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Das Land, das einen klaren Plan hat

WELT-Logo WELT 03.08.2021 Gregor Schwung

Die Bundesregierung weicht einer Entscheidung aus, wie ein dritter Lockdown im Herbst verhindert werden soll. Dänemark hingegen hat einen Plan – und zieht diesen einfach durch, trotz Delta. An dem Beispiel zeigt sich: Am Ende hängt es am politischen Willen.

Quelle: picture alliance; Montage: Infografik WELT © picture alliance; Montage: Infografik WELT Quelle: picture alliance; Montage: Infografik WELT

Im April dieses Jahres befand sich Deutschland auf dem Höhepunkt der dritten Welle. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag weit über 100. Die Regierung sah sich gezwungen, die „Bundesnotbremse“ einzuführen. Schon damals konnte man neidisch über die Grenze zum nördlichen Nachbarn blicken. Denn während die Deutschen in ihren Wohnungen saßen, feierten die Dänen schon in der Außengastronomie – trotz steigender Infektionszahlen.

Mit alarmierenden Tweets warnten deutsche Politiker damals noch vor dem Kurs der Dänen. Doch die Schreckensszenarien hoher Todeszahlen blieben aus. Derzeit stellt sich hierzulande erneut die Frage, wie man mit steigenden Inzidenzen umgehen soll. Denn bleibt diese Zahl der einzige Richtwert, um das Pandemiegeschehen zu bewerten, steuert Deutschland auf einen neuen Lockdown zu. Wie aber kann man stattdessen zur Normalität zurückkehren? Hier gibt es in der Bundesrepublik schlicht kein Konzept – anders als in Dänemark.

Die Dänen haben schon früh eine Öffnungsstrategie vorgelegt. Derzeit liegt die Inzidenz bei 95, aber unsere Nachbarn denken gar nicht daran, von ihrem Plan abzuweichen. Seit Mitte Juni müssen die Menschen keine Masken mehr tragen. Nur in öffentlichen Verkehrsmitteln sind sie noch vorgeschrieben, allerdings mit Ausnahmen. „Wer Unbehagen verspürt, kann sie abnehmen“, steht auf der Website des Gesundheitsamtes.

„Die Regierung ist sehr optimistisch“

Die übrigen Regeln ähneln derzeit noch denen in Deutschland: Für den Besuch im Innenbereich der Restaurants, in Museen und Theatern benötigen die Dänen einen negativen Test, ein Impfnachweis oder ein Genesungszertifikat. Diese sind in der Corona-Pass-App gespeichert. Doch auch diese Pflichten werden bald entfallen. Der Plan der Regierung in Kopenhagen sieht vor, dass man den Corona-Pass ab Oktober nicht mehr vorzeigen muss. Und bereits im September werden die Dänen wieder ohne Masken Bus und Bahn fahren können. Auch Clubs sollen dann wieder öffnen.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Ist dies ein verantwortungsloses Vorhaben? Nein, sagt Jacob Kirkegaard, Dänemark-Experte vom Peterson Institute for International Economics, im Gespräch mit WELT: „Die Regierung ist sehr optimistisch, dass die Impfkampagne bis dahin abgeschlossen ist.“

Bis Ende August will Dänemark alle impfbereiten Bürger versorgt haben. Das schließt auch über zwölf Jahre alte Kinder mit ein. Die dänische Gesundheitsbehörde hat die Impfung für Jugendliche empfohlen, nachdem die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) den Impfstoff für sie zugelassen hat. In Deutschland hat die Ständige Impfkommission (Stiko) bislang noch keine allgemeine Empfehlung für die Altersgruppe ausgesprochen.

Entscheidend für die Einhaltung des Zeitplans ist die hohe Impfbereitschaft in Dänemark. 40 Prozent der Dänen gaben in einer Umfrage aus dem Mai an, sich „so bald wie möglich impfen lassen zu wollen“. 21 Prozent sagten, eine Impfung komme für sie noch dieses Jahr oder „später“ infrage. Das sind Werte, die Deutschland in der Umfrage nicht erreicht. Auch die Zahl der Menschen, die eine Impfung komplett ausschließen, ist in Dänemark geringer.

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„Die Dänen vertrauen dem Impfstoff, weil die Regierung bei diesem Thema immer nachvollziehbar gehandelt hat“, sagt Kirkegaard. Dieses Vertrauen sei beim Umgang mit AstraZeneca entstanden. Während es in Deutschland wegen des Risikos einer Hirnvenenthrombose ein politisches Vor und Zurück gab, einschließlich verwirrender Empfehlungen der Stiko, hat Dänemark im April erklärt, das Vakzin schlicht gar nicht mehr zu verimpfen – gleiches gilt auch für den US-Wirkstoff von Johnson&Johnson.

Auf dem Weg in Richtung Normalität war das Vertrauen in die Impfkampagne und entsprechende Entscheidungen ein wichtiger Schritt. Denn mit höherer Impfbereitschaft steigt auch das Impftempo. Stand heute wurden in Dänemark pro 100 Menschen rund 124 Impfdosen verabreicht, in Deutschland sind es knapp 109. Auch wenn das weniger ist als in Dänemark, ist es im internationalen Vergleich ein sehr hoher Wert. Trotzdem zögert Deutschland – und legt keinen mit dem nördlichen Nachbarland vergleichbaren Plan vor, an dem sich das öffentliche Leben hierzulande im Herbst orientieren soll.

Insgesamt sind 55 Prozent der Dänen vollständig geimpft, haben also zwei Impfdosen erhalten – das sind gerade einmal drei Prozentpunkte mehr als hierzulande. Der Vorsprung bei der Quote der Erstgeimpften ist deutlich größer, dort liegen die Dänen mit elf Prozentpunkten vorne. Die erhoffte Herdenimmunität dürfte somit früher erreicht werden als in Deutschland – allerdings nur geringfügig.

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Kaum noch Corona-Tote

Die hohe Quote in Dänemark bedeutet, dass die vulnerablen Gruppen bereits heute fast vollständig immunisiert sind und kaum noch jemand an Covid-19 stirbt. Die Todeszahlen in Dänemark sind denn auch trotz höherer Inzidenzen niedriger als in Deutschland.

Zudem gibt Experte Kirkegaard zu bedenken: „Wenn schnell viele Menschen geimpft werden, dann sinkt auch die öffentliche Unterstützung für neue Beschränkungen.“ Die Konsequenz sei für die Regierung in Kopenhagen deshalb klar gewesen, sagt er: „Es gibt einen politischen Willen, zu öffnen.“ – und damit auch, auf einen weiteren Lockdown zu verzichten.

Letztlich ist nicht die Impfkampagne der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Ländern. Hier ist Dänemark der Bundesrepublik nicht entscheidend weit voraus. Es ist die grundsätzliche politische Entscheidung, wie man ab einem bestimmten Punkt der Impfkampagne priorisiert: Wann ist der Punkt erreicht, an dem die Öffnung im Vordergrund steht – und nicht mehr die Beschränkungen.

Die Debatte darüber ist in Deutschland noch verhalten. Erst zwei Politiker haben angekündigt, dass sie sich gegen ein neuerliches Herunterfahren des Landes stemmen. FDP-Chef Christian Lindner versprach dies im Falle einer FDP-Regierungsbeteiligung.

Vor zwei Wochen zog dann auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) nach und kündigte an, dass es keinen neuen Lockdown geben werde. Allerdings haben beide bei der Entscheidung, wie Deutschland mit der Pandemie umgeht, gerade wenig zu sagen.

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