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Der Mann für alle Fälle

Süddeutsche Zeitung-Logo Süddeutsche Zeitung 24.05.2020 Von Dominik Hutter

42 Jahre saß Hans Podiuk im Stadtrat - und war immer zur Stelle, wenn die Münchner CSU in Not war

Es war ein verdammt unruhiges Wochenende, an dem Hans Podiuk erstmals an die Spitze der Rathaus-CSU rückte. Am Freitag war bekannt geworden, dass der bisherige Fraktionschef Gerhard Bletschacher, mit dem Podiuk freundschaftlich verbunden war, für die karitative "Stille Hilfe Südtirol" bestimmte Spendengelder in sein angeschlagenes Käseschachtel-Unternehmen umgeleitet hatte. Es folgten: Rücktrittsforderungen, Solidaritätserklärungen, hektische Aktivität bei der CSU - bei den anstehenden Feierlichkeiten zum 50. Jahrestags des Kriegsendes musste Fraktionsvize Podiuk bereits für Bletschacher einspringen, am selben Abend war er dessen Nachfolger.

"Ich bin von Freitag auf Montag völlig überraschend Fraktionsvorsitzender geworden", resümiert der heute 73-jährige Podiuk. Damals, 1995, konnte er noch nicht wissen, dass kurzfristiges Einspringen in einer für seine Partei schwierigen Situation geradezu zum Markenzeichen des CSU-Politikers werden würde. 2001 war es schon wieder so weit. Da kam der CSU mitten im Wahlkampf ihr Oberbürgermeisterkandidat Aribert Wolf abhanden. Durch Rücktritt, Wolf hatte nach umstrittenen Aktionen den Rückhalt in seiner Partei verloren. "Die Plakate von Christian Ude hingen schon", erinnert sich Podiuk - da musste die CSU Knall auf Fall das Pferd wechseln. "Ich wollte eigentlich gar nicht", beteuert der gebürtige Münchner.

Aber die aus München stammenden Minister der Staatsregierung hatten kein Interesse an der absehbaren Wahlschlappe gegen den populären SPD-Amtsinhaber. Es blieben nur - sozusagen als natürliche Kandidaten - der Münchner CSU-Chef und Bundestagsabgeordnete Johannes Singhammer und eben der Fraktionschef im Rathaus. Podiuk. Der sprang in die Bresche, ließ in aller Eile Porträtfotos für Plakate machen, absolvierte einen kurzen Zeitraffer-Wahlkampf und kassierte die erwartete Niederlage. Podiuk wäre nicht Podiuk, würde er dem damaligen Gehetze nicht etwas Positives abgewinnen. "Ich habe damals die Stadt sehr gut kennengelernt." Ende 2006 erwies Podiuk seiner Partei einen weiteren Dienst: Er überließ den Posten als Fraktionschef seinem Stellvertreter Josef Schmid, der 2008 gegen Ude in den Ring stieg. Und wurde erneut Vize.

2014, als Schmid schließlich Zweiter Bürgermeister wurde, sprang Podiuk schon wieder ein und übernahm zum zweiten Mal das Amt des Fraktionschefs. Um es 2017 im Dienste eines Generationswechsel zu räumen, zu Gunsten von Manuel Pretzl. Diesmal übernahmen andere die Vizeposten. Bis Kristina Frank 2018 Kommunalreferentin wurde und deshalb ihr Amt als stellvertretende Fraktionsvorsitzende aufgeben musste. Podiuk übernahm. Macht zusammengerechnet: dreimal Fraktionsvize, zweimal Fraktionschef, einmal OB-Kandidat. Das nennt man dann wohl Erfahrung.

