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Die Elenden von Göttingen : Was der Corona-Ausbruch über soziale Spaltung verrät

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 11.06.2020 Hannes Heine

18 Etagen, 400 Wohnungen – Göttingens Iduna-Zentrum gilt als Infektionsherd. Und ist ein idealer Nährboden für Vorurteile, wie auch andernorts in Deutschland.

Die Bewohner des Iduna-Zentrums in Göttingen haben genug vom Wirbel um die Virusinfektionen. © Foto: imago images/Hubert Jelinek Die Bewohner des Iduna-Zentrums in Göttingen haben genug vom Wirbel um die Virusinfektionen.

Auf der ausgeblichenen Fassade sind in der Sonne kleine Risse zu erkennen. Dieser Göttinger Wohnburg – zwei Aufgänge, vier Fahrstühle, 18 Etagen, 400 Wohnungen – können sie nichts anhaben. In der Stadt kennt wohl jeder den Klotz am Maschmühlenweg, zehn Fußminuten vom Hauptbahnhof entfernt.

Und vor einigen Tagen ist das Iduna-Zentrum, von der gleichnamigen Versicherung erbaut, auch weit über die niedersächsische Universitätsstadt hinaus bekannt geworden. Sogar ein Reporter der „Washington Post“ hat sich in Göttingens Rathaus nach dem Iduna-Haus erkundigt, ob man mal über die Vorfälle dort sprechen könne?

In fast jeder deutschen Großstadt steht ein solches Gebäude: in den 70ern als architektonischer Triumph errichtet, seit den 90ern ist ein bisschen Graffiti an den Wänden, heute sind die Wohnungen dahinter vielen Facharbeitern zu klein, Akademikern ohnehin – vielen Bewohnern zahlt das Amt die Miete.

Corona-Feiern? – Ein Nebel aus Halbwissen

Doch das Iduna-Zentrum unterscheidet von ähnlichen Wohnquartieren, dass es in dieser pandemiebewegten Zeit nun öffentlich als Infektionsherd gilt. Bald könnte es Bewohner ähnlicher Wohnquartiere anderer Städte treffen. Das Gerücht verbreitet sich jedenfalls schneller als das Virus.

„Massen-Infektion nach Familienfeiern mehrerer arabisch-albanischer Clans“, schrieb die „Bild“-Zeitung. „Die Stimmung ist gereizt.“

Vom Iduna-Zentrum aus soll das Coronavirus die Göttinger Region erobert haben. Maßgeblich soll ein gemeinsam verbrachtes Zuckerfest muslimischer Roma, die im Iduna-Haus wohnen, die Verbreitung beschleunigt haben. 30 Männer sollen beim Rauchen einer Wasserpfeife das Mundstück nicht gewechselt haben.

Schulen und Sportvereine mussten schließen, ein harter Lockdown wurde erwogen.

„Welle der Hetze“

Der bleibt vorerst aus. Nach einer turbulenten Woche lichtet sich der Nebel aus Halbwissen. Corona-Feiern? Gab es offenbar nicht über das auch in Kirchen überall in der Republik übliche Maß hinaus.

Masseninfektionen? Von bislang 450 im Iduna-Block getesteten Männern, Frauen, Kindern haben sich 60 angesteckt, im Umfeld der Bewohner gibt es 110 weitere Betroffene. Das sind viele, aber weniger als befürchtet.

Großfamilien? Eine lebt dort, „arabisch“ ist sie nicht – und unklar ist auch, ob die Familie, die aus dem Kosovo stammt, den Ausbruch verursacht hat.

[Aktuelle Entwicklungen zur Coronavirus-Pandemie in Deutschland finden Sie hier in unserem Newsblog]

Das Roma-Center in Göttingen kritisierte, dass in der Berichterstattung „stigmatisierende Begriffe verwendet und die betroffenen Personen als leichtsinnige und verantwortungslose Menschen dargestellt“ würden. Der Göttinger Integrationsrat sprach von einer „Welle der rassistischen und diskriminierenden Hetze“ in den sozialen Medien und forderte die Stadtverwaltung auf, den Sachverhalt genau aufzuklären.

Die in der Stadt bekannte Familie aus dem Haus teilte via Facebook mit, ein anderer Mann aus dem Hochhaus, kein Angehöriger, habe sich trotz Infizierung nicht an die Quarantäneregeln gehalten – tatsächlich ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn.

Zur gleichen Zeit lässt die Düsseldorfer Stadtverwaltung eine Bar schließen – dort tanzten am Wochenende 400 Gäste dicht gedrängt.

Das Virus hinterlässt keinen Fingerabdruck

Wo immer Menschen eng zusammenkamen, da wurden Orte in den letzten Wochen schnell zu Corona-Hotspots: die eng belegten Unterkünfte der Arbeiter einer Fleischfabrik im westfälischen Coesfeld, das städtische Krankenhaus in Potsdam, eine Baptisten-Gemeinde in Frankfurt am Main, eine Freikirche in Bremerhaven, eine katholische Betrunde in Mecklenburg-Vorpommern.

Am meisten aber, so scheint es, wird über Göttingens „Corona-Block“ geredet – 1975 von der Iduna als Geldanlage für Göttinger Kleinsparer und für die Stadt als Prestigegebäude errichtet, zierte das Hochhaus einst Postkarten.

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Wohnen sollten dort Studenten und junge Familien, nun verschweigen einige aus dem Block lieber, dass sie hier leben.

„Das Virus hinterlässt keinen Fingerabdruck“, sagt Dominik Kimyon, der Pressesprecher der Stadt. „Wir wissen nicht, wer es als erstes hatte.“ Die Tests im Erdgeschoss des Blocks seien jedenfalls reibungslos gelaufen, die Infektionsschutzregeln würden eingehalten – damit könnte die Debatte enden.

Ein Virus befällt, wen es kriegen kann

Doch sie droht sich in ähnlicher Gestalt anderenorts zu wiederholen. In Berlin-Neukölln zum Beispiel, Dutzende Männer, Frauen, Kinder in zwei Häusern befinden sich dort derzeit in Quarantäne.

Auch diese Familien kamen einst vom Balkan, auch sie wohnen enger zusammen, als das für die allermeisten Berliner üblich ist – und auch sie, so ist von Sozialarbeitern, aus dem Gesundheitsamt und dem Rathaus zu hören, halten sich an die Infektionsschutzgebote, nachdem sie ihnen erklärt worden sind.

Ein Virus befällt, wen es kriegen kann. Trotzdem haben Seuchen einen Klassencharakter. Zwar verbreitete sich das Coronavirus offenbar zunächst mit heimkehrenden Après-Ski-Feiernden aus Ischgl quer durch Europa.

Seit einigen Wochen aber trifft es die reiseaffinen Mittelständler seltener, sondern infiziert diejenigen, die oft als einkommensschwach und kinderreich, als am gesellschaftlichen Rand lebend bezeichnet werden.

Das Sars-Cov-2 genannte Virus wird wohl vor allem über winzige Tröpfchen übertragen, beim Sprechen, Singen, Husten, Niesen.

Je höher die Luftfeuchtigkeit, je weniger Luftzug, desto schlechter verdunsten die Tröpfchen. In geschlossenen Räumen ist die Gefahr deutlich größer als in einem Garten. Wo enger zusammengehockt, diskutiert, gelacht, gesungen, geweint wird, da überträgt sich das Virus eher.

20000 Beatmungsgplätze – Deutschland steht gut da

Um abzuschätzen, wie gut ein Staat auf Infektionskrankheiten vorbereitet ist, können die großen Zahlen herangezogen werden: Deutschland steht dann gut da, mit 20000 Beatmungsplätzen in den Krankenhäusern, 50 Millionen Zusatz-Euro für bundesweit 375 Gesundheitsämter und 33 Hochschulkliniken mit ihren forschenden Virologen.

Zugleich aber gibt es auch in diesem Land nicht wenige kleine und größere Familien, die schon in pandemiefreien Zeiten seltener zum Arzt gehen und zudem so wohnen, wie es ein Virus zum Verbreiten braucht.

„Die Wohnverhältnisse spielen eine zentrale Rolle – bei vielen Krankheiten“, sagt Gerhard Trabert, der seit Jahrzehnten dort arbeitet, wo Geld und Wohnraum fehlen. Trabert ist Deutschlands wohl bekanntester Sozialmediziner, zuletzt half der Wiesbadener Professor im Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos. Auch im reichen Deutschland, sagt Trabert, fehlten erschwingliche Wohnungen.

In der Pandemie droht anderswo ein Notstandsregime

Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat 2018 entsprechende Daten des Statistischen Bundesamts ausgewertet: In den 77 deutschen Großstädten, also den von mehr als 100.000 Menschen bewohnten Orten, fehlen 1,9 Millionen Wohnungen.

Günstige Wohnungen befinden sich wiederum oft an verkehrsreichen Orten, die Luft ist öfter schmutzig, Atemwegsleiden sind dort häufiger. Ein Vorteil für Viren.

Nicht weit von Deutschland wurden während der Pandemie unausgesprochen Notstandsregime errichtet. In slowakischen, rumänischen und bulgarischen Armenvierteln, dort, wo sich Roma häufig Hütten aus Bauschrott und Holz zimmern, wirkt die Coronakrise militarisierend.

Östlich der slowakischen Hauptstadt Bratislava rückten vor einigen Wochen bewaffnete Soldaten in eine solche Siedlung ein: Die Männer fuhren im Geländewagen vor, am Himmel ein Hubschrauber. Ein Militärarzt nahm dann auf einer Wiese die Rachenabstriche vor.

Auch in Deutschland gilt, das beobachtet Sozialmediziner Trabert, dass die eigene Familie für arme Menschen, für diejenigen, die nicht über anerkannte Jobs und vielfältige Kontakte verfügen, oft einen höheren Stellenwert hat. In ihr träfe man diejenigen, die noch zu einem hielten. Sperrstunden und Kontaktverbote erschwerten das Leben sozial Benachteiligter stärker, als sie das von besser Verdienenden beeinträchtigten.

Lust auf Reden? Hat drinnen niemand mehr

Das Iduna-Zentrum ist dabei noch gar kein krasser Fall – in die Fachwerkstraßen der Innenstadt sind es nur wenige Minuten. Zwischen dem Göttinger Landgericht, dem Campus der Georg-August-Universität und einem „Vapiano“-Restaurant wirkt die „Burg“ – aus der Perspektive anderer Großstädte, mindestens aus der Berlins betrachtet – fast beschaulich.

Auf den engen Balkonen sind vereinzelt Fahrräder, trocknende Bettwäsche, selten Blumentöpfe zu sehen. Vor dem Hochhaus stehen elf Autos ohne Kennzeichen, die vom Parkplatz aus offenbar verkauft werden.

Lust auf Reden? Hat drinnen niemand mehr. Nicht der hagere Hemdenträger mit Zopf, nicht die Familie, die sich auf Albanisch unterhält, nicht die Frau, die mit Einkaufstüten um die Ecke biegt.

Die Fernsehsender waren fast alle schon da, die regionalen und die überregionalen Zeitungen, die „Bild“ sowieso, ein Kameramann der „Welt“ wurde von den Balkonen mit Unrat beworfen.

Auch in Berlin-Neukölln trifft es keine Villengegend

Jürgen Trittin, bis 2005 grüner Bundesumweltminister, nun Göttinger Bundestagsabgeordneter, hat sein Wahlkreisbüro zehn Fußminuten vom Iduna-Haus entfernt in der Altstadt.

Trittin hat sich fortlaufend über die Infektionslage informiert, über die Ansteckungsketten spekuliert er nicht, er sagt nur so viel: „Das Wesen einer Pandemie ist, dass sich das Virus in engeren Quartieren eher verbreitet als in einer Villengegend.“ Von beiden gibt es in Deutschland ziemlich viele – die Sozialbauten aber dürften überwiegen.

Auch die in Berlin-Neukölln betroffenen Häuser stehen nicht in einer Villengegend. Das größere der beiden Gebäude ist seit Jahren völlig unauffällig, es gilt als Vorzeigeprojekt.

Neuköllns Bezirkspolitiker, Lehrer, Polizisten haben, auf dieses Haus angesprochen, nichts zu nörgeln. Die meisten Bewohner sind strenggläubige Pfingstler aus Rumänien. Die betroffenen Familien bleiben nun zu Hause.

Ein zweites vom Corona-Ausbruch betroffenes Berliner Haus gehört einem Mann aus Bulgarien, der unter Roma, Polizisten und Sozialarbeitern bekannt ist.

In Zeiten knappen Wohnraums soll der hemdsärmelige Unternehmer sein Haus als Billigwohnheim angeboten haben, dort landen diejenigen, denen sonst Obdachlosigkeit droht.

Inwiefern sich in solchen Häusern mittelfristig Infektionen verhindern lassen, darüber beratschlagen Amtsärzte, Stadträte und Sozialarbeiter nicht nur in Neukölln.

„Das gilt auch für Hipster“

Hamze Bytyci wohnt in der Nähe der vom Virus betroffenen Häuser mitten in Neukölln. Auch seine Familie zog einst aus dem Kosovo nach Deutschland, er ist Mitglied der Linken und im „Bündnis für Solidarität mit den Sinti und Roma Europas“ aktiv.

„Dass man sich auch in der Pandemie gern sieht, gerade in Familien, das gilt ja nun auch für andere – die Berliner Hipster genauso wie für viele Kirchenkreise“, sagt Bytyci.

Nicht erst, aber gerade in der Pandemie problematisch: Sobald Roma als solche erkannt würden, könnten sie sich auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt kaum noch durchsetzen.

„Deshalb geraten viele von ihnen an windige Geschäftemacher“, sagt Bytyci. „Für diese Familien gilt, wenn sie auch nur über halbwegs übliche Einkommen verfügten, wären sie in einer anderen Lage, dann könnten sie auch angemessener wohnen.“

Enge Flure, kleine Wohnungen, schlechte Luft

Das gilt nicht nur für Roma. Es gilt für ältere Erwerbslose und Suchtkranke, die sich auf dem Mietmarkt wenig aussuchen können. Obdachlose, die in Notunterkünften, unter Brücken und auf Parkdecks übernachten. Flüchtlinge, die einander in den Heimen schlecht aus dem Weg gehen können.

Letztlich reichen enge Flure, kleine Wohnungen, schlechte Luft.

„Hinzu kommt, dass auch persönlicher Gesundheitsschutz eben Geld kostet“, sagt Gerhard Trabert, der Sozialmediziner. „Kostenloses Verteilen von Masken“, sei nötig, „eindeutige, erklärende Piktogramme und am besten Ansprachen durch Sozialarbeiter in den Muttersprachen der Betroffenen.“

Viel zu tun. Und so könnte der Wirbel um den Ausbruch von Göttingen ein Ausblick auf den Ärger um die Ausbrüche in anderen Städten sein. Dann ist vielleicht eine andere Wohnburg dran, ein anderes Milieu vielleicht. Fast immer aber dürfte es diejenigen treffen, die so schon ein bisschen weniger haben.

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