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Wo Vampire für Unfrieden sorgen

RP ONLINE-Logo RP ONLINE 06.04.2020 RP ONLINE

La Push. Der Welterfolg der „Twilight“-Filme lockt bis heute Fans in ein Dorf an der US-Westküste. Den Einwohnern bringt das Geld – und Streit. Manche beklagen, Autorin Stephenie Meyer habe sich ungefragt am kulturellen Erbe der Ureinwohner bedient.

 „Willkommen, Twilight-Fans“ steht auf dem Schild an der Straße zwischen La Push und Forks im US-Bundesstaat Washington. © Christina Horsten „Willkommen, Twilight-Fans“ steht auf dem Schild an der Straße zwischen La Push und Forks im US-Bundesstaat Washington.

(dpa) Rund zehn Jahre ist der Welterfolg der „Twilight“-Saga schon her, aber ganz im Westen der USA lebt er weiter. „Menschen aus aller Welt kommen deswegen zu uns – jeden Tag und den ganzen Tag lang“, sagt die Mitarbeiterin des Besucherzentrums des kleinen Städtchens Forks im US-Bundesstaat Washington. „Manche sagen, der Boom wäre vorbei, aber das stimmt nicht. Hier halten ihn die Fans am Leben.“

Die „Twilight“-Saga begann als Buch-Trilogie der Autorin Stephenie Meyer. Die Romane „Bis(s) zur Mittagsstunde“ (2006), „Bis(s) zum Abendrot“ (2007) und „Bis(s) zum Ende der Nacht“ (2009) fanden auch in Deutschland Millionen Fans, vor allem Teenager, und verkauften sich mehr als 100 Millionen Mal. Mit den Hollywood-Verfilmungen eroberte „Twilight“ dann endgültig die Welt und machte die zuvor weitgehend unbekannten Hauptdarsteller Kristen Stewart und Robert Pattinson zu Stars. Sie spielen das Teenager-Mächen Bella (Stewart), das nach Forks zieht und sich dort in Edward (Pattinson) verliebt, der sich dann als Vampir entpuppt.

Forks liegt am westlichen Rand des Olympic-Nationalparks, knapp vier Autostunden von Seattle entfernt, hat rund 3000 Einwohner und lebt hauptsächlich von der Holzwirtschaft. Nichts unterschied die Stadt wesentlich von anderen amerikanischen Kleinstädten, bis darauf, dass es dort außergewöhnlich viel regnet. Jetzt feiert Forks jeden September ein „Forever Twilight“-Festival mit Maskenball. Souvenirs werden verkauft, außerdem spezielle „Twilight“-Touren zu den Schauplätzen der Bücher. „Nicht alle hier im Ort finden das super“, sagt eine Mitarbeiterin der Besucherzentrale. „Ich würde sagen, der Ort ist gespalten, Hälfte-Hälfte.“ Auf einem Sticker an der Wand hinter ihr steht: „Forks beißt“.

Der Ursprung der „Twilight“-Geschichte aber liegt nicht in Forks, sondern in La Push, einem noch kleineren Städtchen etwa eine halbe Stunde weiter westlich am Pazifik. Auf der Fahrt ist auf halber Strecke ein Schild angebracht: „Willkommen, Twilight-Fans“ steht darauf, und darunter: „Vertragsgrenze“ – an dieser Stelle verlasse man das Land der Vampire und betrete das Land der mit ihnen verfeindeten Werwölfe.

Hinter der „Vertragsgrenze“ in La Push leben seit mehr als 1000 Jahren die Ureinwohner des Quileute-Stammes. Rund 700 gibt es in der Gegend noch, sie haben eine eigene Sprache mit einem eigenen Alphabet. Die „Twilight“-Saga beruht auf ihrem Gründungsmythos, der in etwa so erzählt wird: Ein Schöpfer kam einst in das Gebiet und fand es dort so schön, dass er es besiedeln wollte. Also verwandelte er an einem Strand zwei Wölfe in Menschen.

