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Amerikas Aufstand gegen den Lockdown

WELT-Logo WELT 27.04.2020 Stefan Beutelsbacher

Die USA hatten von Anfang an kein koordiniertes Vorgehen gegen die Corona-Krise. Während einige Bundesstaaten früh eine Ausgangssperre verhängt haben, gibt es sie in anderen bis heute nicht. Eine Analyse von Mobilfunkdaten zeigt die Folgen. Quelle: WELT/Laura Fritsch © Infografik WELT Die USA hatten von Anfang an kein koordiniertes Vorgehen gegen die Corona-Krise. Während einige Bundesstaaten früh eine Ausgangssperre verhängt haben, gibt es sie in anderen bis heute nicht. Eine Analyse von Mobilfunkdaten zeigt die Folgen. Quelle: WELT/Laura Fritsch

In fast keinem Land wütet das Virus so stark wie in den USA. Dennoch gibt es massive Proteste gegen Ausgangssperren und Firmenschließungen. Viele, die auf die Straße gehen, haben Angst vor dem persönlichen Ruin – und einen gemeinsamen Hoffnungsträger.

Als Brian Epperson dämmert, worum es wirklich geht, ergreift er die Flucht. Epperson sieht die Pappschilder, die vor dem Gericht von San Diego in die Luft gereckt werden. „Covid-19 gibt es gar nicht“, behauptet eines. „Steckt die Demokraten für immer in Quarantäne“, fordert ein anderes, so erzählt er es später am Telefon.

Epperson hört die Rufe, die durch die Straßen hallen, hört den dumpfen Chor, der erst „Lasst uns frei, lasst uns frei“ brüllt, dann „USA, USA“. Und er bemerkt die Banner, die überall im Wind flattern, bedruckt mit einem Namen und einer Zahl: „Trump 2020“.

Im ganzen Land versammeln sich Menschen vor Rathäusern, Parlamenten und Gerichten Quelle: REUTERS / Lindsey Wasson © REUTERS / Lindsey Wasson Im ganzen Land versammeln sich Menschen vor Rathäusern, Parlamenten und Gerichten Quelle: REUTERS / Lindsey Wasson

Epperson steht an jenem Apriltag zwischen all den Menschen und wundert sich. Er ist gekommen, um mit ihnen zu demonstrieren. Aber nach wenigen Minuten überlegt er es sich anders. Das hier, entscheidet er, ist nicht sein Protest.

„Die Leute wirkten, als ob sie in eine Schlacht ziehen wollten“, sagt Epperson. „Da musste ich weg.“ Das Schild, das er selbst für den Protest gebastelt hatte, ist unauffällig. „Rettet unsere Jobs“, fordert es. „Ich wollte ja keine Revolution ausrufen“, sagt Epperson, „sondern mich für die Öffnung unserer Wirtschaft einsetzen.“

Was in San Diego geschah, war Epperson zu politisch. Aber die Forderung der Demonstranten, dass der Lockdown in den USA enden muss, teilt er. Epperson ist einer von 30 Millionen Kleinunternehmern des Landes. Er betreibt eine Werbeagentur, Target River, 22 Angestellte, Adresse in einer stillen, aufgeräumten Vorstadt.

Epperson spürt, was das Coronavirus mit der Wirtschaft macht. Er verliert Aufträge, wie viele andere Firmeninhaber auch. Ein Fitnessstudio und eine Modeboutique stoppten gerade die Kampagnen, die Epperson für sie entworfen hatte. „Beide sind jetzt zu“, sagt er, „wofür sollten sie noch Reklame machen?“

Demonstranten in Harrisburg © AP Demonstranten in Harrisburg

Das Herz der Ökonomie

Überall in den USA lehnen sich Bürger gegen die Verbote auf. Zu Tausenden marschieren sie vor Rathäuser, Parlamente und Gerichte. Viele, so scheint es, verlieren nach Wochen des Stillstands die Geduld. Einige Bundesstaaten wollen die Regeln zwar lockern.

Aber noch leben 95 Prozent der US-Amerikaner mit Ausgangssperren, noch ist jedes vierte Unternehmen geschlossen. Von Kalifornien bis Pennsylvania, von Michigan bis Arizona hört man dieselbe Forderung: „Reopen the country“ – „Macht das Land wieder auf“. Die Menschen fürchten um ihren Wohlstand.

Denn die Verbote hinterlassen Spuren. In den vergangenen fünf Wochen verloren 26 Millionen Bürger ihre Arbeit. So etwas hat Amerika noch nie erlebt. Nicht in der Finanzkrise von 2008, nicht einmal während der Großen Depression in den 1930er-Jahren.

Und am härtesten trifft es die kleinen Firmen. Fast jede zweite, heißt es von der US-Handelskammer, kämpft ums Überleben. Das ist dramatisch, diese Unternehmen bilden das Herz der Ökonomie. Die Eppersons des Landes beschäftigen 120 Millionen Menschen, also ungefähr die Hälfte aller, die arbeiten können.

„Beendet das Virus, nicht die Wirtschaft“ steht auf dem Plakat einer Aktivistin in Denver Quelle: AFP © AFP „Beendet das Virus, nicht die Wirtschaft“ steht auf dem Plakat einer Aktivistin in Denver Quelle: AFP

Eppersons Heimat ist zum Zentrum der Pandemie geworden. Mehr als 800.000 US-Bürger wurden positiv auf Corona getestet. Kein anderes Land hat so viele Infizierte.

Die Krankenhäuser sind überfüllt, den Ärzten fehlt es am Nötigsten. Amerika, die reichste Nation der Erde, hat nicht genug Masken, Handschuhe, Beatmungsgeräte. Rund 50.000 Menschen sind an Covid-19 gestorben. In manchen Städten geht den Leichenhallen der Platz aus. Tote werden in Zelten und Kühllastwagen gestapelt.

Trump versucht, Desaster im Wahljahr abzuwenden

Der Präsident spielt die Probleme herunter. Schon bald, verspricht Donald Trump, sei alles ausgestanden. Höchste Zeit also, meint er, zur Normalität zurückzukehren. Erzwingen kann Trump das aber nicht. Wann die Regeln gelockert werden, entscheiden die Gouverneure der Bundesstaaten.

Trump bleibt nur, ein Ende des Lockdowns zu fordern, so wie die Demonstranten. Und das tut er gerade täglich. Zudem schlägt er Therapien vor, die Mediziner fassungslos machen. Seine jüngste Idee: Menschen Desinfektionsmittel zu spritzen, um die Lunge zu „säubern“. Trump sinnierte auch darüber, starkes Licht „in den Körper zu bringen“ und so Infektionen zu behandeln.

Warum versteigt er sich zu solchen Aussagen? Vielleicht, weil er spürt, dass er in einem Dilemma steckt. Wie kaum ein Präsident vor ihm knüpfte Trump sein Schicksal an die Wirtschaft.

Er rühmte sich für die geringe Arbeitslosigkeit, die vor der Pandemie in den USA herrschte. Er feierte sich für die Rallyes an der Wall Street. Und nun muss er mit ansehen, wie alles kollabiert. Ausgerechnet jetzt, 2020, im Jahr der Wahl. Trump versucht, das Desaster abzuwenden. Seine Regierung unterstützt die Kleinunternehmer mit mehr als 600 Milliarden Dollar.

Kann Amerika so gerettet werden? Nicht, wenn es nach Christopher Brown geht. Für Brown gibt es nur einen Ausweg: Revolte gegen die Gouverneure, die den Lockdown verordneten. Als Brown in der vergangenen Woche bei einem Protest vor dem Regierungsgebäude von Pennsylvania sieht, wie die Menschen Trump-Plakate hochrecken, als er hört, wie sie johlen, da ergreift er nicht die Flucht, sondern stürzt sich in die Menge, so erzählt er einige Tage später.

Der Zorn der Demonstranten richtet sich gegen den Gouverneur von Pennsylvania, Tom Wolf, ein Demokrat. „Wolf ist unser Virus“ steht auf einem Schild. Und auf einem anderen, wie bei so vielen Kundgebungen, wieder der Name und die Zahl: „Trump 2020“.

„Corona ist bloß eine Erkältung“

Es ist Zeit, dass wir uns gegen die Tyrannei erheben“, sagt Brown, ein Lobbyist für Kleinwaffen. Die Tyrannei, das sind für ihn die Ausgangssperren und Ladenschließungen, mit denen Gouverneur Wolf die Pandemie eindämmen will. Brown hält die Regeln für autoritär und gefährlich. „Wolf erstickt unsere Firmen“, sagt er. „Pennsylvanias Wirtschaft muss wieder in Gang kommen, sofort.“

Die meisten Demonstranten tragen an jenem Nachmittag vor dem Regierungsgebäude keinen Mundschutz. „Egal“, sagt Brown, „Corona ist bloß eine Erkältung.“ Brown glaubt den Experten nicht, die vor dem Erreger warnen. Am meisten verachtet er Anthony Fauci, Amerikas obersten Virologen.

Fauci gilt in der Krise als Stimme der Vernunft, er ist einer der wenigen Regierungsberater, die es wagen, Trump zu widersprechen. Und das, so scheint es, gefällt Brown nicht. „Fauci muss die Trump-Behandlung bekommen“, meint er. „Der wertlose Kerl gehört durch den Dreck gezogen und gefeuert.“

Demonstrantin in Alabama: „Die Unabhängigkeitserklärung enthält keine Virusklausel“ Quelle: AP © AP Demonstrantin in Alabama: „Die Unabhängigkeitserklärung enthält keine Virusklausel“ Quelle: AP

Was treibt jemanden dazu, so etwas zu sagen? Die Angst vor dem Ruin könnte eine Rolle spielen. In einem Land, in dem die Hälfte der Menschen von Paycheck zu Paycheck lebt, von Gehalt zu Gehalt, ohne Rücklagen, ist ein Stillstand der Wirtschaft dramatisch.

Jeder dritte US-Amerikaner, zeigt eine Umfrage des Instituts Pew, wird in diesem Monat seine Rechnungen nicht bezahlen können. Der Lockdown ist für viele ein Countdown zur Katastrophe.

Zudem sind die Proteste ein Sammelbecken für Trump-Fans. Einigen Teilnehmern geht es um die Wirtschaft, wie Brian Epperson. Aber vielen geht es wohl um Politik, wie Christopher Brown. Die Märsche durch die Innenstädte werden oft von Republikanern organisiert.

In Michigan zum Beispiel war es die Conservative Coalition – eine Gruppe, die Besucher ihrer Internetseite mit den Worten „Trump, du kannst auf uns zählen“ begrüßt. Hinter dem Bündnis „ReOpen America“, das landesweit agiert, steht die Aktivistin Suzzanne Monk, die sich auf Twitter @Trumpertarian nennt.

Leben und Wirtschaft retten

Aber die Bürger ärgert auch, wie gnadenlos die Behörden die Verbote durchsetzen. In dem Ort San Clemente füllten Beamte einen Skate-Park mit 37 Tonnen Sand, damit keiner mehr durch die Halfpipes rollt. Vor der Küste von Malibu nahmen Polizisten einen Paddler fest. Er saß allein in seinem Boot, hatte aber, streng genommen, die Ausgangssperre verletzt.

„Solche drakonischen Regeln“, sagt Lori Gracey, „können wir nicht hinnehmen.“ Gracey leitet eine kleine Unternehmensberatung in der Stadt Broken Arrow, Oklahoma. Sie betreut ihre Kunden derzeit aus dem Homeoffice, per Zoom und Skype. „Noch“, erzählt sie, „ist alles okay.“

Trotzdem ist Gracey gegen den Lockdown. „Die Verbote, die unsere Lokalpolitiker erlassen haben, gehen weit über die Empfehlungen von Präsident Trump hinaus.“ Das würge die Wirtschaft ab, glaubt Gracey, das raube den Menschen Geld für Mieten und Lebensmittel.

An einem Vormittag in dieser Woche entscheidet sich Gracey, ihrem Unmut Luft zu machen. Sie fährt von Broken Arrow über die Interstate 44 nach Oklahoma City, eine Strecke von 180 Kilometern. Vor dem Rathaus fädelt sie sich in einen Autokorso ein, erzählt sie.

Eine Stunde lang dreht sie hupend Runden durch die Innenstadt. Gracey entschied sich bewusst für einen Protest im Pkw. Sie wollte die Regeln des Social Distancing befolgen.

Das unterscheidet Gracey von vielen anderen Demonstranten. Aber ihre Forderung ist dieselbe. Reopen Oklahoma. Fahrt die Wirtschaft hoch. „Wer Masken und Handschuhe nutzt“, sagt Gracey, „der sollte sein Geschäft wieder öffnen dürfen.“

Die Firmen werden alles tun, meint sie, um Angestellte und Kunden zu schützen. „Das liegt ja in ihrem Interesse.“ Für Gracey gibt es in der Corona-Krise kein Entweder-oder. „Wir müssen nicht wählen, ob wir entweder Leben retten oder die Wirtschaft“, glaubt sie. „Beides ist möglich.“

Den ganzen Text lesen Sie in WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelmäßig nach Hause.

Quelle: WamS © WamS Quelle: WamS

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