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Arkadi Babtschenko: Was wir über den Fall Babtschenko wissen

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 31.05.2018 Kai Biermann, Meike Dülffer, Astrid Geisler, Maxim Kireev, Karsten Polke-Majewski, Ian Bateson
Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko trifft Arkadi Babtschenko. © Mykola Lazarenko/Ukrainian Presidential Press Service/Handout Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko trifft Arkadi Babtschenko.

Warum hat der Geheimdienst der Ukraine einen Mord an einem russischen Journalisten vorgetäuscht? Wer gab ihn in Auftrag? Und wem nutzt das? Ein Überblick

Der vorgetäuschte Mord an Arkadi Babtschenko hat auf der ganzen Welt für Aufsehen gesorgt. Noch sind viele Zusammenhänge und Details unklar, die Quellenlage ist schwierig. So lassen sich die Angaben der ukrainischen Sicherheitsbehörden und des Geheimdienstes SBU nicht unabhängig überprüfen.

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Ein inszenierter Mord und viele Fragen

Was ist geschehen?

Am Dienstagabend verbreitet die ukrainische Polizei eine Nachricht, die um die Welt geht: Der regierungskritische russische Journalist Arkadi Babtschenko sei in Kiew in seinem Wohnhaus erschossen worden. Auch ZEIT ONLINE meldet daraufhin den Tod des 41-jährigen Reporters. Doch die Nachricht ist falsch: Babtschenko lebt.

Am nächsten Tag erscheint der Journalist körperlich unversehrt zu einer Pressekonferenz des ukrainischen Geheimdienstes SBU. Geheimdienstchef Wassyl Hryzak sagt, seine Behörde habe den Mord vorgetäuscht. Die Inszenierung sei monatelang vorbereitet worden. Der ukrainische Geheimdienst habe so einen tatsächlich von Russland geplanten Anschlag auf Babtschenko vereiteln und die Hintermänner des Anschlags identifizieren wollen.

Nach Angaben der ukrainischen Behörden soll ein russischer Geheimdienst einen Ukrainer rekrutiert haben. Der Mann wird als H. bezeichnet. Er soll 40.000 Dollar dafür erhalten haben, den Mord an Arkadi Babtschenko zu organisieren. Angeblich soll dieser Mord Teil eines größeren Plans gewesen sein, der vorgesehen habe, 30 weitere Personen zu töten. H. habe auch versucht, 300 Maschinenpistolen, Hunderte Kilo Sprengstoff, Munition und Minen zu kaufen und an einem geheimen Ort zu lagern.

H. habe einen ukrainischen Veteranen gewonnen, der den Mord an Babtschenko ausführen sollte. Der Attentäter sollte dafür 30.000 Dollar erhalten, die Hälfte des Geldes habe er im Voraus bekommen. Außerdem habe H. dem Attentäter ein Dossier über Babtschenko übergeben, das Kopien von Babtschenkos Ausweisen und seine Adresse in Kiew enthalten habe. Der Attentäter, so heißt es vom ukrainischen Geheimdienst, habe sich jedoch zwei Monate vor dem Tag der geplanten Tat an den Dienst gewandt.

Einen Monat vor dem geplanten Datum habe der Attentäter eine Kopie des Dossiers auch Babtschenko selbst gezeigt, um zu beweisen, dass die Bedrohung echt sei. Babtschenko habe geglaubt, dass die Dokumente in dem Dossier belegen, dass der russische Staat ihn verfolge und töten wolle. Deshalb habe er sich an der vorgetäuschten Tat beteiligt.

Der Mord sollte angeblich vor dem Finale der Champions League in Kiew am vergangenen Samstag stattfinden. Babtschenko habe sich an diesem Tag aber nicht in Kiew aufgehalten. Deshalb sei die Aktion auf den nachfolgenden Dienstag verschoben worden. Am Tag nach dem vermeintlichen Mord habe der Geheimdienst den mutmaßlichen Vermittler H. festgenommen.

Babtschenkos Ehefrau soll am Tag der Inszenierung des Attentats zu Hause gewesen sein und ihren Mann auf der Treppe des Wohnhauses in einer Blutlache gefunden haben. So teilte es ein Sprecher der Polizei in Kiew zunächst mit. Die Ehefrau habe den Krankenwagen gerufen, der Verletzte sei auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben. Angeblich war sie in die Inszenierung nicht eingeweiht worden. Babtschenko entschuldigte sich bei der Pressekonferenz mit dem Geheimdienst öffentlich bei ihr "für die ganze Hölle, die sie durchmachen musste".

Welche Widersprüche ergeben sich aus der Version der ukrainischen Behörden?

Es ist unklar, was wirklich im Wohnhaus der Babtschenkos passiert ist und welche Rolle Babtschenkos Frau spielte. Stimmt die Version der ukrainischen Polizei, dann müsste der Ehefrau ein glaubwürdiges Attentat vorgespielt worden sein. Babtschenko sagt, er habe das Opfer gespielt. Damit hätte er sie aber zu einer unfreiwilligen Mitwirkenden gemacht. Denkbar wäre daher auch, dass Olga Babtschenkowa Teil der Inszenierung war. Oder dass man sie gebeten hatte, sich still zu verhalten, während die Polizei Erklärungen dazu abgab, was sie angeblich getan habe.

Auch der angebliche Mittelsmann H. wirft Fragen auf. Die ukrainischen Behörden veröffentlichten am Mittwoch ein Video, das angeblich die Festnahme von H. zeigen soll. Man sieht darauf einen älteren Mann mit Halbglatze in Hemd und Anzughose, der am helllichten Tag auf einem belebten Gehweg von Zivilkräften Handschellen angelegt bekommt. Doch um wen es sich bei H. genau handelt, bleibt unklar. Der SBU hat sich nicht zu Details geäußert, auch der Name des mutmaßlichen Mittelsmanns ist unbekannt. Unklar ist auch, ob sich eine Verbindung von H. nach Russland belegen lässt. Bei allen Beteiligten soll es sich nach Angaben des SBU um Ukrainer handeln. Die einzige mögliche Verbindung nach Russland wäre H.

Warum hat sich Arkadi Babtschenko auf die Inszenierung seines Mordes eingelassen?

Babtschenko ist ein russischer Journalist und Kriegsreporter. Als Wehrdienstleistender kämpfte er in Tschetschenien und meldet sich später noch einmal freiwillig zum Einsatz dort. Nach Moskau zurückgekehrt arbeitete Babtschenko für die Nowaja Gaseta, eine regierungskritische landesweite Zeitung, und schrieb kritische Artikel über seine Tschetschenien-Erfahrungen. Auch in mehreren Büchern setzte er sich kritisch mit dem Krieg auseinander. Später war Babtschenko als Kriegsreporter in Georgien und im Osten der Ukraine im Einsatz.

Im Februar 2017 verließ Babtschenko Russland, nachdem er und seine Familie bedroht worden waren. Er lebte kurze Zeit in Tschechien und Israel. Im August 2017 zog er nach Kiew. Er glaubte, dort in Sicherheit seiner Arbeit nachgehen zu können und berichtete über den Krieg in der Ostukraine, unter anderem für den krimtatarischen Fernsehsender ATR.

Er selbst berichtete, er habe vor einem Monat vom Geheimdienst SBU erfahren, dass ein Mord an ihm in Vorbereitung sei. Daraufhin habe er mit dem Geheimdienst zusammengearbeitet, um die Hintermänner seines angeblichen Mörders zu fassen. "Es gibt hier keine Alternativen, keine anderen Varianten", sagte er über seine Entscheidung, mit dem SBU zu kooperieren.

Wie wird der Fall politisch bewertet?

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko sagte in einem von seiner Pressestelle am Mittwochabend verbreiteten Video, dass die ukrainischen Sicherheitsdienste ein Szenario verhindert hätten, "das auf die Destabilisierung der Lage in der Ukraine abgezielt" habe. Der geplante Anschlag auf den kremlkritischen Journalisten sei "von russischem Gebiet aus organisiert" worden, um die Ukraine zu destabilisieren und "einen zu töten, den Russland am meisten von allen fürchtet", schrieb Poroschenko bei Facebook.

Obwohl die Entscheidung, Babtschenkos Tod zu inszenieren, von Reporter ohne Grenzen und dem OSZE-Beauftragten für Medienfreiheit, Harlem Désir, kritisiert wurde, wurde sie in der Ukraine weitgehend positiv aufgenommen. In einem nicht mehr verfügbaren Tweet fragte der stellvertretende Informationsminister Dmytro Zolotuchin seine Follower sogar, ob sie nicht wünschten, dass der 2016 ermordete investigative Journalist Pawel Scheremet durch eine Operation wie im Fall Babtschenko gerettet worden wäre.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Sicherheitsdienst der Ukraine Ereignisse inszeniert, um Kriminelle zu fangen, darunter Morde und eine Entführung. Vorerst sind die ukrainischen Behörden jedoch froh, zeigen zu können, dass sie einem Attentatsplan erfolgreich begegnen konnten, nachdem es in den vergangenen Monaten zu einer Reihe bislang ungelöster Attentate gekommen war.

Russland weist die ukrainischen Vorwürfe dagegen zurück. Dmitri Peskow, Sprecher des russischen Präsidenten Wladimir Putin, sagte am Donnerstagmorgen: "Die ganze Geschichte ist zumindest sehr komisch. Ich weiß nicht, inwiefern das Ziel solche Mittel rechtfertigt." Die ukrainischen Machthaber müssten für ihre Worte über Russlands Verstrickung in den Auftragsmord geradestehen, sonst ähnelten sie ihren britischen Kollegen. Letzteres bezog sich auf den Fall Sergej Skripal. Die britische Regierung macht Russland für den Giftgasanschlag auf den russischen Doppelagenten verantwortlich.

Schärfer reagierte Russlands Vizeaußenminister Grigori Karasin. Er sagte am Donnerstag: "Das ist eine unerhörte Manipulation der öffentlichen Meinung bei völliger Abwesenheit jedweder politischer Ethik bei den heutigen Machthabern in Kiew." Sein Amt teilte mit, der Fall Babtschenko sei eine "offensichtlich auf einen gewissen propagandistischen Effekt abzielende" Handlung und "antirussische Provokation". Die Regierung in Kiew verbreite "russophobe Lügen", wenn sie russische Stellen bezichtige, an einem Komplott beteiligt zu sein.

Wie steht es um die Sicherheit von Journalisten in der Ukraine und in Russland?

Arkadi Babtschenko wäre nicht der erste Journalist gewesen, der in der Ukraine ums Leben gekommen ist. 2014 begannen die militärischen Auseinandersetzungen im Osten des Landes. Seither zählte Reporter ohne Grenzen neun Journalistinnen und Journalisten, die in der Ukraine getötet wurden. Zuletzt war vor zwei Jahren der putinkritische Journalist Pawel Scheremet auf dem Weg zur Arbeit in Kiew durch eine Autobombe getötet worden. Scheremet hatte sich kritisch mit den Regierungen in Belarus, Russland und der Ukraine auseinandergesetzt.

In Russland wurde 2015 der oppositionelle Politiker Boris Nemzow in Sichtweite des Kreml ermordet. Journalisten haben in Russland in den vergangenen Jahren immer wieder Drohungen bis hin zu Morddrohungen erhalten. 2017 wurde in der Redaktion von Echo Moskwy aus unklaren Motiven eine Messerattacke auf die Journalistin Tatjana Felgengauer verübt, die sie überlebte. Im selben Jahr starb in Sankt Petersburg der 74-jährige Journalist Nikolai Andruschtschenko im Krankenhaus, nachdem er zusammengeschlagen worden war. In der Region Krasnojarsk wurde der Chefredakteur einer lokalen Zeitung erschossen. Viele Journalistinnen und Journalisten haben nach Drohungen Russland verlassen.

Welche Fragen bleiben offen?

Der Wahrheitsgehalt aller zum Fall Babtschenko bislang bekannt gewordenen Informationen lässt sich nicht unabhängig prüfen. Es ist nicht einmal klar, wer in dieser Geschichte die handelnden Personen sind. Doch es ist ein Muster zu sehen: zwei Geheimdienste, ein russischer und der ukrainische SBU, kämpfen miteinander und mindestens einer von beiden ist offensichtlich bereit, in diesem Kampf hohe Risiken einzugehen.

Das im Moment wohl größte Risiko ist es, dass künftig jede Ankündigung, ein Journalist sei getötet worden, in Zweifel gezogen werden wird. Offen bleibt bis auf Weiteres, warum der ukrainische Geheimdienst und damit auch die ukrainische Regierung dieses Risiko in Kauf nahmen. Ging es wirklich darum, ein Mordkomplott aufzudecken? Oder ist Babtschenko nur eine Marionette in einem ganz anderen Spiel? Geht es möglicherweise vielmehr um den Mittelsmann H.? Denn warum wurde dieser nicht einfach verhaftet und mit der Anschuldigung, einen Mord geplant zu haben, vor ein Gericht gestellt? Und welche Hinweise gibt es dafür, dass tatsächlich ein Angriff auf 30 weitere Personen geplant war? Oder ging es gar darum, mehr Aufmerksamkeit für den Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu wecken?

Mitarbeit: Steffen Dobbert

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