Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Habte A. soll sich von Zugpassagieren verfolgt gefühlt haben

SZ.de-Logo SZ.de 01.08.2019 Von Stefan Hohler und Philippe Stalder
Der Tatverdächtige am Dienstag im Amtsgericht in Frankfurt. © dpa Der Tatverdächtige am Dienstag im Amtsgericht in Frankfurt.

• Der Mann, der im Verdacht steht, einen Jungen und seine Mutter in Frankfurt vor einen ICE gestoßen zu haben, soll unter Verfolgungswahn gelitten haben.

• Er war bereits vor mehreren Monaten von seinem Hausarzt an einen Psychologen überwiesen worden. Der Allgemeinmediziner hatte eine Paranoia festgestellt.

• Der Familienvater, der bis Januar 2019 bei den Zürcher Verkehrsbetrieben gearbeitet hatte, sprach davon, dass Zugpassagiere und Arbeitskollegen seine Gedanken lesen könnten.

Was brachte einen eritreischen Familienvater aus dem Kanton Zürich dazu, in Deutschland Menschen vor einen einfahrenden ICE zu stoßen? Diese Frage beschäftigt die Öffentlichkeit, seit durch die schreckliche Tat am Montag in Frankfurt ein achtjähriger Junge starb. Schweizerische und deutsche Ermittler versuchen sie unter Hochdruck zu beantworten.

Sehr aufschlussreich dürften dabei Akten aus der psychiatrischen Behandlung des 40-jährigen Mordverdächtigen sein, die die Zürcher Staatsanwaltschaft angefordert hat. Denn schon seit einiger Zeit fühlte Habte A. sich verfolgt, unter anderem von Zugpassagieren.

Der Eritreer, der 2006 in der Schweiz um Asyl ersucht hatte, war bereits vor mehreren Monaten von seinem Hausarzt an einen Psychologen überwiesen worden. Der Allgemeinmediziner hatte bei ihm Anzeichen festgestellt auf eine psychische Störung mit Wahnbildung, umgangssprachlich: Paranoia.

Mehr Top-Nachrichten auf MSN:

Wald-Alarm: Nationaler Krisengipfel geplant

Maaßens erstes Ziel: Merkel muss weg

USA und Russland: Trump telefoniert mit Putin

Panik vor Handystrahlen

Der dreifache Familienvater, der bis Januar 2019 bei den Zürcher Verkehrsbetrieben (VBZ) gearbeitet hatte, sprach damals davon, dass Zugpassagiere und Arbeitskollegen seine Gedanken lesen könnten. Gemäß der ärztlichen Überweisung glaubte er auch, dass andere Menschen ihn manipulierten und sein Leben kaputt machten. A. fühlte sich zudem durch Handystrahlen und elektromagnetische Wellen durch MRI (Magnetresonanztomographie) beeinflusst und gesteuert.

Dazu passt, was ein Vertrauter der Familie des mutmaßlichen Täters preisgibt: Ein Verwandter von Habte A. habe vor rund einem Monat bei ihm Rat gesucht. Dieser Verwandte habe ihm erzählt, dass A. während einer paranoiden Episode bei ihm übernachtet und ihm seine psychischen Probleme geschildert habe: A. habe sich verfolgt gefühlt, glaubte, dass er nicht weiter in der Schweiz leben könne.

2017 schien die Welt des Habte A. noch in Ordnung und der Eritreer des Lobes voll für das Land, das ihm, dem christlich-orthodoxen Flüchtling, zuerst Asyl gewährt und nach fünf Jahren die Niederlassung bewilligt hatte. "Mir gefällt, dass hier jeder Hilfe bekommt, egal ob er arm oder reich ist", ließ er sich in einem Porträt in einer Hilfswerk-Publikation zitieren, in dem er als "Musterbeispiel" gelungener Arbeitsintegration beschrieben wurde. "Und jeder kann essen und die Existenz ist gesichert. Und die Schulbildung finde ich auch sehr gut. Hier ist die Erste Welt."

Als sich Habte A. in einem Integrationsprogramm für Sozialhilfebezüger in den Werkstätten der Zürcher Verkehrsbetriebe eine Chance bot, nutzte er sie. Der eritreische Schlosser zeigte in der Karosserie so gute Leistungen, dass er im Frühjahr 2018 eine feste Stelle bekam.

Bereits kurz danach könnte sich der Eritreer, der gut Deutsch spricht, sich aber so gewandelt haben, dass dies Bekannte bemerkten. Der Focus zitiert einen Landsmann, der sagt, dass sich Habte A. bereits im vergangenen Sommer zu verändern begonnen habe. A. habe offenbar unter Verfolgungswahn gelitten und Stimmen gehört. "Wenn wir irgendwo allein saßen, drehte er sich plötzlich um und sagte: 'Wer redet da über mich?'", wird die Person zitiert. Solche Phänomene seien bei seinen Landsleuten keine Seltenheit. Er kenne andere Eritreer, die im Exil ebenfalls psychische Probleme entwickelt hätten - und erklärt das mit schlimmen Erfahrungen in der Heimat.

