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Identitätspolitik: Ok, soll das jetzt so bleiben?

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 22.04.2021 Nele Pollatschek

Wenn Identitätspolitik und ihre Kritiker aufeinandertreffen, kommt die Debatte zum Erliegen. Vielleicht sollte man einander mal andere Fragen stellen.

Wie in jedem guten Streit gilt irgendwann: Handschuhe runter und sich Fragen stellen. © [M] ZEIT ONLINE Foto: Arisa Chattasa Wie in jedem guten Streit gilt irgendwann: Handschuhe runter und sich Fragen stellen.

Streit. Kennt man ja. Der eine will Pizza, der andere Blumenkohl. Vielleicht wird es laut, vielleicht überzeugt man einander, vielleicht findet man einen Kompromiss. In jedem Fall hat so ein Streit eine angenehme Klarheit. Wer streitet, weiß, was er will und auch, dass sein Gegenüber etwas anderes will, deswegen streitet man ja. Viel schwieriger wird es, wenn alle sich einig sind und man sich trotzdem streitet. Da wird keiner den anderen überzeugen – man ist sich schließlich einig – und mit Kompromissen sieht es auch schlecht aus. In so einem Streit wird man selten schlauer, man wird bloß müde.

Solch ein Streit schleppt sich seit einiger Zeit unter dem Überbegriff "Identitätspolitik" durch den öffentlichen Diskurs. Es geht um Rassismus, Sexismus, Diskriminierung, und alle sind sich einig: Rassismus muss bekämpft werden, Sexismus ebenso und Diskriminierung kann auch keiner leiden. Alle sind für Gleichberechtigung, niemand ist für Marginalisierung und alle mögen Martin Luther King. Man will also im Grunde das Gleiche, man streitet trotzdem, wiederholt die immer gleichen Argumente, keiner gewinnt, außer die Müdigkeit natürlich.

Wenn man sich streitet, obwohl man dasselbe will, lässt sich vermuten, dass einer lügt, also nach außen hin behauptet, Pizza zu wollen, wobei er in Wahrheit für die Blumenkohl-Lobby arbeitet. Und so etwas gibt es, Faschisten, die darauf bestehen, keine Faschisten zu sein. Aber das sind nicht die Leute, die in den Talkshows und Feuilletons über Identitätspolitik streiten, schon allein deswegen nicht, weil die Anhänger der Identitätspolitik bekanntlich nicht mit Rechten reden.

Und trotzdem, obwohl man sich ja einig ist, gibt es eindeutige Lagerbildung, sonst wäre das mit dem Streiten ja vollkommen absurd.

Irgendwann kommt die Materialermüdung

Auf der einen Seite sitzen Menschen, die für Antirassismus, queeren Feminismus und Antidiskriminierung kämpfen. Weil es sich hierbei fast schon definitorisch um eine diverse Gruppe handelt, lassen sie sich nur schwer unter einen Begriff bringen. In der Selbstbezeichnung sind sie links, aber eben nicht auf die Art, wie Wolfgang Thierse oder Sahra Wagenknecht links sind, in bestem Twitter-Deutsch könnte man sie als "Team IdPol" bezeichnen. Auf der anderen Seite sitzen die Gegner der Identitätspolitik. Rein politisch sind sie tatsächlich diverser als Team IdPol, hier findet sich alles von marxistisch links bis liberal und konservativ, am ehesten lassen sie sich unter dem Begriff "Universalisten" bündeln.

Wenn diese beiden Gruppen aufeinandertreffen, im Presseclub, im WDR-Themenabend "Warum hat Rassismus mit uns allen zu tun?" oder bei Monitor und Maischberger, dann beteuern die Universalisten ritualhaft, dass sie selbstverständlich gegen Diskriminierung sind. Wäre "Wie hältst du es mit der Diskriminierung?" tatsächlich die Gretchenfrage dieses Diskurses, dann wäre der Streit an dieser Stelle befriedigend geklärt und käme nicht einfach nur durch Materialermüdung zum Erliegen.

Aber darum geht es nicht. Es gibt deutliche Unterschiede und es gibt inhaltliche Schwächen auf beiden Seiten, Fragen, die man stellen muss, wenn man sich konstruktiv streiten will, wenn man überzeugen will, wenn man noch Hoffnung auf Zusammenarbeit für die gute Sache hat – diese Gerechtigkeit, die bekanntlich alle wollen.

