Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

„Präsident Xi Jinping ist ein Mafia-Boss“

WELT-Logo WELT 11.01.2020 Kevin Knauer
Der chinesische Präsident Xi führt Wu'er Kaixi zufolge ein totalitäres Regime Quelle: AFP © AFP Der chinesische Präsident Xi führt Wu'er Kaixi zufolge ein totalitäres Regime Quelle: AFP

Wu’er Kaixi war einer der Anführer der chinesischen Protestbewegung, die 1989 niedergeschlagen wurde. Heute lebt er in Taiwan, wo gegen den steigenden Einfluss Chinas protestiert wird. Wu‘er zufolge hat der Westen China aufgepäppelt – und muss das totalitäre Regime nun unter Druck setzen.

WELT: Wu’er Kaixi, heute wählt Taiwan einen neuen Präsidenten. Aus Pekinger Sicht gehört die Insel ebenso zur Volksrepublik China wie Hongkong, Taiwan selbst versteht sich als unabhängige Republik. In Hongkong toben seit Juni 2019 prodemokratische Proteste gegen zunehmenden Einfluss Pekings, gegen die die Polizei hart vorgeht. Wie sehr haben die Demonstrationen in Hongkong den Wahlkampf in Taiwan beeinflusst?

Wu’er Kaixi: Sehr stark. Wie in jeder anderen Demokratie sind für die Wähler verschiedene Themen wichtig: die Wirtschaft, soziale Fragen und die Integrität der Kandidaten. Aber dieses Mal hat der Protest in Hongkong die Wähler Taiwans daran erinnert, dass die Bedrohung der Demokratie, auf die die Taiwaner so stolz sind, unmittelbar bevorsteht.

WELT: Es wird erwartet, dass die amtierende Präsidentin, Tsai Ing-wen von der chinakritischen Demokratischen Fortschrittspartei, in ihrem Amt bestätigt wird. Welche Auswirkung hat die Wahl auf die Beziehungen zwischen Taiwan und China?

Wu’er: Ich glaube, wenn das chinesische Regime erkennt, dass es das taiwanische Volk nicht mehr täuschen kann, sucht es nach einer Stellvertreterregierung innerhalb Taiwans. Leider gibt es mehrere Parteien, die bereit sind, diese Rolle zu spielen. Bei der Wahl geht es letztendlich darum, sich zwischen Verteidigern und Kollaborateuren zu entscheiden.

Wu'er Kaixi fordert von den USA und Europa, China ökonomisch unter Druck zu setzen Quelle: AFP via Getty Images © AFP via Getty Images Wu'er Kaixi fordert von den USA und Europa, China ökonomisch unter Druck zu setzen Quelle: AFP via Getty Images

WELT: Muss Taiwan mehr tun, um auf die Bedrohung seiner Demokratie aufmerksam zu machen?

Wu’er: Taiwan grenzt sich so stark wie kein anderes Land von China ab. Als Liu Xiaobo (2017 verstorbener chinesischer Menschenrechtler und Friedensnobelpreisträger; Anm. d. Red.) in chinesischer Haft an Krebs erkrankte, war die taiwanische Präsidentin Tsai Ing-wen das erste Staatsoberhaupt, das China öffentlich verurteilte und darauf drang, ihn freizulassen.

Sie bot sogar an, ihn in Taiwan medizinisch versorgen zu lassen. Viele Male hat Taiwan diese Courage gezeigt. Als es um Hongkong ging, appellierte Präsidentin Tsai an die Staatenlenker der Welt, sie dabei zu unterstützen, Druck auf China auszuüben.

WELT: Die Volksrepublik besteht auf einer „Wiedervereinigung“ mit Taiwan, obwohl sie nie Souveränität über die Insel hatte. Wie akut ist die militärische Bedrohung Taiwans?

Wu’er: Mehr als 1000 Raketen sind auf Taiwan gerichtet. China ist ein totalitäres Regime. Bei der Entscheidung für eine Militäraktion wird es um chinesische Interessen gehen, um den Willen der Führung und vielleicht darum, das eigene Volk abzulenken, etwa von einer Wirtschaftskrise. Die Führung trifft diese Entscheidung nicht aufgrund von Rationalität.