Autorin Meyer nutzte die Geschichten der Quileute und ihre Stammesbezeichnung für das Buch, ohne jedoch je dort gewesen zu sein und, so sagen die Quileute, auch ohne sie je zu fragen. Auf ihrer Website beschreibt Meyer, wie sie 2004, kurz vor Erscheinen des ersten „Twilight“-Buches in den USA, erstmals Forks und La Push besuchte: „Es gab keinen Unterschied zwischen dem La Push, das ich mir vorgestellt hatte, und dem echten.“

Die Ureinwohner hätten Meyer damals sehr herzlich begrüßt, sagt die Rezeptionistin des Quileute Oceanside Resort. Das Hotel steht am Strand und ist das größte Anwesen des Dorfes. Drumherum liegen kleinere Häuschen, ein Restaurant, eine Stammesschule, ein Spielplatz, ein Gemeindehaus und ein kleiner Hafen mit Fischerbooten. Seit ihrem ersten Besuch sei Meyer aber nicht mehr wiedergekommen. „Nur in Forks war sie noch ein paar Mal, um Bücher zu signieren.“

Die Quileute in La Push sind noch deutlich gespaltener, wenn es auf das Thema „Twilight“ kommt, als die Menschen in Forks. Einerseits bringen Bücher und Filme nach wie vor viele Touristen und damit viel Geld in das abgelegene Dorf, wo viele Menschen unter ärmlichen Bedingungen leben. „Eine Zeit lang war nicht ganz so viel los“, sagt die Rezeptionistin. „Aber jetzt kommt die nächste Generation.“ In den Sommermonaten sei das Hotel ein Jahr im Voraus ausgebucht. Die „Twilight Cabin“ mit zwei Schlafzimmern, Holzofen, Badewanne, komplett eingerichteter Küche und Meerblick kostet dann 220 Dollar (etwa 200 Euro) pro Nacht. In einem kleinen Holzverschlag mitten auf dem Hotelgelände verkauft eine ältere Dame starken Espresso. „Wir hier nehmen unseren Kaffee sehr ernst“, sagt sie und lacht. Sie sei fast 70 Jahre alt, früher Lehrerin gewesen und seit mehr als 50 Jahren mit einem Stammesmitglied der Quileute verheiratet. „Ich mag die ,Twilight’-Bücher, sie sind sehr gut geschrieben. Die Filme haben mir dagegen nicht so gefallen.“ Dass Autorin Meyer die Geschichten aber einfach genommen habe, ohne um Erlaubnis zu fragen, das sei nach US-Recht zwar wohl legal, aber schlicht und einfach „nicht cool“.

Das sei ein großes Problem für viele Stämme, schreibt Angela Riley, Leiterin des American Indian Studies Center an der University of California in Los Angeles, dazu in der „New York Times“. „Die ultimative Frage – nicht nur in Hinblick auf die Quileute, sondern auf alle Ureinwohner – ist nicht einfach nur, ob Außenstehende einfach das kulturelle Gut der Stämme übernehmen dürfen. Aus Gründen der Fairness und des Gesetzes müssen die Stämme eine signifikante Rolle bei den Entscheidungen über ihr Kulturgut spielen.“

Zahlreiche Besucher und Journalisten hätten sich ebenfalls nicht korrekt verhalten und beispielsweise für die Quileute heilige Stätten ohne Erlaubnis betreten oder fotografiert, sagt die Kaffeeverkäuferin. Inzwischen hat der Stamm eine neue Regel erlassen, die das verbietet. „Die Quileute waren früher immer sehr offen. Jetzt sind sie viel verschlossener.“ Trotzdem versuche sie, das Positive an der ganzen Sache zu sehen, beispielsweise wie viele Menschen auf der ganzen Welt nun von der Schönheit des Dörfchens La Push erführen. „Die Menschen kommen hierher und sagen: ,Es ist so viel schöner als in den Filmen!’ Ja klar, das liegt daran, dass die Filme nicht hier gedreht wurden, sondern in Oregon.“

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