Und spätestens hier gibt es jetzt nicht direkt Lügen aufzudecken, aber zumindest ziemlich strategische Meinungsäußerungen festzustellen. Die Universalisten, die in Talkshows ihre antidiskriminierende Gesinnung beteuern, als müssten sie sich vor Team IdPol legitimieren, stellen in Feuilleton-Artikeln, wo ihnen die Gegenseite eben nicht gegenübersitzt, gerne die antidiskriminierende Grundhaltung der anderen Seite infrage. Dann kritisiert man nämlich genau deshalb die Identitätspolitik, weil man gegen Diskriminierung und für Gerechtigkeit ist.


Video: Giulia versteht es nicht (SAT.1)

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In Helen Pluckroses und James Lindays Anti-IdPol-Manifest Cynical Theories, dem Buch, das jeder Universalist gelesen zu haben scheint (auch wenn die Quellenangabe meist fehlt), heißt es: "We find ourselves against capitalized Social Justice because we are generally for lower case social justice." Wobei capitalized Social Justice, also die großgeschriebene Soziale Gerechtigkeit (im Englischen werden Substantive nur in Ausnahmen großgeschrieben) der US-amerikanische Begriff für Team IdPol ist, also: Wir sind gegen die großgeschriebene Soziale Gerechtigkeit (Team IdPol), weil wir für die kleingeschriebene soziale Gerechtigkeit sind.

Will heißen: Die selbsternannten Kämpfer für Soziale Gerechtigkeit arbeiten in Wahrheit gegen die soziale Gerechtigkeit, man muss sie bekämpfen, und zwar im Namen der sozialen Gerechtigkeit. Diese Begrifflichkeiten gibt es im Deutschen so nicht, durchaus aber die These: Team Idpol arbeite gegen und nicht für soziale Gerechtigkeit.

So hat zuletzt Sahra Wagenknecht in Die Selbstgerechten argumentiert, Wolfgang Thierse zuvor in der F.A.Z., Gesine Schwan kam ihm zu Hilfe, etliche Journalisten haben in überregionalen Zeitungen schon so was Ähnliches gesagt, genauso wie Joachim Gauck.

Wenn die Universalisten sagen, dass sie gegen Diskriminierung sind, dann meinen sie damit, dass sie für eine Welt sind, in der – Achtung, Martin-Luther-King-Zitat – Menschen nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Inhalt ihrer Herzen bewertet werden. Sie wollen, dass die Hautfarbe oder Ethnie (was die Amerikaner race nennen), die sexuelle Orientierung, das Geschlecht, die Religion et cetera möglichst untergeordnete Kategorien sind und dass man in der Bewertung von Menschen nach anderen Kriterien vorgeht und sie nicht immer wieder auf eben diese Kategorien reduziert. Die Universalisten wollen universelle Menschenwürde und fürchten, dass Team IdPol die Gesellschaft spaltet, zu insularen Identitätsgruppen führt, immer weiter weg von einer universellen Gleichheit des Menschengeschlechts und, bevor man es vergisst, weg von den "Werten der Aufklärung", auch ganz wichtig.

So viel Ehrlichkeit muss sein

Hier aber übt Team IdPol berechtigte Kritik, denn egal was die Universalisten gerne hätten, so ist die Welt leider nicht. Frauen verdienen statistisch 19 bis 21 Prozent weniger als Männer. Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund werden von Polizisten anders behandelt als vermeintliche Bio-Deutsche, und auch wenn Deutschland divers ist: Die Führungsetagen der Konzerne sind es statistisch eben nicht. Statistisch nachweisbar werden Menschen also nicht nach dem Inhalt ihrer Herzen beurteilt.

Was Martin Luther King beschrieben hat, ist immer noch ein Traum und tut mal bitte nicht so, als hätte Martin Luther King nicht explizit für Schwarze Menschen gekämpft, genau weil sie eben diskriminiert werden. Wie will man die Diskriminierung bekämpfen, wenn man sie nicht benennt oder, wie es in IdPol-Kreisen heißt: "If you don’t see race, you don’t see racism." Wer nicht explizit überprüft, wie Frauen, Homosexuelle oder BiPocs (also nicht-weiße Menschen) behandelt werden, wird gar nicht erst feststellen, dass sie faktisch diskriminiert werden. Und wer das nicht feststellt, setzt unweigerlich den Status quo fort. Das ist ja auch logisch, der Mensch ist ein Gewohnheitstier, wenn er sich nicht immer wieder zwingt, setzt er fort, wozu er sozialisiert wurde, also was die Vorfahren gedacht haben, und in Deutschland waren die Vorfahren spätestens in dritter Generation wahrscheinlich keine allzu glühenden Universalisten.

