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Zombieviren: Zehntausende Jahre altes Virus „wiederbelebt“

Kölner Stadt-Anzeiger-Logo Kölner Stadt-Anzeiger 30.11.2022 Peter Stroß
Das Eis in der Antarktis schmilzt vielerorts. Das fördert lange eingefrorene Kadaver zutage – aus denen Forscher Proben mit „Zombieviren“ entnommen haben. Karl Lauterbach warnt. © picture alliance/dpa/epa Das Eis in der Antarktis schmilzt vielerorts. Das fördert lange eingefrorene Kadaver zutage – aus denen Forscher Proben mit „Zombieviren“ entnommen haben. Karl Lauterbach warnt.

Das „ewige Eis“ – damit sind Arktis und Antarktis gemeint. Gegenden, die seit ewigen Zeiten von dicken Eisschichten bedeckt sind. Geowissenschaftler nennen den Untergrund dort in der Fachsprache Permafrost. Noch immer ist rund ein Viertel der Nordhalbkugel von dauerhaft gefrorenem Boden bedeckt.

Der Klimawandel sorgt aber in der Region rund um den Nordpol für Veränderung. Das ewige Eis ist eben doch nicht ewig – vielerorts beginnt es zu schmelzen. Zum Vorschein kommen dadurch unter anderem Kadaver oder totes Pflanzenmaterial. Während Funde längst ausgestorbener Tierarten als spektakulär gefeiert werden, können sie gleichermaßen auch weitreichende Folgen haben.

Gefrorene Viren aus dem Permafrost „wiederbelebt“

Denn mit ihnen wird organisches Material freigesetzt, das Tausende von Jahren gefroren war. Die Rede ist von Viren und Bakterien, die die Lebewesen einst in sich trugen und die seit Jahrtausenden inaktiv waren.

Ein Forscherteam um Jean-Marie Alempic vom „Centre national de la recherche scientifique“ (CNRS) in Frankreich ist es nun gelungen, 13 bislang unbekannte Virentypen aus entsprechenden Proben nachzuweisen – und wieder zu aktivieren. Dies berichtet die Arbeitsgruppe in einer noch unveröffentlichten Studie auf dem bioRxiv, einem Preprint-Server für die Biowissenschaften. In dem Artikel, der noch von Experten begutachtet werden muss, erklären die Forscher, wie sie 13 Viren, die zu fünf verschiedenen Kladen gehören, aus Proben identifiziert und wiederbelebt haben, die im Osten Russlands gesammelt wurden.

Forscher entdecken 50.000 Jahre altes Virus im Permafrost – und beleben „Zombievirus“ im Labor

Dem Bericht zufolge schätzen die Forscher, dass eines der gefundenen Viren knapp 50.000 Jahre im Eis überdauert haben könnte. Im Labor sei es nun in Zellkulturen erneut virulent geworden.

Das Team warnt vor der Annahme, dass die Freisetzung zehntausende Jahre im Eis „eingeschlossener“ Viren selten sei und „‚Zombieviren‘ keine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit darstellen“ würden.

Die Tatsache, dass zwei verschiedene Viren leicht aus prähistorischem Permafrost wiederbelebt werden konnten, sollte im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung Anlass zur Sorge geben.
Abschlussbericht einer CNRS-Studie 2015

Das Team des CNRS hatte 2015 bereits ein rund 30.000 Jahre altes Riesenvirus aus dem Permafrost wiedererweckt. Bereits damals hatten die Forscher angesichts ihrer Studienergebnisse gewarnt. „Die Tatsache, dass zwei verschiedene Viren leicht aus prähistorischem Permafrost wiederbelebt werden konnten, sollte im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung Anlass zur Sorge geben“, hieß es damals im Abschlussbericht.

Riesenvirus „Pandoravirus yedoma“ ist knapp 50.000 alt

Bei dem nun entdeckten Virus handelt es sich um ein Amöben infizierendes Riesenvirus namens „Pandoravirus yedoma“. Riesenviren sind deutlich größer als durchschnittliche Bakterien. Pandoravirus yedoma ist so groß, dass es bereits mit einem normalen Lichtmikroskop nachgewiesen werden kann.

Das Forscherteam belebte zudem drei neue Viren aus einer 27.000 Jahre alten Probe gefrorenen Mammutkots und einem Stück Permafrost, das mit einer großen Menge Mammutwolle gefüllt war. Zwei weitere neue Viren wurden aus dem gefrorenen Mageninhalt eines sibirischen Wolfs isoliert.

Viren könnten Tiere befallen, die Krankheiten an Menschen weitergeben

Die Forscher geben an, mit ihrer Studie den Beweis dafür zu liefern, dass große DNA-Viren, die Amöben infizieren, auch nach mehr als 48.500 Jahren im tiefen Permafrost die Fähigkeit besitzenn infektiös zu bleiben.

In den letzten Jahren häuften sich die Hinweise, dass der Permafrost ein gigantisches Reservoir alter Viren und Mikroben ist, die aktiviert und wieder freigesetzt werden, wenn sich die Umwelt ändert. Diese könnten potenziell Pandemien verursachen, warnte beispielsweise 2020 Ellen Decaestecker von der Universität Leuven auf einer Expertenkonferenz. Es sei allerdings wahrscheinlich, dass zunächst Tiere und nicht Menschen den Erregern ausgesetzt seien und daher gefährdet seien. Die allerdings können Krankheiten auf den Menschen übertragen.

Karl Lauterbach warnt angesichts neuer Studie vor Pandemiegefahr

Angesichts der neuen Studie sieht sich deswegen nun auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach dazu veranlasst, auf das Problem aufmerksam zu machen. Er fürchtet, die Freisetzung der Viren könnte einen Rattenschwanz nach sich ziehen, an dessen Ende im schlimmsten Fall eine Pandemie stehe.

„Der Permafrost taut auf durch den Klimawandel. In den aufgetauten Kadavern sind Viren, mehr als 10.000 Jahre alt. Auch das ist ein Beispiel, wie wir die Kette erst Klimawandel, dann Zoonose, dann Ausbruch, dann Pandemie an uns heranziehen“, schrieb der SPD-Politiker am Sonntag (27.11.22) auf Twitter. (pst)

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