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DDR-Bürgerrechtler Rainer Eppelmann: „Die Angela Merkel darf ich streicheln, vor allen“

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 28.11.2021 Georg Ismar, Hans Monath

Der Pfarrer und ehemalige DDR-Oppositionelle Rainer Eppelmann über die politischen Anfänge der Kanzlerin, Treffen in Konzerten und die Spuren der Macht.

Angela Merkels berühmte Raute (Archivbild) © Foto: dpa/Michael Kappeler Angela Merkels berühmte Raute (Archivbild)

Rainer Eppelmann (77) engagierte sich als Pfarrer in der DDR-Opposition, die Stasi plante deshalb seine Ermordung. Er war Gründungsmitglied und Parteichef des Demokratischen Aufbruchs (DA), der später in der CDU aufging. Der letzten DDR-Regierung diente er als Minister für Abrüstung und Verteidigung. Von 1990 bis 2005 gehörte er dem Bundestag an. Er ist Vorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur.

Herr Eppelmann, wann sind Sie Angela Merkel zum ersten Mal begegnet?

Zuerst getroffen habe ich Angela Merkel im Herbst 1989 in Prenzlauer Berg in unserem ersten illegal besetzten Büro des Demokratischen Aufbruchs in einer leerstehenden Wohnung. Da begegnete ich einer jungen Frau, die bei uns zunächst Pressearbeit gemacht hat. Ich war zu dieser Zeit Minister ohne Geschäftsbereich im zweiten Kabinett von Hans Modrow, das hat viel Zeit und Energie gebunden. Wir wussten, dass kein Weg mehr an freien Wahlen vorbeiführte, und dafür wollten wir den Demokratischen Aufbruch vorbereiten.

[Lesen Sie auch: Wo für Angela Merkel alles begann – die Wandlung der Kanzlerin und der Insel Rügen (T+)]

Da kam dann eben Angela Merkel. Dass sie ein politisch interessierter Mensch war, wusste ich damals nicht, das habe ich erst später gelesen. Sie ist ja auch als Pfarrerstochter bewusst in die Jugendorganisation der SED gegangen, war bei der Freien Deutschen Jugend (FDJ) Kulturfunktionärin, kümmerte sich um Veranstaltungen. Sonst hätte sie nie studieren dürfen. Das werfe ich ihr auch nicht vor. Am Ende der DDR waren schätzungsweise 95 bis 97 Prozent aller jungen Leute Mitglied in der FDJ.

Erkennen Sie in der heutigen Bundeskanzlerin die junge Angela Merkel noch wieder?

Sie war eine zurückhaltende junge Frau und hat als Pressesprecherin zunächst zugehört und dann die Beschlüsse des Vorstandes zu Papier gebracht. Oder Sie hat den Journalisten erklärt, was der Vorstand gerade beschlossen hatte. Nachdem kurz vor der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 bekannt geworden war, dass unser Vorsitzender Wolfgang Schnur Stasi-Mitarbeiter war, trat er zurück.

Ich wurde zunächst kommissarischer und später gewählter DA-Vorsitzender, von da an habe ich ständig mit Angela Merkel zusammengearbeitet. Sie hat auch die Pressekonferenz vorbereitet, auf der ich als neuer Vorsitzender vorgestellt wurde.

Waren Sie zufrieden mit Ihrer Pressesprecherin?

Sehr. Sie war eine junge, stille, unscheinbare Frau. Dass die heute völlig anders ist, darüber brauchen wir nicht zu reden. Wenn ich mir Fotos von uns beiden von damals ansehe und in den Spiegel schaue, fällt mir auf: Ich bin äußerlich nicht so viel älter geworden, sie aber schon. Es ging nicht spurlos an ihre vorüber, dass sie in der Politik maximal gefordert war, mit zum Teil schweren und mutigen Herausforderungen, die sich ihr stellten. Wenn sie klug ist, übernimmt sie nach dem Abschied aus dem Kanzleramt keine neue Aufgabe, uns sei die noch so attraktiv. Vielleicht widmet sie sich jetzt mal Dingen, für die sie vorher keine Zeit hatte und die ihr Spaß machen.

Aus dem Herbst 1989 ist die Äußerung von Angela Merkel überliefert, sie wolle mit der CDU nichts zu tun haben. Klingt seltsam für die spätere CDU-Bundesvorsitzende…

Sieben Leute haben sich im Frühsommer 1989 überlegt, eine Partei zu gründen, einer von ihnen war ich. Wir sind dafür eigens konspirativ nach Dresden gefahren, weil wir in Berlin nicht in einer Wohnung, die der Stasi bekannt war, abgehört werden wollten. Wir dachten erstens nicht an die Einheit Deutschlands, weil wir keinen realistischen Weg sahen, wie die zu erreichen war.

Wir wussten, dass es in der DDR rund 250.000 sowjetische Soldaten gab. Aus welchem Grund hätten die das Land verlassen sollen? Uns ging es darum, die Deutsche Demokratische Republik so zu verändern, dass sie lebenswert würde. Es war eine Gesellschaft ohne Mut machende Entwicklung und außerdem total verlogen. Wir lebten in einem Land der alltäglichen Lüge. Uns wurde erzählt, uns ginge es am besten, während die Bundesrepublik die Kapitalisten die Menschen ausbeuten würden.

85 Prozent aller DDR-Bürger reisten deshalb allabendlich aus, hörten West-Radio oder sahen West-Fernsehen. Sie fühlten sich verarscht und belogen, logischerweise. Das hat natürlich alle DDR-Bürger ein Stück weit geprägt.

Eine Widerstandskämpferin war Angela Merkel nicht in der DDR…

Das stimmt wohl. Aber sie hat aber an den Blues-Messen von Jugendpfarrer Eppelmann in Friedrichshain teilgenommen, wie ich später erfahren habe. Zum Schluss sind rund 6000 bis 8000 junge Leute aus der ganzen DDR gekommen.  In einem Land, in dem eigentlich nur eine Meinung öffentlich vertreten werden durfte, waren diese messen ein exotisches Erlebnis. Und deswegen sind die zu uns kommen. Außerdem wurde Blues-Musik gespielt, die man sonst nur im Radio hören konnte, weil sie in den Diskotheken der DDR nicht gelitten war.

Angela Merkel hat sich damals zeitweise auch für die SPD interessiert, schreibt ihr Biograph Ralph Bollmann…

Inzwischen weiß ich, sie hat bei auf ihrer Arbeitsstelle mit einem Kollegen geredet, der mit ihr im selben Zimmer saß. Klaus Ulbricht war ihr Vorgesetzter und später ein Mitgründer der SDP in Berlin, Hauptstadt der DDR, gewesen. Und er ist später jahrelang Bürgermeister in Treptow-Köpenick gewesen für die SPD. Er sagte damals zu ihr: Du kannst hier bei uns in der SPD mitmachen, aber wenn du noch nicht genau weiß, was du machen wirst, dann geh‘ doch noch mal zum Eppelmann vom Demokratischen Aufbruch.


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Offensichtlich hat ihr manches bei der SPD-Versammlung, zu der sie Ulbricht mitnahm, nicht gefallen. Und so ist sie dann eben zu uns gekommen. Zuerst hat sie sich um die technische Dinge wie die Faxgeräte und ersten Computer gekümmert. Da hat sie sich nützlich gemacht.

Wie verlief Ihre eigene politische Karriere?

Bei den ersten freien Volkskammer-Wahlen in der DDR siegte die Allianz für Deutschland. Helmut Kohl überredete dann Lothar de Maizière, sich als Regierungschef zur Verfügung zu stellen. Als er seine Regierungsmannschaft schon fast zusammen hatte, bekam er einen Anruf aus Bonn mit der Aufforderung, auch einen Ministerposten für den Demokratischen Aufbruch zur Verfügung zu stellen. De Maiziere wollte mich aber nicht als Minister.

Er hat mir deshalb das Amt für nationale Verteidigung angeboten, er wusste, dass ich als Pazifist im Militärknast gesessen hatte. Er glaubte wohl, ich würde das ablehnen, dann hätte er nach Bonn melden können: Ich habe Eppelmann etwas angeboten, er will aber nicht. Ich habe mir Bedenkzeit ausgebeten und ihm dann gesagt, ich mache es, wenn es in Ministerium für Abrüstung und Verteidigung umgewidmet wird.

Wie kam es, dass Angela Merkel stellvertretende Sprecherin der ersten aus freien Wahlen hervorgegangenen Regierung der DDR wurde?

Ich habe sie als Sprecherin vorgeschlagen. Allerdings sagte de Maiziere, er sei in dieser Entscheidung nicht mehr frei, da er den Posten schon einem CDU-Politiker aus Thüringen versprochen hatte. Merkel könne ja dessen Stellvertreterin werden, sagte de Maiziere.

Und dann hatte sie unerhörtes Glück, denn der Regierungssprecher litt unter Flugangst. Deshalb war er bei den wichtigen Reisen im Rahmen der 2-plus-4-Verhandlungen nach Moskau, London, Paris oder Washington nicht dabei. Aber seine Stellvertreterinnen saß immer mit am Tisch.

Der Demokratische Aufbruch ist dann in der CDU aufgegangen…

Die Ost-CDU, der Demokratische Aufbruch (DA) und die Deutsche Soziale Union (DSU) bildeten gemeinsam die Allianz für Deutschland. DA und DSU waren für die West-CDU eine Art Lendenschurz, mit dem sie sich überhaupt vorstellen konnten, dass die Ost-CDU mit ihr fusionierte, denn die war ja eine Blockpartei, hatte also die Macht der SED nie infrage gestellt.

Stalin hatte Walter Ulbricht 1944 den berühmten Satz gesagt: Entscheidend ist, dass wir die Macht bekommen. Es muss nur wie Demokratie aussehen. Auf unserem letzten DA-Parteitag haben wir beschlossen, im August 1990 mit der CDU zu fusionieren. So ist dann auch Angela Merkel Mitglied der CDU geworden. Sie bekam dann von der CDU auch einen Wahlkreis angeboten, nämlich Rügen, den sie meines Wissens nach seither jedesmal direkt gewonnen hat. 

Wenn Sie sich die ganze Amtszeit der Kanzlerin ansehen: Ist irgendetwas an ihrem Politikstil spezifisch ostdeutsch?

Ganz klar nein, sie hat keine ostdeutsche Politik gemacht, weder im Stil noch im Inhalt. Und das ist ja auch klug gewesen. Sie ist ja nicht Kanzlerin der 17 Millionen ehemaligen DDR-Bürger, sondern Kanzlerin der gesamten Bundesrepublik Deutschland. Vergessen Sie nicht, dass sie vor ihrer Wahl zur Kanzlerin schon viel politische Erfahrungen in der Regierung machen konnte, damals noch in der Bundesstadt Bonn. Sie wurde 1991 Ministerin für Frauen und Jugend und später Umweltministerin. Denn ihr Vorgänger Klaus Töpfer hatte einen wichtigen UN-Posten übernommen.

Nun brauchte Helmut Kohl jemand Neues. Die Journalisten lästerten damals, wie könne so ein „Mädchen“, wie Kohl sie nannte, in die Fußstapfen des großen Umweltexperten Töpfer treten. Der hätte bei einer der ersten großen Klimakonferenzen in Tokio eigentlich den Vorsitz übernehmen sollen. Nur war er nicht mehr da. Da hat Angela Merkel den Vorsitz bei dieser internationalen Tagung übernommen, bei der erste Klimavereinbarungen verhandelt wurden.  Diese Konferenz war für sie auch ein persönlicher Erfolg. Da haben manche aufgemerkt und gesagt: Donnerwetter, der Kanzler hat vielleicht doch die richtige mit dieser Aufgabe betraut.

Kannten Sie eigentlich die Eltern von Angela Merkel?

Ich kannte ihren Vater, den Pfarrer Horst Kasner, aber das ist mit erst später bewusst geworden, als ich las, dass Angela Merkel seine Tochter ist. Als ich sie beim DA kennenlernte, wusste ich das noch nicht. Er hat früher in einem Predigerseminar in Templin unterrichtet, in dem ich als junger Pfarrer gelernt habe.  Ich bin fest davon überzeugt, dass es sie geprägt hat in einem Pfarrhaus mit einem Heim für Behinderte aufzuwachsen. Da galt: Es gibt Menschen, die allein nicht zu Recht kommen, und da ist es selbstverständlich, dass wir ihnen helfen. Das gehört zu unserem Glauben. Genau mit diesen Wurzeln hängt für mich der Satz zusammen, mit dem sie es 2015 gerechtfertigt hat, dass sie die Grenzen vor den Flüchtlingen nicht dicht gemacht hat.

Damals meinte sie: „Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land." Ohne die Erfahrung im Pfarrhaus ihres Vaters und mit dem Heim für Behinderte, davon bin ich fest überzeugt, hätte sie das nie so entschieden. 

Wann haben Sie Angela Merkel zuletzt gesehen?

Wir sehen uns immer wieder mal, im Theater oder im Konzert. Aber es ist nicht so, dass wir uns verabreden. Wir sind nie befreundet gewesen. Wir waren Verbündete. Ich habe sie 15 Jahre lang als Bundestagsabgeordneter immer wieder in der Fraktion gesehen. Aber wir haben im Bundestag nie zum Beispiel in einem gemeinsamen Arbeitskreis gesessen.

Was besprechen Sie mit Angela Merkel, wenn Sie sie im Theater oder Konzert sehen?

Meine schönste Erinnerung ist die an das Konzert eines italienischen Pianisten. Mit meiner Frau hatte ich sehr schöne Plätze in der zweiten Reihe bekommen. Kurz vor Beginn der Veranstaltung kamen noch schnell zwei Besucher herein und setzten sich in die erste Reihe schräg vor aus. Das war die Kanzlerin mit ihrem Ehemann Joachim Sauer. Wir begrüßten uns freundlich. Ich bin einer, da bilde ich mir auch was drauf ein, der auf den anderen zugeht und ihn gerne anfasst – auch im Gesicht. Die Angela Merkel, die darf ich streicheln, vor allen.

Sie streicheln die Kanzlerin?

Ja, so nach dem Motto Freude und Zutrauen. Und nach dem Motto: Es ist schön, dass es dich noch gibt und dass du da bist. Das war im Flüchtlingsherbst 2015, und ich war sehr einverstanden mit dem, was sie entschieden hatte. Ich wollte sie auch ermutigen, damals begann ja die Kritik an ihrer Flüchtlingspolitik heftig zu werden.

Da haben Sie sie ermutigt?

Ja, ich erzählte ihr von Vaclav Havel, dem tschechischen Dissidenten, der im Knast saß und später Präsident seines Landes wurde. Der hatte mir, als ich noch DDR-Bürger war, erklärt, was Hoffnung ist. Ich zitiere jetzt mal Vaclav Havel: Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass eine Sache gut ausgeht. Sondern Hoffnung ist die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht.

Und der hat die Kanzlerin beeindruckt?

Ich glaube schon. In der Pause kam sie jedenfalls noch einmal auf mich zu und fragte: Wie war das mit der Hoffnung? Da hat sie sich den Spruch von Vaclav Havel von mir noch einmal sagen lassen. Ich glaube, er hat ihr in dieser nicht ganz einfachen Zeit etwas Mut gemacht.

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