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Wie ein sächsisches 130-Einwohner-Dorf über 50 Asylbewerber aufnahm

SZ - Sächsische Zeitung-Logo SZ - Sächsische Zeitung 26.11.2022

Eine kleine sächsische Gemeinde hat seit Jahresanfang mehr als 50 Asylbewerber aufgenommen. Wie die Gemeinschaft daran wuchs.

Sicherheit, Freiheit und viel Ruhe: Naden und Faik aus Libyen sind vor zehn Monaten mit ihrem Sohn Moaad und ihrer Tochter Najya nach Mark Schönstädt gekommen. © Jürgen Lösel © Jürgen Lösel Sicherheit, Freiheit und viel Ruhe: Naden und Faik aus Libyen sind vor zehn Monaten mit ihrem Sohn Moaad und ihrer Tochter Najya nach Mark Schönstädt gekommen. © Jürgen Lösel

Polizei, Demonstranten, Transparente – so viel Aufregung gab es hier noch nie, soweit sich die Bewohner von Mark Schönstädt erinnern können. Das Dorf nahe Wurzen im Landkreis Leipzig besitzt keine Kirche, keine Schule, keinen Arzt und keinen Lebensmittelladen. Eigentlich besteht es nur aus einem hübschen Waldbad und einer einzigen Straße mit einigen Häusern rechts und links. Etwa 130 Menschen lebten hier zuletzt, der Altersschnitt lag bei über 60.

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Seit Januar dieses Jahres haben die Mark Schönstädter aber neue, jüngere Nachbarn. Sie kommen aus Afghanistan, Georgien, Libyen und dem Irak und wohnen jetzt in einem der beiden Neubaublöcke, die in den 60er-Jahren für die Arbeiter eines nahe gelegenen Steinbruchs errichtet wurden. Der Landkreis hat hier insgesamt 16 Wohnungen zur Unterbringung von Asylbewerbern angemietet. Im Januar kamen die ersten an, inzwischen sind es mehr als 50. Damit ist die Einwohnerzahl von Mark Schönstädt mal eben um über ein Drittel gestiegen.

"Jetzt ist es mein Dorf": Cornelia Hanspach lebt seit den 80er-Jahren in Mark Schönstädt. © Jürgen Lösel © Jürgen Lösel "Jetzt ist es mein Dorf": Cornelia Hanspach lebt seit den 80er-Jahren in Mark Schönstädt. © Jürgen Lösel

Die Alteingessenen erfuhren erst zwei Wochen vorher von diesen Plänen. Ein Unding, da waren und sind sich alle Mark Schönstädter einig. Wie man mit der Situation nun umgehen sollte, da gingen die Meinungen im Januar allerdings weit auseinander. Es dauerte nicht lange, da entdeckte die AfD den vermeintlichen Skandal für sich. Noch vor der Ankunft der ersten Asylsuchenden ließ die Partei vor laufender Kamera aus dem Ort berichten und Anwohner interviewen, die von bedrückter Stimmung und großer Angst sprachen. Die Ausländer würden vermutlich „Blödsinn machen und sich austoben“, heißt es in dem Video, das auf Youtube bis heute mehr als 40.000 Mal aufgerufen wurde. „Und wer beschützt uns? Muss erst was passieren?“

Als die ersten Asylbewerber eingezogen waren, organisierte die AfD eine Kundgebung direkt vor den Neubaublöcken und beklagte auf einem Transparent die „Überflutung“ des Landkreises mit Flüchtlingen. Und das alles fünf Kilometer entfernt von der Ortsgrenze zu Wurzen, der Stadt, die in der Öffentlichkeit wie wenige andere als Zentrum für Neonazis gilt und in der Vergangenheit Schauplatz unzähliger Übergriffe auf Migranten war. So viel zum Klischee und der auf den ersten Blick so passenden Bestätigung.

"Falscher Ort und falsche Botschaft“

Sprung in den November 2022: Als im Dresdner Schauspielhaus der Sächsische Förderpreis für Demokratie verliehen wird und Sachsens Demokratieministerin Katja Meier (Grüne) von „wichtigen Zeichen“ und „toleranter Gesellschaft“ spricht, sitzen auch Bürger und Asylbewerber aus Mark Schönstädt im Publikum. Sie werden im Laufe der Veranstaltung auszeichnet. Als eine von sieben ausgewählten sächsischen Initiativen erhält die Dorfgemeinschaft in diesem Jahr einen Anerkennungspreis. Und so kam es dazu:

Schon der Demo-Aufruf der AfD im Januar blieb nicht unwidersprochen. „Erst haben wir daran gedacht, mit den Geflüchteten wegzufahren, um ihnen das zu ersparen“, erinnert sich Cornelia Hanspach, die in den 80er-Jahren nach Mark Schönstädt zog, „aber dann haben wir uns einfach demonstrativ auf die andere Seite gestellt und der AfD gezeigt: falscher Ort und falsche Botschaft“. Zwischen ihrem Haus und den Neubaublöcken liegen nur ein Garagenkomplex und der verlassene Konsum. Lange Zeit seien die Bewohner der Neubauten weitgehend unter sich geblieben. Kontakte zu den privilegierten Hausbesitzern gab es kaum. „Ich war in all den Jahren nicht so oft dort wie jetzt innerhalb weniger Monate“, sagt Cornelia Hanspach, die schon von lächelnden Gesichtern begrüßt wird, als sie durch den Garagenhof herüberläuft. Sofort kommen einige Asylbewerber auf sie zu und wollen Fragen loswerden. Zur Verständigung dient eine Mischung aus Deutsch, Englisch und dem, was der Google-Übersetzer ausspuckt.

Die Neubaublöcke in Mark Schönstädt wurden in den 60er-Jahren für die Arbeiter eines Steinbruchs errichtet. Jahrelang standen viele Wohnungen leer. © Jürgen Lösel © Jürgen Lösel Die Neubaublöcke in Mark Schönstädt wurden in den 60er-Jahren für die Arbeiter eines Steinbruchs errichtet. Jahrelang standen viele Wohnungen leer. © Jürgen Lösel

An den rostigen und schiefen Wäschestangen vor den Blöcken spielen ein paar Kinder, auch der achtjährige Moaad und seine elfjährige Schwester Najya kommen dazu. Mit ihren Eltern sind sie vor zehn Monaten aus ihrer Heimat Libyen nach Deutschland gekommen.

Najya geht in die vierte Klasse und kann von allen am besten Deutsch. Sie erklärt, dass sie und ihre Familie zu der in Libyen unterdrückten Volksgruppe der Amazigh gehören, die früher als Berber bezeichnet wurden. Vater Faik zeigt stolz ihre rot-grün-gelbe Flagge. Der darauf abgebildete Buchstabe Yaz aus dem Alphabet ihrer Sprache steht für Freiheit. „In Libyen ist unsere Sprache verboten“, sagt Mutter Naden und lässt ihre Worte mit einem Sprachprogramm auf dem Handy übersetzen. „Wir waren gezwungen, Arabisch zu sprechen.“ Jetzt in Deutschland könnten sie endlich ihre Identität ausleben. Dafür machen sie im Gegenzug auch gern die Hausordnung. Diese Woche sind sie wieder an der Reihe.

In ihrer Wohnung im zweiten Stock lümmelt Moaad jetzt auf dem Sofa und schaut Fernsehen. Hinter ihm am Fenster stehen zwei Liegen mit bunter Bettwäsche für ihn und seine Schwester, im Eckschreibtisch liegt ein Stapel Brettspiele, an der Wand hängen als Deko die Buchstaben „H O M E“. Um all diese Dinge haben sich die Bürger von Mark Schönstädt gekümmert, genauso wie um die Küche und die Waschmaschine. Sie haben Deutschkurse und Spielenachmittage organisiert, helfen bei Behördengängen. Hinter der Initiative steht kein Verein oder eine sonstige Institution, sondern eine Gruppe aus etwa zehn Familien, die sich trotz ihres Ärgers über die Politik dafür entschieden haben, die neuen Menschen in ihrem Ort als das anzusehen, was sie sind: Nachbarn, die Zuspruch und Unterstützung brauchen.

Suche nach Wohnraum

„Wir sind weder links noch rechts und wollen das alles gar nicht so politisch sehen“, sagt Cornelia Hanspach, die Willkommensbriefe geschrieben und überreicht hat. „Wir wünschen uns Ruhe und Harmonie in unserem Dorf, und das funktioniert nur, wenn wir keinen zurücklassen.“ Sie glaubt, dass sie genau für diese Einstellung nun den Demokratiepreis erhalten hätten, wobei die Mark Schönstädter bis heute nicht wissen, wer sie dafür vorgeschlagen hat.

Um in der Corona-Zeit überhaupt am öffentlichen Leben teilhaben zu können, mussten die Asylbewerber an Schnelltests kommen. Also absolvierte Cornelia Hansbach einen Kurs zur Corona-Testerin. Die Möglichkeit, sich zu testen, bot sie dann allerdings allen Menschen im Dorf an – für sie ein äußerst wichtiger Fakt. „Wir sehen uns hier nicht als Gutmenschen und Samariter, sondern wir wollen, dass jede Verbesserung allen zugutekommt“, betont sie. Die Asylbewerber hätten es sich nicht ausgesucht, an einen Ort zu kommen, an dem nur dreimal am Tag der Bus hält und wo es außer der ersehnten Sicherheit nichts gibt, außer einem Dach über dem Kopf, ein paar Pferden und Kühen.

Auf der anderen Seite sind Cornelia Hanspach auch die Zwänge der Behörden nicht fremd. Sie arbeitet selbst in der Stadtverwaltung in Wurzen und erinnert sich, wie der Landkreis im Herbst vergangenen Jahres händeringend nach Wohnraum in der Region suchte und gar nicht umhinkam, das Angebot des Block-Eigentümers in Mark Schönstädt anzunehmen.

Tariel und Keti aus Georgien wollen sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen. © Jürgen Lösel © Jürgen Lösel Tariel und Keti aus Georgien wollen sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen. © Jürgen Lösel

Mit der dörflichen Lage kommt nicht jeder der Neuankömmlinge klar. Es gab durchaus auch Einzelne, für die der Kulturschock offenbar zu groß war, die es nur wenige Tage hier aushielten und sich dann in einen größeren Ort vermitteln ließen. Die meisten aber blieben und fühlen sich dank der großen Unterstützung wohl.

Dazu gehören auch Tariel und Keti aus Georgien, die mit ihren drei Kindern nach Deutschland gekommen sind. Ihre 20-jährige Tochter ist inzwischen zurück in der Heimat, der Rest der Familie möchte sich hier ein neues Leben aufbauen. Tariel hat bereits einen Job als Bäcker gefunden, Keti hilft bislang in einer Küche aus und will bald eine Ausbildung als Pflegehelferin beginnen. Ob sie bleiben dürfen, ist allerdings alles andere als gewiss.

„Wir haben Angst, dass unsere Georgier abgeschoben werden könnten“, sagt Cornelia Hanspach. „Das wäre dann nicht mehr nachvollziehbar. Jemand, der in vier Monaten einen A2-Sprachkurs meistert und einen Job findet, hat doch alles Recht der Welt, hierzubleiben. Wir brauchen diese Menschen.“ Abschiebungen könnten die Stimmung im Ort zum Kippen bringen, glaubt sie, wenn die Leute merkten, dass alles Herzblut bei der Integration am Ende nichts bringe.

Als Cornelia Hanspach und Keti sich vor dem Block treffen, nehmen sie sich in den Arm. Derweil kommt eine ältere deutsche Hausbewohnerin mit grauem Zopf aus der Tür. „Und wer kümmert sich um mich?“, fragt sie und beklagt sich, dass der Vermieter sie rausdränge, vermutlich, weil er mehr Miete verlangen wolle. 250 Euro warm zahle sie zurzeit. Man könne mal in Ruhe darüber reden, bietet Cornelia Hansbach an.

Keine heile Welt

Niemandem soll eine heile Welt vorgespielt werden. Wo Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen aufeinanderträfen, müssten Dinge geklärt werden - und das nicht nur einmal. Zum Beispiel die Sache mit der Nachtruhe ab 22 Uhr und die Bedeutung der Mülltrennung. Da gibt es auch mal klare Ansagen. Wenn es aber zehn Monate nach der Ankunft der ersten Asylbewerber das größte Problem im Dorf ist, dass die neuen Bewohner mal ihren Abfall in die falsche Tonne werfen, dann muss hier doch einiges richtig gelaufen sein.

Offene Kritik an der Unterbringung der Geflüchteten ist in Mark Schönstädt inzwischen kaum noch zu hören. Die Zeiten sind vorbei, als einige ihr Spenden noch heimlich bei Hanspachs abgaben, weil sie im Dorf nicht als die „Ausländerfreunde“ angesehen werden wollten. Es hat sich was geändert, nicht erst seit der Preisverleihung in Dresden.

Von den 1.000 Euro Preisgeld wollen die Mark Schönstädter ein Spielgerät anschaffen, das auf einer Wiese bei den Wohnblöcken aufgestellt werden könnte. Früher war hier schon mal ein Spielplatz, der jedoch in die Jahre kam und irgendwann abgebaut wurde. Dafür wurden neue Geräte am rund 500 Meter entfernten Waldbad aufgestellt. Gut für die Touristen, schlechter für Eltern, die ihre Kinder in der Nähe und in Sicherheit wissen wollen.

"Ich bin immer noch sauer"

Carsten Grundmann, der selbst in einem der Blöcke wohnt, würde sich auch freuen, wenn für das Geld ein kleiner Fußballplatz entstehen könnte und die Kinder nicht mehr zwischen den Neubauten bolzen müssten. Anfangs gehörte Grundmann zu den Skeptikern, die sich beim besten Willen nicht vorstellen konnten, wie das mit den vielen Flüchtlingen hier funktionieren soll. „Ich bin auch immer noch sauer, dass wir von der Politik nicht einbezogen wurden, aber es hilft ja nichts“, sagt er. Inzwischen ist Grundmann der Fahrradverantwortliche. Er hat für die Asylbewerber kleine und große Räder organisiert und kümmert sich als leidenschaftlicher Schrauber darum, dass sie in Schuss gehalten werden.

Für Cornelia Hanspach ist Carsten das perfekte Beispiel dafür, wie eine Gemeinschaft funktionieren und wachsen kann. Warum sollte das, was hier gerade passiert, nicht auch als Vorteil für den Ort gesehen werden? Als Neuanfang, als Beginn einer weiteren Metamorphose. Nach Jahrzehnten des Nebeneinanderherlebens haben die Mark Schönstädter wieder eine gemeinsame Mission. Sie hätten sich im Hass auf das Neue zusammenfinden können, doch sie haben sich für die Offenheit und Menschlichkeit entschieden.

„Um ehrlich zu sein, war das hier nie so richtig mein Dorf, weil wir hier nie eine wirkliche Gemeinschaft waren“, sagt Cornelia Hanspach. „Jetzt ist es mein Dorf.“

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