Die hat Podiuk zweifellos. Er selbst hat festgestellt, dass man im Laufe der Jahre in den Status als "Heilige Kuh" rutscht. Der Diplom-Verwaltungswirt, der lange im Umweltministerium tätig war, kann am Rednerpult gehörig poltern, genießt aber parallel den vom Kollegen Walter Zöller verliehenen Titel als "wandelnder Vermittlungsausschuss". Podiuk wirkt bodenständig und stets gut vorbereitet, er verfügt über exzellente Kontakte in die Stadtverwaltung und lässt sich nach 42 Jahren im Stadtrat nur noch durch wenig erschüttern. "Ob man richtig oder falsch entscheidet, merkt man immer erst nach Jahren oder Jahrzehnten", lautet eine seiner aus Erfahrung gespeisten Weisheiten. Zu den sehr richtigen und wegweisenden Entscheidungen, die Podiuk mitzuverantworten hat, zählt er die Umsiedelung der Messe von der Theresienhöhe aufs frühere Riemer Flughafengelände, die Tunnel am Mittleren Ring, für die er als Sprecher einer Initiative gekämpft hat, die Bundesgartenschau 2005. Auch dass der Riemer Flughafen wegkommt, hält Podiuk für einen wichtigen Schritt in der neueren Stadtgeschichte - und hat festgestellt, dass inzwischen viele Leute gar nicht mehr wissen, dass auf jenem Areal im Münchner Osten einst die Düsenmaschinen heruntergingen. Erfolge hätten aber stets viele Väter. "Misserfolge dagegen sind Waisenkinder", philosophiert Podiuk. Zu den Misserfolgen des Stadtrats zählt er etwa die Entscheidung, den U-Bahn-Bau einzustellen. Die Konsequenzen sehe man jetzt.

Podiuk hat verschiedene Phasen des Münchner Stadtrats durchlebt. 1978, als er erstmals nach seinen kommunalpolitischen Anfängen im Truderinger Bezirksausschuss ins Rathaus am Marienplatz gewählt wurde, verfügte die CSU über eine heute kaum noch vorstellbare absolute Mehrheit unter ihrem Oberbürgermeister Erich Kiesl. Der CSU-OB blieb allerdings eine Episode, es war der bislang einzige Christsoziale im Chefzimmer des kommunalen Machtzentrums. Schon 1984 übernahm wieder die SPD, es gab eine Phase mit wechselnden Mehrheiten und eine mit einer CSU-Stadtratsmehrheit unter dem heimlichen Oberbürgermeister Walter Zöller. Und die rot-grüne Koalition, die 1990 ihre Arbeit aufnahm und dann bis 2014 regierte. Es folgte die sechsjährige Regierungsbeteiligung der CSU, die nun, da sich SPD und Grüne zusammengetan haben, wieder in die Opposition gewandert ist.

Die spannendste Phase seiner eigenen Rathauszeit, davon ist Podiuk überzeugt, war die Zeit nach 1995, also seit der Übernahme des Fraktionsvorsitzes. Weil man in dieser Position über ganz andere Möglichkeiten verfüge als ein "normaler" Stadtrat, so der Politiker, der im Gärtnerplatzviertel aufgewachsen ist, 1969 in die CSU eingetreten ist und dann schließlich seinen Lebensmittelpunkt nach Trudering verlegt hat. Podiuk ist heute froh, zu Beginn seines politischen Engagements mehrere Parteien begutachtet zu haben, auch die SPD. Ausschlaggebend für die CSU sei schließlich deren unverrückbares Bekenntnis zu einer deutschen Wiedervereinigung gewesen - das galt Ende der Sechzigerjahre bei den meisten Parteien nicht unbedingt als vorrangiges und realistisches Ziel.

Nun in den Ruhestand zu wechseln, sieht Podiuk mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Klar, in der jetzigen Phase, wo das Geld aus dem städtischen Haushalt wohl nicht mehr so locker sitzt und Prioritätensetzung notwendig wäre, ist Kommunalpolitik spannend. Andererseits: "Ich bin gut beschäftigt". Podiuk ist in 33 Vereinen aktiv, liebt Bergwandern, Reisen und Schafkopfen mit Freunden. Dass bei der Terminplanung die Politik oft Vorrang hatte, fällt nun weg. Und: Der Tag ist nicht mehr so strukturiert. "Ich bin ja immer um fünf aufgestanden." Frühmorgens lasse es sich gut arbeiten - allerdings hat es sich irgendwann herumgesprochen, dass der CSU-Mann schon gegen halb sieben oder sieben telefonisch gut erreichbar ist. Und dafür, das war die logische Konsequenz, aber auch eher früh zu Bett gegangen ist. Nun kann sich Podiuk mehr Freiheit gönnen. Die neue CSU-Fraktion besteht fast zur Hälfte aus Politik-Neulingen. Dienstälteste ist nun die Bildungsexpertin Beatrix Burkhardt: Sie wurde 1994 erstmals ins Rathaus gewählt. Da zählte Kollege Podiuk mit 16 Stadtratsjahren bereits zu den Etablierten.

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