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George Floyd: "Das Urteil ist eine Botschaft an alle Polizisten im Land"

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 21.04.2021 Jörg Wimalasena

Endlich wurde mal jemand verurteilt, sagt der Black-Lives-Matter-Aktivist Hawk Newsome. Für ihn ist der Schuldspruch gegen Derek Chauvin ein Weckruf für Amerika.

In ganz Amerika hat es vor dem Urteil Mahnwachen und Proteste gegeben. So auch in Atlanta im US-Bundeststaat Georgia. © Elijah Nouvelage/​AFP/​Getty Images In ganz Amerika hat es vor dem Urteil Mahnwachen und Proteste gegeben. So auch in Atlanta im US-Bundeststaat Georgia.

Am Dienstagnachmittag hat Richter Peter Cahill im Mordprozess gegen Derek Chauvin das Urteil verlesen: schuldig in allen drei Anklagepunkten. Dem Ex-Polizisten drohen bis zu 40 Jahre Haft, nachdem er im vergangenen Mai mehr als neun Minuten lang im Genick des Schwarzen George Floyd gekniet hatte und nach Ansicht der Jury in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota dessen Tod verursachte. Wenige Stunden nach der Urteilsverkündung erreicht ZEIT ONLINE Hawk Newsome. Der 44-Jährige ist seit fünf Jahren in der Black-Lives-Matter-Bewegung in New York aktiv.

 ZEIT ONLINE: Herr Newsome, wie haben Sie das Urteil aufgenommen?

Hawk Newsome: Ich bin vollkommen überwältigt von den Nachrichten. Chauvin wurde in allen drei Anklagepunkten schuldig gesprochen. Das ist einfach schön.

Hawk Newsome in New York © Kevin Hagen/​Getty Images Hawk Newsome in New York

ZEIT ONLINE: Wir haben vor ein paar Wochen schon einmal miteinander gesprochen. Damals waren sie leicht skeptisch, ob der angeklagte Polizist verurteilt werden würde, weil sie selbst bereits viele Verfahren gegen Polizisten im Gerichtssaal verfolgt hatten, die dann freigesprochen wurden.

Newsome: Ja, dort gab es jeweils stichhaltige Anklagepunkte, trotzdem verließen die Polizisten als freie Männer den Gerichtssaal. Vor dem Urteil in Minneapolis war ich entsprechend angespannt. Als es am dann hieß, dass das Urteil noch heute kommen würde, war ich mir aber sicher, dass es einen Schuldspruch geben würde. Ein Freispruch hätte viel längere Juryberatungen nach sich gezogen.

ZEIT ONLINE: Was war ihr erster Gedanke, nachdem der Richter am Nachmittag den Schuldspruch verkündete?

Newsome: Danke Gott. Endlich haben wir mal einen, der verurteilt wird – und zwar in allen drei Anklagepunkten.

ZEIT ONLINE: Es handelt sich zwar um eine öffentlichkeitswirksame, aber doch nur um eine einzelne Verurteilung. Die Polizei hat in den Vereinigten Staaten in diesem Jahr schon mehr als 200 Menschen getötet. Darunter sind auch Fälle, in denen unangemessene Gewaltanwendung diskutiert wird. Schon bald könnten andere Polizisten in ähnlichen Situationen wieder freigesprochen werden. Hat das Urteil trotzdem über den Einzelfall hinaus eine breitere Bedeutung?

Newsome: Dieses Urteil ist eine Botschaft an alle Polizisten im ganzen Land. Sie hatten vermutlich gedacht, dass Chauvin mit dem Mord an George Floyd davonkommen würde. Doch jetzt ändert sich das Narrativ. Jetzt wird den ihnen klar, dass sie auch in den Knast wandern können. Erinnern sie sich noch an den Fall Rodney King?

ZEIT ONLINE: Einer der ersten per Video dokumentierten Fälle von Polizeigewalt in Los Angeles 1991. Ein unbeteiligter Zivilist filmte, wie mehrere Polizisten den am Boden liegenden Schwarzen Rodney King misshandelten.

Newsome: Trotz der Videoaufnahmen wurden die Polizisten freigesprochen. Aber jetzt geht ein Polizist ins Gefängnis. Nun sehen sie, dass so etwas passieren kann. Natürlich werden Polizisten auch nach diesem Urteil künftig Schwarze töten, aber ich bin trotzdem optimistisch. Wir bewegen uns in die richtige Richtung.

»Wir haben Amerika klargemacht: Wenn ihr einen von uns tötet, dann wird es Proteste geben.«

Hawk Newsome

ZEIT ONLINE: Glauben sie, dass die Proteste im vergangenen Jahr einen Teil dazu beigetragen haben, dass die Jury in diesem Fall gegen einen Polizeibeamten geurteilt hat?

Newsome: 100 Prozent Ja! Der Schuldspruch ist das Resultat von gewalttätigen und gewaltlosen Protesten. Dazu kam der Druck von Unternehmen und aus der Politik. Der Grund, warum die Politiker sich der Sache annahmen, war allerdings, dass wir Privateigentum zerstörten, dass wir Städte und den Geschäftsbetrieb lahmlegten.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen es an. Die Proteste verliefen teils gewaltvoll. Halten sie die Ausschreitungen in zahlreichen US-Städten für gerechtfertigt?

Newsome: Absolut. Einer unserer Gründerväter hat einmal gesagt: "Gib mir Freiheit, oder gib mir den Tod." Viel zu lange haben Schwarze nicht gekämpft, sondern haben lediglich Protestmärsche abgehalten und gesungen. Dieses Mal haben wir gekämpft. Wir haben Amerika klargemacht: Wenn ihr einen von uns tötet, dann wird es Proteste geben. Es wird Zerstörung geben. Wir werden diese von der Regierung abgesegneten Morde nicht mehr hinnehmen. Wir werden uns auflehnen. 

ZEIT ONLINE: Was bedeutet dieses Urteil für die ethnischen Konflikte im Land?

Newsome: Ich glaube, für viele Weiße war der Mord an George Floyd eine Art Erweckungserlebnis. Es gibt viele neue Mitstreiter für unsere Sache, und das Urteil wird auch für sie eine Bestätigung sein. Das ist mir besonders wichtig. Es ist ein Sieg für die Menschen aller Hautfarben, die in ihrer Sehnsucht nach Gerechtigkeit für George Floyd aufgestanden sind. Sie haben sich eingesetzt gegen Ungerechtigkeiten und sich auf die richtige Seite der Geschichte gestellt.

ZEIT ONLINE: Schauen sie nun optimistisch in die Zukunft?

Newsome: Ja, seit dem Mord an George Floyd gibt es gerade hier in New York viele neue Organisationen, die Versammlungen abhalten.  Aktivisten bewerben sich um politische Ämter. Ich glaube, wir haben das Schlimmste hinter uns. Die Verhältnisse werden sich nicht über Nacht wandeln. Aber wir sind dabei, die Welt zu verändern.

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