WELT: Sie waren einer der Anführer der chinesischen Demokratie-Proteste von 1989, die auf dem Platz des Himmlischen Friedens blutig niedergeschlagen wurden. Sie konnten schließlich aus China fliehen. Ihre Eltern leben aber nach wie vor noch in China und gehören zur muslimischen Minderheit der Uiguren, die in China verfolgt und interniert wird. Wie geht es Ihren Eltern?

Wu’er: Sie werden nicht jünger, sie werden auch nicht gesünder. Und da sie Uiguren sind, werden sie sehr genau beobachtet. Aber meine Eltern sind über 80 Jahre alt. Sie werden nicht ins Lager geschickt.

WELT: Im November 2019 haben internationale Medien interne Papiere des chinesischen Staates veröffentlicht, aus denen das Ausmaß der Internierung von Uiguren hervorgeht. Demnach sollen mehr als eine Million Menschen ohne Prozess in Lagern in der Nordwest-Provinz Xinjiang sitzen. Wie werden sich diese Enthüllungen auswirken?

Wu’er: Das Ziel dieser chinesischen Kampagne ist es, den Uiguren das Rückgrat zu brechen, den Geist der Uiguren zu brechen. In 70 Jahren kommunistischer Herrschaft sind die Uiguren nicht gebrochen worden. Die Han-Chinesen haben sich zwar das Land einverleibt und uns beherrscht. Aber den Geist der Uiguren zu brechen ist ihnen nicht gelungen.

WELT: Und nun, nachdem die ganze Welt auf China und die Uiguren schaut?

Wu’er: Der Westen hat dafür 30 Jahre gebraucht! In den vergangenen 30 Jahren haben die USA zugelassen, dass die westliche Welt China aufgepäppelt und zu dem gemacht hat, was es heute ist. Der Westen hat nicht nur toleriert, dass China so wurde, er hat China sogar dabei geholfen. Millionen Uiguren mussten geopfert werden, damit die Welt endlich aufwacht. Das China, mit dem wir heute zu tun haben, ist eine immanente Gefahr für die Zivilisation, die seit den beiden Weltkriegen aufgebaut wurde.

WELT: Was sollen Europa und der Westen tun?

Wu’er: Ökonomische Maßnahmen sollten zumindest angedroht werden. Denn mit der ökonomischen Zusammenarbeit, die Jobs schafft und Wohlstand bringt, werden auch Bedrohungen importiert. Man muss sich entscheiden.

WELT: Die deutsche Wirtschaft ist auf den chinesischen Markt angewiesen.

Wu’er: Aber bei Ökonomie sprechen wir von gegenseitiger Abhängigkeit. Chinas Ökonomie macht das Land stark, aber auch verwundbar. China braucht die Welt so sehr, wie die Welt China braucht. Ökonomie ist nicht wirklich der Hebel, den China hat. Was hat das Land sonst? Die Armee? Glauben Sie wirklich, die 200 einflussreichsten Familien in Peking wollen die Armee einsetzen? Nein!

Es ist wahrscheinlich ein bisschen wie in den Dreißigerjahren in Berlin: Es herrschen Nationalismus, Stolz und der Glaube, die Welt erobern zu können. Präsident Xi Jinping ist ein Mafia-Boss. Seine Rolle ist klar definiert: Raubzüge starten, Beute machen und die eigenen Leute beschützen. Aber es gibt so viele Möglichkeiten, einem Mafia-Boss zu drohen, zum Beispiel, indem man sein Vermögen in den USA einfriert.

WELT: Sie leben seit vielen Jahren in Taiwan. Zuletzt wurden in Hongkong mehrere Menschen nach China entführt, die der Kommunistischen Partei ein Dorn im Auge waren, etwa Buchhändler und ein chinesischer Geschäftsmann. Haben Sie Angst?

Wu’er: Nein. Es ist faszinierend, was passiert, wenn man keine Angst hat. Dann haben sie Angst vor dir. Furchtlosigkeit ist eine Option, oft die bessere. Und es kann eine einfache Entscheidung sein. Es gibt keinen Grund für die Welt, so viel Angst zu haben, heute, im 21. Jahrhundert. Ich rufe die Welt dazu auf, diese Option in Erwägung zu ziehen.

Dieses Interview entstand im Rahmen einer Recherchereise des Vereins Journalists Network.

Mehr auf MSN

Video wiedergeben

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von WELT

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon