter. Es gehört zur Muus Unternehmensgruppe, die in Celle und Umgebung mehrere Einrichtungen betreibt. Die Geschäftsführerin Claudia Muus sagt auf Nachfrage, auch ihr seien "schlimme Vorfälle" aus dem besagten Heim bekannt geworden. Sie habe deshalb Mitte Mai drei Pflegekräfte entlassen und zudem Strafanzeige gegen sie gestellt. Zu den genauen Vorwürfen will sie sich nicht äußern, die Verfahren seien noch nicht abgeschlossen. Angehörige der Geschädigten seien aber informiert worden und hätten ihrerseits Anzeigen gegen die drei Pflegekräfte gestellt.

"Niemand kann sagen, was in letzter Zeit alles in den Heimen passiert ist"

Die Vorfälle, die mit den Fotos dokumentiert sind, seien auch von anderen Mitarbeitern bestätigt worden. Seit der Entlassung dieser drei Pflegekräfte, die erst seit einigen Monaten für die Firma gearbeitet hätten, habe es aber keinerlei Unregelmäßigkeiten in dem Heim mehr gegeben, sagt Geschäftsführerin Muus. Auch sie sei entsetzt darüber, was dort offenbar passiert sei. Leider seien solche Vorfälle kaum zu verhindern, die Leitung eines Unternehmens könne "nicht den ganzen Tag mit am Bett stehen".

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Zu oft, sagt der Experte, verstünden sich Pflegekräfte als Schicksalsgemeinschaft

Ob tatsächlich allein die drei entlassenen Mitarbeiter für die Missstände im Heim verantwortlich waren, werden die Ermittlungen zeigen. Nach Schilderung der Pflegekraft, die sich bei ihrer Kollegin über die Zustände im Heim beklagte, lag dort noch einiges mehr im Argen. Sie schrieb, die Bewohner würden immobil gemacht und auch tagsüber in ihren Betten belassen, selbst die, "die mit Unterstützung laufen könnten".

Als sie zu Beginn einer Acht-Stunden-Schicht einmal das nasse Bett einer Bewohnerin neu überzogen habe, sei sie von einer Kollegin dafür gerüffelt worden. Die Betten würden nur einmal pro Schicht gewechselt, habe man ihr erklärt. Ansonsten müsse man das am Ende noch stündlich machen, wenn sich die Bewohnerin immer wieder einnässe.

All diese Aussagen deuteten schon "auf eine gelebte Kultur in dem Heim" hin, sagt Pflegekammer-Präsident Mai. Für ihn stellt sich aber zudem die Frage, wie die Pflegebranche solche Vorfälle künftig verhindern könne. Es sei zu befürchten, dass in anderen Heimen ähnliche Zustände herrschten. Deshalb gehe es nicht nur um bessere Arbeitsbedingungen für die Pflegenden, sondern auch um eine andere Berufsidentität.

Zu oft verstünden sich Pflegekräfte als Schicksalsgemeinschaft, vermeintliche Kollegialität verhindere, dass mehr solcher gravierender Fälle bekannt würden, sagt Mai. Dabei gelte die Fürsorgepflicht der Beschäftigten zuallererst den Pflegebedürftigen.

Gerade in der Corona-Krise seien kritische Mitarbeiter wichtig, sagt der Münchner Pflegeexperte Claus Fussek. Regelmäßige Kontrollen, etwa durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen, hätten seit dem Ausbruch der Seuche nicht mehr stattgefunden, Angehörige hatten monatelang Besuchsverbot. "Niemand kann sagen, was in letzter Zeit alles in den Heimen passiert ist", sagt Fussek.

Generell wundert er sich, warum nicht mehr Bilder wie die aus Celle an die Öffentlichkeit gelangten. "Wir sehen heute in den sozialen Netzwerken so viele Bilder von Missständen. Bilder von Polizeigewalt oder aus Schlachthöfen. Aus Altenheimen gibt es das fast nie. Dabei hat heute jede Pflegekraft ein Handy." Eine mögliche Antwort: Die Pflegekräfte hätten gelernt, dass sich die Öffentlichkeit weder für ihre Probleme interessiere, noch für die Menschenrechtsverletzungen an den Alten. Die Situation in den Heimen sei ja bekannt, sagt Fussek. Trotzdem habe sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum etwas geändert: "Die Gesellschaft kapituliert vor dem Thema."

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