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Friedrich Merz: Wird der doch noch was?

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 18.05.2019 Ferdinand Otto

Friedrich Merz macht Europawahlkampf für die CDU. Oder doch eher für sich selbst? Einerlei: Der Beinahe-CDU-Chef weiß zu begeistern.

Für wen oder als was macht Friedrich Merz Wahlkampf? (Archivbild) © Christoph Soeder/dpa Für wen oder als was macht Friedrich Merz Wahlkampf? (Archivbild)

Acht Tage sind es noch bis zur Europawahl – und außer Politprofis scheint das den wenigsten so richtig aufgefallen zu sein. Der Wahlkampf tröpfelt mehr so höhepunktlos vor sich hin, auch bei der Union. CDU und CSU werden von einem freundlichen, aber weithin unbekannten Bayern angeführt. Vielleicht braucht es da einen, der an der Parteibasis gut ankommt, und richtig einheizen kann – einen wie Friedrich Merz. Der hat zwar noch nie eine Kampagne geleitet außer für sich selbst, aber die Emotionen der CDU in Wallung zu bringen, darauf versteht er sich.

Und dafür ist er gekommen. Samstagvormittag, ein Veranstaltungsraum im Süden von Jena. Thüringen: Hier wurde Merz bei seiner Rückkehr in die Politik letzten Herbst teils frenetisch gefeiert. In drei Minuten soll er gemeinsam mit CDU-Landeschef Mike Mohring über Europa sprechen, da schnappt sich die Moderatorin das Mikrofon: "Kommen Sie doch gerne noch ein paar Schritte nach vorne", säuselt sie von der Bühne ans Publikum gerichtet. Tatsächlich ist der Raum, ausgelegt für mehrere Hundert Leute, nur etwas mehr als halb voll. Verstreut über alle Ecken sieht es noch leerer aus. Im Europawahlkampf hilft scheinbar nicht mal mehr ein Merz, um Säle zu füllen.

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Wenig später, Merz hat gerade angefangen zu reden, – ein paar Nachzügler sind noch eingetrudelt und scharen sich artig vor der Bühne – kommt doch so was wie Stimmung auf. Dabei hat Merz bisher nur gesagt, dass er Thüringen schön findet. Schon brandet Applaus auf. Es ist gespenstisch, wie leicht es dem ehemaligen Chef der Unionsfraktion immer noch gelingt, ein Publikum für sich einzunehmen.

Dabei ist das Verhältnis einiger ostdeutscher CDU-Landesverbände zu Merz durchaus ambivalent. Genauso übrigens wie zu CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer

Beliebt ist er noch immer

Der Jubel für Merz war und ist groß an der Basis. In den Führungsetagen der Landesverbände ahnt man aber, dass das, was Merz so beliebt macht – sein schnelles Mundwerk und seine Liebe zur Pointe –, genauso schnell ins Verderben führen kann: "Merz hätte man hier als CDU-Chef im Landtagswahlkampf die Hosen runtergezogen", glaubt ein führender Ost-CDUler, der im Herbst eine Landtagswahl gewinnen will. Er weiß, wie viele seiner Kollegen aus Brandenburg, Thüringen und Sachsen, was er an seiner neuen Chefin hat.

Begeisterung für Kramp-Karrenbauer will zwar nicht direkt aufkommen. Dafür hat sich eine freundliche Aufgeschlossenheit eingestellt. Ihr Bemühen, die Partei zu einen und inhaltlich zu profilieren, kommt gut an. Außerdem weiß man um ihr strategisches Geschick. Kramp-Karrenbauer kennt die Partei wie niemand sonst. Sie hat bewiesen, dass sie Wahlkämpfe leiten und gewinnen kann.

Beinahe-CDU-Chef Merz hatte das Rennen gegen Kramp-Karrenbauer auch dadurch verspielt, dass er auf dem Parteitag in Hamburg Anfang Dezember eine Kanzlerrede hielt: zu weltpolitisch und von oben herab. Während Kramp-Karrenbauer ihre bis dahin beste Rede ablieferte, eine sehr persönliche. So sehen das nicht wenige in der CDU.

In Jena kommt Merz gleich wieder in den Welterklärermodus. Er doziert über: China, die neue Seidenstraße, den Brexit, Donald Trump, Klimawandel und Migration. Aber weil es ja um den Europawahlkampf gehen soll, ist so ein globales Referat wohl angemessen.

Merz mahnt: Das Europaparlament werde zersplittern. Die Parteien der Mitte könnten ihre Mehrheit verlieren – und weil das Parlament die neue EU-Kommission bestätigen muss, drohe Paralyse – während China und Trump nicht auf Europa warteten, sondern sich daran machten, die Welt neu zu ordnen. Er zitiert den ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger: "Deutschland ist für die Welt zu klein, aber für Europa zu groß." Deshalb, so Merz, müsse Deutschland verlässlicher Partner der Kleinen in der EU sein. "Laufen Sie nicht den Parolen hinterher, die das sagen: 'Germany First, wir können es allein.'" Europa sei nur dann stark, wenn es einig sei. "Wir haben eine Verantwortung, die über unser Land hinausgeht."

Merz, der früher selbst mal im EU-Parlament saß, wirbt aufrichtig für Europa. Das merkt und goutiert das Jenaer Publikum. Richtig laut wird es immer dann, wenn Merz typische Merz-Sätze sagt, Sätze, auf die das Publikum wartet: Steuern sind in Deutschland zu hoch. Der Soli muss weg. Beim Thema Flüchtlinge reicht eine vage Andeutung, schon wird er von Applaus unterbrochen: "Ich fand nicht alles richtig, was im September 2015 in Berlin entschieden wurde."

Für wen oder als was kämpft Merz hier eigentlich?

Da blitzt dann doch so was wie Wahlkampflust bei den Anwesenden auf. Nur: Für wen oder als was kämpft Merz hier eigentlich? Als Kanzler der Reserve, wie ein älterer CDUler mit Schnauzbart an diesem Morgen lächelnd sagt? Von einer Übereinkunft zwischen Kramp-Karrenbauer und Merz berichtete der Spiegel: Sie soll ihm in ihrem zukünftigen Kabinett das Wirtschaftsministerium zugesichert haben im Gegenzug für seine Unterstützung.

Zumindest Merz hält sich an seinen Teil des Deals, so es ihn gegeben hat. Er war nach seiner Niederlage nie wieder ganz abgetaucht, sprach auf Podien, gab Interviews. Er steht zu und hinter Kramp-Karrenbauer. Mitte April lud er die Parteichefin sogar in seine sauerländische Heimat und trat mit ihr auf einer gemeinsamen Wahlkampfveranstaltung auf. Aber auch in kleinen Runden zeige sich Merz verlässlich, berichten Teilnehmer. Etwa bei einem Gespräch mit Unternehmern in Ostdeutschland. Da habe sich die Stimmung gegen Angela Merkel und Kramp-Karrenbauer gedreht. Und Merz? Der habe beide verteidigt.

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