Als Universalist kann man auf die eklatanten statistischen Unterschiede – darauf, dass statistisch eben weiße Männer deutlich besser bezahlt werden, mehr Führungspositionen innehaben und mehr Preise bekommen – auf zwei Arten reagieren: Man kann sagen, dass es wohl an inhärenten Unterschieden liegt, dass also weiße Männer einfach irgendwie ein bisschen besser oder zumindest doch anders sind (also preiswürdiger und mehr wert im finanziellen Sinne, gar nicht wertend gemeint). Das kann man machen, aber dann kann man eben nicht mehr beteuern, gegen Diskriminierung, kein Rassist und kein Sexist zu sein, denn das ist man dann halt, und so viel Ehrlichkeit muss sein. Oder man muss feststellen, dass es irgendwo offensichtlich doch ziemliche Diskriminierungsmechanismen gibt. Und dann muss man sich überlegen, was man dagegen zu tun gedenkt.

Die Frage, die sich die Universalisten stellen müssen und die Team IdPol ihnen ruhig öfters stellen könnte, ist also: Was ist der Weg? Wir verstehen, dass ihr Universalismus wollt, aber als Aufklärer wisst ihr ja, dass Sollen nicht Sein ist, und wie kommt ihr also vom gegenwärtigen Sein (Ungleichheit) zu dem, was sein soll (real existierender Universalismus)?

Wer als Universalist diese Frage nicht beantworten kann, bei dem liegt der Verdacht nahe, dass er nicht deswegen gegen IdPol streitet, weil ihm der Universalismus so wichtig ist, sondern weil dieser Antidiskriminierungskram auch irgendwie ganz schön anstrengend ist.

Team IdPol muss sich diese Frage nicht stellen, denn hier ist der Weg klar: Sichtbarmachung, Benennung, Quoten, Identitätspolitik eben. Daraus ergibt sich dann aber die Gegenfrage und die sollten die Universalisten stellen: Was ist das Ziel? Wenn auch die kleinsten Identitäten benannt sind, wenn jeder mit Geschlecht, sexueller Orientierung, race, Behinderung und so weiter beschriftet wurde und ihr es also geschafft habt, dass alles feinst säuberlich quotiert und dadurch vielleicht sogar gerecht ist, was dann? Soll das dann so bleiben?

Und auch da gibt es zwei Möglichkeiten. Man kann sagen, dass Gay Pride und Black is Beautiful und The Future is Female und all die essenzialistisch anmutenden Slogans für immer Gültigkeit haben sollen, dass manche Gruppen einfach inhärent besser oder zumindest anders (also moralischer, gerechter, weniger gewalttätig und dafür empathischer) sind. Das kann man machen, aber dann kann man eben nicht mehr behaupten, gegen Diskriminierung, Rassismus und Sexismus zu kämpfen, denn das tut man dann nicht.

Wenn diese Gruppenbildung nicht nur strategisch essenzialistisch ist, nicht nur auf Stolz und Zusammenhalt und Anerkennung besteht, weil die betreffenden Gruppen diskriminiert wurden und werden, sondern tatsächlich essenzialistisch, weil es irgendwas in der Essenz nicht-weißer, nicht-männlicher, nicht-heterosexueller Menschen gibt, was sie dazu berechtigt, besonders stolz zu sein, dann ist sie eben genau das, was die Universalisten befürchten: diskriminierend.

Geht's doch um Provokation?

Wenn dem aber nicht so ist, dann muss Team IdPol erklären, wie es nach all der Sichtbarmachung aus der Nummer wieder rauskommt, wie sich die Partikularinteressen bündeln lassen, wie man am Ende eben doch genau das erreicht, von dem sich die Universalisten gerne einreden, es wäre längst der Fall. Wer das nicht beantworten kann, bei dem liegt sonst nämlich der Verdacht nahe, dass es gar nicht um Gleichheit geht, nicht um Gerechtigkeit, sondern um Rechthaben, Selbstgerechtigkeit, schiere Lust an der Provokation oder um Rache oder Revanchismus, also darum, dass jetzt endlich mal die anderen diskriminiert werden sollen.

Wenn man diese Fragen offen stellt, dann hätte streiten wieder Sinn. Dann verschieben sich die Grenzen des Diskurses, dann sieht man auf beiden Seiten die, die das mit dem Nicht-Diskriminieren vielleicht doch nicht so ernst meinen, aber eben auch die, die das sehr ernst nehmen und es wirklich wollen. Dann kann man konkret darüber diskutieren, welcher Weg wie genau ans Ziel führen soll. Und dann kommt man vielleicht an den Punkt, wo man in Talkshows, in Hörsälen und am Abendbrottisch sitzt und sagt: Ich bin für identitätspolitischen Universalismus, macht ihr mit? Wir haben Pizza.

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