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Der Weltkrieg in Momentaufnahmen: wie die Menschen vor 80 Jahren ums Überleben rangen und die Barbarei ihrer Zeit wahrnahmen

Neue Zürcher Zeitung Deutschland-Logo Neue Zürcher Zeitung Deutschland 02.12.2022 Ulrich Schlie
Strassenkämpfe in Stalingrad. Am 19. November begann die russische Grossoffensive, die die innerhalb von vier Tagen zum Einschluss von 250 000 Mann führte - einer der wichtigen Wendepunkte im Zweiten Weltkrieg. Sovfoto / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Deutschland Strassenkämpfe in Stalingrad. Am 19. November begann die russische Grossoffensive, die die innerhalb von vier Tagen zum Einschluss von 250 000 Mann führte - einer der wichtigen Wendepunkte im Zweiten Weltkrieg. Sovfoto / Imago

Im Herbst 1942 hatte sich das Blatt endgültig zugunsten der Anti-Hitler-Koalition gewendet. Im August 1942 waren die Amerikaner im Pazifik auf der Salomonen-Insel Guadalcanal gelandet und zwangen dort die Japaner in eine Abnutzungsschlacht grossen Stils, die mit der vollständigen japanischen Niederlage und der Räumung der Insel im Februar 1943 endete. Im September hatte Hitler seine Hoffnungen auf eine erfolgreiche deutsche Grossoffensive in der Sowjetunion begraben müssen, am 19. November 1942 setzte die sowjetische Gegenoffensive im Raum von Stalingrad ein.

Bei El Alamein gelang den Briten der Durchbruch durch die Stellungen der deutsch-italienischen «Panzerarmee Afrika» unter Feldmarschall Rommel, und unter dem Oberbefehl von General Eisenhower landeten am 7./8. November alliierte Verbände in Marokko und Algerien.

Diese Ereignisse bilden die Folie für die menschlichen Dramen, die Peter Englund in «Momentum» beschreibt. In seiner Momentaufnahme des November 1942 stellt der schwedische Historiker den einzelnen Menschen in seinem Leiden und in seinem Handeln in den Mittelpunkt eines Kampfes, den er als Auseinandersetzung zwischen Barbarei und Zivilisation begreift, und es gelingt ihm dies auf eine so packende und zugleich bedrückende Weise, dass es den Leser ganz in seinen Bann zieht.

Englund geht davon aus, dass die Komplexität der Ereignisse dann am deutlichsten sichtbar wird, wenn das individuelle Erleben im Zentrum steht. Dabei schöpft der Autor aus einem Reichtum von literarischen Quellenzeugnissen, die er wörtlich zitiert, bisweilen auch paraphrasiert und immer intelligent kommentiert.

Hungernd durch den Dschungel

Unter den ausgewerteten Quellen finden sich Klassiker der Kriegsliteratur, wie der Bericht des sowjetischen Literaten Mansur Abdulin als gemeiner russischer Soldat vor Stalingrad; der britischen Pazifistin und Schriftstellerin Vera Brittain, die beim zivilen Verteidigungsdienst arbeitete; oder des damals schon prominenten sowjetischen Kriegsreporters Wassili Grossman, dem wir einen der frühesten und aufsehenerregendsten Berichte aus dem Vernichtungslager Treblinka verdanken. Auch die Aufzeichnungen des damals 19-jährigen Albert Camus und des 47-jährigen Ernst Jünger dürfen nicht fehlen.

Englund erweist sich als ein Meister des Arrangements. Er zitiert den durch das besetzte Paris schlendernden Hauptmann Jünger und lässt den japanischen Infanterieleutnant Tohichi Wakabayshi sprechen, der auf Guadalcanal mit seinen Soldaten bei halbierten und gedrittelten Rationen durch den dichten Dschungel marschiert. Auf Pfaden, die der Regen in rutschige Lehmbahnen verwandelt hatte, sind die Japaner vergeblich auf der Suche nach Essbarem, etwa Palmschösslingen oder Wasserselleriestauden.

Nicht minder plastisch sind die Schilderungen Stalingrads, die Grossman zu verdanken sind und die die Soldaten wieder auferstehen lassen, die zwischen Leichen sitzen und die Scheiben eines toten Pferdes in einem Kessel kochen. Der Kontrast, der Wechsel der Kriegsschauplätze verstärkt die existenzielle Dimension des weltgeschichtlichen Ringens. Es ist beklemmend, wie früh schon aufmerksame Beobachter die Grausamkeit des nationalsozialistischen Vernichtungsregimes erkennen konnten.

Nicht allen Quellen trauen

Mit feinen Antennen nimmt Englund die Lebensbedingungen in der Diktatur auf, die kleinen und grossen Kompromisse, die ein Weiterleben ermöglichen und doch auch eine Form des schuldhaften Wegsehens bezeichnen. Aufschlussreich ist in dieser Hinsicht das Beispiel der lebenslustigen jungen deutschen Journalistin Ursula von Kardorff, die in ihren Berliner Aufzeichnungen die Spielarten des Krieges decouvrieren konnte und die in der Reichshauptstadt mit ansah, wie immer mehr Juden den Stern ablegten, eine falsche Identität annahmen und die allgemeine Mehrheit der Deutschen der «Ausrottung aller Juden» gleichgültig oder auch zustimmend begegnete.

Die Kunst des Zeichnens ist das Weglassen. Englund schildert den Krieg als menschliches Drama aus der mittleren Perspektive der Betroffenen: Kompaniechefs, Hausfrauen, Lastwagenfahrer, Literaten. Die Ebene der Staats- und Regierungschefs, der hohen Militärs und Diplomaten, die militärische Operationsplanung, die Kunst der Diplomatie werden ausgeblendet. Der Historiker lässt in den Fussnoten erkennen, dass er nicht allen seinen Quellen vollumfänglich vertrauen darf. Kardorffs Berliner Aufzeichnungen etwa sind von ihr in Wirklichkeit nachträglich bearbeitet worden und in der gedruckten Fassung erst in den frühen Nachkriegsjahren entstanden.

Jubelnde Mengen in Algerien: Amerikanische Soldaten sorgen für Ordnung, während Italiener ins Internierungslager gebracht werden, 20. November 1942. ; Keystone / Hulton / Getty © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Deutschland Jubelnde Mengen in Algerien: Amerikanische Soldaten sorgen für Ordnung, während Italiener ins Internierungslager gebracht werden, 20. November 1942. ; Keystone / Hulton / Getty

So intelligent die getroffene Auswahl auch ist: Manches, was im November 1942 von ausschlaggebender Bedeutung für den Verlauf des Krieges gewesen ist, muss dabei unter den Tisch fallen. Etwa Hitlers Misstrauen gegen die eigenen Bundesgenossen der Hitler-Koalition, seine wiederholten Invektiven gegen die japanische Führung, Mussolinis verzweifelte Bemühungen, durch einen Sonderfrieden mit Stalin Hitler Entlastung im weltweiten Ringen zu verschaffen, die heimlichen Vorbereitungen der römischen Elite in Politik, Diplomatie und Militärwesen für einen angestrebten Kriegsaustritt, der ganze südosteuropäische Kriegsschauplatz oder die Lage in Indien, das mit Japan eng verbunden war und noch immer Gegenstand eines japanischen Vorstosses hätte werden können.

Beklemmende Aktualität

Die Grenzen von Englunds Methode werden insbesondere auch dort deutlich, wo es keine Aufzeichnungen gibt. So im Falle des damals 30-jährigen britischen Faschisten John Amery, Sohn des ehemaligen britischen Kolonialministers, der sich als Überläufer zu den Deutschen bis 1944 für die nationalsozialistische Propaganda einspannen lies. Amery wurde nach Kriegsende in seinem Heimatland der Prozess gemacht. Noch im Dezember 1945 endete er im Gefängnis von Wandsworth am Strang.

Englund kann nur aus Amerys Propagandasendungen zitieren und muss sich als Quelle mit dem Bericht des SS-Mannes Reinhard Spitzy begnügen, der Amery und dessen französische Geliebte Janine Barde 1942 im Schnellzug bei einem geselligen Beisammensein im Speisewagen mit Unmengen von Champagner und gelegentlichen Rückzügen ins Schlafwagenabteil erlebte; Spitzy war Amery auf dem Rücktransport von Vichy-Frankreich nach Berlin als Aufpasser zur Seite gestellt.

Das Bild des Krieges im November 1942, das Englund zeichnet, ist gewiss nicht vollständig und kann nur in Teilen das politisch-militärische Ringen jener Wochen einfangen, geschweige denn in seinen politisch-militärstrategischen Bezügen erklären. Aber es vermittelt einen ungemein plastischen Eindruck des vollendeten Chaos und des existenziellen Kampfes ums Überleben. Es ist zugleich ein berührendes menschliches Dokument von den Leiden des Krieges, das gerade in unserer Gegenwart, wo der Staatenkrieg nach Europa zurückgekehrt ist, eine beklemmende Aktualität erhält. Und Englunds grosser Wurf erinnert auch daran, dass bei allen strategischen Entscheidungen immer der Mensch im Mittelpunkt steht und Geschichte grundsätzlich offen ist. Es hätte immer auch ganz anders kommen können.

Peter Englund: Momentum. November 1942 – wie sich das Schicksal der Welt entschied. Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2022. 672 S., Fr. 47.90.

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