Im autoritär regierten Eritrea herrscht große Armut. Viele Eritreerinnen und Eritreer nehmen große Risiken in Kauf, um nach Europa zu gelangen. Auf der Route - zum Beispiel in den berüchtigten Flüchtlingslagern in Libyen oder bei der illegalen Überfahrt nach Italien - erleben sie oft schlimmste Vorfälle und Todesangst. Die Erfahrungen sind für viele Flüchtlinge traumatisch.

Mehr auf MSN

Video wiedergeben

Angepasst, aber verletzlich

Erklären oder gar entschuldigen lässt sich so keine Einzeltat, schon gar nicht eine so grausame wie jene vom Frankfurter Hauptbahnhof. Darüber hinaus ist bislang unbekannt, unter welchen Umständen Habte A. vor 13 Jahren in die Schweiz und vor 12 Jahren nach Wädenswil im Kanton Zürich gelangte. Aller Voraussicht nach wird Habte A., der in Hessen in einer Justizvollzugsanstalt ist, nun psychiatrisch begutachtet. Die Expertise soll Gerichten helfen, zu klären, ob die Schuldfähigkeit eines Angeklagten zur Tatzeit vermindert und allenfalls gar ganz eingeschränkt war.

Für Fana Asefaw ist der Fall Habte A. bezeichnend. Die Schweizer Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Privatklinik Clienia beobachtet immer wieder, dass einzelne Flüchtlinge nach außen angepasst wirken, psychisch aber sehr verletzlich oder gar krank sind. Typisch seien psychotische oder Wahnerkrankungen sowie auch paranoides Erleben. Auch wenn sie wie Habte A. gut integriert scheinen, lebten einige von ihnen sehr isoliert und insbesondere Eritreer hätten betreffend psychiatrischen Erkrankungen eine negative Haltung.

Asefaw erzählt von eritreischen Patienten, die wegen wahnhaften oder paranoiden Erlebens akut bei ihr landen, aber schon mehrere Monate oder gar Jahre daran erkrankt seien. Aufgrund sprachlicher und kultureller Barrieren hätten sie mit der psychiatrischen Behandlung nicht kooperiert, also Medikamente nicht eingenommen und nur unregelmäßig die Therapie besucht. Einige bevorzugten gar religiöse Behandlungen durch Heilwässerchen von eritreischen Pfarrern. Asefaw fordert für die betreffenden Personen mehr psychosoziale Begleitung wie Hausbesuche und den Einsatz von Kulturvermittlern.

Habte A. galt gemäß fast allen bisherigen Beschreibungen von Menschen, die ihn kennen, als arbeitsam und gänzlich unauffällig. Der Polizei war er nur wegen eines geringfügigen Verkehrsdelikts bekannt.

Alarmzeichen unterschätzt

Am 25. Juli musste sie dann zu seinem Wohnort in Wädenswil ausrücken. Alarm geschlagen hatte die Ehefrau. Sie war von A. zusammen mit den drei gemeinsamen Kleinkindern und einer Nachbarin in der Wohnung eingesperrt worden. Zuvor hatte A. die Nachbarin mit einem Messer bedroht, sie aber nicht verletzt. Die beiden Frauen zeigten sich über sein Verhalten überrascht, wie sie der Polizei zufolge aussagten.

Der flüchtige A. wurde national zur Fahndung ausgeschrieben, aber nicht international. Er tauchte vier Tage später wieder auf. Auf Gleis 7 des Frankfurter Bahnhof griff er Passagiere an.

Frank Urbaniok kennt den Fall A. nur aus den Medien. Der Zürcher Gutachter und Professor für Forensische Psychiatrie nimmt aber allgemein Stellung zum Befund einer Paranoia. Die beschriebenen Handlungen deuten auch für ihn auf eine Paranoia hin, möglicherweise als Folge einer Schizophrenie.

In solchen Fällen, so erklärt Urbaniok, sind die Inhalte des Verfolgungswahns Realität. Erkrankte würden der verzerrten Wahrnehmung entsprechend handeln, zum Beispiel in vermeintlicher Notwehr oder auf Befehl innerer Stimmen. Falls sie nicht medikamentös und therapeutisch behandelt würden, könne sich bei einem Teil der Menschen mit einem Verfolgungswahn eine starke aggressive Anspannung entwickeln, die dann auch zu schwersten Gewalttaten führen kann. Eine "verrückte" Tat wie jene in Frankfurt würde zur verschobenen Realität passen.

Laut Urbaniok muss das nicht heißen, dass Habte A. nicht schon eine längere Zeit paranoide Vorstellungen oder andere Symptome hatte. Bei Tötungsdelikten gebe es oft über Wochen und Monate - manchmal sogar Jahre - eine sich zuspitzende Entwicklung, die dem Umfeld zu Beginn vielleicht gar nicht auffalle. Immer wenn es bei Verfolgungswahn aber zu Drohungen oder gar Gewalt komme, sei das ein Alarmzeichen. In Wädenswil wurde es offensichtlich unterschätzt.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von SZ.de

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon