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Annalena Baerbock: Grünen-Kanzlerkandidaten reagiert im TV auf Kritik

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL vor 4 Tagen Kevin Hagen

Vergessene Nebeneinkünfte, geschönter Lebenslauf, Umfrageabsturz – der Druck auf Annalena Baerbock wächst. Nun verteidigte sich die Grünen-Kanzlerkandidatin im TV. Gelingt ihr der Befreiungsschlag?

© Florian Gaertner/photothek.de / imago images/photothek

Viel Zeit hat Annalena Baerbock nicht für den Auftritt, der ein Befreiungsschlag sein soll. 15 Minuten – dafür zur besten Sendezeit.

Die Grünenchefin sitzt an diesem Donnerstagabend im ARD-Studio in Berlin. »Farbe bekennen«, heißt die Sendung. Für Baerbock bedeutet das: Zwei Moderatoren befeuern sie im Schnelldurchlauf mit harten Fragen.

Und dennoch ist es eigentlich so etwas wie die Ansprache an die Nation einer Frau, die bisher nur Kandidatin ist und noch nicht Kanzlerin.

Es gibt viel zu erklären. Es geht um Grundsätzliches. Um Baerbocks Kampagne, um ihre Glaubwürdigkeit. Zu viel ist zuletzt schiefgelaufen für die Hoffnungsträgerin der Ökopartei.

Da war die Sache mit den Nebeneinkünften, die Baerbock viel zu spät nachgemeldet hat; der Ärger um Parteiquerulant Boris Palmer; die harten Attacken gegen die Klimapläne der Grünen; das enttäuschende Ergebnis bei der Wahl in Sachsen-Anhalt.

Und natürlich war da Baerbocks Lebenslauf auf ihrer Website. Den hatte die Kanzlerkandidatin offensichtlich mit irreführenden Angaben aufgehübscht. Mitgliedschaften in Organisationen und Stiftungen waren dort aufgeführt, denen Baerbock formal gar nicht angehörte.

»Das war offensichtlich sehr schlampig«

Selbst wenn dahinter keine böse Absicht stecken sollte – der öffentliche Aufschrei hallt noch immer nach. Vor allem deshalb ist Baerbock jetzt hier, vor laufenden Kameras. Sie ist im Verteidigungsmodus.

»Ich wollte alles andere als mich größer machen als ich bin«, sagt die Grünen-Vorsitzende. Sie habe einen Fehler gemacht. »Das war offensichtlich sehr schlampig«, sagt sie. »Das tut mir sehr, sehr leid.«

Baerbock gibt sich geläutert, maximale Transparenz – das ist jetzt die Devise. So will sie heilen, was kaputtgegangen ist. Klar, man könnte den zusammengeschusterten Lebenslauf als Petitesse im Wahlkampf abtun.


Video: "Das war Mist": Grünen-Chefin Baerbock äußert sich erstmals zu Lebenslauf (SAT.1)

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Doch Baerbock will Kanzlerin einer der größten Industrienationen der Welt werden. Sie tritt an mit dem Ruf einer Perfektionistin und den hohen moralischen Ansprüchen, die die Grünen an sich und andere stellen.

Es bröckelt etwas, wenn so jemand auch im Kleinen die Kontrolle verliert.

Entscheidende Phase

Für Baerbock ist es wahrlich kein Wohlfühltermin. Wie professionell kann sie sein? Sollten die Grünen nicht lieber ihren Co-Chef Robert Habeck zum Kanzlerkandidaten machen? Baerbock pariert die scharfen Fragen äußerlich gelassen.

Teil zwei ihrer Strategie: Sie bemüht sich zum Ausdruck zu bringen, dass doch ganz andere Dinge wichtig seien als ihr Lebenslauf. Es gehe ihr um Schulen, Familien, das Klima. »Wir wollen große Veränderungen für die Menschen in diesem Land«, sagt sie.

Der TV-Auftritt an diesem Abend ist für Baerbock ungemein wichtig. Überhaupt befindet sie sich mit ihrer Partei womöglich in einer entscheidenden Phase des Wahlkampfs.

Die Patzer nach der Anfangseuphorie rund um Baerbocks Nominierung haben Spuren hinterlassen. Zwei aktuelle Umfragen verheißen nichts Gutes für die Ökopartei. Im ZDF-Politbarometer und im ARD-Deutschlandtrend verloren die Grünen, liegen nun wieder deutlich hinter der Union.

Vor allem aber sackte Baerbock bei der Frage der Kanzlertauglichkeit ab. Noch im Mai hatten laut Politbarometer 43 Prozent der Menschen die Grüne für kanzlergeeignet gehalten. Jetzt sind es nur noch 28 Prozent. Zum Vergleich: Baerbocks Konkurrenten, Armin Laschet und Olaf Scholz, kommen auf 43 und 48 Prozent.

Können sich Baerbock und die Grünen davon wieder erholen? Gelingt ihnen das Comeback, um wieder einzusteigen in den Kampf um Platz eins, den sie so gerne führen wollen? Oder geht es für sie noch weiter runter, unter 20 Prozent, gar in Bereiche, in denen die SPD liegt? Dann wäre ihnen nicht einmal die Kanzlerschaft sicher, wenn es für eine Ampelkoalition oder ein Mitte-Links-Bündnis reicht.

Soziales Profil schärfen

Um aus der Defensive zu gelangen, setzen die Grünen offenbar noch auf ein anderes Rezept: Sie wollen ihr soziales Profil schärfen, linke Positionen herausstellen – und damit den Vorwürfen ihrer Gegner etwas entgegensetzen, die Grünen betrieben herzlose Klimapolitik zulasten der Menschen.

Auch Baerbock schlägt an diesem Abend solche Töne an. Sie spricht vom Mindestlohn, vom »Energiegeld«, von Umverteilung über einen höheren Spitzensteuersatz und eine Vermögensteuer.

Viel spricht dafür, dass man am bevorstehenden Wochenende von diesen Dingen noch mehr hören wird. Dann nämlich kommen die Grünen zu ihrem digitalen Bundesparteitag zusammen. Parteilinke drängen darauf, das Programm sozialpolitisch anzuspitzen.

Vor allem aber bietet der Parteitag die Chance für die strauchelnden Grünen, endlich wieder selbst die Initiative zu ergreifen, positive Botschaften zu setzen. Auch für Baerbock persönlich.

Ihr Auftritt ist für Samstag, 15.30 Uhr, angesetzt. Läuft es für sie gut, nutzt Baerbock die Gelegenheit, um vom Abwehr- und Angriffsmodus zu schalten. Es könnte die wichtigste politische Rede ihrer Karriere werden.

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