Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Annalena Baerbock: Angriff ist nicht so ihr Ding

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 21.07.2021 Martín Steinhagen

Konzentriert und zugewandt aber auch ohne neue Akzente bestreitet Baerbock ihren ersten öffentlichen Auftritt nach dem Urlaub. Ein Ausblick auf den Rest des Wahlkampfs?

Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Grünen © Steffi Loos/​Getty Images Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Grünen

Nur einmal geht am Mittwochabend ein Raunen durch den Saal. Rund 40 Leserinnen und Leser der Frankfurter Rundschau sitzen im mit hellen Holz vertäfelten Saal des katholischen Haus am Dom in der Frankfurter Innenstadt. Mehr sind wegen der Corona-Auflagen nicht zugelassen, zwischen den Leser-Paaren sind immer zwei der roten Stühle frei, der YouTube-Stream läuft. Die Menschen sind gekommen, um Annalena Baerbock Fragen zu stellen. Die Antworten der Grünen-Kanzlerkandidatin werfen auch ein Schlaglicht auf den Rest des Wahlkampfs – und von dem seien ja "noch ein paar Wochen übrig", wie sie selbst sagt.

Es ist der erste größere öffentliche Auftritt der Grünen-Kanzlerkandidatin nach ihrem Urlaub, den sie wegen der verheerenden Hochwasserkatastrophe abgebrochen hat. Und es ist eigentlich alles andere als ausgemacht, dass der Besuch in Frankfurt ein Heimspiel wird. Anders als im Bund sind die Grünen in Hessen und Frankfurt nicht in der im politischen Schlagabtausch oft komfortableren Oppositionsrolle sondern in der  Regierung. Das hat in der Partei immer wieder für Spannungen gesorgt und für Kritik auch aus dem eigenen Milieu.

Geraunt wird im Saal aber erst gegen Ende des Abends, weil Rundschau-Chefredakteur Thomas Kaspar die Frage eines Lesers aufgreift, der gern wissen möchte, mit wem Baerbock nach der Wahl denn am liebsten koalieren würde. Routiniert moderiert sie die Frage ab. Sie wünsche sich, dass so viele Grün wählen, "dass wir alle Projekte einfach durchsetzen können", antwortet sie. Und schon wird wieder laut geklatscht.

Mehrwert für die Gesellschaft

Dann sagt sie ein paar Sätze, die vielleicht ihren Politikstil und den ihrer Partei ganz gut verdeutlichen, einen Ausblick auf die noch übrigen Wahlkampfwochen geben: Koalitionen schließen sei zwar mitunter schwierig, aber mit Blick auf die Polarisierung habe das doch auch "einen Mehrwert für unsere Gesellschaft". Nach der Wahl werde man mit allen demokratischen Parteien reden.

In Hessen regieren die Grünen seit 2014 relativ geräuschlos mit der CDU. Die Koalitionspartner halten sich gegenseitig aus den Kernthemen des jeweils anderen heraus. Das ist nicht immer schmerzfrei für Basis und Wähler. So tragen die Grünen etwa den von Umweltbewegung und Bürgerinitiativen kritisierten Ausbau des Frankfurter Flughafens mit oder halten sich angesichts immer neuer hessischer Polizei-Skandale mit Kritik am CDU-Innenminister zurück. Zuletzt war selbst Baerbock, wenn auch vorsichtig, auf Distanz zur hessischen Landtagsfraktion gegangen, als es um den Umgang mit für die Öffentlichkeit gesperrten Akten zum NSU-Komplex ging.


Video: Baerbock verteidigt ihr Buch erneut gegen Angriffe (glomex)

Video wiedergeben

Doch von diesen Konflikten ist an dem Abend nichts zu spüren. Er wird ein Erfolg für die Brandenburgerin. Sie zeigt sich konzentrierte, zugewandt, leistet sich keine Stolperer oder Sackgassensätze. Aber sie setzt auch wenig neue Akzente und verkneift sich Angriffe auf den politischen Gegner.

"Warum tun Sie sich das noch an?"

Karin Dalka, stellvertretende Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau, will zu Beginn noch ein "Thema abräumen", da es sonst wie der sprichwörtliche Elefant im Raum stünde. Es geht um Barbocks Lebenslauf und die Plagiatsvorwürfe, den verstolperten Wahlkampfauftakt, die Attacken und Angriffe, den Absturz in den Umfragen: "Warum tun Sie sich das noch an?"

Die Grünen-Vorsitzende wiederholt, was sie dazu bereits gesagt hat. Sie ärgere sich selbst "massiv" über ihre Fehler, aber wolle "sich nicht vom Acker machen", sondern "Vertrauen zurückgewinnen". Ihre Partei vergleicht sie bei der Gelegenheit mit einem Start-up, das nicht so viel Geld habe wie die großen Unternehmen, aber neue Ideen, um "Dinge zu verändern".

Auf die Fragen aus dem Publikum folgt dann zu diesen neuen Ideen wenig Neues, sondern eine Art Best-of aus dem grünen Programm. Baerbock hat aber auch auf alles eine Antwort, hört aufmerksam zu, fragt nochmal bei einer jungen Frau nach, wie sie den Alltag queerer Jugendlicher an Schulen erlebe. Dann geht es von der Bürgerversicherung über den höheren Spitzensteuersatz zum Ausbau der Ganztagsbetreuung, Nordstream 2 und EU bis hin zu "ziviler Krisenprävention" bei gleichzeitigem Bekenntnis zu Militärinterventionen, um Völkermorde zu verhindern.

Und natürlich geht es um Klimapolitik. Baerbocks Slogan lautet: "Klimaschutz ist jetzt". Auch hier bleibt sie der aktuellen Grünen-Linie treu und spricht nur ganz kurz die aktuelle Hochwasserkatastrophe an, erinnert zugleich an Ernteausfälle und Waldbrände in vergangenen Jahren.

Baerbock verweist auf ihr "Klimaschutzsofortprogramm", den Ausbau erneuerbarer Energien, insbesondere der Windkraft, lässt sich aber zugleich nicht auf ein konkretes Ziel festlegen, bis wann die Bundesrepublik klimaneutral werden soll. Und als eine Frau sie fragt, was sie denn ganz persönlich zum Klimaschutz beitrage, erzählt sie vom Lastenrad, mit dem ihre Familie Einkäufe bewältige, um auch mal auf das Auto zu verzichten selbst wenn es regne. Sie betont aber auch, dass das Klima nicht vom "besseren Menschen", sondern nur durch eine bessere Politik gerettet werden könne.

Konzilliant im Ton

Auch das Grünen-Kernthema verknüpft Baerbock schließlich mit einem mit einem konzilianten Ton. Es sei in der Vergangenheit hier viel versäumt worden, kritisiert sie zwar, aber ihre Haltung sei nicht, zu sagen, die Anderen sind schuld, sondern: "Jetzt erst recht". Für Klimaschutz brauche es schließlich Mehrheiten.

In der linksliberalen Frankfurter Rundschau, Gastgeberin des Abends, hatte es kürzlich in einem Leitartikel über die Grünen geheißen, beim Versuch mit den eigenen politischen Positionen nur niemanden zu erschrecken, gerate der Partei aus dem Blick, dass der Klimawandel radikale Lösungen fordere und keine Kompromisse. Das Wahlprogramm der Grünen lese sich aber so, als ob sie auf ihrem Parteitag stattdessen "versehentlich einen Koalitionsvertrag mit der CDU oder der SPD beschlossen hat". Annalena Baerbock, so der Eindruck an diesem Mittwoch, würde den Kommentar vielleicht als Kompliment verstehen.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von ZEIT ONLINE

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon