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„China bedroht die Freiheit der Welt“

WELT-Logo WELT 26.11.2020 Johannes Boie
Joshua Wong vor dem Gerichtsgebäude: Ihm drohen mehrere Jahre Haft Quelle: ZUMA/LIAU Chung Ren © ZUMA/LIAU Chung Ren Joshua Wong vor dem Gerichtsgebäude: Ihm drohen mehrere Jahre Haft Quelle: ZUMA/LIAU Chung Ren

Seitdem Peking in Hongkong das „Gesetz der Volksrepublik China zur Wahrung der nationalen Sicherheit in der Sonderverwaltungszone Hongkong“ eingeführt hat, ist die Freiheit in freiem Fall. Das „Sicherheitsgesetz“ erlaubt den Behörden ein hartes Vorgehen gegen alle Aktivitäten, die nach ihrer Auffassung die nationale Sicherheit Chinas bedrohen. Im Juli wurde die Parlamentswahl verschoben. Dann schmiss die Regierung vier prodemokratische Abgeordnete aus dem Parlament – woraufhin das gesamte prodemokratische Lager aus Protest zurücktrat. Zudem werden immer wieder prominente Anführer der Demokratiebewegung festgesetzt. Am Montag mussten Joshua Wong, Ivan Lam und Agnes Chow in Haft, nachdem sie sich zum Auftakt eines Gerichtstermins schuldig bekannt hatten, einen unerlaubten Protest organisiert zu haben. Bis zur Urteilsverkündung am 2. Dezember dürfen sie nicht mehr auf freien Fuß. Ihnen drohen bis zu fünf Jahre Gefängnis. Joshua Wong, der im Wechsel mit Glacier Kwong regelmäßig eine Kolumne für die WELT AM SONNTAG schreibt, hat uns aus dem Gefängnis schriftlich Fragen beantwortet. Ein Protokoll.

WELT: Joshua Wong, wie geht es Ihnen?

Joshua Wong: Ich fühle mich wie ein Dissident in China. In den vergangenen drei Wochen sind insgesamt 23 Aktivisten, Journalisten und Abgeordnete in Haft genommen worden. Jeden Tag stehen Aktivisten vor Gericht und Demonstranten kommen ins Gefängnis.

WELT: Warum haben Sie sich in zwei Fällen schuldig bekannt?

Wong: Nachdem wir uns mit unseren Anwälten beraten haben, haben Ivan Lam und ich uns schuldig bekannt. Im Vergleich zu den 12.000 Hongkongern, die vor Gericht gestellt wurden, und den zwölf Hongkongern, die in China festgehalten werden, sind die Vorwürfe gegen mich geringerer Natur. Ich vertraue meinen Anwälten, dass sie mich in meinem Interesse beraten. Ich werde die juristischen Fragen über die Fälle aber nicht weiter kommentieren, weil das die Entscheidung der Regierung beeinflussen könnte, mich weiter zu verfolgen.

WELT: Können Sie die Absprache zwischen Ihren Anwälten und der Anklagebehörde ein wenig beschreiben?

Wong: Kein weiterer Kommentar.

WELT: Wie sind Sie bisher von den Gefängniswärtern behandelt worden?

Wong: Ich werde in einer Einzelzelle festgehalten, kann die Zelle nicht verlassen und darf auch keine anderen Gefangenen treffen. Draußen Sport zu treiben – etwas, das von den Insassen hier sehr geschätzt wird – wird mir verwehrt. Weil das Licht in der Zelle 24 Stunden lang brennt, fällt es mir schwer zu schlafen. Ich muss mir die Augen mit Atemschutzmasken bedecken, um einzuschlafen.

Neben Wong (r.) stehen auch die 23-jährige Agnes Chow und der 26-jährige Ivan Lam vor Gericht Quelle: ZUMA/LIAU Chung Ren © ZUMA/LIAU Chung Ren Neben Wong (r.) stehen auch die 23-jährige Agnes Chow und der 26-jährige Ivan Lam vor Gericht Quelle: ZUMA/LIAU Chung Ren

WELT: Was ist aus Ihrer Sicht der Grund für diese Haftbedingungen?

Wong: Es ist nicht ungewöhnlich, dass bekannte Insassen in Einzelhaft gesteckt werden. In meinem Fall bin ich davon überzeugt, dass die Gefängniswärter jeglichen Kontakt zwischen mir und anderen Inhaftierten unterbinden wollen. Denn viele von ihnen sind Aktivisten, von denen ich manche Anfang des Jahres besucht habe. Nach mehreren kurzen Haftstrafen habe ich mich für die Rechte von Gefangenen eingesetzt. Im Juni habe ich beim Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte einen Bericht eingereicht über die Misshandlung von Aktivisten im Gefängnis. Aus der Sicht der Gefängnisleitung gibt es also keinen Grund, nett zu mir zu sein.

WELT: Haben Sie Angst, nach China ausgeliefert zu werden?

Wong: Ich mache mir nicht so viele Sorgen um mich selbst. Was mir mehr Sorgen macht, ist das Schicksal der zwölf Hongkonger, die in China in Gewahrsam sind. (Die zwölf Aktivisten aus Hongkong wurden festgenommen und nach China gebracht, nachdem sie versucht hatten, auf einem Boot nach Taiwan zu fliehen, Anmerkung der Redaktion.) Ich bin ja schließlich noch in Hongkong, kann meine Freunde, Kollegen und Anwälte kontaktieren und habe Zugang zu Medizin. Am 93. Tag nach der Festnahme haben die Familien der zwölf Aktivisten endlich einen Brief erhalten, aus dem hervorgeht, dass sie noch am Leben sind. Aber dem Inhalt des Briefes nach zu urteilen, sind sie wohl gefoltert worden. Denn sie haben Geständnisse gemacht, die wohl erzwungen sind. Zum Beispiel sagen sie, dass sie Anwälte ernannt haben, die die Behörden vorgeschlagen haben. Und dass sie ihren Aktivismus bereuen. Verglichen mit dieser Situation geht es mir gut.

WELT: Vor was fürchten Sie sich gerade am meisten?

Wong: Ich lerne immer noch, meine Angst zu überwinden. Vielleicht warten die Behörden auf einen guten Zeitpunkt, um mich unter Bezugnahme auf das „Sicherheitsgesetz“ anzuklagen. Aber was mich am meisten besorgt, ist, dass die Welt meine Verhaftung für das Ende der Demokratiebewegung halten könnte. Aber das ist nicht das Ende unseres Kampfes. Im Gegenteil, wir kämpfen weiter, auch im Gefängnis.

WELT: Was gibt Ihnen derzeit Kraft?

Wong: Im letzten Jahr, als die Massenproteste ausbrachen, wurde der Geruch von Tränengas zum Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Ich muss oft daran denken, was Brian Leung, einer der Aktivisten, gesagt hat: „Mehr als Sprache und Werte verbindet alle Hongkonger der Schmerz.“ Deswegen ist es mir eine Ehre, von Anfang an Schulter an Schulter mit all den Aktivisten gekämpft zu haben – ungeachtet potenzieller Gefängnisstrafen. Was auch immer passiert, ich habe Vertrauen in meine Hongkonger Mitbürger. „Wir danken Gott auch für die Leiden, die wir wegen unseres Glaubens auf uns nehmen müssen“, heißt es im Römerbrief im Neuen Testament: „Denn Leid macht geduldig. Geduld aber vertieft und festigt unseren Glauben, und das wiederum stärkt unsere Hoffnung.“ Einmal gesät, werden die Samen eines Tages sprießen. Wir werden nicht nachgeben, sondern werden den Kampf weiterführen. Das ist es, was mir Kraft gibt.

WELT: Sie wurden von der Wahl für das Parlament ausgeschlossen, auch mussten Sie schon mehrmals ins Gefängnis. Jetzt werden Sie wieder angeklagt, zudem wird Ihnen die Zahlung einer Kaution verweigert. Haben wir es mit einer Eskalation zu tun?

Wong: Ja, Peking nutzt zunehmend das Hongkonger Rechtswesen, um gegen die Demonstranten und Aktivisten vorzugehen. Dabei stehe nicht ich alleine im Fokus. Peking verstärkt seinen Griff, und alle Freiheiten und Rechte stehen auf dem Spiel. Dabei ist es völlig egal, welche gesellschaftliche Rolle jemand hat. Lehrer, Journalisten, Richter – die Eskalation zielt auf jeden Einzelnen von uns und sogar auf die Menschen, die im Exil leben. Auch schwappt diese Eskalation zusehends auf die Welt über. Peking hat erfolgreich einen abschreckenden Effekt erzeugt, auch in Deutschland. Universitäten, Journalisten und Unternehmen – alle werden gezwungen, sich an chinesische Normen zu halten. Die Eskalation in Hongkong ist ein Symptom für ein größeres Problem: China bedroht die Freiheit der Welt.

WELT: Wenn Sie auf Ihre eigenen Entscheidungen zurückschauen: Haben Sie Fehler gemacht?

Wong: Ich habe während der acht Jahre, in denen ich als Aktivist tätig war, viele Fehler gemacht. Ich wünschte, ich könnte schneller lernen und besser zuhören. Und jetzt, da ich in einer Einzelzelle eingesperrt bin, vermisse ich meine Familie. Ich wünschte, ich hätte in der Vergangenheit sanfter mit meinen Eltern gesprochen. Es gab Zeiten, da haben sie sich große Sorgen um mich gemacht. Und ich habe zu wenig getan, um sie zu trösten.

WELT: Fühlen Sie sich vom Justizsystem fair behandelt?

Wong: Ich habe das Vertrauen in dieses Rechtssystem schon lange verloren. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass einen die Institutionen vor schädlichen Auswirkungen von Machtmissbrauch schützen, wenn das System selbst von den Regierenden manipuliert wird. Ich glaube, mein Fall wird die weltweite Aufmerksamkeit auf die willkürliche Macht des Justizsystems lenken, dessen Unbefangenheit durch den unzulässigen Einfluss und die systematische Gewalt Pekings bereits stark beschädigt ist. Nach zwei Urteilen erwarten mich nun noch zwei Verfahren. Außerdem verlangt das Justizministerium umgerechnet 12.000 Euro Prozesskosten für einen Fall der Regenschirm-Bewegung, den ich verloren habe – das war meine zweite Haftstrafe. Das wird dadurch nicht einfacher, dass mir Rechtsbeihilfe, für die auch wieder die Regierung zuständig ist, verwehrt wird.

WELT: Was glauben Sie sind die eigentlichen Ziele, die die chinesische Regierung mit Ihrer Verhaftung verfolgt?

Wong: Ich glaube, das Ziel der Regierung ist es, dass ich eine Haftstrafe nach der anderen absitze. Es liegen zwei Anklagen gegen mich vor, und es ist praktisch für die Regierung, mich hinter Gittern zu behalten, damit ich nicht als Aktivist tätig sein kann. Aber weder Haftstrafen noch der Ausschluss bei Wahlen können uns aufhalten. Was wir der Welt gerade zeigen, ist der Wert von Freiheit.

WELT: Wird die Demokratiebewegung in Hongkong durch Ihre Verhaftung an Dynamik verlieren?

Wong: Nein, diese Bewegung war von Beginn an ohne Anführer, wir organisieren uns selbst, ohne dass uns jemand Anweisungen gibt. Wir werden aktiv, aber nicht für uns selbst, sondern weil wir schlicht und einfach glauben, das Richtige zu tun. Ich glaube nicht, dass wir damit aufhören, nur weil jemand verhaftet wird. Jeden Tag stehen Aktivisten vor Gericht, werden Demonstranten ins Gefängnis gesteckt. Aber die Kraft der Bewegung wird nicht nachlassen. Es stimmt, wir rechnen mit einem harten Durchgreifen der Regierung, und wegen des Coronavirus gibt es weniger Möglichkeiten für Proteste. Aber die Hongkonger widerstehen den Repressionen der Regierung jeden Tag durch ihre Aktionen. Die sind vielleicht nicht als Protest sichtbar, aber die Dynamik besteht noch immer, nur in einer anderen Form. Vor fünf Jahren, nach der Regenschirm-Bewegung, dachten wir alle, dass Massenproteste nicht mehr möglich sein würden. Doch der Mut und die Entschlossenheit eines jeden Hongkongers haben uns durch dieses dunkle Tal gebracht und das Unmögliche möglich gemacht.

WELT: Wo sehen Sie Hongkong in einem Jahr?

Wong: Hongkong macht gerade schwere Zeiten durch, und wir erwarten, wie gesagt, eine Niederschlagung durch die Regierung. In den vergangenen drei Wochen wurden 23 Aktivisten, Journalisten und Abgeordnete festgenommen. Jeden Tag steht jemand von uns vor Gericht oder muss ins Gefängnis. Ich kann also nicht übermäßig optimistisch sein und sagen, in einem Jahr ist in Hongkong alles gut. Damit würde ich falsche Hoffnung verbreiten. Aber totaler Pessimismus ist auch unangebracht. Im nächsten Jahr werden sicherlich mehr Protestierende und Aktivisten in Haft kommen, aber Hongkong wird weiterkämpfen. Wir werden ständig nach neuen Methoden des Widerstands suchen.

WELT: Was möchten Sie der Welt mitteilen?

Wong: Ich möchte der Welt sagen, dass die Bewegung in Hongkong nicht zum Stillstand kommt, nur weil Agnes Chow, Ivan Lam und ich im Gefängnis sind. Bitte verfolgt wachsam, was in Hongkong passiert, denn dort kämpfen immer noch Menschen für Freiheit und Demokratie. Und auch außerhalb Hongkongs: In Thailand, Weißrussland und im Iran kämpfen Menschen gegen totalitäre Regime. Und Taiwan wehrt sich ebenfalls gegen Peking. Bitte steht an der Seite Hongkongs, und zeigt Solidarität mit denen, die Freiheit genauso schätzen wie ihr. Ich möchte allen Aktivisten, denen ein Prozess oder eine Haftstrafe droht, und allen, die leiden, weil sie nicht nach Hause zurückkehren können, meine Anerkennung zeigen: Wir sind nicht ohne Furcht, aber wir sind die Mutigeren.

Joshua Wong ist Kolumnist der WELT AM SONNTAG. Die Fragen hat er uns aus der Haft schriftlich beantwortet. Übersetzt von Maximilian Kalkhof, Clemens Wergin und Jens Wiegmann.

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