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"Habe nicht das Gefühl, dass Frau Merkel so viel geleistet hat"

DIE WELT-Logo DIE WELT 23.11.2017

Die Junge Union Düsseldorf fordert den sofortigen Rücktritt von Angela Merkel. Der 31-jährige JU-Kreisvorsitzende Ulrich Wensel beklagt "bedingungslosen Kadavergehorsam" und fordert einen "Basisaufstand" in seiner Partei.

DIE WELT: Herr Wensel, nach der gescheiterten Jamaika-Sondierung stellen sich viele namhafte CDU-Politiker hinter Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie und die Junge Union Düsseldorf hingegen fordern Merkels sofortigen Rücktritt als CDU-Parteichefin. Wie passt das zusammen?

Ulrich Wensel: Ich kann mir diesen bedingungslosen Kadavergehorsam auch nicht so richtig erklären. Vermutlich liegt es an einer abgehobenen Politikerblase. Wenn ich bei uns im CDU-Kreisvorstand Düsseldorf oder in anderen Gremien die Wahlanalysen höre, frage ich mich, ob ich in einer anderen Welt lebe als viele Funktionsträger. Je höher man in die Ebene kommt, desto realitätsferner wird man wohl leider.

DIE WELT: Seit wann ist der Gedanke in der JU Düsseldorf gereift, dass es Zeit ist für einen personellen Neuanfang ohne Angela Merkel?

Wensel: Wir haben darüber schon häufiger diskutiert. Es rumort schon lange in unserer Partei. Gestern wurde dann im JU-Kreisvorstand der Antrag gestellt, dann haben wir darüber diskutiert und diese Entscheidung getroffen. Die Grundstimmung ist schon lange negativ gegenüber der Kanzlerin.

DIE WELT: Frau Merkel hat viel geleistet und ist an ihre Grenzen gekommen?

Wensel: Ich habe, ehrlich gesagt, nicht das Gefühl, dass Frau Merkel so viel geleistet hat. Sie konnte die Früchte der Agenda 2010 von Gerhard Schröder ernten. Ich weiß gar nicht, welche Akzente sie gesetzt hat, außer vielleicht bei einer unkontrollierten Einwanderung. Ich bin da maßlos enttäuscht. Ich war immer ein Gegner von Amtszeitbegrenzungen, aber mittlerweile denke ich, dass es besser wäre, wenn wir Kanzler nicht quasi auf ewig regieren ließen.

DIE WELT: Warum ist Frau Merkel aus Ihrer Sicht nicht mehr tragfähig?

Wensel: Nach dem schlechten CDU-Ergebnis bei der Bundestagswahl habe ich gedacht, schlimmer kann es gar nicht mehr kommen. Aber wenn man sich die aktuellen Umfragen ansieht, dann kann sich die CDU bald die 30 Prozent von unten angucken. Eine Volkspartei, die früher den Anspruch hatte, bei über 40 Prozent zu liegen, darf das so nicht hinnehmen. Das ist auch der Tatsache geschuldet, dass sich die CDU sehr dem linken Milieu geöffnet hat. Bei den Sondierungsgesprächen hatte man den Eindruck, dass sich die Kanzlerin bei den Grünen anbiedert, anstatt auf die FDP zuzugehen. Das ist für mich völlig unverständlich. Wir stehen in Deutschland vor riesigen Problemen, die durch die gute konjunkturelle Lage übertüncht werden. Es geht um die Zukunftsfähigkeit unserer Industrie, die Rentenproblematik, die massive Zuwanderung. Die Kanzlerin hat die Zuwanderungspolitik mit der Asylpolitik vermischt. Ich denke, dass wir völlig auf Reformen setzen müssen, eine zweite Agenda 2010. Wir müssen Mut aufbringen und unbequeme Themen anpacken.

DIE WELT: Sie kritisieren, dass es in der CDU zu ruhig ist?

Wensel: Ich würde mir gerade von unserer Jungen Union mehr Aufmüpfigkeit wünschen. Der Jugendverband sollte nicht so träge sein wie das Schlachtschiff CDU. Es wird teilweise an der Basis vorbeiregiert. Ich verstehe nicht, dass es noch nie einen richtigen Basisaufstand gegeben hat. Ich halte das für ein Demokratiedefizit. Unsere Intention ist, die Partei wachzurütteln und dass andere JU-Verbände mitmachen. Und falls es Neuwahlen gibt, muss sich die Kanzlerin auf einem Parteitag einem neuen Votum stellen. Wir wollen keine erneute Kandidatur von Frau Merkel als Spitzenkandidatin.

DIE WELT: Wer soll es sonst machen, wenn nicht Angela Merkel?

Wensel: Es ärgert mich, dass gesagt wird, die Bundeskanzlerin sei alternativlos. In einer Partei mit fast 450.000 Mitgliedern muss es Nachfolgemöglichkeiten geben. Niemand ist unersetzbar. Es ist ja kein Halbgott, den wir da zum Parteivorsitzenden wählen, sondern ein Mensch. Ich könnte mir da einige vorstellen: David McAllister, Jens Spahn, Carsten Linnemann, Paul Ziemiak. Ich fände es auch gut, wenn Friedrich Merz auf Bundesebene wieder mehr anpackt.

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